{"id":32,"date":"2003-12-01T17:06:32","date_gmt":"2003-12-01T15:06:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=32"},"modified":"2024-10-13T01:16:01","modified_gmt":"2024-10-12T23:16:01","slug":"kollektiver-wahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32","title":{"rendered":"Kollektiver Wahn"},"content":{"rendered":"<p>Wie in Deutschland Meinungen gemacht werden. &Uuml;ber unreflektierte Modernisierungs- und Reformdebatten. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>Frankfurter Rundschau<\/em> Dokumentation.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>I.<\/strong><\/p><p>Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, prophezeite vor kurzem das Ende der Regierung Schr&ouml;der durch gr&uuml;ne &Uuml;berl&auml;ufer &ndash; es sei denn, Schr&ouml;der und die SPD besinnten sich auf einen radikalen Schwenk zu Reformen nach dem Muster von New Labour. Das ist die erfreulich offene Erkl&auml;rung eines &ndash; aufgekl&auml;rten &ndash; Vertreters des Neoliberalismus <a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a> : entweder Ihr akzeptiert die Hegemonie unserer Ideologie, oder Eure Zeit ist abgelaufen.<\/p><p>Er kann so etwas ziemlich Dreistes &ouml;ffentlich &auml;u&szlig;ern, weil er sich wie der Fisch im Wasser f&uuml;hlt. Die Meinungsf&uuml;hrer unseres Landes glauben inzwischen unisono an den Reformstau als entscheidende Ursache unseres wirtschaftlichen Unheils und an die heilsame Wirkung von grundlegenden Reformen <a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>.<\/p><p>Dieser Glaube ist ein Beispiel von mehreren daf&uuml;r, dass ziemlich irrationale, daf&uuml;r fixe und kollektiv vertretene Ideen die politische Willensbildung beherrschen. Darunter leidet unser Volk nun schon weit &uuml;ber zehn Jahre. Und es sieht so aus, als w&uuml;rde das Leiden versch&auml;rft, weil sich die politisch Verantwortlichen zunehmend dem Druck beugen, den die geistigen Anf&uuml;hrer, zu denen Norbert Walter geh&ouml;rt, erzeugen. Die Ergebnisse der Wahlen in Hessen und Niedersachsen werden eifrig benutzt, um den Druck zu steigern.<\/p><p>Reformen sind das unbestrittene Spitzenthema: Deutschland leide unter seiner Reformunf&auml;higkeit und sei deshalb Schlusslicht in Europa, der Sozialstaat, das Modell Deutschland sei nicht mehr zeitgem&auml;&szlig;, die sozialen Sicherungssysteme seien nicht mehr finanzierbar, die Steuern und Abgaben zu hoch, die B&uuml;rokratien seien unertr&auml;glich und Besitzstandswahrer bedrohten unsere Zukunft &ndash; so variiert die Diagnose. &ndash; Die Therapie beim Kampf gegen Arbeitslosigkeit und Schuldenberg lautet: Modernisierung, Ruck, Strukturreformen, die permanente Reform unserer sozialen Sicherungssysteme, den Leuten mehr zumuten, mehr Eigenverantwortung, weniger Staat, mehr Privatisierung und weniger Regulierung.<\/p><p>Alle &ndash; fast alle &ndash; namhaften geistigen, politischen und medialen Kr&auml;fte kommen sich in diesen Tagen n&auml;her in Diagnose und Therapie. Die Kommentatoren vermerken mit Anerkennung, dass die Parteien mit Reformsignalen auf einander zugehen. Alle bewegen sich. Ist das nicht wunderbar?<\/p><p>Ohne Zweifel haben wir Reformbedarf. Da unterscheidet sich unsere Zeit nicht von anderen Zeiten. Aber dass die hohe Arbeitslosigkeit, die Insolvenzen und die Wachstumsschw&auml;che unserer Volkswirtschaft, dass die hohen Schulden des Staates und die Haushaltsprobleme vieler Kommunen, dass die wirtschaftliche Stagnation und das Elend in vielen Regionen Ostdeutschlands vor allem eine Folge mangelnder Reformf&auml;higkeit unseres Staates sei, das ist ein wahnhaftes Gedankenkonstrukt, eine gedankliche Obsession k&ouml;nnte man auch sagen. &ndash; Und dennoch bestimmt der &ldquo;Gedanke&rdquo;, unsere wirtschaftliche Misere sei die Folge von Reformunf&auml;higkeit, die &ouml;ffentliche Debatte.<\/p><p><strong>II.<\/strong><\/p><p>Das ist erstaunlich &ndash; und auch wieder nicht erstaunlich: Nicht erstaunlich ist es, weil dieser Glaube von Ideologen und Interessenvertretern gen&auml;hrt wird, die den Systemwechsel wollen und deshalb mit gr&ouml;&szlig;tem Vergn&uuml;gen behaupten, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten seien die Folge unseres Sozialstaatsmodells, und als Therapie die neoliberalen Rezepte bis hin zu aufgew&auml;rmten Reaganomics anbieten. Verk&auml;uferisch geschickt nennen sie dieses Angebot in Anlehnung an gute alte sozialliberale Traditionen Reformen. Die Cleverness, mit der sie die Wirtschaftskrise ausschlachten, und die Effizienz, mit der sie den Glauben an die heilsame Wirkung der von ihnen gew&uuml;nschten Reformen inszenieren, muss man bewundern.<\/p><p>Dahinter stecken handfeste Interessen. So wollen Teile der Wirtschaftselite endlich die sozialstaatliche Pr&auml;gung unseres Landes loswerden. Andere hoffen auf direkte profitable Folgen von Reformen. Das gilt z.B. f&uuml;r die Versicherungswirtschaft und die sonstige Finanzindustrie; sie profitieren von der Umstellung sozialer Rentensysteme auf private Vorsorge.<\/p><p>Dass die neoliberalen Ideologen und die potentiellen Gewinner die wirtschaftliche Krise zum Druck auf Strukturreformen nutzen, ist wahrlich nicht erstaunlich. Erstaunlich ist, dass sich ein so breiter Kreis von publizistischen, politischen und wissenschaftlichen Meinungsf&uuml;hrern f&uuml;r das gleiche Anliegen zur Verf&uuml;gung stellt und die gleichen gedanklichen Konstrukte propagiert. Im Blick auf diesen Kreis, dem man b&ouml;se Absicht nicht unterstellen kann, wird hier von einer gedanklichen Obsession und von kollektivem Wahn gesprochen.<\/p><p><strong>III.<\/strong><\/p><p>Diese unfreundliche Charakterisierung der laufenden Debatte bedarf der weiteren Erl&auml;uterung. Ich stelle sieben zugespitzt formulierte Beobachtungen zur Diskussion:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Die Wirkungszusammenh&auml;nge werden nicht n&auml;her erl&auml;utert, sie werden einfach behauptet &ndash; ohne einigerma&szlig;en plausible Belege. Die deutsche &Ouml;ffentlichkeit rennt so Diagnosen und Therapien hinterher, die h&ouml;chst zweifelhaft sind.<\/p><p>Wie sollen Strukturreformen, wie soll der geforderte Ruck den Arbeitslosen Arbeit bringen? Was haben die vielen Insolvenzen mit dem angeblichen Reformstau zu tun? &ldquo;Weniger Steuern, weniger Abgaben, weniger Staat&rdquo; hei&szlig;t es in der G&ouml;ttinger Erkl&auml;rung der CDU &ndash; wie soll daraus mehr Besch&auml;ftigung folgen? Wie funktioniert das konkret? &Uuml;ber welchen Wirkungsmechanismus soll z.B. die vom Arbeitgeberpr&auml;sidenten Hundt gerade wieder geforderte Erh&ouml;hung des Renteneintrittsalters die Wirtschaft beleben? Wie sollen uns die von New Labour entlehnten Privatisierungen und Deregulierungen aus der &ouml;konomischen Patsche helfen? Wo ist konkret der Wirkungszusammenhang?<\/p><p>Es f&auml;llt schwer, die angebotenen Konstrukte nicht polemisch zu hinterfragen. Interessierten Lesern ist zu raten, sich einschl&auml;gige Texte wie die W&ouml;rlitzer Erkl&auml;rung der B&uuml;ndnisGr&uuml;nen, die programmatische Erkl&auml;rung der CDU-Vorsitzenden zur &ldquo;neuen Sozialen Marktwirtschaft&rdquo;<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>, das Kanzleramtspapier<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a> oder die Rede des Vorstandschefs der Deutschen Bank, Josef Ackermann, beim Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt vom 16. Januar 2003 vorzunehmen &ndash; und zweimal zu lesen. Sie werden vornehmlich aneinander gereihte Signale und Behauptungen ohne logische Verbindungen finden.<\/p><p>Und selbst da, wo der Eindruck entsteht, als handle es sich um die Beschreibung von Wirkungszusammenh&auml;ngen, erscheint das nur so. Das beste Beispiel ist der Kern der Argumentation: Wichtig sind ..&rdquo;Reformen, damit die Lohnnebenkosten sinken und damit die Besch&auml;ftigung endlich wieder kr&auml;ftig steigt.&rdquo;<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a> Nahezu jede und jeder glaubt an diesen Zusammenhang wie an eine Erl&ouml;sung.<\/p><p>Ich zitiere aus dem Kanzleramtspapier &ndash; nicht weil dieses Papier besonders schlimm ist, sondern weil es den Glauben an die erl&ouml;sende Wirkung von Reformen, die die Lohnnebenkosten verringern, geradezu klassisch wiedergibt:<\/p><p>&ldquo;Wie sch&auml;dlich steigende Lohnnebenkosten sind, zeigt die Entwicklung seit der Wiedervereinigung: 1990 betrugen die Beitragss&auml;tze zur Sozialversicherung noch 35,5 Prozent. Bis 1998 waren sie auf den historischen H&ouml;chstwert von 42 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist die Arbeitslosigkeit von 2,6 Mio. auf 4,28 Mio. Arbeitslose im Jahresdurchschnitt gestiegen. Die Zahl der Erwerbst&auml;tigen ging von 38,5 Mio. auf 37,2 Mio. in 1997 zur&uuml;ck. Deswegen &hellip; ist eine der Kernstrategien der Bundesregierung die auf eine Absenkung der Lohnebenkosten abzielende Modernisierung der sozialen Sicherungssysteme.&rdquo;<\/p><p>Das erinnert an die in Gyn&auml;kologenkreisen berichtete &ldquo;wissenschaftliche&rdquo; Beobachtung, wonach in Brandenburg der R&uuml;ckgang der Storchenpopulation direkt mit dem R&uuml;ckgang der Geburtenrate korreliert. &ndash; Bei aller Sympathie f&uuml;r das Bundeskanzleramt: die Entwicklung zweier Ziffern im Zeitablauf nebeneinander zu stellen und dann daraus einen stringenten und einseitigen Wirkungszusammenhang zwischen beiden Faktoren &ndash; der Zunahme der Lohnnebenkosten und der Arbeitslosigkeit &ndash; abzuleiten, das ist zu Viel des Guten.<\/p><p>Vielleicht sind ja ganz andere Faktoren mit Schuld an der Arbeitslosigkeit &ndash; z.B. der Niedergang der Binnennachfrage oder die volkswirtschaftlichen Kosten der deutschen Vereinigung? &ndash; Oder: Die schw&auml;chelnde Konjunktur und die daraus folgende hohe Arbeitslosigkeit sind mit Schuld an den steigenden Lohnnebenkosten?<\/p><p>Auf dem Hintergrund komplizierter Wirkungszusammenh&auml;nge in der &ldquo;Modernisierung der sozialen Sicherungssysteme&rdquo; die &ldquo;Kernstrategie&rdquo; f&uuml;r den notwendigen Aufschwung zu sehen &ndash; das ist schon sehr abenteuerlich. Ob Unternehmen ihre Produktion ausweiten oder sogar investieren, das h&auml;ngt von einem B&uuml;ndel von Daten und Erwartungen ab: vom Umsatz und den Absatzerwartungen, von den Gewinnen und den Gewinnerwartungen, von der Zinsentwicklung, von der Qualit&auml;t der erreichbaren Arbeitnehmer, von der Steuerbelastung, etc. &ndash; und dann auch noch von den Lohnnebenkosten. Das ist ein Faktor unter vielen. Dass dieser eine Faktor nun einvernehmlich von nahezu allen Meinungsf&uuml;hrern zum Kern erkl&auml;rt wird, ist nur noch mit psychologischen Kategorien zu deuten.<\/p><p>Ohne Frage w&auml;re es aus strukturellen Gr&uuml;nden sinnvoll, die Lohnnebenkosten zu senken und die bisher &uuml;ber Beitr&auml;ge finanzierten Leistungen verst&auml;rkt &uuml;ber Steuern zu finanzieren. Das w&uuml;rde arbeitsintensive Produktionen entlasten. Aber dies w&uuml;rde an der Gesamtbelastung unserer Volkswirtschaft nichts &auml;ndern und den Durchbruch zur Belebung der Wirtschaft nicht bringen, zumal die notwendigen System&auml;nderungen sehr viel Zeit brauchen.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Reformen sind zu unrecht das Top-Thema. Diese &ouml;ffentliche Debatte geht am Kern des Problems und seiner L&ouml;sung vorbei.<\/p><p>Wir sitzen mitten in einer Rezession, deren &Uuml;berwindung die gesamte Aufmerksamkeit der politischen Klasse verlangen w&uuml;rde, &ndash; und besch&auml;ftigen uns mit der &ldquo;Neujustierung der sozialen Sicherungssysteme&rdquo; <a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>, damit die Renten auch im Jahre 2050(!) noch finanzierbar sind. &ndash; Nebenbei: es ist typisch f&uuml;r die herrschende Unvernunft, dass man von Rezession nicht sprechen darf, obwohl das Wachstum stagniert und unsere Volkswirtschaft im letzten Jahrzehnt im Durchschnitt gerade mal 1,5 Prozent reales Wachstums p.a. erreicht hat. Zum Vergleich die 70er Jahre: im Durchschnitt 3,14 Prozent, trotz &Ouml;lpreiskrisen.<\/p><p>Wir wissen, dass es jetzt darauf ank&auml;me, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen und dem Standort Deutschland wieder das positive Image zu verschaffen, das er als Land mit andauernden Export&uuml;bersch&uuml;ssen und immer noch modellhaften sozialen Regeln verdient. Der Bundeskanzler versuchte es gelegentlich, aber die Kolonne der Meinungsf&uuml;hrer beklagt Deutschlands Reformunf&auml;higkeit.<\/p><p>Wir wissen: die Unternehmer m&uuml;ssten ermuntert werden, ihre Lager wieder aufzubauen und Auftr&auml;ge zu vergeben, und der Staat m&uuml;sste auf allen Ebenen nachhelfen und &uuml;berall investieren, wo es sinnvoll ist. Stattdessen ereifern wir uns &uuml;ber die m&ouml;gliche Verletzung der Maastricht-Kriterien und ma&szlig;gebliche Meinungsf&uuml;hrer werben f&uuml;r weniger Staat. Man muss kein Keynesianist sein, um dies zumindest in der jetzigen Situation f&uuml;r absolut deplaziert zu halten.<\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Die g&auml;ngigen Diagnosen und Therapien beziehen ihre Glaubw&uuml;rdigkeit vor allem aus der Tatsache, dass viele, dass jedenfalls die bestimmenden Kr&auml;fte das gleiche sagen, vor- und nachsagen: Die Opposition und Teile der Bundesregierung, Spiegel und Focus, ARD und ZDF, Christiansen und Illner, Hahne und Roth, rechts und links. Und immer wieder. Einer sagt: mit dem Umlageverfahren ist die Altersversorgung nicht mehr zu finanzieren &ndash; und alle einflussreichen Multiplikatoren sagen es nach. Einer sagt: wir leben in einem Gewerkschaftsstaat &ndash; und Hunderte sagen es nach. Einer sagt: Keynes ist out &ndash; und von Abertausenden schallt es zur&uuml;ck. Einer sagt: wir brauchen endlich einen Niedriglohnsektor &ndash; und Legionen wiederholen es. Usw., usw. &ndash; Dadurch, dass viele das Gleiche wiederholen, wird die L&uuml;ge zur Wahrheit, diagnostizierte George Orwell.<\/p><p><strong>Viertens:<\/strong> Bezeichnend f&uuml;r die vorherrschende &ouml;ffentliche Meinung sind &Uuml;bertreibung, Schwarzmalerei und eine geh&ouml;rige Portion Selbstkasteiung.<\/p><p>Steigt das Durchschnittsalter unseres Volkes, rufen die Meinungsmacher &ldquo;&Uuml;beralterung&rdquo; oder gar &ldquo;Vergreisung&rdquo; und sie sprechen vom &ldquo;Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme&rdquo;.<br>\nMenschen, die auf ihre durch Beitragszahlung erworbenen Rechte und den zugesagten K&uuml;ndigungsschutz pochen, sind &ldquo;Besitzstandswahrer&rdquo;.<br>\nDer Staat ist eine einzige &ldquo;B&uuml;rokratie&rdquo;, &ldquo;Deutschland ein Auslaufmodell&rdquo; und die Globalisierung ganz &ldquo;neu&rdquo;.<br>\nEinem Land, dessen internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit exzellent ist, wird das Etikett &ldquo;Deutsche Krankheit&rdquo; angeheftet.<\/p><p><strong>F&uuml;nftens:<\/strong> Denkfehler und mangelnde Einsicht in die Kompliziertheit gesellschaftlicher Regelungen pr&auml;gen die g&auml;ngigen Meinungen.<\/p><p>In gesamtwirtschaftlichen Zusammenh&auml;ngen zu denken ist den modernen Meinungsf&uuml;hrern fremd. So gilt als &ldquo;Sparkommissar&rdquo;, wer sagt: ich &ldquo;will&rdquo; sparen oder &ldquo;ich setze meinen Konsolidierungskurs fort&rdquo;. Wenn jedoch die Wirtschaftslage tr&uuml;be ist, dann erlahmt gerade wegen des Sparens die Wirtschaft noch mehr, die Steuereinnahmen sinken und der Zuschussbedarf f&uuml;r die Arbeitslosen- und Rentenversicherung nimmt zu, so dass am Ende eines solchen gesamtwirtschaftlichen Wirkungsprozesses gerade die Sparabsicht den Sparerfolg zunichte macht.<\/p><p>Ein anderes Beispiel f&uuml;r einen gel&auml;ufigen Denkfehler: Wenn Mini-Jobs weitgehend von Abgaben befreit werden &ndash; was einzelwirtschaftlich betrachtet ja recht attraktiv erscheint &ndash; wird man die Tendenz verst&auml;rken, regul&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse in solche Min-Job-Arbeitsverh&auml;ltnisse umzuwandeln. Damit fallen Beitr&auml;ge aus und zwingen zu einer weiteren Versch&auml;rfung der Belastung der noch verbliebenen regul&auml;ren Jobs.<\/p><p>Gravierende Probleme f&uuml;r die Vernunft politischer Willensbildung folgen daraus, dass die Einsicht in die Kompliziertheit und Sensibilit&auml;t von Sozialtechniken verloren ging: 2002 wurde die Riesterrente eingef&uuml;hrt und in diesem Kontext auch von einer Jahrhundertreform gesprochen. Richtig an dieser Wertung ist, dass man Erfolg oder Misserfolg erst nach einer langen Frist beurteilen kann: Die Apparate der Lebensversicherer, die neu zu gr&uuml;ndenden Fonds und die betroffenen Arbeitnehmer m&uuml;ssen sich auf die Neuregelung einstellen. Wer zu Beginn dieses Umstellungsprozesses schon die n&auml;chste Reform oder gar einen permanenten Reformprozess ausruft, zerst&ouml;rt den Erfolg des eigenen Werkes. &ndash; Die &ouml;ffentliche Debatte zu vielen anderen Sozialtechniken ist von &auml;hnlicher Sorg- und Ahnungslosigkeit gekennzeichnet.<\/p><p><strong>Sechstens:<\/strong> Denkverbote und Tabus verbauen den Weg zu realistischen Analysen und hilfreichen L&ouml;sungen.<\/p><p>Es gibt umfangreiche Texte &uuml;ber die Last der hohen Staatsverschuldung und der Steuern, der Sozialbeitr&auml;ge und die Qual der hohen Lohnnebenkosten, ohne dass in einem Satz erw&auml;hnt ist, dass die deutsche Vereinigung geh&ouml;rig dazu beigetragen hat. Rund 75 Mrd. Euro waren bisher j&auml;hrlich an einheitsbedingten Transfers n&ouml;tig. Zur Einordnung dieser Gr&ouml;&szlig;enordnung: als Helmut Schmidt gegen Ende seiner Regierungszeit anfangs der 80er Jahre eine Neuverschuldung des Bundes von ca. 14 Mrd. &euro; plante, nahm Otto Graf Lambsdorff dies zum Anlass, eine Regierungskrise auszul&ouml;sen.<\/p><p>Man kann ja verstehen, dass um des nationalen Friedens willen nicht viel &uuml;ber die Lasten der deutschen Einheit geredet wird. Aber es ist nicht akzeptabel, dass die totgeschwiegene Last dann dem Sozialstaat zugeschrieben wird.<\/p><p>An dieser Stelle bleibt anzumerken, dass auch hier f&uuml;r ein Segment von Meinungseliten gilt: sie agitieren nicht ohne Vernunft, sondern aus k&uuml;hler Berechnung. F&uuml;r sie ist es ein Geschenk des Himmels, die Lasten der deutschen Vereinigung dem Sozialstaat anh&auml;ngen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>W&uuml;rde man ohne Tabu diagnostizieren, dann w&uuml;sste man: Die deutsche Vereinigung lastet auf unserer Volkswirtschaft und setzt uns im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften tendenziell zur&uuml;ck; von dieser Last k&ouml;nnen wir uns &ndash; gesamtwirtschaftlich betrachtet &ndash; auch durch Umschichtungen und Finanzierungstricks nicht befreien. Jeder Vergleich mit anderen L&auml;ndern hinkt und deshalb sollten wir vorsichtig sein, die dortigen Rezepte zu &uuml;bernehmen. Wir haben ganz andere Probleme als die Vorzeigel&auml;nder Gro&szlig;britannien, Schweden, Niederlande, D&auml;nemark und die USA.<\/p><p>Wir k&ouml;nnen die Belastung mindern, indem wir die Produktivit&auml;tszuw&auml;chse forcieren, die Menschen vorz&uuml;glich ausbilden und in dem wir die Kapazit&auml;ten an Arbeitskr&auml;ften und Anlagen besser nutzen. Dann verteilt sich die Last auf mehr Schultern. Auch dies h&auml;tte f&uuml;r eine expansive Konjunkturpolitik gesprochen. Aber dagegen stand die Fixierung auf die neoliberale Angebotstheorie und die mit Vernunft nicht zu begreifende Stigmatisierung des Keynes&rsquo;schen Instrumentariums. So war Deutschland nicht f&auml;hig zu einem gesunden Mix der Instrumente, in den USA war dies m&ouml;glich.<\/p><p><strong>Siebtens:<\/strong> Die Modernisierer sind die Propheten der Bewegung und des Neuen. Sie halten sich nicht bei der Optimierung des Bestehenden auf. Sie glauben an die heilsame Wirkung des revolution&auml;ren Akts.<\/p><p>Genau da treffen sich die Systemver&auml;nderer vulg&auml;rmarxistischer Pr&auml;gung mit den Epigonen von Thatcher und Reagan. Um diese Beobachtung zu untermauern, komme ich noch einmal auf den Systemwechsel bei der Altersvorsorge zur&uuml;ck:<\/p><p>Der National&ouml;konom Hans-J&uuml;rgen Krupp ver&ouml;ffentlichte in der FR zu Beginn der ersten Regierung Schr&ouml;der 12 Thesen zur &ldquo;Rentenreform ohne Systemwechsel&rdquo;. Er machte konkrete Vorschl&auml;ge zur Reform des &ldquo;beitragsfinanzierten Alterssicherungssystems nach dem Umlageverfahren&rdquo;, weil er der Meinung war, dass dieses System Zukunft habe.<\/p><p>Nichts w&auml;re selbstverst&auml;ndlicher gewesen, offen dar&uuml;ber nachzudenken, ob ein reformiertes Umlagesystem oder ein tendenziell auf Kapitaldeckung umgestelltes System den Anforderungen einer modernen Gesellschaft und eines vereinigten Deutschland besser gerecht wird. Bei differenziertem Nachdenken spricht einiges f&uuml;r die Anpassung des alten Systems: schon der Vergleich der Verwaltungs- und Vertriebskosten h&auml;tte nachdenklich stimmen m&uuml;ssen, sie liegen beim privat finanzierten Kapitaldeckungsverfahrens drei- bis viermal h&ouml;her als beim Umlageverfahren.<\/p><p>Aber &uuml;ber die Reform des Bestehenden nachzudenken, ist absolut unmodern. Die Antreiber unter den Reformern wollen die System&auml;nderung, den &ldquo;Umsturz&rdquo;, so lt. SPIEGEL ONLINE Josef Ackermann <a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>. Der gro&szlig;e Rest der Meinungselite macht mit, weil Bewegung und Dynamik dem Zeitgef&uuml;hl entspricht. Das Neue hat den Anschein der Qualit&auml;t, ohne sie belegen zu m&uuml;ssen.<\/p><p>Das ist bezogen auf die Gestaltung und Ver&auml;nderung gesellschaftlicher Regeln und Einrichtungen eine sehr irrationale Maxime. Denn diese sind von so komplexer Natur, dass die wohl &uuml;berlegte, schrittweise Ver&auml;nderung und Optimierung das der Demokratie und der Sache gem&auml;&szlig;e Verfahren ist.<\/p><p>Wer zu vorsichtigen Reformen r&auml;t, wie der Generalsekret&auml;r der SPD, Olaf Scholz, wird zum &ldquo;Betonkopf&rdquo; erkl&auml;rt, zumindest zum &ldquo;Symbol f&uuml;r Stillstand und Reformgeiz&rdquo;<a class=\"footnote_link\" href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a> &ndash; und lernt, dass Umsicht nicht z&auml;hlt. Dynamik ist gefragt und nicht Reflexion dar&uuml;ber, wohin die Reise gehen soll und ob die Route zum Ziel f&uuml;hrt. Revolution&auml;re und neue Neoliberale sind im Glauben an die heilsame Kraft der Bewegung vereint. Den Wahnsinn dieses Glaubens und seine seltsame Logik hat der Vorstandschef der Deutschen Bank &ndash; vermutlich unbeabsichtigt &ndash; offenbart. Ackermann w&ouml;rtlich: &ldquo;W&auml;re es nicht an der Zeit, nach 50 erfolgreichen Jahren Bundesrepublik die Strukturen neu zu entwerfen?&rdquo;<\/p><p>Die permanente Reform ist volkswirtschaftlich betrachtet ein gro&szlig;er Kostenfaktor. Wir br&auml;uchten in unserer &ouml;ffentlichen Debatte eher etwas mehr Ruhe als den Ruck. Der Bundeskanzler hat diese Erkenntnis vor einiger Zeit zu beherzigen versucht. Er warb f&uuml;r die ruhige Hand. Diese vern&uuml;nftige Einsicht ist ihm schlecht bekommen. Die herrschende Meinung und vielleicht auch die Gesetze der Mediengesellschaft verlangen Bewegung. In einem Essay nach dem anderen werden von ihm Systemreformen und Blut-Schwei&szlig;-und-Tr&auml;nen-Reden verlangt. Fast alle predigen das gleiche. Diesem massiven Druck soll Gerhard Schr&ouml;der widerstehen? Ich denke, ja, das Sozialstaatsgebot nach Art. 20 unserer Verfassung verpflichtet ihn sogar dazu.<\/p><p><strong>IV.<\/strong><\/p><p>Die spekulative Blase der New Economy und der B&ouml;rsen ist geplatzt. Die Vorstellung, unsere Welt in Deutschland w&uuml;rde besser, wenn wir uns mittels Strukturreformen von unserem Modell verabschieden, noch nicht. Die Neoliberalen haben ein L&uuml;gengeb&auml;ude &uuml;ber die Bedingungen wirtschaftlicher Entwicklung und &uuml;ber die Probleme unseres Landes aufgebaut. Die deutsche &Ouml;ffentlichkeit geht freiwillig in diesem Geb&auml;ude ein und aus und baut mit. Jedenfalls gibt es keinen nennenswerten Widerstand, nicht bei den Medien und nicht bei der Wissenschaft, nicht bei der Opposition und nicht bei der Regierung. Rot und Gr&uuml;n schicken sich an, auf eine Therapie einzuschwenken, deren Unwirksamkeit und Scharlatanerie offensichtlich ist &ndash; ein Treppenwitz der Weltgeschichte.<\/p><p><em>&copy; Frankfurter Rundschau \/  12. Februar 2003<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p><a class=\"footnote_link\" href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a> Der Begriff Neoliberalismus wird im heute &uuml;blichen Sinne verwendet, auch wenn dies wissenschaftshistorisch nicht korrekt ist.<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a> Der Begriff Reformen wird in diesem Beitrag ohne An- und Abf&uuml;hrung in der heute gebr&auml;uchlichen Bedeutung gebraucht, auch wenn der Autor diesen Gebrauch f&uuml;r einen Missbrauch h&auml;lt.<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a> S&uuml;ddeutsche Zeitung vom 10.1.2003<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a> Thesenpapier mit dem Titel &ldquo;Auf dem Weg zu mehr Wachstum, Besch&auml;ftigung und Gerechtigkeit&rdquo; vom Dezember 2002<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a> Das ist eine verdienstvolle Zusammenfassung des g&auml;ngigen Glaubenssatzes durch das ZDF in der &ldquo;Heute&rdquo;-Sendung vom 13.1.03.<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a> &ldquo;W&ouml;rlitzer Erkl&auml;rung&rdquo; von B&uuml;ndnis90\/Die Gr&uuml;nen; &auml;hnlich in anderen einschl&auml;gigen Papieren.<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a> Neujahrsempfang der Stadt Frankfurt am 16.1.2003<br>\n<a class=\"footnote_link\" href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a> Der Tagesspiegel 22.12.02<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie in Deutschland Meinungen gemacht werden. &Uuml;ber unreflektierte Modernisierungs- und Reformdebatten. 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