{"id":3243,"date":"2008-05-29T09:36:07","date_gmt":"2008-05-29T07:36:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3243"},"modified":"2015-11-23T11:35:16","modified_gmt":"2015-11-23T10:35:16","slug":"die-debatte-um-studiengebuehren-die-systematische-rekonstruktion-eines-rapiden-meinungswandels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3243","title":{"rendered":"Die Debatte um Studiengeb\u00fchren: Die systematische Rekonstruktion eines rapiden Meinungswandels"},"content":{"rendered":"<p>Wie kam es eigentlich zur Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren? Wie &auml;nderte sich die &ouml;ffentliche Einstellung dazu in den letzten 15 Jahren? In dem Buch &bdquo;Die Debatte um Studiengeb&uuml;hren&ldquo; wird versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Autor zeichnet darin den Studiengeb&uuml;hrendiskurs nach, indem er &uuml;ber 1000 Artikel aus der FAZ und der SZ untersucht, die in der Zeit zwischen 1993 und 2005 zu diesem Thema erschienen sind. Zudem f&uuml;hrte er Interviews mit den Hauptakteuren der Debatte, um zu kl&auml;ren, wie diese sich den Meinungswandel erkl&auml;ren. Der Beitrag wurde uns vom Autor des Buches, Norbert Krause, zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;ber Studiengeb&uuml;hren wurde wahrscheinlich schon alles geschrieben: Seit &uuml;ber 10 Jahren wird &uuml;ber sie debattiert und kaum ein hochschulpolitisches Thema hat die Gesellschaft so polarisiert wie die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren. Immer teilten sich die Artikel in Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworter und Studiengeb&uuml;hrengegner auf. Ein erstaunlicher Prozess fand jedoch in dieser tagespolitisch bestimmten Debatte bisher keine Beachtung: Wie kam es eigentlich dazu, dass allgemeine Studiengeb&uuml;hren in den gesamten 90er Jahre und selbst Anfang dieses Jahrzehnts noch mehrheitlich abgelehnt wurden, dann aber innerhalb von wenigen Jahren so schnell in mehreren Bundesl&auml;ndern eingef&uuml;hrt werden konnten? Im Jahr 2000 sprachen sich die Kultusminister aller L&auml;nder noch einstimmig f&uuml;r die Geb&uuml;hrenfreiheit des Erststudiums im sogenannten &ldquo;Meininger Beschluss&ldquo; aus. Nur f&uuml;nf Jahre sp&auml;ter k&uuml;ndigten sechs Bundesl&auml;nder an, genau diese Form der Studiengeb&uuml;hren einzuf&uuml;hren. Was war in diesen f&uuml;nf Jahren also passiert?<br>\nWenn man die aktuelle Diskussion verfolgt, gelangt man leicht zu dem Glauben, dass die Positionen zur Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren schon immer dieselben gewesen seien und sich lediglich das Machtgef&uuml;ge ver&auml;ndert habe. Das Gegenteil ist der Fall. Gerade die Meinungen wichtiger Akteure &auml;nderten sich in den letzten zehn Jahren rapide. Einige Beispiele aus der &ouml;ffentlichen Debatte, um dies zu illustrieren:<\/p><p>J&uuml;rgen R&uuml;ttgers &auml;u&szlig;erte sich in einem Interview mit der S&uuml;ddeutschen Zeitung 1996 so: &bdquo;Ich bin nach wie vor gegen Studiengeb&uuml;hren, weil ich nicht glaube, dass sie zu einer Verbesserung an den Hochschulen f&uuml;hren. [&hellip;] Geb&uuml;hren kommen aus dem angels&auml;chsischen System, das sich mit der deutschen Situation nicht vergleichen l&auml;sst. Bildung ist eine der Aufgaben, aus denen der Staat sich nicht zur&uuml;ckziehen kann. [&hellip;] Es gibt in Deutschland &uuml;berhaupt keine Mehrheiten daf&uuml;r.&ldquo; J&uuml;rgen R&uuml;ttgers (CDU) war von 1994 bis 1998 Bundesbildungsminister. Nach der CDU-Wahlniederlage 1998 wurde er Oppositionsf&uuml;hrer im Landtag in Nordrhein-Westfalen. In dieser Position sagte er am 15.01.2003 folgendes: &bdquo;Der Sanierungsstau bel&auml;uft sich auf 2,5 Milliarden Euro, und die Landesregierung k&uuml;rzt weiter. Dies macht die Einf&uuml;hrung von Geb&uuml;hren notwendig.&ldquo; Ein sehr deutlicher Meinungswandel in sieben Jahren. <\/p><p>Einen &auml;hnlichen Wandel gab es auch bei dem bayerischen Ministerpr&auml;sidenten Edmund Stoiber. Als Kanzlerkandidat sprach er sich im Wahlkampf 2002 eindeutig gegen Studiengeb&uuml;hren aus: &bdquo;Geb&uuml;hren d&uuml;rfen den Zugang zum Erststudium nicht behindern. Die Grundfinanzierung staatlicher Hochschulen muss Aufgabe des Staates bleiben. Dazu werden auch in Zukunft keine Studiengeb&uuml;hren herangezogen.&ldquo; Bereits ein Jahr nach seiner Bundestags-Wahlniederlage machte er mit Thomas Goppel einen starken Bef&uuml;rworter von Studiengeb&uuml;hren zu seinem bayrischen Wissenschaftsminister. Er selbst forderte dann in seiner Regierungserkl&auml;rung am 06.11.2003: &bdquo;Wir treten daf&uuml;r ein, Studiengeb&uuml;hren zuzulassen.&ldquo;<\/p><p>Die FDP schrieb in ihrem Wahlprogramm 2002: &bdquo;Daher lehnt die FDP die Einf&uuml;hrung von allgemeinen Studiengeb&uuml;hren zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt ab. Die Situation vieler Hochschulen spottet einer Kostenpflichtigkeit von akademischer Ausbildung.&ldquo; In ihrem Wahlprogramm 2005 &auml;ndert sich das zu: &bdquo;Die Hochschulen m&uuml;ssen auch die Freiheit haben, Studienentgelte zu erheben, um ihr Lehrangebot zu verbessern. Wenn Studierende f&uuml;r Bildung zahlen, k&ouml;nnen sie auch eine gute Leistung verlangen.&ldquo;<br>\nAuch die Argumente &auml;nderten sich. Die S&uuml;ddeutsche Zeitung hatte 1995 das Argument, dass der Arbeiter mit seinen Steuern das Studium des Arztsohnes finanziere, noch so kommentiert: &bdquo;Ungew&ouml;hnliche These zum Thema Studiengeb&uuml;hren: Ein kostenpflichtiger Platz im H&ouml;rsaal k&ouml;nnte nach Einsch&auml;tzung des N&uuml;rnberger Volkswirtschaftlers Karl-Dieter Gr&uuml;ske gera-de aus sozialen Gr&uuml;nden gerechtfertigt sein.&ldquo; Innerhalb von zehn Jahren fand diese &bdquo;ungew&ouml;hnliche These&ldquo; wie kaum eine andere Platz im Repertoire der Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworter &ndash; auch wenn sie 2000 durch ein Gegengutachten im Auftrag des Deutschen Studentenwerks widerlegt wurde. Allein in den beiden Zeitungen FAZ und SZ wurde sie seit 1997 &uuml;ber 90mal genannt. Zum Vergleich: Das &auml;hnlich prominente Argument, dass es ungerecht sei, dass der Kindergartenplatz etwas koste und das Studium nicht, wurde nur knapp 30mal genannt.<\/p><p>Doch wie verlief die &ouml;ffentliche Debatte? Nach einigen vereinzelten Thematisierungen in den sp&auml;ten 80ern und den fr&uuml;hen 90ern wurden Studiengeb&uuml;hren das erste Mal in den Jahren 1995 und 1996 breit diskutiert. Die Hochschulrektorenkonferenz hatte diese M&ouml;glichkeit der Finanzierung gefordert, wenn der Staat seiner Aufgabe, die Hochschulen zu finanzieren, weiterhin in so unzureichendem Ma&szlig;e nachk&auml;me. Auf diese Forderung reagierten die Politiker aus allen Parteien mit gro&szlig;em Widerstand. Die politische Ablehnung durch die CDU\/FDP-Regierung ging jedoch nicht soweit, dass sie ein Verbot erlassen wollten, stattdessen sollten die L&auml;nder das selbst entscheiden k&ouml;nnen. Die SPD instrumentalisierte diese uneindeutige Haltung f&uuml;r ihren Wahlkampf 1998 und forderte im Wahlprogramm ein Verbot von Studiengeb&uuml;hren. Nach dem Erfolg versuchte die neue Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn das Verbot zun&auml;chst durch eine Vereinbarung der L&auml;nder umzusetzen. Es kam nach Problemen der Definition, welche Arten von Studiengeb&uuml;hren unter das Verbot fallen w&uuml;rden, im Mai 2000 zu einem Beschluss der Kultusministerkonferenz in Meiningen. Dieser Beschluss wurde jedoch von den Ministerpr&auml;sidenten der L&auml;nder nicht in Landesgesetze umgesetzt. Daraufhin beschloss die Bundesregierung allgemeine Studiengeb&uuml;hren durch eine Novelle des Hochschulrahmengesetzes zu verbieten. Dagegen klagten sechs unionsgef&uuml;hrte L&auml;nder erfolgreich vor dem Bundesverfassungsgericht. <\/p><p>Es gab mehrere H&ouml;hepunkte der medialen Berichterstattung: In den Jahren 1996\/97 wurden Studiengeb&uuml;hren zun&auml;chst durch die Hochschulrektorenkonferenz und die Studentenproteste auf die Agenda gesetzt. Ab Herbst 2003 begann im Zuge von erneuten Studentenprotesten und von Diskussionen innerhalb der Parteien eine neue Welle der Thematisierung. Einen vorl&auml;ufigen H&ouml;hepunkt bildete die Interpretation des Urteils zur Juniorprofessur als Vorentscheid &uuml;ber Studiengeb&uuml;hren im August 2004. Den absoluten H&ouml;hepunkt fand die Diskussion mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Januar 2005.<\/p><p>An diesem medialen Diskurs beteiligten sich haupts&auml;chlich Politiker, Hochschulrektoren (in ihrer organisierten Form in der HRK) und Journalisten (in ihren Kommentaren). Die Studenten spielten in der medialen Debatte inhaltlich keine Rolle. Sie konnten zwar durch ihren Protest das Thema auf die mediale Agenda bringen, dieses wurde dann jedoch ohne ihre Beteiligung weiter verhandelt. Der Meinungswandel, der die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren in der &ouml;ffentlichen Debatte haupts&auml;chlich vorantrieb, fand bei den Hochschulrektoren und innerhalb der CDU statt. Alle anderen Diskursteilnehmer hatten sich bereits sehr fr&uuml;h entweder auf die Seite der Bef&uuml;rworter (Wirtschaft, Journalisten) oder der Gegner (Studenten, SPD und Gr&uuml;ne) gestellt und behielten diese Position in der Debatte (mehrheitlich) bei. <\/p><p>Die HRK hatte sich in Bezug auf Studiengeb&uuml;hren von der strategischen Bef&uuml;rwortung &uuml;ber die bedingte Bef&uuml;rwortung zur bedingungslosen Bef&uuml;rwortung bewegt. Nachdem der HRK-Pr&auml;sident Hans-Uwe Erichsen (1990-1997) die Studiengeb&uuml;hrenforderung noch strategisch als Drohung einsetzte und dadurch hoffte, die in politischen &bdquo;Sonntagsreden&ldquo; versprochenen Mittel wirklich zu bekommen, bef&uuml;rwortete der HRK-Pr&auml;sident Klaus Landfried (1997-2003) Studiengeb&uuml;hren bereits unter bestimmten Bedingungen und stellte kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt sogar ein eigenes Studiengeb&uuml;hren-Modell mit dem Bund der deutschen Arbeitgeberverb&auml;nde vor. Die &Auml;u&szlig;erungen der beiden HRK-Pr&auml;sidenten waren allerdings immer an Bedingungen gekn&uuml;pft. Mit dem Wechsel zu Peter Gaehtgens (2003-2005) &auml;nderte sich das: Er forderte offen und ohne Bedingungen Studiengeb&uuml;hren.<\/p><p>In der CDU gab es erstaunlicherweise bis Ende 2003 keinen klaren Beschluss zu Studiengeb&uuml;hren. Ende 2000 hatte die damalige Parteichefin Angela Merkel gemeinsam mit der Baden-W&uuml;rttembergischen Kultusministerin Annette Schavan versucht, einen positiven Beschluss zu Studiengeb&uuml;hren zu erwirken, war jedoch am innerparteilichen Widerstand (ostdeutsche CDU-Verb&auml;nde, NRW-CDU) gescheitert. Nach diesem Versuch wurde das Thema lange Zeit nicht mehr behandelt &ndash; selbst das Verbot von allgemeinen Studiengeb&uuml;hren wurde nicht kommentiert, weil es in die Zeit des Wahlkampfes 2002 fiel und der Kanzlerkandidat Edmund Stoiber sich eindeutig gegen Studiengeb&uuml;hren positioniert hatte. Dennoch fand seit 2001 ein Sprecherwechsel in den Kultusministerien der CDU-L&auml;nder statt: Gem&auml;&szlig;igt positionierte Kultusminister wurden durch vehemente Bef&uuml;rworter von Studiengeb&uuml;hren ersetzt. In Baden-W&uuml;rttemberg ging beispielsweise Klaus von Trotha in den Ruhestand und wurde durch den deutlichen Bef&uuml;rworter Peter Frankenberg ersetzt. Als er 2001 aus dem Amt schied hatte von Trotha, der auch allgemeine Studiengeb&uuml;hren forderte, nicht mehr daran geglaubt, dass diese in Deutschland in den n&auml;chsten Jahren eingef&uuml;hrt werden k&ouml;nnten: &bdquo;Ich bin auch in der &Uuml;berlegung ausgeschieden, dass das noch ziemlich lange dauern wird.&ldquo; Doch dann ging alles recht schnell. Die haupts&auml;chliche &Auml;nderung der &ouml;ffentlichen bzw. der ver&ouml;ffentlichten Meinung vollzog sich seit 2001. Mehrere Aspekte spielten f&uuml;r diesen Umschwung eine Rolle: <\/p><ol>\n<li>Die Haushaltslage der L&auml;nder war 2002\/03 prek&auml;r. Zugleich waren die Studentenzahlen auf ein Allzeithoch von mehr als zwei Millionen angestiegen. Allerdings war diese Situation der Hochschulen nicht neu, sie war bereits 1995\/96 &auml;hnlich prek&auml;r gewesen. Zu diesem Zeitpunkt gab es auch die erste gro&szlig;e Debatte &uuml;ber Studiengeb&uuml;hren. Sie war durch die Hochschulrektoren und das CHE angeregt, aber nicht durch die Politiker aufgegriffen worden. Im Haushaltsjahr 2003 hatten sich die Rahmenbedingungen ver&auml;ndert (siehe unten). Politiker konnten in dieser Lage, Handlungskompetenz beweisen, indem sie die gesellschaftlich propagierte Eigenverantwortung (siehe 4.) auf die Bildungspolitik &uuml;bertrugen und somit ganz pragmatisch Haushaltsprobleme l&ouml;sten. Fraglich ist allerdings, ob sich die Haushaltslage der L&auml;nder &auml;ndert, wenn Studiengeb&uuml;hren unter der h&auml;ufig wiederholten Pr&auml;misse eingef&uuml;hrt werden, dass das eingenommene Geld nicht aus dem Haushalt gek&uuml;rzt wird.\n<\/li>\n<li>Die Angst vor Studentenprotesten oder Verlust von W&auml;hlerstimmen, die in den neunziger Jahren noch die &Auml;u&szlig;erungen der Politiker und Hochschulvertreter zu Studiengeb&uuml;hren bestimmt hatte, war deutlich geringer geworden. Diese Angst konnte man auch am Umgang mit den gro&szlig;en Studentenprotesten erkennen: Auf die ersten gro&szlig;en Proteste im Jahr 1988\/89 wurde mit einem Sonderausbauprogramm reagiert, die Proteste der Jahre 1995\/96 erreichten immerhin noch eine kleine Baf&ouml;g-Erh&ouml;hung und verhinderten eine komplette Baf&ouml;g-Verzinsung. Viele Politiker solidarisierten sich zudem mit den Studenten. Die Proteste 2003\/04 f&uuml;hrten zu keinem Ergebnis, zu keiner Verbesserung der Lage. Auf dem H&ouml;hepunkt der Proteste k&uuml;ndigte Angela Merkel sogar erstmalig an, dass die CDU Studiengeb&uuml;hren einf&uuml;hren wolle.<br>\nDer langj&auml;hrige Pr&auml;sident der Hochschulrektorenkonferenz Klaus Landfried beschrieb diese Entwicklung so: &bdquo;Die Wahrnehmung der Proteste wurde dann realistischer, als man erkannt hatte, dass die Zahl der Leute, die protestieren, klein ist und dass der &uuml;brige Haufen das zwar eventuell auch denkt, aber nicht so existentiell findet, daf&uuml;r irgendwelche Stimmabgabe zu &auml;ndern.&ldquo; Der Einfluss von Studiengeb&uuml;hren auf das Wahlverhalten wurde den Politikern sp&auml;testens bei der Wahl 2005 in Nordrhein-Westfalen bewusst: Dort war der Bef&uuml;rworter J&uuml;rgen R&uuml;ttgers gegen eine SPD angetreten, die die Ablehnung von Studiengeb&uuml;hren offensiv zum Wahlkampfthema gemacht hatte. Im studentenreichsten Bundesland gewann R&uuml;ttgers dennoch eine Mehrheit.\n<\/li>\n<li>Studiengeb&uuml;hren waren 2002 von der Bundesregierung verboten worden. Die Klage vor dem Bundesverfassungsgericht wurde von sechs Bundesl&auml;ndern 2003 eingereicht. Der gef&uuml;hrte Prozess hatte zwei wesentliche Effekte auf die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren: W&auml;hrend der Prozess vor dem BVerfG verhandelt wurde, waren &bdquo;konsequenzenlose&ldquo; Forderungen von Studiengeb&uuml;hren m&ouml;glich. Politiker konnten sich f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren aussprechen, ohne diese Pl&auml;ne umzusetzen und damit Proteste bef&uuml;rchten zu m&uuml;ssen (siehe 2.), da die Frage der Rechtm&auml;&szlig;igkeit der Forderung noch vor Gericht gekl&auml;rt werden musste und die Studenten auch auf eine Entscheidung in ihrem Sinne hofften. Der Diskurs war somit f&uuml;r die Bef&uuml;rworter freigegeben. Der zweite Effekt des Verbots war, dass der Prozess vor dem Bundesverfassungsgericht von den L&auml;ndern als Frage des F&ouml;deralismus (&bdquo;Darf der Bund den L&auml;ndern vorschreiben, keine Geb&uuml;hren zu erheben?&ldquo;) gewonnen werden konnte, aber als Frage der Rechtm&auml;&szlig;igkeit von Studiengeb&uuml;hren (&bdquo;Erlaubt das oberste Gericht Studiengeb&uuml;hren?&ldquo;) in den Medien gedeutet werden konnte. Die provokative These des CHE-Leiters Detlef M&uuml;ller-B&ouml;ling lautet dazu: &bdquo;Wenn es das Verbot nicht gegeben h&auml;tte, dann w&auml;ren wir bis heute noch immer in der Diskussion dar&uuml;ber.&ldquo;\n<\/li>\n<li>Interessant ist auch die Rolle des Centrums f&uuml;r Hochschulentwicklung in diesem Prozess. Das CHE selbst war nur &auml;u&szlig;erst selten im medialen Diskurs pr&auml;sent. Vielmehr arbeitete es daran, die Argumentation der Bef&uuml;rworter zusammenzuf&uuml;hren und &bdquo;wissenschaftlich&ldquo; zu unterf&uuml;ttern. Zugleich wurden Kongresse f&uuml;r Politiker, Journalisten und Hochschulvertreter veranstaltet, auf denen ausschlie&szlig;lich Studiengeb&uuml;hrenmodelle mit all ihren Vorteilen vorgestellt wurden. Allerdings war das CHE damit anfangs nur wenig erfolgreich. Vom ersten gro&szlig;en Kongress im Jahr 1995 bis zum Jahr 2001 hatte sich die &ouml;ffentliche Meinung nur wenig ge&auml;ndert. Sie wandelte sich erst, als sich auch das gesellschaftliche Umfeld &auml;nderte und die Argumentation des CHE mehr F&uuml;rsprecher in den Medien und in der Gesellschaft fand.\n<\/li>\n<li>Ein Diskurs dar&uuml;ber, was der Staat noch leisten k&ouml;nne, war durch die Regierung Gerhard Schr&ouml;der und ihre Agenda 2010 in Gang gesetzt worden. Die B&uuml;rger sollten mehr Eigenverantwortung &uuml;bernehmen und damit mehr Eigenleistung erbringen, da der Staat unter dem Druck der Globalisierung und der demographischen Entwicklung nicht mehr alle sozialen Leistungen allein erbringen k&ouml;nne. Die Logik des Wettbewerbs und der Eigenbeteiligung wurde an alle Systeme herangetragen, die als nicht finanzierbar und somit als nicht mehr zeitgem&auml;&szlig; klassifiziert wurden. Das galt auch f&uuml;r das Bildungssystem &ndash; obwohl Schr&ouml;der dies in Bezug auf Studiengeb&uuml;hren aufgrund seiner eigenen Bildungsbiographie eigentlich aussparen wollte. Durch diesen gesamtgesellschaftlichen Reformdiskurs wurde zum einen eine Rhetorik der &bdquo;schmerzhaften Einschnitte&ldquo; propagiert und kultiviert, die die Politiker dazu ermutigte, mit &bdquo;alten Sicherheiten&ldquo; zu brechen und stattdessen Wettbewerb und Markt in alle Bereiche des Sozialstaats zu bringen. Zum anderen konnte Widerstand gegen diese Logik als Weigerung oder Besitzstandswahrung einer Interessengruppe marginalisiert werden, die nicht am Gemeinwohl interessiert sei.\n<\/li>\n<\/ol><p>Diese komplexe Mischung f&uuml;hrte dazu, dass in den Jahren 2001-2004 eine &ouml;ffentliche Meinung f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren entstand. Sie entstand jedoch nicht direkt aus dem genannten Meinungswandel der CDU und der HRK. Bevor die Bef&uuml;rwortung zur offiziellen Position der CDU und der HRK werden konnte, wurde sie zun&auml;chst in den Medien von prominenten Sprechern vertreten. Durch die Aussagen von einzelnen CDU-Landesministern, von einigen Rektoren und Professoren und von Wirtschaftsverb&auml;nden, die sich seit dem Jahr 2000 h&auml;ufiger in den Medien f&uuml;r Studiengeb&uuml;hren aussprachen, wurde so zun&auml;chst die Fiktion einer herrschenden &ouml;ffentlichen Meinung erzeugt, die im Sinne einer Self-Fulfilling-Prophecy durch jeden neuen (organisierten) Sprecher mehr best&auml;tigt und weiter verst&auml;rkt wurde. Die Bef&uuml;rworter bekamen daf&uuml;r in den Medien ein Forum geboten, da sich die Journalisten in ihrer Auswahl zum einen am Neuigkeitswert der Aussagen orientierten und sich zum anderen bereits auf die Bef&uuml;rwortung von Studiengeb&uuml;hren festgelegt hatten und durch diese bef&uuml;rwortenden &Auml;u&szlig;erungen ihre eigenen Forderungen best&auml;tigt sehen konnten. Die Forderung von Studiengeb&uuml;hren wurde durch diesen Mechanismus und die oben genannten Einflussfaktoren zur herrschenden &ouml;ffentlichen Meinung. <\/p><p><strong>Norbert Krause, Die Debatte um Studiengeb&uuml;hren: Die systematische Rekonstruktion eines rapiden Meinungswandels, VsVerlag, ISBN-10: 3531159010, ISBN-13: 978-3531159010; Preis: 24.90 Euro<\/strong><\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Ich kann den Schilderungen Norbert Krauses &uuml;ber den Meinungswandel bei der Frage der Studiengeb&uuml;hren aus eigener Anschauung als Wissenschaftsstaatssekret&auml;r von 1996 bis 2000 weitgehend folgen. In diesem Beitrag wird allerdings nur angedeutet, dass die Studiengeb&uuml;hrendebatte ein Beispiel f&uuml;r den allgemeinen Leitbildwechsel in unserer Gesellschaft ist, n&auml;mlich f&uuml;r die Durchdringung des neoliberalen Paradigmas auch im Bereich der Bildungs- und Hochschulpolitik.<\/em><\/p><p>Bei dieser Durchdringung spielte die Bertelsmann Stiftung und das von ihm finanzierte Centrum f&uuml;r Hochschulentwicklung (CHE) eine gewichtige Rolle. So ist zum Beispiel die Kurs&auml;nderung der Hochschulrektorenkonferenz vor allem darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, dass das CHE zu einer Art Schreibtisch f&uuml;r die HRK geworden ist. Die HRK war bis dato im hochschulpolitischen Institutionengef&uuml;ge von KMK, BMFT, BLK oder Wissenschaftsrat eine relativ bedeutungslose Vereinigung der Hochschulrektoren. Zwar wurden die Landesrektorenkonferenzen von den Wissenschaftsministerien der L&auml;nder geh&ouml;rt, auf Bundesebene hatte sie jedoch nur geringen Einfluss. Geschickterweise nahm das CHE die damals ohne gro&szlig;en Apparat agierende, aber um so standesbewusstere Hochschulrektorenkonferenz (HRK) mit ins Boot und so ver&ouml;ffentlichten das CHE und die HRK ihre hochschulrefomerischen L&ouml;sungskonzepte unter einem gemeinsamen Kopfbogen, und so verschaffte sich Bertelsmann ein einigerma&szlig;en unverd&auml;chtiges Entree in die Hochschulen vor allem &uuml;ber die Hochschulleitungen.<\/p><p>Zurecht weist Krause auf die Rolle der Medien bei der Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren hin. Neben der Tatsache, dass der Mainstream der Medien hinter der sog. &bdquo;Reformpolitik&ldquo; stand, ja sie sogar massiv propagierte, ist speziell bei der Studiengeb&uuml;hrendebatte zu erkennen, dass die Bertelsmann Stiftung mit ihrem CHE &uuml;ber die vom Bertelsmann-Konzern beherrschten Medien die ver&ouml;ffentlichte Meinung pr&auml;gte.<br>\nDas zeigte sich z.B. wie Krause richtig darstellt, bei der Rezeption des Studiengeb&uuml;hrenurteils des Bundesverfassungsgerichts. Das Karlsruher Gericht hatte nur dar&uuml;ber zu befinden, ob der Bund bei der Frage von Studiengeb&uuml;hren eine Regelungskompetenz gegen&uuml;ber den L&auml;ndern besitzt. Die Regelung der Studiengeb&uuml;hrenfreiheit im Hochschulrahmengesetz wurde vom Gericht als Eingriff in die L&auml;nderkompetenz f&uuml;r die Hochschulpolitik beschieden. Die Verfassungsrichter hatten nicht &uuml;ber die Verfassungsm&auml;&szlig;igkeit von Studiengeb&uuml;hren entschieden, dennoch wurde in der ver&ouml;ffentlichten Meinung dieses Urteil als Durchbruch f&uuml;r die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren dargestellt. <\/p><p><em><strong>Noch eine Anmerkung am Rande:<\/strong> Auch der Autor konnte sich in seinem Beitrag offenbar der zur herrschenden Meinung gewordenen Terminologie der Studiengeb&uuml;hrenbef&uuml;rworter nicht ganz entziehen. So spricht er davon, dass im Hochschulrahmengesetz Studiengeb&uuml;hren &bdquo;verboten&ldquo; worden seien &ndash; eine typisch neoliberale Begriffsbesetzung. Ein &bdquo;Verbot&ldquo; hat immer einen negativen Beigeschmack. Im HRG und von den Studiengeb&uuml;hrengegnern wurde deshalb von der Studiengeb&uuml;hren-&bdquo;Freiheit&ldquo; gesprochen. <\/em><\/p><p><strong>Vgl. dazu Studiengeb&uuml;hren &ndash; <a href=\"?p=83\">Ein Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik: Bildung als &ouml;ffentliches Gut soll zum privaten Investment werden<\/a> <\/strong> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kam es eigentlich zur Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren? Wie &auml;nderte sich die &ouml;ffentliche Einstellung dazu in den letzten 15 Jahren? In dem Buch &bdquo;Die Debatte um Studiengeb&uuml;hren&ldquo; wird versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Der Autor zeichnet darin den Studiengeb&uuml;hrendiskurs nach, indem er &uuml;ber 1000 Artikel aus der FAZ und der SZ untersucht, die<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3243\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[17,11],"tags":[231,442,274,983,234],"class_list":["post-3243","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","tag-che","tag-eigenverantwortung","tag-ruettgers-juergen","tag-stoiber-edmund","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3243","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3243"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3243\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28926,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3243\/revisions\/28926"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3243"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3243"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3243"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}