{"id":3211,"date":"2008-05-09T09:59:02","date_gmt":"2008-05-09T07:59:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3211"},"modified":"2015-11-24T10:16:35","modified_gmt":"2015-11-24T09:16:35","slug":"professor-sinn-fuer-riester-pflicht-wie-ist-es-moeglich-dass-ein-solcher-bloedsinn-eingang-und-verbreitung-in-unseren-medien-findet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3211","title":{"rendered":"Professor Sinn f\u00fcr Riester-Pflicht. Wie ist es m\u00f6glich, dass ein solcher Bl\u00f6dsinn Eingang und Verbreitung in unseren Medien findet?"},"content":{"rendered":"<p>Am 8.5. erschien in den &bdquo;Ruhr Nachrichten&ldquo; die Forderung von Professur Sinn nach Verpflichtung zur Riester-Rente. Die sie nicht nutzen seien Trittbrettfahrer. Diese Meldung wurde in mehreren Medien verbreitet, u. a. in ZDF heute, bei ntv, im Focus und in der Welt. Links siehe unten. &ndash; Sinns Forderung ist in mehrerer Hinsicht bodenlos. Die Riester-Rente ist eine Privatvorsorge. Diese wurde uns mit dem hehren Anspruch, die Eigenverantwortung wahrzunehmen, verkauft. Jetzt soll Eigenverantwortung zur Pflicht gemacht werden. Absurd. &ndash; Auch die Beschimpfung jener, die keinen Riester-Vertrag abgeschlossen haben, als Trittbrettfahrer ist wirklich, verzeihen Sie, bescheuert. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nJene, die meist aus Geldmangel oder aus rationaler &Uuml;berlegung &ndash; zum Beispiel, weil sie nicht einsehen, dass sie der Versicherungswirtschaft das Geld in den Rachen werfen sollen &ndash; keine Riester-Vertr&auml;ge abgeschlossen haben, subventionieren zur Zeit mit ihrer Lohnsteuer, Mehrwertsteuer und Mineral&ouml;lsteuer die Subventionen des Staates\/der Steuerzahler f&uuml;r die Privatvorsorge &uuml;ber Riester-Rente und R&uuml;rup-Rente. <strong>Trittbrettfahrer sind also nicht diese Steuer- und Subventionszahler, Trittbrettfahrer sind jene, die riestern. Sie werden von jenen subventioniert, die sich die Riester-Rente oder die R&uuml;rup-Rente nicht leisten (k&ouml;nnen).<\/strong><\/p><p>Obwohl bei beiden unseligen &Auml;u&szlig;erungen des Herrn Sinn die Sinnlosigkeit klar ist, transportieren viele Medien diese wirkliche Zumutung. Dar&uuml;ber mache ich mir Sorgen, weil die Gedankenlosigkeit und Kritiklosigkeit der Medien in der Frage der Altersvorsorge langsam bedrohliche Formen und Dimensionen annimmt. Dazu fallen mir zwei Erkl&auml;rungen ein, vielleicht Ihnen als Leser noch andere:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Daran, dass ein solcher Wahnsinn wie der neue von Herrn Sinn weiterverbreitet wird &ndash; genauso wie mit den vielen Auftritten von Raffelh&uuml;schen, Miegel, R&uuml;rup, B&ouml;rsch-Supan und anderen Professoren -, wird die Publicrelations-Kraft der interessierten Finanzwirtschaft sichtbar. Es ist deutlich zu erkennen, dass sich die Versicherungen, Banken und anderen Finanzdienstleister die genannten Professoren wie auch einige Politiker dienstbar gemacht haben. Ein Vorsto&szlig; wie die Forderung des Herrn Sinn nach der Verpflichtung zur Riester-Rente ist von der Finanzwirtschaft geplant. Ihre Publicrelations-Agenturen sorgen in einem solchen Fall daf&uuml;r, dass zum einen eine Ver&ouml;ffentlichung wie jene in den RuhrNachrichten stattfindet und dass zum andern dann auf einen Schlag die Verbreitung in anderen Medien Platz greift.<\/p><p>In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass die Publicrelations-Branche boomt. Dort sind viele Journalisten untergeschl&uuml;pft, die bisher bei verschiedenen Medien t&auml;tig waren. Diese werden in einem solchen konkreten Fall los geschickt, um bei ihren fr&uuml;heren Kolleginnen und Kollegen mit dem Vorschlag vorstellig zu werden, die &bdquo;interessante&ldquo; Meldung der RuhrNachrichten &uuml;ber die &Auml;u&szlig;erungen des Professors aus M&uuml;nchen doch aufzugreifen. In manchen F&auml;llen ist die Weitergabe auf Stichwort sicher auch schon durch die Chefredakteure organisiert.<\/p><p>Wie weit die Chefredakteure in das neoliberale Netzwerk eingebaut sind, konnte man dieser Tage beobachten. Es erschien n&auml;mlich ein Buch des neoliberalen &bdquo;Konvents f&uuml;r Deutschland&ldquo; mit den Autoren Roman Herzog, Wolfgang Clement, Hans Olaf Henkel und anderen. Dieses Buch besteht aus Interviews von Chefredakteuren mit Vertretern des &bdquo;Konvents f&uuml;r Deutschland&ldquo;. Soweit sind wir schon, dass die Chefredakteure unserer f&uuml;hrenden Medien ihren guten Namen f&uuml;r eine solche Lobbyorganisation hergeben. Wir m&uuml;ssen davon ausgehen, dass diese Chefredakteure mit dem erkennbaren grunds&auml;tzlichen Wohlwollen daf&uuml;r sorgen, dass Meldungen wie jene &uuml;ber die &Auml;u&szlig;erungen von Professor Sinn ins Blatt oder in den Sender gehoben werden.<\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Die Bereitschaft viele Journalisten, mit jedem Unsinn Reklame f&uuml;r Privatvorsorge zu machen und sich auch sonst immer pro Privatvorsorge\/Kapitaldeckungsverfahren und gegen die gesetzliche Rente\/das Umlageverfahren in Stellung bringen zu lassen, hat vermutlich auch etwas mit der pers&ouml;nlichen Altersvorsorgesituation vieler Journalisten zu tun. Ich muss zum Hintergrund dieser Entdeckung, wie ich meine, noch ausholen: In den letzten Wochen hatte ich vermehrt Gespr&auml;che, Interviews oder auch nur Meinungsaustausch mit Journalisten &uuml;ber die Altersvorsorge. Dabei bin ich &bdquo;verl&auml;sslich&ldquo; auf eine wirklich totale Festlegung dieser Gespr&auml;chspartner getroffen. Sie halten nichts von der gesetzlichen Rente, sie spotten &uuml;ber Norbert Bl&uuml;ms &bdquo;Aber eines ist sicher &ndash; die Rente&ldquo; in einer schon kindischen Manier; sie sind nicht bereit, wenigstens dar&uuml;ber nachzudenken, ob es nicht sinnvoll w&auml;re, die Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente wieder herzustellen, um auf diese Weise Altersarmut zu vermeiden. Ich habe mir &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde dieser seltsamen Gleichrichtung des F&uuml;hlens und Denkens meiner Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen Gedanken gemacht.<\/p><p>Der Hinweis einer Journalistin darauf, dass sie monatlich 7,5% (wie sie meint) ihres Bruttogehaltes an das Presseversorgungswerk zahlt, bringt mich auf die Erkl&auml;rung dieses seltsamen Ph&auml;nomens. Nahezu alle Journalisten, jedenfalls die Festangestellten, aber auch viele freie, machen pers&ouml;nlich bei kapitalgedeckten Altersvorsorgesystemen mit. Bei den Tageszeitungen gehen sie mit der Einstellung die Verpflichtung dazu ein. Die Gewerkschaften haben mit den Verlegern auch recht gute Konditionen ausgehandelt. Den gr&ouml;&szlig;eren Teil des Beitrags zahlen jedenfalls bei den Tageszeitungen die Verleger. Obwohl private Versicherungsgesellschaften, nach meiner Information federf&uuml;hrend die Allianz, daran beteiligt sind, sind die Kosten des Betriebs dieser privaten Vorsorgesysteme niedrig gehalten &ndash; um die 2% beim Presseversorgungswerk.<\/p><p>Das hei&szlig;t: Jene Journalisten &ndash; und das ist ein betr&auml;chtlicher Anteil -, die in diesem Altersvorsorgesystem oder bei jenem der Rundfunk-Journalisten, der Baden-Badener Pensionskasse, mitmachen, machen insgesamt einigerma&szlig;en gute Erfahrungen mit einem kapitalgedeckten Vorsorgesystem. Diesen Eindruck &uuml;bertragen sie offensichtlich auf die allgemeine Debatte. Sie m&uuml;ssten au&szlig;erdem mit der kognitiven Dissonanz fertig werden, wenn sie sich f&uuml;r die Wiederbelebung der gesetzlichen Rente und des Umlageverfahrens stark machen sollten. <\/p><p>Es bleiben dann heute noch eine Reihe von Journalistinnen und Journalisten, die sich die Privatvorsorge nicht leisten (k&ouml;nnen), deren gesetzliche Rente &ndash; die K&uuml;nstlersozialversicherung &ndash; wie die gesetzliche Rente der anderen Arbeitnehmer unter der von der Politik bewusst gemachten Minderung der Leistungsf&auml;higkeit leidet. Auch bei diesen Kolleginnen und Kollegen bleibt der Eindruck h&auml;ngen, dass es die gesetzliche Rente nicht mehr bringt und die Privatvorsorge in jedem Fall mehr bringt. Auch sie &uuml;bertragen vermutlich diese pers&ouml;nliche Erfahrung auf die Debatte des Themas insgesamt.<\/p><p>Die Autoren und Macher des Fernsehfilms &bdquo;Rentenangst&ldquo; des Saarl&auml;ndischen Rundfunks geh&ouml;ren mit einigen wenigen anderen Kolleginnen und Kollegen zu jenen Ausnahmen, die ihr Urteil &uuml;ber gesellschaftspolitische Probleme und L&ouml;sungen nicht nur an der eigenen pers&ouml;nlichen Erfahrung und Interessenlage aufh&auml;ngen.<\/p><p>Das ist nun sicher nicht die vollst&auml;ndige Erkl&auml;rung, aber vielleicht ein Ansto&szlig; f&uuml;r weitere Analysen dieses wichtigen Ph&auml;nomens, dass unsere Medienmacher sooo sehr pro Privatvorsorge engagiert sind und kein offenes Ohr f&uuml;r die gro&szlig;artigen M&ouml;glichkeiten des Umlageverfahrens haben.<\/p><p>Und hier noch die Links zu Meldungen &uuml;ber Professor Sinns &Auml;u&szlig;erungen:<\/p><p><strong>A.<\/strong><br>\nEin &ldquo;sehr gro&szlig;er Teil der Renten&rdquo; werde in den n&auml;chsten drei&szlig;ig Jahren nicht mehr &uuml;ber dem Sozialhilfeniveau liegen, sagte Wirtschaftsexperte Sinn den &ldquo;Ruhr Nachrichten&rdquo;. Dass nur 30 Prozent der Berechtigten f&uuml;r eine Riester-Rente sparen, sei &ldquo;ein Skandal&rdquo;. Man m&uuml;sse daf&uuml;r sorgen, dass alle mitmachen. &ldquo;Es gibt zu viele Trittbrettfahrer, die sagen: Der Staat wird mich schon nicht h&auml;ngen lassen, wenn ich nicht spare. Dieses Verhalten kann nicht toleriert werden&rdquo;, sagte er dem Blatt.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/23\/0,3672,7236023,00.html\">Heute<\/a><\/p><p><strong>B. Meldung eines NachDenkSeiten Lesers: <\/strong><br>\nHeute morgen 7.30 Uhr im Teletex bei n-tv: Prof. Sinn fordert zynisch Riestersparen f&uuml;r alle.<br>\nEs g&auml;be zu viele &bdquo;Trittbrettfahrer&ldquo; die w&uuml;ssten, dass sie zu wenig Rente erhalten werden und sich wissentlich auf den Staat verlassen. Die Meldung wurde inzwischen abgeschw&auml;cht. Das Wort Trittbrettfahrer wurde gestrichen. Aber wie sollen denn gerade diejenigen Menschen, die auf Grund ihres niedrigen Erwerbseinkommens sp&auml;ter einmal eine niedrige Rente erhalten, von diesem Einkommen noch Riester ansparen?<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.n-tv.de\/Zu_viele_Trittbrettfahrer_Sinn_fordert_RiesterPflicht\/080520082210\/960663.html\">N-TV<\/a><\/p><p><strong>C. Ifo-Chef fordert &bdquo;Riester-Pflicht&ldquo;<\/strong><br>\nAngesichts der zunehmenden Altersarmut hat sich der Pr&auml;sident des Ifo-Instituts f&uuml;r eine verpflichtende Riester-Rente ausgesprochen. Damit will er gegen Trittbrettfahrer vorgehen, die allein auf staatliche Leistung setzen.Ein &bdquo;sehr gro&szlig;er Teil der Renten&ldquo; werde in den n&auml;chsten 30 Jahren nicht mehr &uuml;ber dem Sozialhilfeniveau liegen, sagte Hans-Werner Sinn den &bdquo;Ruhr Nachrichten&ldquo; vom Donnerstag. Dass nur 30 Prozent der Berechtigten f&uuml;r eine Riester-Rente sparen, sei &bdquo;ein Skandal&ldquo;. Man m&uuml;sse daf&uuml;r sorgen, dass alle mitmachen. &bdquo;Es gibt zu viele Trittbrettfahrer, die sagen: Der Staat wird mich schon nicht h&auml;ngen lassen, wenn ich nicht spare. Dieses Verhalten kann nicht toleriert werden&ldquo;, sagte er dem Blatt.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/finanzen\/altersvorsorge\/rente-ifo-chef-fordert-riester-pflicht_aid_300366.html\">Focus-online<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8.5. erschien in den &bdquo;Ruhr Nachrichten&ldquo; die Forderung von Professur Sinn nach Verpflichtung zur Riester-Rente. Die sie nicht nutzen seien Trittbrettfahrer. Diese Meldung wurde in mehreren Medien verbreitet, u. a. in ZDF heute, bei ntv, im Focus und in der Welt. Links siehe unten. &ndash; Sinns Forderung ist in mehrerer Hinsicht bodenlos. Die Riester-Rente<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3211\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,183,40],"tags":[840,1665,273,424,394,1540],"class_list":["post-3211","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","category-riester-ruerup-taeuschung-privatrente","tag-focus","tag-ntv","tag-privatvorsorge","tag-sinn-hans-werner","tag-subventionen","tag-zdf"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3211","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3211"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3211\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28950,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3211\/revisions\/28950"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3211"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3211"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3211"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}