{"id":32034,"date":"2016-03-11T13:31:47","date_gmt":"2016-03-11T12:31:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32034"},"modified":"2016-03-11T17:11:08","modified_gmt":"2016-03-11T16:11:08","slug":"bernie-sanders-der-aussenseiter-probt-die-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32034","title":{"rendered":"Bernie Sanders \u2013 der Au\u00dfenseiter probt die Revolution"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160311_sanders.jpg\" alt=\"Bernie Sanders\" title=\"Bernie Sanders\"><\/div><p>In den deutschen Medien findet Bernie Sanders im Grunde nicht statt. Wenn man sich schon einmal dazu herabl&auml;sst, &uuml;ber den linken Konkurrenten von Hillary Clinton zu berichten, dann meist mit negativem Beiklang: ein alter Idealist mit netten aber komplett unrealistischen Tr&auml;umen sei er, so der Tenor. Wichtig sei das alles aber ohnehin nicht, da ein Sieg Sanders auszuschlie&szlig;en sei. Das sieht Bill Curry [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] in einem <a href=\"http:\/\/www.salon.com\/2016\/03\/09\/it_should_be_over_for_hillary_party_elites_and_msnbc_cant_prop_her_up_after_bernies_michigan_miracle\/\">Beitrag f&uuml;r Salon<\/a> grunds&auml;tzlich anders. F&uuml;r ihn ist es vielmehr Hillary Clinton, die nach ihrer Niederlage in Michigan vor dem Aus steht. Sch&ouml;nen Dank an unseren Leser Salvatore Panto, der uns Currys Artikel ins Deutsche &uuml;bersetzt hat.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Lesen Sie dazu auch auf den NachDenkSeiten: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=30687\">Jens Berger &ndash; Wer ist hier der Radikale? Bernie Sanders?<\/a><\/em><\/p><p><strong>F&uuml;r Hillary sollte es vorbei sein: Die Parteieliten und die Massenmedien werden sie nicht mehr aufrichten k&ouml;nnen nach Bernies Michigan Wunder.<\/strong><\/p><p><em>Freihandel, L&ouml;hne und die korrupte politische Klasse sind die neuen wichtigsten Themen. Bernie und Trump haben die Parteieliten erledigt.<\/em><\/p><p>Weder aus dem Fernsehen letzte Nacht noch aus den heutigen Zeitungen haben wir erfahren, dass der Sieg von Bernie Sanders in Michigan als eine der gr&ouml;&szlig;ten Umw&auml;lzungen in der Geschichte der Pr&auml;sidentschaftsvorwahlen gilt.<\/p><p>Sollte Sanders nominiert werden, wird das als der gr&ouml;&szlig;te Umbruch jedweder Art in die politische Geschichte der USA eingehen.<\/p><p>Wenn er dann die Wahlen gewinnt, wird das die grunds&auml;tzliche Richtung der Nation und der Welt &auml;ndern.<\/p><p>Die wichtigsten Lehren daraus sollte jedem offensichtlich sein, au&szlig;er den Medien:<\/p><p><strong>1. Die alte Politik ist vorbei.<\/strong> Die Trennlinien der neuen Politik sind keine kulturellen Fragen wie Waffen, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Ehe, welche die Demokratische und Republikanische Partei trennen.<\/p><p>Sie bestehen in Fragen der politischen Reform und &ouml;konomischen Gerechtigkeit, welche nicht nur die Parteieliten von den Parteibasen trennen, sondern auch die US-Bev&ouml;lkerung von ihrer Regierung. In diesen Fragen finden sich die Eliten beider Parteien auf einer schockierenden Weise vereint.  Darunter z&auml;hlen wir: globaler Freihandel; Finanzderegulierung und Verfolgung von Finanzverbrechen; soziales Sicherheitsnetz einschlie&szlig;lich Social Security, existenzsichernde L&ouml;hne und Gesundheitsversorgung f&uuml;r alle; und vor allem die &lsquo;sanfte Korruption&rsquo; einer Pay-to-Play-Politik.<\/p><p>Es gibt einen Namen f&uuml;r den partei&uuml;bergreifenden Konsens der Parteieliten: Neoliberalismus. Auch wenn der Name aus mehreren Gr&uuml;nden unpassend ist, vor allem weil es komisch anmutet, dass das Weltbild der Republikanischen Elite eine Ideologie mit der Wurzel &lsquo;liberal&rsquo; in ihrem Namen sein soll &ndash; ist er dennoch zutreffend und vermag zudem etwas Licht in den offenen, verbitterten Bruch zwischen der Elite der republikanischen Partei und ihrer Basis zu werfen. Die Demokraten sind etwas l&auml;nger ihren Eliten treu geblieben, und das aus zwei Gr&uuml;nden: Einer davon ist ihre Liebe zu zwei sehr talentierten Politikern: Bill Clinton und Barack Obama, deren Charme und Sprachgewandtheit tiefe Differenzen mit ihrer Basis maskiert haben. Der andere Grund ist die Angst vor den Republikanern.<\/p><p>Ich unterhalte mich oft mit Demokraten, die nicht wissen, dass es Obamas Entscheidung war, als Pr&auml;sident nicht den Mindestlohn zu erh&ouml;hen, obwohl er die Stimmen daf&uuml;r gehabt h&auml;tte; dass er gewillt war, Medicare und Social Security zu k&uuml;rzen, und sich entschied, weder die Verbrechen der Wall Street strafrechtlich zu verfolgen noch den Verhaltenskodex der Regierung zu reformieren. Sie wissen nicht, dass er die staatliche Option aus seiner Gesundheitsreform streichen lie&szlig; sowie die versprochenen Hilfen f&uuml;r die Hausbesitzer, die Opfer der Hypothekenkreditgeber wurden. Sie wissen es nicht, und sie wollen es auch nicht wissen. Ihre Zuneigung f&uuml;r Bill und Barack &ndash; und ihre Angst vor den Republikanern &ndash; sitzt zu tief.<\/p><p><strong>2. Hillary Clinton hat weder die pers&ouml;nliche Ausstrahlung noch die proteische Redegewandtheit.<\/strong> Wenn sie die Basis abzulenken oder deren Differenzen mit den Eliten zu verdecken versucht, wird sie von den W&auml;hlern durchschaut, selbst dann wenn sie, in ihrem Herzen, nicht wollen. In Michigan versuchte sie, Sanders als ein Gegner des Auto-Bailouts zu verleumden. Davor lie&szlig; sie durch Chelsea und Bill verk&uuml;nden, dass Sanders Medicare beseitigen w&uuml;rde. Jedesmal f&uuml;gte sie sich damit selbst Schaden zu. Auch versuchte sie Sanders&rsquo; Positionen zu Freihandel, Klimawandel, milit&auml;rischem Abenteuertum, existenzsichernden L&ouml;hnen und Gesundheitsversorgung f&uuml;r alle zu vereinnahmen.<\/p><p>Es ist alles zu wenig, zu sp&auml;t. Die W&auml;hler sp&uuml;ren, dass sie nur Figuren auf einem Schachbrett bewegt, teils weil sie niemals ihren Sinneswandel erkl&auml;ren kann und es oft auch gar nicht will. Sie wechselte die Fronten &uuml;ber den Freihandel in einem Blogeintrag, und &uuml;ber die Keystone Pipeline in einer Schulveranstaltung. Zuletzt &uuml;berlie&szlig; sie in einer Debatte das Fracking den Republikanischen Gouverneuren, die sich &uuml;ber Obamacare mit Ruhm bedeckten, als ginge es um ein Staatsrecht. Mit ihrem Super PAC (und ihre und Bills atemberaubende Ausbeute von 153 Millionen aus Vortragshonoraren bei Unternehmen) stellt sie das lebende Abbild der Pay-to-Play-Politik. Sie sollte nicht der Demokratische Pr&auml;sidentschaftskandidat sein, weil sie nicht einmal wei&szlig;, das es falsch ist.<\/p><p>Es gibt weitere Anzeichen, dass sie bedauerlicherweise den Bezug zur &ouml;ffentlichen Stimmung verloren hat. Diese Woche begann sie den W&auml;hlern zu erz&auml;hlen, dass sie und Bernie Freunde seien und dass es an der Zeit sei, ihre kleine Primary zu beenden, damit sie sich auf die Republikaner konzentrieren k&ouml;nne. Jeder au&szlig;erhalb ihrer schwerh&ouml;rigen Kampagne h&auml;tte ihr klarmachen k&ouml;nnen, dass sie als rechthaberisch, anma&szlig;end und herablassend wirkte. Die W&auml;hler haben sich noch nicht entschieden. Wenn sie es haben, werden sie es den Kandidaten wissen lassen. Als Partei- und Presseeliten ihre Linie nachplapperten, hatte das dieselbe Wirkung wie Mitts Anti-Trump-Rede auf die Republikaner.<\/p><p><strong>3. Die Leistung der Presse war grauenhaft.<\/strong> Es war schmerzhaft, letzte Nacht CNN und MSNBC zuzuschauen, und heute morgen die Washington Post und die New York Times zu lesen. Die Fernsehberichterstattung &auml;u&szlig;erte sich zu allem au&szlig;er zu den Wahlen 2016. Letzte Nacht wurde auf FOX, CNN und MSNBC 40 Minuten lang die Kamera auf Trump gehalten, als er eine bizarre weitl&auml;ufige Wutrede von sich gab, in der er &uuml;ber sich selbst sprach, seine Gegner und einige Steaks, die er gerade verkaufte oder verschenkte.<\/p><p>Als Bernie Geschichte machte, lie&szlig; CNN auf seinem Gro&szlig;bildschirm politischer Belanglosigkeiten den armen John King dar&uuml;ber berichten, wie sich vor acht oder 20 Jahren die Primaries in verschiedenen Bezirken Michigans abspielten. Auf MSNBC vertiefte sich eine aus Brian Williams, Rachel Maddow, Gene Robinson, Lawrence O&rsquo;Donnell and Chuck Todd bestehende Runde in die Frage, wen denn Hillary als Vizekandidaten ausw&auml;hlen k&ouml;nnte; einen echten Progressiven vielleicht, anl&auml;sslich des unbeachtlichen Auftretens von Bernie in Michigan. Sie stimmten darin &uuml;berein, dass es wahrscheinlich Elizabeth Warren sein w&uuml;rde, die sich bislang herausgehalten hat; oder Sherrod Brown, der Populist aus Ohio, dessen Frau sie alle kannten und mochten. Wirklich. Der Abschnitt endete mit einem Gel&auml;chter dar&uuml;ber, wie b&ouml;se Frau Brown &uuml;ber solche Schmeichelei sein w&uuml;rde. Am Ende der Stunde fasste Maddow den aktuellen Stand wie folgt zusammen: &ldquo;Die Spitzenkandidaten hatten eine gute Nacht.&rdquo; Heute morgen leitete die Times die Geschichte so ein: &ldquo;Der Sieg von Senator Bernie Sanders &uuml;ber Hillary Clinton verl&auml;ngert ein Rennen, den sie schon f&uuml;r sich entschieden zu haben schien, auch wenn sie Mississippi klar gewann.&rdquo; Und wie er das tut.<\/p><p>Clinton wurde in ihrem Kampf durch ihre Partei, Big Business und Top-Down-Unterst&uuml;tzung seitens progressiver Lobbies geholfen, die zu leisten ihren Mitgliedern das Herz gebrochen hat. Aber niemand hat ihr so sehr geholfen wie die Medien. Ich wei&szlig; sehr wohl, dass das nicht immer so war, und dass diese Hilfe nicht immer absichtlich ist. Aber die Medien helfen ihr auf unterschiedliche Art. <\/p><p>So helfen sie ihr einfach, indem sie ihre Ideologie teilen. Das trifft besonders f&uuml;r junge Journalisten in St&auml;tten des Establishments wie Times und NBC oder auf Webseiten wie Vox. Diese sind zumeist sehr intelligente Menschen, die die Welt wie Hillary sehen. (Ich w&uuml;rde das Neoliberalismus 2.0 nennen, aber es ist eher die Beta Version.) Sie sind zun&auml;chst aus kulturellen Gr&uuml;nden Demokraten. Sie identifizieren sich mit Eliten, kennen gar einige m&auml;chtige Paare und betrachten die korrupten Spielregeln als Naturgesetze. Das ist einer der Gr&uuml;nde, warum sie das alles nicht vorhersahen.<\/p><p>Das ist aber nicht der einzige Grund. Ihre Arbeitgeber setzen den Pferderennen-Journalismus &uuml;ber alles andere, so dass nichts aufgekl&auml;rt wird &ndash; weder was Trumps Gesch&auml;fte anbelangt, noch Hillarys oder Bernies politische Leistungen, oder ihre realen politischen Differenzen. Wenn Hillary entscheidende Differenzen unter den Teppich kehrt, um sie mit fadenscheinigen taktischen Argumenten zu ersetzen, gehen ihr die Reporter g&auml;nzlich auf den Leim &ndash; da alles was sie kennen, ist Taktik.<\/p><p>Taktisches Denken allein macht aber einen zum schlechten Taktiker. Wenn eine Revolution in der Luft liegt, bedeuten Umfragen, Geld und Werbung viel weniger. Reporter, die nichts anderes kennen, k&ouml;nnen nicht begreifen, wie W&auml;hler, die zwischen einem demokratischen Sozialisten, einem Pay-to-Play-Politiker und einem Faschisten zu w&auml;hlen haben, den ersten nehmen k&ouml;nnten. Sie haben Hillarys Mythos der Unvermeidlichkeit verinnerlicht, aber, wie Lawrence von Arabien dem Prinzen Ali erkl&auml;rte, nichts steht geschrieben. Wenn die demokratischen W&auml;hler wirklich ihren Kopf benutzen, werden sie die taktischen Argumente durchschauen, wie es die in Michigan taten &ndash; und dann &uuml;berall in den USA in die Wahlkabine gehen und nach ihrem Herz w&auml;hlen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Bill Curry war Berater von Bill Clinton im Wei&szlig;en Haus und zweifacher Kandidat f&uuml;r den Gouverneur von Connecticut. Er arbeitet an einem Buch &uuml;ber Pr&auml;sident Obama und die Politik des Populismus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160311_sanders.jpg\" alt=\"Bernie Sanders\" title=\"Bernie Sanders\"\/><\/div>\n<p>In den deutschen Medien findet Bernie Sanders im Grunde nicht statt. Wenn man sich schon einmal dazu herabl&auml;sst, &uuml;ber den linken Konkurrenten von Hillary Clinton zu berichten, dann meist mit negativem Beiklang: ein alter Idealist mit netten aber komplett unrealistischen Tr&auml;umen sei<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32034\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[174,190],"tags":[1090,1227,374,1236,1802,291],"class_list":["post-32034","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-usa","category-wahlen","tag-clinton-hillary","tag-demokraten","tag-eliten","tag-republikaner","tag-sanders-bernie","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32034","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=32034"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32034\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32044,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32034\/revisions\/32044"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=32034"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=32034"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=32034"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}