{"id":320,"date":"2006-01-26T09:55:10","date_gmt":"2006-01-26T08:55:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=320"},"modified":"2016-02-18T11:41:16","modified_gmt":"2016-02-18T10:41:16","slug":"rurup-als-werbetrager-des-finanzdienstleisters-mlp","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=320","title":{"rendered":"R\u00fcrup als Werbetr\u00e4ger des Finanzdienstleisters MLP"},"content":{"rendered":"<p>Eine Hand w&auml;scht die andere: Der Finanzdienstleister MLP engagiert den Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrats Bert R&uuml;rup als Gastredner f&uuml;r eine Werbetournee. Man hilft sich eben gegenseitig zum beiderseitigen Vorteil.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Nach mehr als 40 Veranstaltungen mit Professor Bernd Raffelh&uuml;schen im Jahr 2004 hat der Heidelberger Finanzdienstleister jetzt den Wirtschaftsweisen Professor Bert R&uuml;rup als Referenten gewonnen.&ldquo; &bdquo;R&uuml;rup, der als ein geistiger Vater der privaten Basisrente entscheidend am Alterseink&uuml;nftegesetz mitgewirkt hat, geht im Rahmen seiner Vortr&auml;ge zum einen auf die gesetzliche und private Altersvorsorge ein. Zum anderen widmet er sich den Reformen im Gesundheitswesen.&ldquo; So preist der &bdquo;Finanzdienstleister f&uuml;r anspruchsvolle Kunden&ldquo; MLP auf seiner <a href=\"http:\/\/www.competence-site.de\/presse.nsf\/0\/d16025fc8cd02e52c1256f9400508a66?OpenDocument\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.competence-site.de\/presse.nsf\/0\/d16025fc8cd02e52c1256f9400508a66?OpenDocument\">Website<\/a> seinen neuen Werbetr&auml;ger an.<\/p><p>MLP (Marschollek, Lautenschl&auml;ger und Partner) bezeichnet sich selbst als den f&uuml;hrenden Finanzdienstleister &bdquo;f&uuml;r Akademiker und andere anspruchsvolle Kunden&ldquo; in Europa. Das Unternehmen bietet Bank- und Versicherungsdienstleistungen an. MLP hat seinen Stammsitz in Heidelberg und ist in Deutschland, &Ouml;sterreich, der Schweiz, den Niederlanden, Gro&szlig;britannien und Spanien vertreten und besch&auml;ftigt &uuml;ber 2.500 Berater, die derzeit 640.000 Kunden betreuen. <\/p><p>Das Gesch&auml;ftsinteresse von MLP bei diesem Engagement der beiden Professoren ist klar und wird ziemlich unumwunden zugegeben: Der Finanzdienstleister m&ouml;chte m&ouml;glichst viele Kunden f&uuml;r private Kranken- und kapitalgedeckte Altersvorsorgeversicherungen werben. &ldquo;Da viele Menschen von den Ver&auml;nderungen unmittelbar betroffen sind, erwarten wir einen gro&szlig;en Zuspruch f&uuml;r unsere Seminare&rdquo;, sagt MLP-Kommunikationschef Michael Pfister.<\/p><p>&Uuml;ber die Einbindung von Professor Raffelh&uuml;schen in versicherungswirtschaftliche Interessen haben wir schon mehrfach berichtet. Zuletzt in einem Eintrag im kritischen Tagebuch vom 29.12.05 mit weiteren Hinweisen.<br>\nIm Jahr 2004 folgten mehr als 16.000 Menschen den Einladungen der MLP zu den Vortr&auml;gen des &bdquo;Finanz-&bdquo;Wissenschaftlers &uuml;ber die &ldquo;Die demographische Zeitbombe&rdquo;. In diesem Jahr, so MLP, setzt der Freiburger Wissenschaftler sein Engagement fort und spricht an rund einem Dutzend Standorten zum Wandel in den sozialen <a href=\"http:\/\/www.competence-site.de\/presse.nsf\/0\/d16025fc8cd02e52c1256f9400508a66?OpenDocument\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.competence-site.de\/presse.nsf\/0\/d16025fc8cd02e52c1256f9400508a66?OpenDocument\">Sicherungssystemen<\/a>.<\/p><p>Der von MLP jetzt zus&auml;tzlich engagierte Professor Bert R&uuml;rup ist SPD-Mitglied und Professor f&uuml;r Finanz- und Wirtschaftspolitik an der Technischen Universit&auml;t Darmstadt. Er ist seit 2000 Mitglied und seit 2005 sogar Vorsitzender des &bdquo;Sachverst&auml;ndigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung&ldquo;. Er hatte den Vorsitz in der &bdquo;Sachverst&auml;ndigenkommission zur Neuordnung der Besteuerung von Altersvorsorgeaufwendungen und Alterseinkommen&ldquo; inne und war auch Vorsitzender der &bdquo;Kommission f&uuml;r die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme&ldquo;, der sog. R&uuml;rup Kommission.<br>\nVielfach wird R&uuml;rup als &bdquo;Rentenpapst&ldquo; tituliert. Nach ihm wird inzwischen sogar eine seit Januar 2005 eingef&uuml;hrte private Altersvorsorge, die sog. &bdquo;R&uuml;rup-Rente&ldquo;, benannt. Danach k&ouml;nnen die privaten Versicherungsbeitr&auml;ge zu den gleichen Bedingungen wie die Beitr&auml;ge zur gesetzlichen Rentenversicherung steuerlich geltend gemacht werden. Ein wichtiger Durchbruch f&uuml;r die privaten Altersversicherer.<\/p><p>R&uuml;rup hat also ma&szlig;geblich am Systemwechsel von einer umlagefinanzierten gesetzlichen Rente zu einem &bdquo;dualen&ldquo; System der Altersvorsorge mit einer knappen &bdquo;Grundversorgung&ldquo; mittels der solidarisch finanzierten Rente und einer privaten Zusatzversorgung f&uuml;r ein ausk&ouml;mmliches Alterseinkommen beigetragen. Er hat damit einen riesigen Markt f&uuml;r die Versicherungswirtschaft ge&ouml;ffnet.<br>\nMit seinen Einlassungen, dass er weitere Rentenk&uuml;rzungen f&uuml;r &bdquo;unausweichlich&ldquo; h&auml;lt und dass eine Absenkung des Rentenniveaus &bdquo;unumg&auml;nglich&ldquo; sei, wenn man an der geplanten Deckelung der Rentenversicherungsbeitr&auml;ge bei maximal 22% festhalten wolle, hat er als &bdquo;Regierungsberater&ldquo; wesentlich zu der inzwischen allgemeinen Verunsicherung &uuml;ber die gesetzliche Rente beigetragen und damit dieses System zum Auslaufmodell gemacht.<\/p><p>Bei der Krankenversicherung vertritt er das gleichfalls von der Versicherungswirtschaft propagierte Modell einer &bdquo;Kopfpauschale&ldquo; bzw. einer &bdquo;Gesundheitspr&auml;mie&ldquo; gegen die Pl&auml;ne einer &bdquo;B&uuml;rgerversicherung&ldquo;.<\/p><p>Der Multifunktions-Politikberater Bert R&uuml;rup hat aber auch sonst zur Finanz-, Sozial-, Arbeitsmarkt-, Familien-, Industrie-, Infrastruktur- und W&auml;hrungspolitik immer etwas zu sagen &ndash; oft nicht zur Freude von anderen Experten . Aber immer ist er gern gesehener und nat&uuml;rlich gut bezahlter Gastredner bei Industrie- und Handelskammern, bei Bankern oder Aufsichtsratsgremien &ndash; und jetzt eben auch als Vortragsreisender von MLP. Auf der Website der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; wird er oft und gerne zitiert. Dar&uuml;ber hinaus war oder ist R&uuml;rup noch in Aufsichtsr&auml;ten und in sonstigen Vorstandsfunktionen t&auml;tig. Professor R&uuml;rup ist u.a. 2003 zum Aufsichtsratsvorsitzenden der AXA-Pensionskasse bestimmt worden. (Da k&ouml;nnen die Pensionisten des mit Einnahmen von 6,4 Milliarden Euro marktf&uuml;hrenden Erstversicherers aber wirklich froh sein, dass sie einen so ausgewiesenen Altersversorgungsexperten als Aufsichtsrat haben.)<br>\nBei so vielen Nebent&auml;tigkeiten ist es kein Wunder, dass er f&uuml;r seine eigentliche Profession, n&auml;mlich der eines Hochschullehrers, nicht mehr sehr viel Zeit hat. Unter  &bdquo;!!!Achtung keine regelm&auml;&szlig;igen Vorlesungstermine!!!&ldquo; k&uuml;ndigt er auf seiner <a href=\"http:\/\/www.bwl.tu-darmstadt.de\/vwl3\/neu2\/aktuelles\/aktuelles.php\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.bwl.tu-darmstadt.de\/vwl3\/neu2\/aktuelles\/aktuelles.php\">Homepage<\/a> f&uuml;r das Wintersemester gerade mal 6 dreist&uuml;ndige Blockveranstaltungen an. Aber will man ihm das anlasten bei den geradezu unmenschlichen Belastungen im Dienste der &bdquo;Reform des Sozialstaates&ldquo;? Mit dem normalen Professorengehalt springt ja, gemessen an den sonstigen Aufwandsentsch&auml;digungen oder Gastrednerhonoraren, auch nicht so arg viel heraus. Das Beamtengehalt ist da vielleicht gerade noch das Nadelgeld f&uuml;r die Ehefrau.<\/p><p>Da ja die demographische Entwicklung (obwohl in Wahrheit noch gar nicht relevant) derzeit schon an allen Problemen der Renten- und Krankenversicherung schuld sein soll, bot es sich an, dass R&uuml;rup den Vorstandsvorsitz des Mannheimer Forschungsinstituts &bdquo;&Ouml;konomie und Demographischer Wandel&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/daten\/2001\/10\/26\/1026wi291310.htx\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.welt.de\/daten\/2001\/10\/26\/1026wi291310.htx\">MEA<\/a>) &uuml;bernahm. In dieser Funktion konnte er den Direktor dieses Instituts, Professor Axel B&ouml;rsch-Supan, f&ouml;rdern.<br>\nSo f&uuml;gt sich das eine in das andere.<br>\nDenn B&ouml;rsch-Supan geh&ouml;rt zu den &bdquo;wissenschaftlichen&ldquo; Hauptgegnern der umlagefinanzierten Rente und R&uuml;rup zu den Hauptbef&uuml;rwortern der (zumindest erg&auml;nzenden) privaten, kapitalgedeckten Altersvorsorge.<br>\nBeide erg&auml;nzen sich also hervorragend und kommen der Versicherungswirtschaft und den Finanzdienstleistern gerade recht; und so ist es auch kein Zufall, dass das gemeinsam geleitete Forschungsinstitut MEA im Jahre 2001 vom Land Baden-W&uuml;rttemberg zusammen mit &ndash; man h&ouml;re, aber staune nach dem Beschriebenen nicht mehr &ndash; dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft gegr&uuml;ndet wurde. <\/p><p>Warum sind solche Zusammenh&auml;nge der Erw&auml;hnung wert?<br>\nDass die Versicherungswirtschaft sich ihr genehmer Wissenschaftler zur Akquisition bedient, liegt in ihrem Gesch&auml;ftsinteresse. Dass sie ein politisches Interesse an der Privatisierung der solidarisch finanzierten sozialen Sicherungssysteme hat, ist auch legitim. Kritisierenswert und bedenklich wird eine solche Interessenwahrnehmung, wenn das Gesch&auml;ftsinteresse zur &bdquo;objektiv notwendigen&ldquo; Politik erkl&auml;rt und versucht wird, mit Geldzuwendungen oder sonstigen Verg&uuml;nstigungen Experten und die Politik f&uuml;r sich einzuspannen. <\/p><p>Dass die Damen und Herren Wissenschaftler vor allem deshalb etwa in Aufsichtsr&auml;te, Expertenkommissionen oder, wie Bert R&uuml;rup, gar in den erlauchten Kreis der &bdquo;Wirtschaftsweisen&ldquo; aufgenommen werden, weil sie &uuml;berall ihre Finger im Spiel haben und ihre Netzwerke als Trampolin f&uuml;r ihre Karrieren nutzen, ist zwar h&ouml;chst bedenklich, aber so ist wohl der Lauf der Welt. <\/p><p>Damit kein Missverst&auml;ndnis aufkommt: Es ist nicht zu beanstanden, dass Wissenschaftler &ouml;ffentlich und in Vortr&auml;gen ihre Meinung vertreten und daf&uuml;r Honorare nehmen. Wenn jedoch Wissenschaftler dabei den Anschein erwecken, als gerieten sie in finanzielle Abh&auml;ngigkeiten zu bestimmten wirtschaftlichen Interessen, dann setzen sie das Vertrauen in die von ihnen vertretene, wissenschaftliche Meinung aufs Spiel. Jedenfalls k&ouml;nnen sie nicht damit rechnen, dass sie noch als neutrale wissenschaftliche Sachwalter gelten.<br>\nWer sollte noch auf die Neutralit&auml;t und Objektivit&auml;t der Ergebnisse wissenschaftlicher Institute bauen, deren Fragestellungen in der Forschung &ndash; wie etwa beim MEA &ndash; von der Versicherungswirtschaft in Auftrag gegeben und bezahlt werden?<br>\nMeint Professor R&uuml;rup wirklich, dass es sich geh&ouml;rt oder dass es zusammengeh&ouml;rt, dass er sich einerseits als Werbetr&auml;ger eines Finanzdienstleisters einsetzen l&auml;sst und andererseits Vorsitzender des &bdquo;unabh&auml;ngigen&ldquo; Sachverst&auml;ndigenrats ist? K&ouml;nnen wir alle, kann die Politik bei solchen finanziellen Abh&auml;ngigkeiten und gesch&auml;ftlichen Einbindungen noch auf den &bdquo;objektiven&ldquo; Rat solcher Experten bauen?<br>\nOder anders: Sollten wir und sollte die Politik das k&uuml;nftig noch tun?\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Hand w&auml;scht die andere: Der Finanzdienstleister MLP engagiert den Vorsitzenden des Sachverst&auml;ndigenrats Bert R&uuml;rup als Gastredner f&uuml;r eine Werbetournee. 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