{"id":33,"date":"2003-12-01T11:32:30","date_gmt":"2003-12-01T09:32:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=33"},"modified":"2024-10-13T00:24:34","modified_gmt":"2024-10-12T22:24:34","slug":"agenda-2010-kann-probleme-nicht-losen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33","title":{"rendered":"Agenda 2010 kann Probleme nicht l\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p>Agenda 2010 kann Probleme nicht l&ouml;sen. Von <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>, <em>S&uuml;ddeutsche Zeitung<\/em> &ndash; Au&szlig;enansicht.<br>\n<!--more--><\/p><p>Gerhard Schr&ouml;der wird sich auf dem SPD-Parteitag mit seiner Reformagenda durchsetzen, vermutlich dann auch im Bundestag. Aber dies wird ein unn&uuml;tzer Sieg sein: zum einen, weil diese Reformen der &Ouml;konomie nicht auf die Beine helfen, zum anderen, weil er dank des mit dem Sieg verbundenen Kollateralschadens &ndash; einer gespaltenen und demotivierten Anh&auml;ngerschaft &ndash; kaum mehr gr&ouml;&szlig;ere Wahlen gewinnen wird.<br>\nUnd dennoch kann man erkl&auml;ren, warum Schr&ouml;der diesen Weg geht. Die SPD ist 16 Jahre erfolglos gegen Kohl angerannt. Dann kam Gerhard Schr&ouml;der. Er hat mit den Medien gespielt, er hat ihnen 1998 zusammen mit Lafontaine das Schauspiel eines &ouml;ffentlichen Wettstreits um die Kandidatur geboten, und dann im Strom der Medien Kohl besiegt. Dass er sich nach dieser Erfahrung geschworen hat, strikt auf den Mainstream der Medien zu h&ouml;ren, kann man verstehen.<\/p><p>Das ist der eigentliche Hintergrund der Agenda 2010. &ldquo;Wir brauchen Strukturreformen&rdquo;, t&ouml;nt es seit Jahren aus allen Kan&auml;len. Und der Chor schwillt an &ndash; nahezu alle Medien, &uuml;ber 100 Wirtschaftswissenschaftler, eigens gegr&uuml;ndete, millionenschwere Vereine, ja sogar die Kirchenoberh&auml;upter und altgediente Sozialdemokraten, die Chefvolkswirte der Banken sowieso, alles was Rang und Namen hat, h&auml;lt einschneidende Reformen f&uuml;r dringlich. Und da soll der Medienkanzler Schr&ouml;der widersprechen? Das scheint zu viel verlangt, auch wenn sachlich alles daf&uuml;r spr&auml;che zu widersprechen.<\/p><p>Die auf der Agenda stehenden &ldquo;Strukturreformen&rdquo; l&ouml;sen nicht unsere akuten Probleme. Wir sind mitten in einer Rezession. Anders als in der &Ouml;ffentlichkeit dargestellt sind die vielen Insolvenzen und Arbeitslosen, die wachsenden Staatsschulden, die Steuerausf&auml;lle und der steigende Zuschussbedarf zu den Sozialsystemen ganz wesentlich Folge der schlechten Konjunktur. Der Konjunktureinbruch w&uuml;rde die konzentrierte Aufmerksamkeit der politischen F&uuml;hrung verlangen. N&ouml;tig w&auml;re vor allem, Mut zu machen f&uuml;r Konsum und Investitionen.<br>\nAber statt die Stimmung zu heben, statt die St&auml;rken unseres Landes zu r&uuml;hmen, verst&auml;rken wir die schlechte Stimmung. Weltweit beklagen unsere Meinungsf&uuml;hrer den Reformstau und die angeblichen Schw&auml;chen unseres Modells. Es gibt kein anderes Land, dessen Eliten so schlecht &uuml;ber das eigene Land reden. Richtungsweisend Superminister Clement vor wenigen Tagen in den USA: Da kam der Repr&auml;sentant eines Landes, dessen Exportst&auml;rke trotz aller Schw&auml;chen beachtlich sind, in ein Land, das von 1992 bis heute zunehmend weniger exportiert als importiert. Sein Leistungsbilanzdefizit betrug 2002 fast 5% der Gesamtleistung der US-Volkswirtschaft. Eigentlich ein Skandal. Die USA leisten um etwa 500 Mrd. $ weniger, als sie verbrauchen. Sie leben auf Kosten anderer V&ouml;lker. Und der Rest der Welt ist so freundlich, ihnen weiter Kredit zu geben. Weil sie so tun, als sei ihre Gesellschaft in Ordnung, obwohl die Infrastruktur verrottet, die Kriminalit&auml;t Spitze ist und die US-Wirtschaft noch nie so viele Konkurse gro&szlig;er Unternehmen erlebte. Sie verkaufen ihr Land als Modell, obwohl dank privatisierter Altersvorsorge Millionen Rentner beim B&ouml;rsencrash in den Ruin getrieben wurden und obwohl viele Familien nur &uuml;ber die Runden kommen, weil ihre niedriglohnbeziehenden Familienm&uuml;tter und -v&auml;ter von einem Job zum anderen hetzen.<br>\nIn dieses Land kommt unser Wirtschaftsminister und l&auml;sst sich abmahnen. Im Bericht der SZ vom 21.5. stand zu lesen: &ldquo;Der Minister versprach, er werde die deutsche Reformagenda auch im US-Interesse z&uuml;gig umsetzen&rdquo;.Basta.<br>\n&Uuml;brigens, das, was von den USA zu lernen sich lohnen w&uuml;rde, lernen wir nicht: wie die USA bisher mit ihren Krisen fertig wurden &ndash; mit dem Einsatz aller m&ouml;glichen Instrumente der Wirtschaftpolitik ohne ideologische Scheuklappen, mit expansiver Geld- und Fiskalpolitik, mit Stimmungsmache und der weltweiten Verkl&auml;rung ihres US-Modells.<\/p><p>Statt unser Gesellschaftsmodell selbstbewusst zu feiern und Zuversicht und Mut zu vermitteln &ndash; und im Stillen zu reparieren, wo es n&ouml;tig ist &ndash; beklagen wir seine mangelnde Zukunftsf&auml;higkeit. Es brennt unterm Dach und wir besch&auml;ftigen uns mit grundlegenden Reformen: mit einer m&ouml;glicherweise n&ouml;tigen Verfassungsreform und mit der Sicherung der Renten im Jahre 2050; wir erwarten Wunder von der Lockerung des K&uuml;ndigungsschutzes, obwohl die Auftragslage der meisten Unternehmen Neueinstellungen nicht m&ouml;glich macht; und wir reformieren den &rdquo; Arbeitsmarkt&rdquo; und stellen dabei die Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit auf den Kopf, gr&uuml;nden neue Institutionen wie die IchAG&rsquo;s und Personal-Service-Agenturen (PSA), und wundern uns, dass diese Reformen nicht z&uuml;nden, weil der Zug auf dem Arbeitsmarkt fehlt &ndash; die Nachfrage, Auftr&auml;ge.<br>\nWer mit Reformen die Rezession &uuml;berwinden will, verfehlt schlicht das Thema. Mich wundert, dass diese Botschaft nicht gelernt wird, obwohl bisherige Erfahrungen dies lehren. Kohl hat die Steuern gesenkt, Deutschland hat mit 21,6% (2001) eine der niedrigsten Steuerbelastungen. Wo bleibt die Wirtschaftsbelebung? Die Greencard wurde eingef&uuml;hrt, Unternehmensverk&auml;ufe von Steuern befreit, der Ladenschluss gelockert, die Riesterrente und Hartz-Konzepte eingef&uuml;hrt. Wo bleibt der erhoffte Wirtschaftsaufschwung?<\/p><p>Er wird nicht kommen, weil der Wirkungszusammenhang zwischen Strukturreformen und Wirtschaftsbelebung in der Realit&auml;t nicht so existiert, wie dies im t&auml;glichen Reformgerede unterstellt wird. Und weil das unendliche Reden &uuml;ber Reformstau und Reformen das Vertrauen in unser Land vollends ruiniert.<br>\nDie Konzentration &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen: die freiwillige Gleichschaltung der &ouml;ffentlichen Meinung in Deutschland auf den Glaubenssatz, Reformen h&uuml;lfen uns aus der wirtschaftlichen Misere, ist kein Zufallsprodukt. Wir sind Zeugen eines imposanten Brainwashing. Die Medien, viele gesellschaftlichen Gruppen und Personen des &ouml;ffentlichen Lebens beten unkritisch nach, was andere ihnen vorgesagt haben. Meinungsbildung ist in wichtigen Teilen strategisch geplant und organisiert. 40% dessen, was man in den USA in Zeitungen liest oder im Fernsehen sieht, ist von PR-Firmen im Auftrag ihrer Kunden geschrieben oder produziert worden. Nach Beobachtungen des Medienwissenschaftlers Michael Haller, Leipzig, stehen bei uns 30.000 Politik- und Wirtschaftsjournalisten immerhin schon 15 bis 18.000 PR-Leute gegen&uuml;ber. Je mehr sich PR-geneigte Medienkonzerne wie Murdoch und Berlusconi durchsetzen, umso mehr wird der Einfluss der PR-gesteuerten Kommunikation steigen und die unabh&auml;ngige Berichterstattung verdr&auml;ngen.<br>\nDer amerikanische Sozialwissenschaftler Norman Birnbaum, wundert sich &uuml;ber die Naivit&auml;t der von der Reformdebatte betroffenen Deutschen und Europ&auml;er. Nur wenige erkennen, dass der Druck auf Reformen strategisch geplant und betrieben wird. Die Wirtschaftsliberalen weltweit haben erkannt, dass das europ&auml;ische Sozialstaatsmodell eine attraktive Konkurrenz und Gefahr f&uuml;r ihre eigenen Interessen und Vorhaben ist. Deshalb sehen sie im Niedergang des Europ&auml;ischen Modells ein wichtiges Etappenziel. Daf&uuml;r setzen sie viel Geld ein f&uuml;r Public Relation. Ihre Freunde in den europ&auml;ischen L&auml;ndern arbeiten flei&szlig;ig mit.<\/p><p><em>&copy; S&uuml;ddeutsche Zeitung \/  31. Mai 2003<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agenda 2010 kann Probleme nicht l&ouml;sen. 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