{"id":3212,"date":"2008-05-09T13:35:39","date_gmt":"2008-05-09T11:35:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3212"},"modified":"2015-11-24T10:13:39","modified_gmt":"2015-11-24T09:13:39","slug":"die-normierung-von-sprachreisen-oder-wie-man-mit-dem-deutschen-verbraucherschutz-pr-betreiben-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3212","title":{"rendered":"Die Normierung von Sprachreisen \u2013 oder wie man mit dem deutschen Verbraucherschutz PR betreiben kann"},"content":{"rendered":"<p>Der Interessenverband der Anbieter von Sprachreisen und Verbrauchersch&uuml;tzer entwickeln eine &bdquo;Win-Win-Situation&ldquo;. Auf der Strecke bleiben die Verbraucher und die Sprachschulen. Ein Bericht &uuml;ber Verstrickungen im deutschen Verbraucherschutz von Alexandru Sandbrand<br>\n<!--more--><br>\nEine Sprachreise ist ein Sprachkurs an einer Schule im Ausland, bei dem die Landessprache trainiert werden soll. Die Sprachschulen organisieren dazu meist ein erg&auml;nzendes Freizeit- und Kulturprogramm und sie sorgen f&uuml;r die Unterkunft &ndash; oft bei Gastfamilien. Eine Sprachreise hat auch einen Urlaubsaspekt. F&uuml;r eine solche Sprachreise brauchte man eigentlich, im Gegensatz zu einer begleiteten Studienreise, keine Agentur. So macht etwa das Internet den direkten Zugang zu den Sprachschulen weltweit m&ouml;glich. <\/p><p>Der FDSV, der Verband deutscher Sprachreiseagenturen, versuchte auf diese ver&auml;nderte Wettbewerbssituation zu reagieren und initiierte beim DIN, dem Deutschen Institut f&uuml;r Normung, die Norm 14804, mit dem Titel &bdquo;Sprachreisen, das ist Norm in Europa&ldquo; und finanzierte dies laut Pressemitteilung mit fast 40.000 Euros, zus&auml;tzlich zu den F&ouml;rdermitteln des Ministeriums f&uuml;r Verbraucherschutz und der EU. Autor der Norm ist Dr. Holger M&uuml;hlbauer, gelernter Maschinenschlosser und promovierter Jurist. Geleitet hat die Arbeitsgruppe Joachim Pitsch, Vorstandsmitglied des FDSV, Klaus Vetter (von Studiosus), Kristina Unverricht vom DIN und die Juristin Gabriele Francke, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin der Verbraucherzentrale Berlin. Frau Francke war zu dem Zeitpunkt auch Mitglied im Beirat des Verbandes deutscher Sprachreiseagenturen und Mitglied im Kuratorium der Stiftung Warentest. In welcher dieser Funktionen sie zu dieser Norm beigetragen hat, ist nicht ganz klar. Alle an der Norm beteiligten waren Juristen, Betriebswirte und Marketingexperten. Vertreter von Sprachschulen, die die Sprachreisen organisieren und durchf&uuml;hren, waren nicht dabei. <\/p><p>Die Norm spricht fast ausschlie&szlig;lich von Agenturen und nicht von Schulen. Sie besch&auml;ftigt sich haupts&auml;chlich mit dem Problemkind Unterkunft, spricht dabei allerdings die wichtigsten Punkte nicht an und liest sich mehr wie eine Marketinganleitung f&uuml;r die Agenturen. Der Verbraucher hat wenig davon. So sagt die Norm  z:B., dass die Agentur innerhalb der ersten f&uuml;nf Tage die Zufriedenheit des Kunden bewerten und eventuelle Probleme l&ouml;sen muss. Wie soll aber die Zufriedenheit gepr&uuml;ft werden, wenn der Kunde kein Handy hat? Wie erreicht man den Sch&uuml;ler, wenn er sich in einer v&ouml;llig anderen Zeitzone wie Neuseeland oder Kalifornien befindet? Wie viele zus&auml;tzliche Mitarbeiter m&uuml;sste die Agentur einstellen, wenn dies konsequent befolgt werden w&uuml;rde?<br>\n&Auml;hnlich unrealistisch sind die Anforderungen an die Standards der Unterbringung, die schon f&uuml;r Italien oder Spanien realit&auml;tsfern sind. Was da gefordert wird, klingt alles sch&ouml;n f&uuml;r Laien, den Beteiligten m&uuml;sste jedoch klar sein, dass das wenig mit dem Alltag einer Sprachreise zu tun hat. Die Norm wurde vom Verband und seinen Mitgliedern in Pressemitteilungen als Mindestanforderung beschrieben, die von ihnen schon lange erf&uuml;llt w&uuml;rden, sie sei ein Gewinn an Transparenz f&uuml;r den Kunden. <\/p><p>Transparenz w&auml;re wirklich n&ouml;tig, denn die meisten der beteiligten Agenturen nennen z.B. den Namen der Sprachschule erst nach der Buchung. Dieses wenig transparente Verhalten, das dem Kunden jegliche Vergleichsm&ouml;glichkeit nimmt, war leider kein Kriterium der Norm. Auch der Beirat des Verbandes der Sprachreiseagenturen, mit hochrangigen Verbrauchersch&uuml;tzern besetzt, konnte diese Transparenz nicht einfordern. Die Situation ist also f&uuml;r den Verbraucher ungef&auml;hr so, wie wenn er eine Waschmaschine kaufte und erst nach der Bezahlung erf&auml;hrt, welche Marke und welches Modell er geliefert bekommt. Das blieb jedoch von den Verbrauchersch&uuml;tzern unbeanstandet.<\/p><p>Einige Monate sp&auml;ter kommt eine weitere Pressemitteilung: die Sprachreiseagentur &bdquo;Dialog&ldquo; in Freiburg wurde als erste nach der DIN Norm 14804 von der Zertifizierungsgesellschaft DIN Certo zertifiziert. Dazu ein Bild, auf dem der Abteilungsleiter bei DIN, Dr. Holger M&uuml;hlbauer, und der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Sprachreiseagentur &bdquo;Dialog&ldquo; in Freiburg, Joachim Pitsch, sich l&auml;chelnd die H&auml;nde sch&uuml;tteln. Dieselben Herren, die diese Norm in anderen Funktionen aufgestellt haben! Da die Sprachschulen im Ausland sitzen und sich neben Deutschland um viele M&auml;rkte k&uuml;mmern m&uuml;ssen und der Verbraucher in der Regel nur einmal im Leben eine Sprachreise bucht und sich in dieser Materie nicht auskennt, wurde offenbar kein gro&szlig;er Widerstand erwartet.<\/p><p>Es folgte eine Flut an Pressemeldungen, die Agenturen lie&szlig;en sich zertifizieren, verschickten Pressemitteilungen und warben auf ihren Publikationen damit. Sieht man sich auf der Website von DIN Certo die Inhaber der Zertifikate nach der DIN Norm 14804 an, findet man ausschlie&szlig;lich Mitglieder des Verbandes f&uuml;r Sprachreiseagenturen, obwohl es knapp 300 Anbieter von Sprachreisen gibt, von denen nur gut 20 im Verband organisiert sind. F&uuml;r die Zertifizierung wurden sie vor Ort von einer Verbrauchersch&uuml;tzerin besucht.<\/p><p>Im Herbst 2007 k&uuml;ndigte dann die Stiftung Warentest ein Sonderheft zum Thema Sprachreisen an. Wir erinnern uns: Die Gesch&auml;ftsf&uuml;hrerin der Verbraucherzentrale Berlin, Frau Francke, sitzt im Beirat des Verbandes f&uuml;r Sprachreiseagenturen, hat aktiv zum Gelingen der Norm beigetragen und ist auch Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Warentest. Das Kuratorium der Stiftung Warentest macht dem Vorstand Vorschl&auml;ge, welche Dienstleistungen und Produkte getestet werden und wie diese Tests durchgef&uuml;hrt werden sollen. Das Testheft basiert nach eigenen Angaben auf der schon erw&auml;hnten DIN Norm 14804, die in Fachkreisen als Aufh&auml;nger f&uuml;r Pressemitteilungen und als Marketinganleitung angesehen wird. An der DIN-Norm haben nur Mitglieder des Verbandes mitgewirkt, Din Certo hat nur Mitglieder des Verbandes zertifiziert und auch beim Sonderheft der Stiftung Warentest werden, mit Ausnahme von zwei kleinen regionalen Anbietern, nur Agenturen, die Mitglied im Verband sind, getestet. <\/p><p>Dass die meisten Agenturen dem Kunden den Namen der Sprachschule erst nach der Buchung mitteilen und ihm keine Vergleichsm&ouml;glichkeit erm&ouml;glichen, wird kaum erw&auml;hnt. Auch sind viele Gastfamilien auf Malta als schlecht beurteilt worden. Das h&auml;tte aber normgem&auml;&szlig; gar nicht sein d&uuml;rfen. Denn laut DIN Norm 14804 h&auml;tten die Agenturen die Probleme doch innerhalb der ersten f&uuml;nf Tage l&ouml;sen m&uuml;ssen. Nahezu alle Agenturen des FDSV besitzen das Zertifikat. <\/p><p>Die Agenturen des FDSV lassen sich jetzt auf Ihren Internetseiten und sonstigen Publikationen und in einer Flut an Pressemitteilungen als Testsieger bei der Stiftung Warentest feiern. Das Qualit&auml;tssiegel der Stiftung Warentest ist genauso wie die DIN-Norm nat&uuml;rlich ein hervorragendes Verkaufsargument. Vom schlechten Abschneiden etwa bei der Familienunterbringung, dem Problemkind der Sprachreisen, wird kaum gesprochen. In einer Pressemitteilung der Stiftung Warentest vom M&auml;rz 2008 wird zwar erw&auml;hnt, dass der Kunde die Sprachreise auch direkt bei einer Schule buchen k&ouml;nne, dass er sich damit vielleicht ein wenig Geld spare, daf&uuml;r aber viel Zeit und Organisationstalent brauche. Daraufhin habe ich einen Gegentest gestartet und bin zu verbl&uuml;ffenden Resultaten gekommen. Bei einer ganz normalen 4-w&ouml;chigen Sprachreise nach Malta f&uuml;r zwei Personen sparen sich Direktbucher 1200 Euro, das hei&szlig;t, sie k&ouml;nnten zwei Wochen l&auml;nger bleiben. Das war zwar der maximale Unterschied, den ich entdeckt habe, aber die Direktbuchung war ausnahmslos g&uuml;nstiger. Der Kontakt mit der jeweiligen Sprachschule war auf Deutsch und viel direkter, von Organisationstalent und viel Zeit kann keine Rede sein. <\/p><p>Warum die Stiftung Warentest all dies nicht sehen wollte oder konnte, kann man eigentlich nur mit der wunderbaren Freundschaft erkl&auml;ren, die seit der DIN-Norm zwischen Verbraucherschutz und FDSV entstanden ist. Eine echte Win-Win-Situation.<\/p><p>&Uuml;brigens: Die Testhefte der Stiftung Warentest werden mit hohen Betr&auml;gen aus deutschen Steuergeldern unterst&uuml;tzt. Als Gegenleistung wird eigentlich Unabh&auml;ngigkeit erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Interessenverband der Anbieter von Sprachreisen und Verbrauchersch&uuml;tzer entwickeln eine &bdquo;Win-Win-Situation&ldquo;. Auf der Strecke bleiben die Verbraucher und die Sprachschulen. 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