{"id":32767,"date":"2016-04-06T08:58:07","date_gmt":"2016-04-06T06:58:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32767"},"modified":"2016-04-06T18:07:29","modified_gmt":"2016-04-06T16:07:29","slug":"gedenken-an-genscher-muss-man-wirklich-uebertreiben-um-einem-toten-gerecht-zu-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32767","title":{"rendered":"Gedenken an Genscher. \u2013 Muss man wirklich \u00fcbertreiben, um einem Toten gerecht zu werden?"},"content":{"rendered":"<p>Hans-Dietrich Genscher hat als Au&szlig;enminister und auch als Innenminister Beachtliches geleistet. Dass er gerade jetzt gestorben ist, m&uuml;ssen jene vielen Menschen, die sich wegen des Aufbaus eines neuen Konfliktes zwischen West und Ost Sorgen machen, sehr bedauern. Genscher war n&auml;mlich einer jener aus der alten Generation, die immer wieder daran erinnert haben, dass wir uns 1990 auch mit Russland darauf verst&auml;ndigt haben, auf Gemeinsame Sicherheit und nicht auf Konfrontation in Europa zu setzen. Das war auch der Ankn&uuml;pfungspunkt einer Sendung von HR 2 &bdquo;Der Tag&ldquo; vom 5. April. Das mit mir zum Thema gef&uuml;hrte Interview finden Sie <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr2\/index.jsp?rubrik=14224&amp;key=standard_podcasting_derTag&amp;mediakey=podcast\/derTag\/derTag_20160405_67756367&amp;type=a\">hier<\/a> etwa ab der 5. bis ca. 13. Minute. &ndash; Um Genscher in dieser Weise zu w&uuml;rdigen, muss man seine Rolle und seine fr&uuml;heren Taten und Schw&auml;chen nicht verf&auml;lschen. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4024\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-32767-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=32767-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160406_Gedenken_an_Genscher_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Es gab auch die anderen Seiten des Hans-Dietrich Genscher. Weil so ma&szlig;los &uuml;bertrieben wird, will ich dazu einige Anmerkungen machen:<\/strong><\/p><ol>\n<li><strong>Hans-Dietrich Genscher &ndash; der Architekt der Einheit?<\/strong> Er hat als Au&szlig;enminister einen gro&szlig;en Anteil daran. Aber es gab aktuelle Architekten wie den amtierenden Bundeskanzler im Jahr 1990, Helmut Kohl, und es gab vorauslaufende &bdquo;Architekten&ldquo; wie Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt, Herbert Wehner u.a.m..<\/li>\n<li>Bettina Gaus meint in einer TAZ-Kolumne, <strong>&bdquo;ohne Genscher und sein Engagement f&uuml;r die sozialliberale Koalition w&auml;re Willy Brandt vielleicht niemals Bundeskanzler geworden.<\/strong>&ldquo; Das muss ich verschlafen haben. Ich war damals schon in Bonn und als Abgesandter des damaligen Bundeswirtschaftsministers und SPD Politikers Karl Schiller im Wahlkampf 1969 engagiert, der dann zum Kanzlerwechsel f&uuml;hrte. Nach meiner Kenntnis war auf FDP-Seite an vorderer Front der FDP-Vorsitzende Walter Scheel t&auml;tig. Mit ihm liefen die Gespr&auml;che Willy Brandts in der Wahlnacht, es kann sein, dass Genscher im Hintergrund mitgewirkt hat.<\/li>\n<li><strong>Genscher war nicht immer der verl&auml;ssliche Bef&uuml;rworter der Entspannungspolitik, als der er heute dargestellt wird.<\/strong> Jedenfalls&nbsp;war er in einer ziemlich entscheidenden Phase auf einer krummen Tour. Im Dezember 1979 marschierte die Sowjetunion in Afghanistan ein. Der CSU-Vorsitzende und kommende Kanzlerkandidat Strau&szlig; forderte sofort das Ende der Entspannungspolitik und des Dialogs mit der Sowjetunion und dem Warschauer Pakt. Genscher ist in dieser Zeit Au&szlig;enminister und Vizekanzler im Kabinett des Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Schmidt steht unter Druck.\n<p>Er l&auml;sst sich jedoch davon &uuml;berzeugen, dass trotz der milit&auml;rischen Intervention in Afghanistan der Dialog mit dem Osten fortgesetzt wird. Die Planungsabteilung des Bundeskanzleramtes, deren Leiter ich damals war, beauftragte Sinus Heidelberg, schnell eine qualitative Studie zur Haltung der Deutschen anzufertigen. Die Befragungen ergaben eine eindeutige Mehrheit f&uuml;r die Fortsetzung des Dialogs. Damit konnten wir die Haltung des Bundeskanzlers st&uuml;tzen; wir taten dies auch, indem wir die Ergebnisse &bdquo;lecken&ldquo; lie&szlig;en. Das brachte Genscher in die Defensive; er beschwerte sich darauf hin beim Bundeskanzler &uuml;ber die Machenschaften seiner Planungsabteilung. Er wollte sich die Option offen halten. Das wurde dann konkret sichtbar, als im April 1980 ein Magazin (nach meiner Erinnerung der Stern) meldete, es habe Gespr&auml;che zwischen dem CDU-Vorsitzenden Kohl und dem FDP-Vorsitzenden Genscher &uuml;ber die Bildung einer schwarz-gelben Koalition, also &uuml;ber den Absprung aus der sozialliberalen Koalition mit Schmidt und der SPD, gegeben.<\/p>\n<p>Die Atmosph&auml;re in der Koalition war aufgeladen. Die SPD-F&uuml;hrung und der Bundeskanzler wussten nicht mehr, ob sie sich auf Genscher und die FDP verlassen k&ouml;nnen. In dieser Situation kam dann eine gl&uuml;ckliche Konstellation zu Hilfe: wir hatten schon bei fr&uuml;heren Wahlen, zum Beispiel bei einer Landtagswahl in Niedersachsen die Erfahrung gemacht, dass die FDP und ihre F&uuml;hrung unter Genscher auf die Niederlagen sensibel reagieren und ihre Koalitionstreue wiederfinden. Vor uns lag die wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mit dem Wahltermin 11. Mai 1980. Nachdem au&szlig;er Strau&szlig; auch noch der CDU-Politiker Alfred Dregger mit martialischen Spr&uuml;chen das Ende der Entspannungspolitik forderten, verst&auml;ndigten sich die SPD-Wahlkampfplaner von Bund und Nordrhein-Westfalen auf einen friedenspolitischen Wahlkampf. H&ouml;hepunkt dieser Kampagne war eine Illustriertenanzeige mit 36 Kriegerwitwen und der &Uuml;berschrift &bdquo;Wir wollen nie wieder Krieg.&ldquo; Damit bekam die Auseinandersetzung mit dem wankenden Koalitionspartner eine neue Dimension. Das Wahlergebnis konnte nicht g&uuml;nstiger ausfallen: die SPD erreichte mit 48,4 % die Mehrheit der Sitze; die FDP flog mit 4,98 % aus dem Landtag.<\/p>\n<p>Die dann folgende Episode muss ich noch berichten, weil sie den herrschenden Opportunismus bei einer solch entscheidenden Frage wie Fortsetzung oder Abbruch der Entspannungspolitik sichtbar macht: Helmut Schmidt hatte damals einen Redenschreiber, der Mitglied der FDP war und qua Amtes das Recht hatte, an der morgendlichen Lagebesprechung im Bundeskanzleramt teilzunehmen, und wegen seiner Mitgliedschaft in der FDP und seiner Funktion das Recht hatte, an FDP-Pr&auml;sidiumssitzungen teilzunehmen. Dieser Kollege Breitenstein &ndash; im Kern ein lustiger Zyniker &ndash; kam am Dienstag nach der Wahl in die morgendliche Lagebesprechung und verk&uuml;ndete uns: <\/p>\n<blockquote><p>\nDas FDP-Pr&auml;sidium hat unter dem Vorsitz von Hans-Dietrich Genscher und unter dem Eindruck des Wahlergebnisses gestern Abend beschlossen, dass die FDP jetzt wieder f&uuml;r die Entspannungspolitik eintritt.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>So viel zu den Schwankungen des Entspannungspolitikers Hans-Dietrich Genscher. Ich wiederhole jedoch: diese Episode schm&auml;lert nicht seine Verdienste um die Verhandlungen zum Ende des Ost-West-Konfliktes von 1990 und schon gar nicht ersch&uuml;ttert das die Bedeutung seiner mahnenden Stimme der letzten Jahre vor seinem Tod.<\/p><\/li>\n<li><strong>Hans-Dietrich Genscher ist jener FDP-Vorsitzende, der mit dem Wechsel der Koalition von Sozial-liberal zu Schwarz-Gelb im September\/Oktober 1982 dem Neoliberalismus offiziell die T&uuml;r ge&ouml;ffnet hat.<\/strong> Die K&uuml;ndigungsurkunde war das sogenannte Lambsdorff-Papier. Es war von der FDP am 9. September 1982 ver&ouml;ffentlicht worden. Acht Tage sp&auml;ter zog die FDP ihre Minister aus dem Kabinett Helmut Schmidt zur&uuml;ck. Christoph Butterwegge nannte das Papier in <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5195426\/\">einem Kommentar der TAZ<\/a> ein &bdquo;Drehbuch f&uuml;r den Sozialabbau&ldquo;. Auf den NachDenkSeiten war schon mehrmals auf den Text verwiesen worden, hier <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/lambsdorff_papier_1982.pdf\">Lambsdorff-Papier &ndash; NachDenkSeiten<\/a> zum Beispiel. Der Wegbereiter des Lambsdorff-Papiers &ndash; auch das ist Hans-Dietrich Genscher.<\/li>\n<li><strong>Die Rolle Genschers im Vorfeld des R&uuml;cktritts von Willy Brandt im Mai 1974 ist aus meiner Sicht immer noch im Dunkeln.<\/strong> Innenminister Genscher hatte Willy Brandt empfohlen, den Spion G&uuml;nter Guillaume mit in den norwegischen Urlaub zu nehmen, um auf diese Weise weitere Beweise &uuml;ber die Spionaget&auml;tigkeit des DDR-Spions zu sammeln. Das war eine wahnsinnige Empfehlung. Man benutzt einen Bundeskanzler nicht als K&ouml;der. &ndash; Gab es ein Zusammenspiel mit Herbert Wehner, der Willy Brandt weg haben wollte?<\/li>\n<\/ol><p>Dessen ungeachtet: Leute wie der Au&szlig;enpolitiker Genscher fehlen uns heute. Es ist seltsam. Nach dem Wegbrechen der &auml;lteren Generation leben wir in einer ziemlich anderen Welt. Das gilt f&uuml;r die Politik und es gilt f&uuml;r die tonangebenden Medien. Dort ist die Sorge um den Frieden und die Angst vor dem Krieg nicht sonderlich weit verbreitet. Das gilt vermutlich nicht f&uuml;r die Mehrheit der Menschen, auch nicht f&uuml;r die junge Generation. Aber nach einer Dauerberieselung mit aufgew&auml;rmten Feindbildern k&ouml;nnen die Mahnungen der Generation Genscher, Schmidt, Bahr, usw. verblassen und wir stehen dann nicht nur mit Waffen und Material ger&uuml;stet, sondern auch geistig aufger&uuml;stet da. Keine sch&ouml;ne Perspektive und ein wirklicher Grund, um Hans-Dietrich Genscher nach zu trauern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Dietrich Genscher hat als Au&szlig;enminister und auch als Innenminister Beachtliches geleistet. Dass er gerade jetzt gestorben ist, m&uuml;ssen jene vielen Menschen, die sich wegen des Aufbaus eines neuen Konfliktes zwischen West und Ost Sorgen machen, sehr bedauern. Genscher war n&auml;mlich einer jener aus der alten Generation, die immer wieder daran erinnert haben, dass wir uns<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=32767\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,198,170],"tags":[329,1543,400,296,747,397],"class_list":["post-32767","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-friedenspolitik","tag-brandt-willy","tag-deutsche-einheit","tag-genscher-hans-dietrich","tag-lambsdorff-otto-graf","tag-nachruf","tag-ostpolitik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32767","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=32767"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32767\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32867,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32767\/revisions\/32867"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=32767"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=32767"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=32767"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}