{"id":31916,"date":"2016-03-07T09:06:05","date_gmt":"2016-03-07T08:06:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31916"},"modified":"2019-05-22T12:08:39","modified_gmt":"2019-05-22T10:08:39","slug":"das-clinton-phaenomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31916","title":{"rendered":"Das Clinton-Ph\u00e4nomen"},"content":{"rendered":"<p>Der diesj&auml;hrige amerikanische Pr&auml;sidentschaftswahlkampf verbl&uuml;fft in mehrfacher Weise. Zum einen irritiert die verbale Verrohung und der bislang beispiellose Extremismus auf Seiten der republikanischen Kandidaten mit <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31738\">Donald Trump<\/a> an der Spitze. Zum anderen &uuml;berrascht der lange nicht mehr so deutlich und auf gro&szlig;er B&uuml;hne geh&ouml;rte Klartext zu einigen systemischen Problemen des Landes, wie ihn vor allem der demokratische Kandidat Bernie Sanders &auml;u&szlig;ert. Welche Rolle aber spielt Hillary Clinton, die offenbar von vielen Medien deutlich favorisiert wird? Wof&uuml;r steht sie? Von <strong>Paul Schreyer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nTrump und Sanders werden in deutschen Zeitungen oft als Populisten und Extremisten von rechts und links, einander fast gleichrangig, gegen&uuml;bergestellt, so als verk&ouml;rperten beide Kandidaten in &auml;hnlicher Weise eine Abweichung von &bdquo;vern&uuml;nftiger&ldquo; Politik. F&uuml;r die Mitte hingegen, das Vertraute und Ausgewogene soll Hillary Clinton stehen. <\/p><p>&bdquo;Trump und Sanders verunsichern die Wall Street&ldquo; &ndash; so <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/aktien\/aktienkurse-us-wahlen-verunsichern-wall-street-14078083.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">titelte<\/a> &auml;hnlichen Sinnes k&uuml;rzlich die FAZ und bemerkte: &bdquo;Banken und ihre Mitarbeiter unterst&uuml;tzen entgegen landl&auml;ufiger Meinung nicht zwingend konservative Kandidaten. Sie bevorzugen aber etabliertere Politiker wie Hillary Clinton, die als berechenbarer gelten. Das sch&auml;tzen auch internationale Investoren.&ldquo; <\/p><p>Eben das ist zugleich der wunde Punkt der Kampagne von Hillary Clinton. Denn so engagiert sich die routinierte Politikerin auch als Anw&auml;ltin der kleinen Leute zu inszenieren versucht, so sehr ist gro&szlig;en Teilen der &Ouml;ffentlichkeit klar, dass auch sie am Ende vor allem <a href=\"https:\/\/www.opensecrets.org\/pres16\/contrib.php?id=N00000019&amp;\">die Interessen ihrer Spender<\/a> vertreten wird &ndash; und die kommen eben <a href=\"https:\/\/www.opensecrets.org\/pres16\/indus.php?cycle=2016&amp;id=N00000019&amp;type=f\">zum gr&ouml;&szlig;ten Teil aus dem Finanzsektor<\/a>.<\/p><p>W&auml;hrend Clinton auf deren Gro&szlig;spenden im Wahlkampf angewiesen ist und Trump als Milliard&auml;r im Gegensatz dazu &uuml;berhaupt keine fremden Finanziers braucht, baut Sanders erfolgreich auf buchst&auml;blich Millionen von kleinen Einzelspendern. <a href=\"https:\/\/www.opensecrets.org\/pres16\/candidate.php?id=N00000528\">70 Prozent<\/a> der etwa 100 Millionen Dollar, die Sanders bisher eingesammelt hat, kommen von Kleinspendern, was erheblich zu seiner Glaubw&uuml;rdigkeit beitr&auml;gt. Zudem schl&auml;gt er im Wahlkampf einen klaren Ton in Fragen an, die &uuml;blicherweise tabuisiert werden. So wird er nicht m&uuml;de, eben gerade das g&auml;ngige System der Wahlkampffinanzierung als korrupt und Quelle eines scheiternden politischen Systems insgesamt zu gei&szlig;eln. In einer TV-Debatte mit Clinton <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SBkWShXFcZ4\">meinte<\/a> er Anfang Februar, er halte &bdquo;Betrug f&uuml;r das Gesch&auml;ftsmodell der Wall Street&ldquo;. Mit solchen &Auml;u&szlig;erungen, die viel zu seiner Popularit&auml;t beitragen, dr&auml;ngt er Clinton in die Defensive. In der direkten Kontroverse mit ihrem Gegner <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SBkWShXFcZ4\">fl&uuml;chtete<\/a> sich die ehemalige Au&szlig;enministerin j&uuml;ngst in das Argument, sie sei im Grunde selbst eine K&auml;mpferin gegen die Wall Street und habe dort viele Gegner &ndash; was angesichts ihrer Spendenliste sowie der <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2016\/03\/02\/larry-fink-and-his-blackrock-team-poised-to-take-over-hillary-clintons-treasury-department\/\">Verbindungen<\/a> engster Vertrauter von ihr zum Finanzsektor aber wenig &uuml;berzeugend erscheint. Bezeichnend f&uuml;r die Stimmung im Land ist in jedem Fall, dass Clinton bei diesem grunds&auml;tzlichen Punkt gar nicht erst versucht, gegen zu halten, sondern eher bem&uuml;ht ist, sich Sanders&acute; Position anzugleichen.<\/p><p>Dessen wiederholt vorgetragenen Angriff, sie sei eine Kandidatin des Establishments, kontert sie eher schwach mit dem Verweis auf ihr Geschlecht. Wie k&ouml;nne eine Frau, so Clinton ernsthaft w&auml;hrend einer TV-Debatte, denn wohl Kandidatin eines m&auml;nnlichen Establishments sein? &Uuml;berhaupt versucht sie thematisch mit ihrem &bdquo;Frau sein&ldquo; und dem Schutz von Minderheiten, wie etwa den &bdquo;LGBT&ldquo; zu punkten, einer Abk&uuml;rzung, die f&uuml;r &bdquo;Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender&ldquo; steht. Bei einem Wahlkampfauftritt meinte sie k&uuml;rzlich etwa: &bdquo;Wenn wir morgen die gro&szlig;en Banken zerschlagen w&uuml;rden &hellip; w&uuml;rde das den Rassismus beenden? W&uuml;rde es den Sexismus beenden?&ldquo; Ihr Publikum applaudierte an dieser Stelle, wie eine Reporterin des amerikanischen TV-Senders ABC <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ABCLiz\/status\/698598708674326528\">berichtete<\/a>.<\/p><p>Clinton setzt also offenbar auf eine Ablenkungsstrategie: Das f&uuml;r sie unangenehme Thema Bankenmacht und Ungleichheit will sie durch emotional aufgeladene Probleme zwischen einzelnen Bev&ouml;lkerungsgruppen &uuml;berlagern. Hillary k&auml;mpft f&uuml;r die Frauen, f&uuml;r Schwarze, Schwule und Lesben, so der Tenor &ndash; die Macht der Banken spiele im Vergleich doch gar keine so gro&szlig;e Rolle. Es bleibt abzuwarten, wie sehr diese Argumentation im Land verf&auml;ngt.<\/p><p>Insgesamt setzt Clinton auf eine Volksn&auml;he, die sich bei n&auml;herem Hinsehen jedoch als Inszenierung erweist. So <a href=\"https:\/\/www.hillaryclinton.com\/speeches\/opening-statement-first-democratic-primary-debate\/\">stellte<\/a> sie sich bei der ersten &ouml;ffentlichen Debatte der demokratischen Bewerber im Oktober 2015 mit den Worten vor: &bdquo;Ich bin die Enkelin eines Fabrikarbeiters und die Gro&szlig;mutter eines wunderbaren einj&auml;hrigen Kindes.&ldquo; Dieser Ausschnitt der Realit&auml;t passt gut zum selbstgew&auml;hlten Image. Genau so wahr ist jedoch, dass sie die Tochter eines Fabrikbesitzers ist, sowie Mutter einer Frau, die f&uuml;r eine internationale Unternehmensberatung (McKinsey) und einen Hedgefonds gearbeitet hat und die mit einem ehemaligen <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Marc_Mezvinsky\">Banker<\/a> von Goldman Sachs verheiratet ist. Dieser Realit&auml;tsausschnitt passt weniger gut zum Image und kommt in ihren Reden nicht vor. Auch ihre eigene T&auml;tigkeit im Aufsichtsrat des riesigen Einzelhandelskonzerns Walmart f&auml;llt in ihrer offiziellen <a href=\"https:\/\/www.hillaryclinton.com\/about\/bio\/\">Wahlkampf-Biographie<\/a> unter den Tisch. Clintons Verbindungen zur Elite sind, ironischerweise, nun ihr gr&ouml;&szlig;tes Handicap auf dem Weg an die Spitze. <\/p><p>Den Weg dorthin beschritt sie vor &uuml;ber 15 Jahren mit gro&szlig;em Ehrgeiz. Nach dem Ende der Pr&auml;sidentschaft ihres Mannes Bill, in dessen letzter Amtszeit die Lewinsky-Aff&auml;re ihr Privatleben auf dem&uuml;tigende Weise ins Scheinwerferlicht gezerrt hatte, lie&szlig; sie sich im Jahr 2000 in den Senat w&auml;hlen und sa&szlig; dort fortan viele Jahre im einflussreichen Verteidigungsausschuss. <\/p><p>F&uuml;r Au&szlig;en- oder gar Kriegspolitik hatte die studierte Juristin zwar eigentlich nie ein pers&ouml;nliches Faible gezeigt, ihr Schwerpunkt lag eher im Gesundheits- und Bildungsbereich, wo sie zahlreiche Initiativen angesto&szlig;en hatte; doch &auml;hnlich, wie in Deutschland die ehemalige &Auml;rztin und Gesundheitsministerin Ursula von der Leyen, so wei&szlig; auch Hillary Clinton, dass man eine Eignung f&uuml;r die Spitzenposition im Staate am besten durch harte und kriegerische Positionen in der Au&szlig;enpolitik beweist. Wer heute im Westen Regierungschef werden will, der muss offenbar klar machen, dass er Krieg f&uuml;hren kann und will. <\/p><p>So wandelte sich auch Clinton zur Hardlinerin und militanten Verteidigerin des angeschlagenen amerikanischen Imperiums. Selbst den aggressivsten neokonservativen Kriegsfalken aus der Regierung von George W. Bush stand sie bald kaum mehr an Sch&auml;rfe nach. Sie stimmte nach dem 11. September 2001 f&uuml;r den sogenannten Patriot-Act, der die B&uuml;rgerrechte massiv einschr&auml;nkte, sie unterst&uuml;tzte den Krieg in Afghanistan und stimmte auch Bushs Pl&auml;nen f&uuml;r den Irakkrieg zu. Als Au&szlig;enministerin trieb sie schlie&szlig;lich selbst aktiv den Krieg in Libyen voran. Heute nun fordert sie eine weitere milit&auml;rische Eskalation in Syrien. Aus den Folgen und Verw&uuml;stungen all dieser Kriege scheint Clinton nichts Wesentliches gelernt zu haben. Zum Kriegskurs, den sie auf ihrem Weg zur Macht bewusst eingeschlagen hat, sieht sie offenbar keine Alternative.<\/p><p>Die Autorin Diana Johnstone <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31687\">beschreibt<\/a> in ihrem aktuellen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/die-chaos-koenigin-diana-johnstone.html\">Die Chaos-K&ouml;nigin<\/a>&ldquo;, was es mit Clintons au&szlig;enpolitischen Vorstellungen auf sich hat und welche Rolle die Pr&auml;sidentschaftskandidatin heute spielt im &bdquo;Great Game&ldquo; der Eliten und ihrer Geopolitik. Deren weltweit metastasierende Putsch- und Destabilisierungsstrategien stehen in scharfem Kontrast zur heilen US-Vorstadt-Welt von Clintons aktuellen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=0uY7gLZDmn4\">Wahlkampf-Spots<\/a>. <\/p><p>Sie stehen auch im Widerspruch zur Darstellung der Kandidatin in vielen deutschen Medien. Hierzulande scheint mancher den beschriebenen Wandel der ehemaligen Sozialpolitikerin nicht mitbekommen zu haben und sieht in ihr offenbar immer noch eine Art <em>role model<\/em>, die moderne Frau des charmanten Bill aus den unschuldigen 1990er Jahren zwischen Internethype und B&ouml;rsenboom. In dieser fast kriegsfreien Zeit vor dem 11. September 2001, vor dem Umbau von Guant&aacute;namo zum Folterknast und vor den Snowden-Enth&uuml;llungen war Amerika f&uuml;r die Deutschen noch &bdquo;heil&ldquo;. Die Hillary von damals spukt aber anscheinend bis heute in vielen K&ouml;pfen, ganz so, als w&auml;re seitdem nichts Wesentliches passiert.<\/p><p>Ein Beispiel daf&uuml;r bietet der ZDF-Starjournalist Claus Kleber. Als dieser 2014 das Angebot bekam, Hillary Clinton zu interviewen &ndash; damals gerade auf Werbetour f&uuml;r ein neues Buch &ndash;, erinnerte das <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=NpfeAZXu03U\">Ergebnis<\/a> eher an Hofberichterstattung, umrahmt durch aufgeregte <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ClausKleber\/status\/476999357108326400\">Twitter-Mitteilungen<\/a> eines sichtlich stolzen Kleber, die den seltsamen Eindruck erweckten, als habe da ein Fan einem Rockstar begegnen d&uuml;rfen. Ein aktuelleres Beispiel f&uuml;r solche &bdquo;Anh&auml;ngerschaft&ldquo; liefert die ehemalige Taz-Chefredakteurin Ines Pohl, derzeit f&uuml;r die Deutsche Welle in Washington t&auml;tig, die k&uuml;rzlich in einem <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/kommentar-schluss-mit-lustig\/a-19080092\">Kommentar<\/a> allen Ernstes Bernie Sanders zum Aufgeben riet: &bdquo;Es w&auml;re unklug, Hillary Clinton durch Attacken aus dem eigenen Lager weiter zu besch&auml;digen. Sie bietet auch so schon gen&uuml;gend Angriffsfl&auml;che und braucht alle Unterst&uuml;tzung aus ihrer Partei, um &uuml;berhaupt gewinnen zu k&ouml;nnen.&ldquo; In der Berliner Zeitung ein ganz &auml;hnlicher <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik\/meinung\/kommentar-die-welt-schaut-auf-hillary-clinton-23657242\">Tenor<\/a>: &bdquo;Die ganze Welt, und das ist nicht &uuml;bertrieben, die ganze Welt von Europa &uuml;ber die arabischen L&auml;nder, Lateinamerika, Asien und gewiss auch Russland schaut auf Clinton und hofft, die erfahrene Diplomatin m&ouml;ge Pr&auml;sidentin werden und die Verl&auml;sslichkeit der US-Politik in dieser von gewaltigen Krisen belasteten Zeit garantieren.&ldquo; Ein <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/article152865657\/Clinton-muss-Amerika-retten.html\">Kommentar<\/a> in der WELT brachte es noch k&uuml;rzer auf den Punkt: &bdquo;Clinton muss Amerika retten&ldquo;.<\/p><p>Blo&szlig; &ndash; wie soll das gehen? Das Amerika, das Bernie Sanders oder auch, auf andere Weise, Donald Trump unterst&uuml;tzt, also zusammen gesehen ein gro&szlig;er, wenn nicht gar der gr&ouml;&szlig;te Teil des Landes, dieses Amerika hat das Establishment gr&uuml;ndlich satt. Was soll Clinton mit ihrer elitennahen Politik da &bdquo;retten&ldquo; k&ouml;nnen? K&auml;me sie ins Amt, w&uuml;rde der Widerstand im Land wohl eher noch weiter anwachsen. Diana Johnstone schreibt in ihrem oben erw&auml;hnten Buch, Clinton habe &bdquo;aus sich eine Figur der kollektiven Einbildung gemacht&ldquo;. Es scheint tats&auml;chlich, als verschl&ouml;ssen diejenigen, welche die Rettung f&uuml;r Amerika und die Welt in einer Clinton-Pr&auml;sidentschaft sehen, die Augen vor weit unangenehmeren Realit&auml;ten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der diesj&auml;hrige amerikanische Pr&auml;sidentschaftswahlkampf verbl&uuml;fft in mehrfacher Weise. 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