{"id":3287,"date":"2008-06-18T08:51:28","date_gmt":"2008-06-18T06:51:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3287"},"modified":"2015-11-22T09:55:28","modified_gmt":"2015-11-22T08:55:28","slug":"bewerbungsrede-aus-abgehobener-warte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3287","title":{"rendered":"Bewerbungsrede aus abgehobener Warte"},"content":{"rendered":"<p>Horst K&ouml;hler genie&szlig;t nach letzten Umfragen unter allen Politikern das h&ouml;chste Ansehen. Ob ihm aber die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger jemals zugeh&ouml;rt haben? H&auml;tten Sie ihm jemals zugeh&ouml;rt, dann m&uuml;ssten sie feststellen, dass er eine Meinung vertritt und politische Ziele postuliert, die von der &uuml;berwiegenden Mehrheitsmeinung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern diametral abweicht. So auch in seiner <a href=\"http:\/\/www.bundespraesident.de\/Reden-und-Interviews-,11057.646080\/Berliner-Rede-2008-von-Bundesp.htm?global.back=\/-%2c11057%2c0\/Reden-und-Interviews.htm%3flink%3dbpr_liste\">Berliner Rede 2008<\/a>, die eigentlich keine Rede an die Bev&ouml;lkerung war, sondern die Rede eines schwarz-gelben Pr&auml;sidenten, der um die Anh&auml;nger des Agenda-Kurses bei Rot und Gr&uuml;n warb.<br>\n<!--more--><br>\nDa haben die Redenschreiber des Bundespr&auml;sidenten aber einen lustigen Einstieg in seine Berliner Rede 2008 gefunden: Weil gerade das Schuljahr zu Ende geht und viele Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler ihr Abitur feiern d&uuml;rfen, greift er das Abi-Feten-Motto &bdquo;ABI 2008&ldquo; auf und macht aus der Abk&uuml;rzung &bdquo;ABI&ldquo; die wichtigsten Ziele f&uuml;r Deutschland: &bdquo;Arbeit, Bildung, Integration&ldquo;.<br>\nWelch ein rhetorischer H&ouml;henflug!<\/p><p>Arbeit sichere materielle Freiheit, Bildung innere Freiheit und Integration politische Freiheit.<\/p><p>Bei der Arbeit gebe es erste Erfolge. 1,6 Millionen h&auml;tten einen Arbeitsplatz gefunden. Haben diejenigen, die Arbeit gefunden haben; aber auch &bdquo;materielle Freiheit&ldquo; errungen? Leider hat der Bundespr&auml;sident vergessen zu erw&auml;hnen, dass die &bdquo;Erfolge&ldquo; auf dem Arbeitsmarkt vor allem in einem Anstieg der Zahl der geringf&uuml;gig entlohnt Besch&auml;ftigten bestehen. Haben die Ein-Euro-Jobber, die Niedrigl&ouml;hner und die Leiharbeitnehmer durch einen Arbeitsplatz &bdquo;materielle Freiheit&ldquo; errungen? K&ouml;nnen Sie mit L&ouml;hnen, die nicht zum &Uuml;berleben reichen, &bdquo;auf eigenen F&uuml;&szlig;en stehen&ldquo;, wie K&ouml;hler verk&uuml;ndet?<\/p><p>&bdquo;Selbst wer dabei zun&auml;chst wenig verdient, hat Fu&szlig; gefasst, um sich weiter hoch zu arbeiten&ldquo;, redet der Bundespr&auml;sident. Hat ihm je einer seiner Mitarbeiter die IAB Studie vorgelegt, wonach der Niedriglohnsektor in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist, mittlerweile mehr als jeder sechste Vollzeitbesch&auml;ftigte zu den Geringverdienern geh&ouml;rt und nur jeder achte davon innerhalb von sechs Jahren die Niedriglohnschwelle <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2008\/kb0808.pdf\">&uuml;berschreiten konnte [PDF &ndash; 640 KB]<\/a>? Haben ihm die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger, deren N&auml;he er doch angeblich so gern sucht, nie von ihren Sorgen erz&auml;hlt, dass ihre Aufstiegschancen eher abgenommen haben? Hat er nie etwas von der Allensbach-Studie gelesen, wonach die H&auml;lfte der Deutschen keine <a href=\"?p=2133?\">Aufstiegschance sehen<\/a>.<\/p><p>Bei allem Verst&auml;ndnis daf&uuml;r dass ein Bundespr&auml;sident nicht schwarz malen darf, er sollte den Menschen aber auch nichts vorgaukeln. Und genau das tut K&ouml;hler, wenn er im Widerspruch zu allen Tatsachen sagt: &bdquo;Zugleich sollen aus dem Bereich niedriger L&ouml;hne und einfacher Arbeiten viele T&uuml;ren und Treppen weiterf&uuml;hren, hin zu beruflicher Fortbildung und zu besser bezahlter Besch&auml;ftigung.&ldquo;<\/p><p>Typisch ist, woran K&ouml;hler bei mehr Besch&auml;ftigung zuerst denkt, n&auml;mlich an eine Abgabensenkung: &bdquo;Viel Besch&auml;ftigung, am besten Vollbesch&auml;ftigung hilft uns allen. Das senkt die Ausgaben f&uuml;rs Arbeitslosengeld und erlaubt es, die Abgaben daf&uuml;r zu senken.&ldquo; Daran, dass mit den Mehreinnahmen durch mehr Besch&auml;ftigung die Arbeitslosenversicherung auch wieder eine wirkliche &bdquo;Versicherung&ldquo; werden k&ouml;nnte und nicht nur eine Absicherung des Existenzminimums, denkt K&ouml;hler nat&uuml;rlich nicht. <\/p><p>K&ouml;hler behauptet: &bdquo;Wir erleben eine rasante weltweite Entwicklung hin zu mehr Lebensqualit&auml;t f&uuml;r Milliarden von Menschen.&ldquo; Hat er eigentlich den 3. Armuts-Reichtumsbericht der Bundesregierung nicht gelesen, der eine Zunahme der Armut in Deutschland feststellt? Will er nicht zur Kenntnis nehmen, dass in einer Welt, die so reich ist wie nie zuvor, fast die H&auml;lfte der Erdbewohner, n&auml;mlich ca. 2,8 Milliarden, von weniger als 2 US-Dollar pro Tag leben m&uuml;ssen und sich Armut global verbreitet und verfestigt? Bedeutet globale <a href=\"?p=1884\">Pauperisierung<\/a> etwa &bdquo;mehr Lebensqualit&auml;t&ldquo;? <\/p><p>Entgegen aller Erfahrung der letzten Jahrzehnte vertritt K&ouml;hler nach wie vor die Trickle-down-Lehre der angebotsorientierten Wirtschaftsdogmatiker: Die Unternehmen k&ouml;nnten &bdquo;ihren Mitb&uuml;rgern ruhig mehr dar&uuml;ber berichten, wie Gewinne zur Aussaat f&uuml;r die n&auml;chste Ernte werden und immer neue Arbeit schaffen.&ldquo; Was ist eigentlich von den explodierenden Gewinnen nach unten durchgesickert? Warum ist trotz Rekordgewinnen die Investitionsquote abgest&uuml;rzt? Das Nachdenken &uuml;ber solche Fragen k&ouml;nnte ja das Dogma ins Wanken bringen.<\/p><p>Seine eigene Verantwortung als Finanzstaatsekret&auml;r bei der Finanzierung der Einheit und den damit aufget&uuml;rmten Schuldenberg vergessend, mahnt K&ouml;hler einmal mehr &bdquo;den Abbau der gigantischen Staatsverschuldung&ldquo; an und fordert nat&uuml;rlich den weiteren Abbau von Subventionen, ohne eine ehrliche Antwort darauf zu geben, an welche Subventionen er dabei denkt. Wenn in den vergangenen Jahren von Subventionsabbau gesprochen wurde, so war regelm&auml;&szlig;ig der Griff in die Taschen der kleinen Leute gemeint, angefangen von der K&uuml;rzung der Pendlerpauschale, &uuml;ber den Abbau des Sparerfreibetrags bis zum Abbau der Feiertags- und Nachtzuschl&auml;ge.<\/p><p>Zur Verbesserung der Bildungsqualit&auml;t in den Schulen f&auml;llt K&ouml;hler zuerst die Vermittlung solider &bdquo;Grundkenntnisse &uuml;ber die Wirtschaft&ldquo; ein und die M&ouml;glichkeit, &bdquo;in einem Sch&uuml;lerunternehmen mitzumachen&ldquo;. Gerade so, als sollten die Schulabg&auml;nger besser gleich ein Unternehmen gr&uuml;nden, bevor sie sich vergeblich um einen Ausbildungsplatz bewerben.<\/p><p>Nat&uuml;rlich plappert unser Bundespr&auml;sident wieder die Parolen der Arbeitgeberverb&auml;nde nach: &bdquo;Fast alle in Deutschland sehnen sich nach weniger Vorschriften, nach einem besseren Steuerrecht und nach niedrigeren Abgaben.&ldquo; Das konnte Guido Westerwelle auf dem FDP-Parteitag nicht viel anders sagen.<\/p><p>K&ouml;hler predigt weiter den Mythos von den zu hohen Lohnnebenkosten: &bdquo;Inzwischen aber hemmen die Sozialabgaben das Entstehen von Arbeitspl&auml;tzen, vor allem f&uuml;r einfache T&auml;tigkeiten, und sie behindern dadurch Vollbesch&auml;ftigung&ldquo;. Was hat eigentlich die Senkung der Arbeitslosenbeitr&auml;ge von 6,5 auf 3,3 Prozent um 25 Milliarden zur Vollbesch&auml;ftigung beigetragen?<\/p><p>Oh, w&uuml;rden die Menschen, bei denen der Bundespr&auml;sident so hohes Ansehen genie&szlig;t, doch einmal zuh&ouml;ren, wenn K&ouml;hler S&auml;tze sagt wie etwa den Folgenden: &bdquo;Reformen wie die Riester-Rente, die Rente mit 67 und die Agenda 2010 waren ein guter Anfang.&ldquo; W&uuml;rden die Menschen wirklich der Zerst&ouml;rung der gesetzlichen Rente, der Rente mit 67 oder den Hartz-Reformen zustimmen? W&uuml;rden sie es nicht viel eher als Bedrohung ansehen, wenn K&ouml;hler ausruft: &bdquo;Wir sollten das Erreichte nicht zerreden oder gar zur&uuml;ckdrehen, sondern beherzt vorangehen auf dem Weg, der sich als der richtige erwiesen hat.&ldquo;<\/p><p>Beim Bildungsthema sagt der Bundespr&auml;sident viel Richtiges, &uuml;ber die Bedeutung von Bildung, aber auch nichts Neues. Bis auf die Forderung nach mehr Geld f&uuml;r die Bildung gibt es au&szlig;er Appellen an alle Beteiligten nichts Konkretes. <\/p><p>Zur Integration f&auml;llt unserem Ober&ouml;konomen nichts Wichtigeres ein als Wettbewerb: &bdquo;Unsere Freiheit und Verschiedenheit bedeutet zugleich st&auml;ndigen Wettbewerb: Wer seine Ansichten und Interessen vertritt, st&ouml;&szlig;t oft auf Menschen, die ihm andere Ansichten und andere Interessen entgegensetzen. Dann entsteht Konkurrenz. Die ist allgegenw&auml;rtig&hellip;&ldquo;<\/p><p>Der Wettbewerb der Meinungen und Interessen m&uuml;sse nur fair und offen bleiben, damit niemand unterdr&uuml;ckt oder ausgebeutet werde, und dazu bed&uuml;rfe es der &bdquo;drei wichtigsten Regeln f&uuml;r die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration unserer Vielfalt zu einem guten Ganzen&ldquo;, n&auml;mlich &bdquo;Demokratie, Soziale Marktwirtschaft und B&uuml;rgergesellschaft&ldquo;. Allgemeiner und damit Nichtssagender geht es wohl kaum, wenn man &uuml;ber die Ausl&auml;nderfeindlichkeit in vielen Regionen, wenn man &uuml;ber die Gefahren von Ausgrenzung, Ghettobildung und dem Entstehen von Parallelgesellschaften hinwegreden will. <\/p><p>K&ouml;hler h&auml;lt dann ein kleines Grundschulkolleg &uuml;ber die parlamentarische und die Parteiendemokratie. Als Gr&uuml;nde, warum mehr als zwei Drittel mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden sind, f&auml;llt dem Bundespr&auml;sidenten nicht etwa ein, dass sich die Politik in wichtigen Bereichen seit Jahren &uuml;ber den durch s&auml;mtliche Umfragen best&auml;tigten Mehrheitswillen hinwegsetzt, etwa von den Auslandseins&auml;tzen der Bundeswehr &uuml;ber die Rente mit 67 bis zuletzt zur Bahnprivatisierung. Nein, die Unzufriedenheit liegt f&uuml;r K&ouml;hler an der Undurchschaubarkeit, wer f&uuml;r was zust&auml;ndig und verantwortlich sei, sowie daran, dass es immer neue Regelungsanspr&uuml;che und Machbarkeitsversprechen gebe. Der berechtigte Kern der Unzufriedenheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger betreffe die verflochtenen Zust&auml;ndigkeiten und Finanzbeziehungen von Bund, L&auml;ndern und Gemeinden. <\/p><p>Das soll also das erste sein, was den B&uuml;rger st&ouml;rt, wenn er an die Opfer denkt, die er bei der Rente, bei der Selbstbeteiligung an den Gesundheitskosten, beim Arbeitslosengeld, bei der Streichung von Steuerverg&uuml;nstigungen, beim Lohn zu erbringen hatte? <\/p><p>Der Bundespr&auml;sident appelliert, die Verdrossenheit ernst zu nehmen. Wer ein demokratisches Amt innehabe, solle &bdquo;im Dialog mit der &Ouml;ffentlichkeit Kritik aufnehmen und ihr auf den Grund gehen.&ldquo; Doch die einzige Form, mit der die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger wirklich Druck auf die Amtsinhaber aus&uuml;ben k&ouml;nnen, n&auml;mlich die Wahlen, gerade dieses Druckmittel will K&ouml;hler durch eine Verl&auml;ngerung der Legislaturperiode des Deutschen Bundestages und durch eine Konzentration der Wahltermine auf denselben Tag schw&auml;chen. <\/p><p>Und dann ruft der Bundespr&auml;sident noch den &bdquo;Demokratieverdrossenen&ldquo; zu, doch &bdquo;ihre Sachkunde und ihr Interesse an Politik in die Parteien hineinzutragen.&ldquo; Da schmelzen die Mitgliederzahlen der Parteien wie Schnee in der Sonne, und unserem obersten Repr&auml;sentanten f&auml;llt dazu nicht mehr ein, als dass daran nicht so sehr die Parteien schuld seien und &ndash; wer h&auml;tte das gedacht &ndash; dass sie sich &uuml;ber neue Mitglieder freuten. An dieser Stelle bekommt die Rede geradezu parodistische Z&uuml;ge. <\/p><p>Staatliche Feiern und Symbole, Erz&auml;hlungen &uuml;ber den Parlamentarischen Rat vor ausgestopften Tieren im Bonner Museum Ludwig, &uuml;ber die Prager Botschaftsfl&uuml;chtlinge und &uuml;ber den 17. Juni sollen also Zusammenhalt und Demokratie f&ouml;rdern.<\/p><p>F&uuml;r unseren Bundespr&auml;sidenten muss alles m&ouml;gliche dazu herhalten, die Verdrossenheit der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger abzubauen &ndash; nur daran, dass die B&uuml;rger &uuml;ber die bei uns gemachte und von K&ouml;hler forcierte Politik verdrossen sind, auf diesen Gedanken kommt K&ouml;hler nat&uuml;rlich nicht.<\/p><p>Zum Schluss holt unser Bundespr&auml;sident zu einer Eloge auf die Soziale Marktwirtschaft aus.<br>\n&bdquo;Demokratie und Marktwirtschaft haben dieselbe Wurzel &ndash; Freiheit&ldquo;. Er vergisst dabei allerdings, dass Marktwirtschaften ganz gut ohne Demokratie ausgekommen sind, im Franco-Spanien, im Pinochet-Chile, ja sogar unter den Nazis.<\/p><p>An der Tatsache, dass selbst die Bertelsmann-Stiftung in einer j&uuml;ngsten Studie feststellen musste, dass die &bdquo;Soziale&ldquo; Marktwirtschaft weiter an Vertrauen und Akzeptanz in der Bev&ouml;lkerung verloren hat und nur noch 31 Prozent der Menschen in Deutschland <a href=\"http:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/cps\/rde\/xchg\/SID-0A000F0A-95A0E26B\/bst\/hs.xsl\/nachrichten_87609.htm\">eine gute Meinung dar&uuml;ber haben<\/a>, kommt auch der Bundespr&auml;sident nicht vorbei. Er fordert, dass die &bdquo;Ursachen aufgearbeitet und bek&auml;mpft werden&ldquo;, und findet gleich eine der Hauptursachen, n&auml;mlich die &bdquo;&Uuml;bertreibungen&ldquo;.<\/p><p>Gegen die Wirklichkeit der Skandale stellt K&ouml;hler sein Konzept der Relativierungen: Auch wenn die Kinderarmut st&auml;ndig steigt und inzwischen &uuml;ber zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche auf Sozialhilfeniveau leben m&uuml;ssen, relativiert K&ouml;hler diesen Skandal mit dem Hinweis, dass &bdquo;die Armutsquote von Kindern hierzulande &hellip; im europ&auml;ischen Vergleich unterdurchschnittlich&ldquo; ist.<\/p><p>Die wachsende Zahl von Menschen, die in die &bdquo;Tafeln&ldquo; str&ouml;men, um ihren Hunger zu stillen, relativiert K&ouml;hler mit dem Hinweis, dass sich die Zahl der Obdachlosen sich seit 1998 ungef&auml;hr halbiert habe. Es gebe vorerst kaum Altersarmut, und &bdquo;der Aufschwung am Arbeitsmarkt hat die Einkommenssituation vieler Haushalte noch einmal verbessert. Das ist noch nicht in die Armutsberechnungen eingegangen.&ldquo; <\/p><p>Es ist zwar richtig, dass der Aufschwung die Einkommenssituation vieler Haushalte noch einmal verbessert hat, aber leider eben &uuml;berwiegend nur in den Haushalten, denen es ohnehin besser ging. Dass der Aufschwung bei den Menschen angekommen sei, behauptet allerdings noch nicht einmal die Kanzlerin. Dass mittlerweile 13 Prozent der Bev&ouml;lkerung von Armut bedroht sind und noch einmal so viele nur dank staatlicher Unterst&uuml;tzung nicht als arm gelten, wird von K&ouml;hler einfach ausgeblendet. <\/p><p>Die Mittelschicht leidet nach K&ouml;hler vor allem unter der hohen Steuerbelastung. Die Tatsache etwa, dass die Belastung eines Durchschnittsverdieners nach Auskunft der Bundesregierung durch die <a href=\"http:\/\/www.bundestag.de\/aktuell\/hib\/2008\/2008_136\/02.html\">Einkommensteuer gesunken ist<\/a>, darf, wenn es um K&ouml;hlers Lieblingsziel, die Steuersenkungen geht, keine Rolle spielen. Dass die Mittelschicht nach einer j&uuml;ngst ver&ouml;ffentlichten DIW-Studie in den letzten 6 Jahren <a href=\"http:\/\/www.bundesfinanzministerium.de\/nn_54\/DE\/Buergerinnen__und__Buerger\/Gesellschaft__und__Zukunft\/119__schrumpft__mittelschicht_3F.html?__nnn=true\">von 49 auf 45 Millionen geschrumpft<\/a> ist, mag viele Gr&uuml;nde haben, aber gewiss zuletzt die Steuerbelastung.<\/p><p>Obsz&ouml;ne Managergeh&auml;lter und Abfindungen, Steuerhinterziehung, Korruption, Bespitzelungen durch &bdquo;Unternehmensf&uuml;hrer&ldquo; sind f&uuml;r K&ouml;hler alles nur Einzelf&auml;lle oder nur die Verallgemeinerungen von Stichproben. <\/p><p>Immerhin teilt unser Bundespr&auml;sident die &bdquo;die Entt&auml;uschung dar&uuml;ber, dass Chancen bei uns nicht gerecht verteilt sind und darum zu wenig erreicht wird f&uuml;r eine gerechtere Gesellschaft.&ldquo; Als &bdquo;Therapie&ldquo; bietet K&ouml;hler an: &bdquo;Die Denkrichtung und die Wirkungsweise unseres Sozialstaates weiter umtrimmen von Betreuen auf Ert&uuml;chtigen, auf F&ouml;rdern und Fordern, dann brauchen wir &ndash; einmal mehr sei es gesagt &ndash; ein Bildungswesen mit exzellenten Angeboten f&uuml;r alle&ldquo;. <\/p><p>Das bedeutet, wie wir aus der Wirkung der Hartz-Gesetze wissen, auf gut deutsch: &Ouml;konomischen Druck auszu&uuml;ben, um zu ert&uuml;chtigen, und wenn es sein muss, eben auch durch (zwangsweise) &bdquo;B&uuml;rgerarbeit&ldquo;. Und im Bildungswesen reichen &bdquo;exzellente Angebote&ldquo;; wer es dann nicht schafft ist selber schuld; von exzellenter F&ouml;rderung &ndash; ein Kernelement der Bildung &ndash; keine Rede.<\/p><p>Eine Passage in K&ouml;hlers Berliner Rede empfand ich interessant und neu, n&auml;mlich seine Mahnung, die &bdquo;B&uuml;rgergesellschaft&ldquo; nicht mit der Demokratie zu verwechseln: &bdquo;Keine b&uuml;rgerschaftliche Initiative, und sei sie noch so sehr am Gemeinwohl orientiert, darf im Namen des Volkes handeln und entscheiden. Das darf nur, wer das demokratische Mandat dazu bekommen hat, entweder vom Volk selber oder durch seine gew&auml;hlten Vertreter. Die Abgrenzung ist wichtig. Kein Teil der B&uuml;rgergesellschaft &ndash; ob Anwohnerversammlung, Lobbygruppe oder die politischen Parteien &ndash; kann beanspruchen, f&uuml;r das Volk zu sprechen, und dessen gew&auml;hlte Vertreter d&uuml;rfen nicht zulassen, dass ihnen ihre Entscheidungen aus der Hand genommen werden, denn aufs Gemeinwohl verpflichtet sind nur sie selber, nicht die Interessengruppen.&ldquo; Sollte das etwa eine Mahnung an K&ouml;hlers Vor-Vorg&auml;nger Roman Herzog und seinem B&uuml;rgerKonvent sein, gar an die Bertelsmann Stiftung oder die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM)? <\/p><p>Im &Uuml;brigen ist sich Bundespr&auml;sident K&ouml;hler in seiner Berliner Rede 2008 treu geblieben. Er hat geredet wie immer &ndash; eben wie ein schwarz-gelber Pr&auml;sident. Seine Rede h&auml;tte auch von Guido Westerwelle oder von einem CDU-Politker, ja sogar &ndash; wenn es um eine Festtagsrede ginge &ndash;von einem Arbeitgeberpr&auml;sidenten gehalten werden k&ouml;nnen. Da K&ouml;hler die rot-gr&uuml;ne Agenda und die Riestersche Rentenreform in h&ouml;chsten T&ouml;nen gelobt hat, bot er sich auch dem rechten Fl&uuml;gel der Sozialdemokraten und den Realos der Gr&uuml;nen als Kandidat an. Mehr Stimmen braucht Horst K&ouml;hler f&uuml;r seine Wiederwahl auch nicht. Und der ins Schloss Bellevue geladene kleine Kreis der G&auml;ste aus Politik, Wirtschaft und Medien wird schon daf&uuml;r sorgen, dass das Ansehen des Pr&auml;sidenten bei den B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern weiter steigt. <\/p><p>Sie werden sich durch einen Blick in die heutigen Zeitungen selbst davon &uuml;berzeugen k&ouml;nnen.<\/p><p>Ach, w&uuml;rden die Menschen doch einmal im Original nachlesen, f&uuml;r welche Ziele ein wiedergew&auml;hlter Horst K&ouml;hler steht. Sie w&uuml;rden eine krasse Diskrepanz feststellen zwischen dem Bild, das ihnen von K&ouml;hler als B&uuml;rgerpr&auml;sident gemalt wird, und dem was die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger von der Politik, die der Bundespr&auml;sident propagiert, erwarten d&uuml;rfen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Horst K&ouml;hler genie&szlig;t nach letzten Umfragen unter allen Politikern das h&ouml;chste Ansehen. Ob ihm aber die B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger jemals zugeh&ouml;rt haben? H&auml;tten Sie ihm jemals zugeh&ouml;rt, dann m&uuml;ssten sie feststellen, dass er eine Meinung vertritt und politische Ziele postuliert, die von der &uuml;berwiegenden Mehrheitsmeinung der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rgern diametral abweicht. 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