{"id":3270,"date":"2008-06-10T08:45:51","date_gmt":"2008-06-10T06:45:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3270"},"modified":"2015-11-22T10:18:01","modified_gmt":"2015-11-22T09:18:01","slug":"der-trick-mit-dem-die-grossen-privaten-krankenversicherer-der-gesetzlichen-krankenversicherung-das-wasser-abgraben-wollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3270","title":{"rendered":"Der Trick, mit dem die gro\u00dfen privaten Krankenversicherer der gesetzlichen Krankenversicherung das Wasser abgraben wollen"},"content":{"rendered":"<p>Die Financial Times Deutschland berichtet von einem <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/unternehmen\/versicherungen\/:Krieg%20Krankenversicherer\/369877.html\">Krieg der Krankenversicherer<\/a>.  Danach wollen die Allianz, Axa und Ergo eine Einheitsversicherung mit nur noch einem Grundschutz f&uuml;r alle Einwohner einf&uuml;hren, mit einer Einheitspr&auml;mie und einer verpflichtenden Grundsicherung zu gleichen Konditionen f&uuml;r private und gesetzliche Krankenversicherungen. Damit k&ouml;nnten die privaten Versicherer, die bisher nur einen kleinen Anteil an den Krankenversicherten haben und nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes erzielen, endlich auf breiter Front auf das Gesch&auml;ftsfeld der Krankenversicherungen vordringen. Das ganz gro&szlig;e Gesch&auml;ft w&auml;ren dann noch die privaten Zusatzversicherungen f&uuml;r Leistungen, die der Grundtarif nicht abdeckt. Mit der Unterscheidung zwischen Grundsicherung und erg&auml;nzenden Zusatzversicherungen w&auml;re dann die jetzt schon verdeckte Zweiklassenmedizin ganz offiziell eingef&uuml;hrt. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nUm den Vorsto&szlig; der gro&szlig;en Versicherungskonzerne zu verstehen, muss man sich folgende Tatsachen vor Augen f&uuml;hren:<br>\nDerzeit sind rund 56,7 Millionen Erwachsene im Alter von 20 Jahren und mehr in der gesetzlichen Krankenversicherung versichert. Die Zahl der mitversicherten Familienangeh&ouml;rigen unter 20 Jahren gibt die Regierung mit rund 12,7 Millionen an. Dies sind in der Regel die Kinder oder Ehefrauen der Mitglieder.<br>\nIn der privaten Krankenversicherung sind im Jahr 2006 dagegen nur 6,91 Millionen Erwachsene versichert gewesen, berichtet die Regierung unter Hinweis auf Angaben des Verbandes der privaten Krankenversicherung. Dar&uuml;ber hinaus seien dort 1,58 Millionen Kinder krankenversichert (<a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/aktuell\/hib\/2008\/2008_169\/03.html\">vgl. die aktuelle Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion<\/a>).<\/p><p>Nach Angaben der FTD liegen die Einnahmen der gesetzlichen Krankenkassen bei 155,4 Milliarden Euro pro Jahr und die Einnahmen der privaten Krankversicherer bei 27,6 Milliarden Euro.<\/p><p>Es ist unschwer zu erkennen, dass es das unternehmerische Ziel der privaten Krankenversicherer sein muss, wie bei der gesetzlichen Rente so auch bei der gesetzlichen Krankenversicherung auf dieses Gesch&auml;ftsfeld vorzudringen, wenn man seine Ums&auml;tze steigern will. <\/p><p>Der Vorschlag der gro&szlig;en Versicherer stellt in Wahrheit jedoch einen vergifteten Apfel dar. Man schafft scheinbar das bisherige Modell der privaten Krankenversicherung, die neben den gesetzlichen Kassen besteht, ab und f&uuml;hrt gleichzeitig eine f&uuml;r alle verpflichtende Grundsicherung ein, die dann sowohl von den ehemaligen gesetzlichen Kassen (z.B. AOK) oder Ersatzkassen (z.B. Barmer) als auch von den privaten Versicherern (also eben Allianz oder Axa) zu einem Einheitstarif (Kopfpauschale) angeboten werden m&uuml;sste.<\/p><p>Damit h&auml;tten die gesetzlichen Krankenkassen ihren gesetzlichen Schutz und zugleich einen gro&szlig;en Wettbewerbsvorteil, n&auml;mlich die g&uuml;nstige Mitversicherung von Kindern oder Ehefrauen und den solidarischen Ausgleich &uuml;ber den einkommensabh&auml;ngigen Beitrag, verloren, und die privaten Versicherer k&ouml;nnten auf das Gesch&auml;ftsfeld der Grundsicherung vordringen. Sowohl gesetzliche Kassen als auch private Versicherer m&uuml;ssten ja diese Grundsicherung zu den gleichen Konditionen anbieten.<\/p><p>Das Angebot der gro&szlig;en Versicherer wird sozusagen als Stein der Weisen zwischen der von der CDU\/CSU favorisierten Kopfpauschale (Einheitspr&auml;mie) und dem  SPD-Vorschlag einer B&uuml;rgerversicherung (f&uuml;r alle Einkommensarten verpflichtend) dargestellt. Deshalb verspricht man sich davon wohl auch die Zustimmung von FDP und Union, die schon seit l&auml;ngerem f&uuml;r eine Einheitspr&auml;mie eintreten, und von SPD und Gr&uuml;nen, die bekanntlich f&uuml;r eine B&uuml;rgerversicherung sind.<br>\nSo gesehen eine geniale Idee.<\/p><p><strong>Tats&auml;chlich w&auml;re dies nichts anderes als die Einf&uuml;hrung einer f&uuml;r alle verpflichtenden Kopfpauschale (also eines gleichen Beitrags f&uuml;r alle, unabh&auml;ngig von Einkommen, Alter und Geschlecht). Damit h&auml;tten die privaten Versicherer endlich die Versicherungspflicht bei gesetzlichen Kassen bis zur Einkommensgrenze von 4.012,50 Euro monatlich geknackt und k&ouml;nnten in das Gesch&auml;ftsfeld der Krankenversicherung f&uuml;r die &bdquo;normalen&ldquo; Arbeitnehmer vordringen. Bei Einnahmen von &uuml;ber 155 Milliarden Euro f&uuml;r die gesetzlichen Kassen ein hochattraktives Umsatzfeld f&uuml;r die privaten Versicherer.<\/strong><\/p><p>Richtig interessant f&uuml;r die privaten Versicherer w&uuml;rden erst die Zusatzversicherungen f&uuml;r Leistungen sein, die die Grundsicherung mit der Einheitspr&auml;mie nicht abdeckt. <\/p><p>Damit h&auml;tte man endlich erreicht, was von konservativer Seite schon seit l&auml;ngerem angestrebt wird, n&auml;mlich eine Minimalabsicherung f&uuml;r die Masse und eine dar&uuml;ber hinaus gehende Gesundheitsversorgung nach Geldbeutel. Die bislang nur verdeckte &bdquo;Zweiklassen-Medizin&ldquo; zwischen gesetzlichen und privat Versicherten g&auml;be es dann ganz offen: Wer &uuml;ber Zusatzversicherungen mehr bezahlt, bekommt eine bessere Versorgung.<\/p><p>Noch geht nach Angaben der FTD durch die private Versicherungsbranche ein tiefer Riss:<br>\n&bdquo;Das Gesch&auml;ftsmodell der gro&szlig;en, b&ouml;rsennotierten Konzerne wie der Allianz ist in der PKV (Privaten Krankenversicherung) wegen der gro&szlig;en Zahl &auml;lterer Versicherter in der Krise; diese Unternehmen, die den GDV (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft) dominieren, suchen in radikalen L&ouml;sungen die Flucht nach vorn.&ldquo;<\/p><p>Heftiger Widerstand komme dagegen von den sog. Versicherungsvereinen wie Debeka oder Signal Iduna, die eher genossenschaftlich organisiert sind und weniger renditeorientiert arbeiten und die derzeit gut die H&auml;lfte des privaten Krankenversicherungsmarktes abdecken.<\/p><p>Es wird interessant sein, wie die Politik auf diese Vorschl&auml;ge reagiert.<br>\nNachdem die privaten Versicherer schon bei der Rentenversicherung der gesetzlichen Rente das Wasser abgraben konnten, wird man auch bei der Krankenversicherung das Schlimmste bef&uuml;rchten m&uuml;ssen. <\/p><p><strong>Damit st&uuml;nde ein weiteres, solidarisch finanziertes, soziales Sicherungssystem vor dem Aus. Denkbare soziale Ausgleichszahlungen w&uuml;rden wahrscheinlich &uuml;berwiegend aus indirekten Steuern finanziert werden und somit gerade diejenigen belasten, die den gr&ouml;&szlig;ten Teil ihres Einkommens verkonsumieren m&uuml;ssen und damit (relativ zu ihrem Einkommen) den h&ouml;chsten Anteil an der Finanzierung tragen.<br>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Financial Times Deutschland berichtet von einem <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/unternehmen\/versicherungen\/:Krieg%20Krankenversicherer\/369877.html\">Krieg der Krankenversicherer<\/a>. Danach wollen die Allianz, Axa und Ergo eine Einheitsversicherung mit nur noch einem Grundschutz f&uuml;r alle Einwohner einf&uuml;hren, mit einer Einheitspr&auml;mie und einer verpflichtenden Grundsicherung zu gleichen Konditionen f&uuml;r private und gesetzliche Krankenversicherungen. 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