{"id":32103,"date":"2016-03-14T10:44:53","date_gmt":"2016-03-14T09:44:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32103"},"modified":"2016-03-14T12:09:21","modified_gmt":"2016-03-14T11:09:21","slug":"anmerkungen-zu-den-landtagswahlen-in-baden-wuerttemberg-rheinland-pfalz-und-sachsen-anhalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32103","title":{"rendered":"Anmerkungen zu den Landtagswahlen in Baden-W\u00fcrttemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt"},"content":{"rendered":"<p>Die Ergebnisse sind bemerkenswert, schon deshalb, weil sie so verschieden sind. Sie sind bemerkenswert wegen des Anstiegs der Wahlbeteiligung und wegen des zweistelligen Einzugs der AfD in alle drei Landtage. Weil die herk&ouml;mmlichen Parteien keine wirkliche Alternative bieten, findet die AfD einen unbestellten Acker. Schlimm! Zahlen und Grafiken zu den vorl&auml;ufigen amtlichen Ergebnissen finden Sie im Anhang. Und hier einige erl&auml;uternde Bemerkungen: <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li>Die <strong>Wahlbeteiligung<\/strong> stieg in Sachsen-Anhalt von 51,2 auf 61,1 %, also um 9,9 Punkte, in Rheinland-Pfalz von 61,8 auf 70,8, also um 9 Punkte, und in Baden-W&uuml;rttemberg von 66,3 auf 70,4 %, also um 4,1 Punkte. Das ist vermutlich die Folge einer konfliktreichen Debatte um die Fl&uuml;chtlingsfragen und auch die Folge des Auftretens einer neuen Partei, der AfD. Sie hat nach den Umfragen zur W&auml;hlerwanderung besonders viele Menschen angezogen, die bisher nicht gew&auml;hlt haben. Die st&auml;rkere Politisierung und h&ouml;here Beteiligung an der Wahl ist also gepaart mit dem Auftreten und dem Erfolg einer rechten Partei.<\/li>\n<li><strong>Personen und die Personalisierung im Wahlkampf<\/strong> hatten bei diesen Landtagswahlen zumindest in Baden-W&uuml;rttemberg und Rheinland-Pfalz ein sehr gro&szlig;es Gewicht. Die Gr&uuml;nen in Baden-W&uuml;rttemberg haben ihren Sieg ganz wesentlich Kretschmann und dessen Ausstrahlung f&uuml;r Konservative zu verdanken; das den Niederlagen der SPD in Baden-W&uuml;rttemberg und Sachsen-Anhalt widersprechende Ergebnis der SPD in Rheinland-Pfalz hat ganz wesentlich mit der Person der Ministerpr&auml;sidentin Malu Dreyer und ihrer bemerkenswerten Aufhol- und &Uuml;berholjagd im Wahlkampf zu tun.<\/li>\n<li><strong>Die SPD<\/strong> hat jetzt in Baden-W&uuml;rttemberg (12,7) und in Sachsen-Anhalt (10,6) Ergebnisse von knapp &uuml;ber 10 % erreicht, die sie bisher vor allem in Sachsen notieren musste. Das sind katastrophale Ergebnisse. Sie signalisieren, dass die &auml;lteste Partei Deutschlands keine Stammw&auml;hlerschaft mehr besitzt und als Volkspartei nicht mehr bezeichnet werden kann. Man beachte, dass Sachsen-Anhalt mit Magdeburg und Halle zum Beispiel zwei St&auml;dte und Regionen umfasst, die man fr&uuml;her einmal, vor der Nazizeit, als Hochburgen der Sozialdemokratie betrachten konnte. Und Baden-W&uuml;rttemberg war immer auch so etwas wie eine Personalreserve f&uuml;r die SPD: Carlo Schmid, Alex M&ouml;ller, Fritz Erler, Erhard Eppler, Hermann Scheer und der gerade verstorbene Peter Conradi stehen f&uuml;r diese Reserve, die Baden-W&uuml;rttemberg &uuml;ber lange Zeit bildete. Jetzt sind die SPD Baden-W&uuml;rttembergs und Sachsen-Anhalts Musterf&auml;lle personaler Armut. Der Zentrale in Berlin ist dringend anzuraten, auf Talentsuche zu gehen, nicht nur f&uuml;r die L&auml;nder und Landesparteien sondern auch f&uuml;r die Bundespartei.<\/li>\n<li><strong>Der Niedergang der SPD hat vermutlich sehr viel mit der programmatischen Auszehrung, der Anpassung an rechte Positionen zu tun.<\/strong> Das gilt f&uuml;r die Verneigung vor neoliberalen Ideologien, wie sie bei der Einf&uuml;hrung der Agenda 2010 sichtbar wurde, genauso wie f&uuml;r die freundliche Offenheit f&uuml;r Milit&auml;reins&auml;tze und den Aufbau neuer Feindschaften zwischen West und Ost. Beides sind Br&uuml;che mit der Programmatik, die nicht ohne Abkehr der W&auml;hlerinnen und W&auml;hler zu machen sind. Die Quittung kommt manchmal direkt und manchmal sp&auml;ter.<\/li>\n<li><strong>Der Erfolg der AfD muss nicht verwundern.<\/strong> Angesichts der Tatsache, dass die anderen Parteien keine Alternative bieten, ist der massenhafte Zustrom zu einer politischen Bewegung, die sich Alternative nennt, nicht besonders ungew&ouml;hnlich. SPD und Gr&uuml;ne sind also die Verursacher des Aufstiegs der AfD wegen ihrer Weigerung, eine Alternative zu bieten. Angela Merkel hat mit ihrer Fl&uuml;chtlingspolitik wesentlich dazu beigetragen.<\/li>\n<li><strong>Zur AfD str&ouml;mten vermutlich auch viele Arbeitslose und benachteiligte Menschen. Sie werden mit dieser Partei noch ihr Wunder erleben.<\/strong> Am Wahlabend fiel jedenfalls schon auf, mit welcher bewussten Penetranz die Vertreter der AfD betonten, die AfD sei eine konservative Partei.<\/li>\n<li><strong>Die Linke ist marginalisiert.<\/strong> Jenseits von Rheinland-Pfalz gilt das f&uuml;r die Linkspartei und die SPD zusammengenommen. Sie sind unbedeutend geworden in einer Zeit, die nach fortschrittlicher Politik schreit: Kriegsgefahr, skandal&ouml;se Einkommens- und Verm&ouml;gensverteilung, Feudalisierung &ndash; lauter Symptome f&uuml;r Schieflagen unserer Gesellschaft, die eine progressive Antwort verlangen w&uuml;rden. Ein Corbyn oder ein Sanders ist hierzulande nirgendwo in Sicht, obwohl ihre radikale fortschrittliche Position in der Sache voll gerechtfertigt w&auml;re. (Siehe dazu das Thema Talentsuche, Ziffer 3.)<\/li>\n<li>Bei den Diskussionen der Wahlergebnisse im Fernsehen fiel auf, <strong>mit welcher Penetranz die Vertreterinnen und Vertreter der bisher in den Landtagen vertretenen Parteien von sich als &bdquo;demokratischen&ldquo; Parteien sprachen<\/strong> und sich mit diesem Attribut von der AfD absetzen wollten. Die AfD vertritt in der Tat Positionen, die man als Demokrat schwer ertragen kann. Aber sie sollte nicht daf&uuml;r hergenommen werden, die eigene Qualit&auml;t herauszuputzen, wo diese Qualit&auml;t nicht vorhanden ist. Frau Merkel zum Beispiel und ihre CDU setzen in ihrer Medienpolitik darauf, dass andere Parteien schlechter behandelt werden und sie selbst unentwegt ins Licht gehoben werden. Sie haben einen undemokratischen Einfluss auf die &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien und &uuml;ber pers&ouml;nliche Beziehungen zu Springer und Bertelsmann einen &auml;hnlichen Einfluss auf diese privaten Medienkonzerne. Damit unterh&ouml;hlen sie die demokratische Substanz unseres Gemeinwesens.<\/li>\n<li><strong>Die Verantwortung der Bundeskanzlerin f&uuml;r den Erfolg der AfD wurde in den vielen Fernsehdiskussionen nicht geb&uuml;hrend angesprochen.<\/strong> Sie hat mit ihren offenen Armen ihr Image gewaltig aufgebessert, ja geradezu korrigiert. Sie galt zusammen mit Bundesfinanzminister Sch&auml;uble wegen des Umgangs mit Griechenland und anderen S&uuml;dl&auml;ndern als feindselig gegen&uuml;ber anderen L&auml;ndern. Mit ihrer einladenden Geste f&uuml;r alle potentiellen Fl&uuml;chtlinge hat sie dieses Image nachhaltig korrigiert. Die Irritation im eigenen Land und damit auch die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r rechtsradikale Parteien wie die AfD war sozusagen der Kollateralschaden, den sie und auch die Mehrheit der Medien wohlwollend hingenommen haben.<\/li>\n<\/ol><p><strong>Anhang: Vorl&auml;ufige Wahlergebnisse<\/strong><\/p><p><strong>Rheinland-Pfalz:<\/strong><\/p><p><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-01.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-01-small_.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><br>\n&nbsp;<br>\n<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-02.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-02-small_.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/a><\/p><p><strong>Ergebnis der Landtagswahl in Baden-W&uuml;rttemberg<\/strong><\/p><p>Ein Wahlergebnis der Superlative und ein politisches Erdbeben: Die Gr&uuml;nen fahren mit 30,3 Prozent das beste Ergebnis bei einer Wahl &uuml;berhaupt ein, erstmals in ihrer Geschichte sind sie die st&auml;rkste Kraft bei einer Landtagswahl. Schwarzer Tag f&uuml;r die Schwarzen und Roten: Die CDU (27 Prozent) und SPD (12,7 Prozent) sinken auf ein Allzeittief, die Alternative f&uuml;r Deutschland (15,1 Prozent), vor einem Jahr noch totgesagt, zieht aus dem Stand in den Landtag ein und die FDP (8,3 Prozent) kann sich in ihrem Stammland leicht verbessern. Die Linke scheitert mit 2,9 Prozent abermals an der F&uuml;nf-Prozent-H&uuml;rde. Die Wahlbeteiligung lag bei 70,8 Prozent. (2011: 66,3 Prozent)<\/p><p>Vorl&auml;ufiges Ergebnis der Landtagswahl 2016&nbsp;<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-03_.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Quelle:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.statistik.baden-wuerttemberg.de\/\">Statistisches Landesamt Baden-W&uuml;rttemberg<\/a>&nbsp;vom 13.3. 2016 um 22:00 Uhr<\/p><p><strong>Vorl&auml;ufiges amtliches Ergebnis Sachsen-Anhalt:<\/strong><\/p><p><strong>Wahlbeteiligung<\/strong>:&nbsp;61,1%&nbsp;(2011: 51.2%)<\/p><table>\n<tr>\n<th><\/th>\n<th>2016<\/th>\n<th>2011<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>CDU<\/td>\n<td>29,8%<\/td>\n<td>32,5%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>DIE LINKE<\/td>\n<td>16,3%<\/td>\n<td>23,7%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>SPD<\/td>\n<td>10,6%<\/td>\n<td>21,5%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>GR&Uuml;NE<\/td>\n<td>5,2%<\/td>\n<td>7,1%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>AfD<\/td>\n<td>24,2%<\/td>\n<td><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>FDP<\/td>\n<td>4,9%<\/td>\n<td>3,8%<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Sonstige<\/td>\n<td>9%<\/td>\n<td>11,4%<\/td>\n<\/tr>\n<\/table><p>\n<strong><br>Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt:<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-04_.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160314-Landtag-05-.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/themen\/landtagswahl-sachsen-anhalt\/\">Die Welt &ndash; Landtagswahl Sachsen-Anhalt<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ergebnisse sind bemerkenswert, schon deshalb, weil sie so verschieden sind. Sie sind bemerkenswert wegen des Anstiegs der Wahlbeteiligung und wegen des zweistelligen Einzugs der AfD in alle drei Landtage. Weil die herk&ouml;mmlichen Parteien keine wirkliche Alternative bieten, findet die AfD einen unbestellten Acker. Schlimm! 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