{"id":3305,"date":"2008-06-29T09:14:52","date_gmt":"2008-06-29T07:14:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3305"},"modified":"2019-07-25T11:11:52","modified_gmt":"2019-07-25T09:11:52","slug":"em-splitter-eine-fast-nachbetrachtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3305","title":{"rendered":"EM-Splitter. Eine (fast) Nachbetrachtung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Samstagnachmittag. Der zweite Tag ohne Fu&szlig;ball. Und keine NachDenkSeiten heute. Morgen ist das Endspiel. Deutschland hat es mal wieder geschafft &ndash; wie auch immer. Ich verstehe gut den Frust der Nationen, die besseren Fu&szlig;ball spielen als wir und trotzdem ausgeschieden sind. Allen voran die Holl&auml;nder, Kroaten und Portugiesen. Von Joke Frerichs<br>\n<!--more--><br>\nVergleicht man unsere Spielweise mit der w&auml;hrend der WM von 2006, so ist eine Weiterentwicklung kaum zu erkennen. Damals hat sich die Mannschaft von Spiel zu Spiel gesteigert. Davon kann bei dieser EM nicht die Rede sein. Das Spiel gegen (&uuml;bersch&auml;tzte) Polen war nur teilweise gut. Die Spiele gegen Kroatien und &Ouml;sterreich grenzwertig schlecht. Auch wenn die Kanzlerin nach dem &Ouml;sterreich-Spiel meinte, wir h&auml;tten &bdquo;effizient&ldquo; gespielt. Wahrscheinlich h&auml;lt sie auch die Art und Weise, wie sie Politik macht, f&uuml;r effizient. Die Medien tun das ihre dazu. Selten habe ich eine derart unterw&uuml;rfige Hofberichterstattung erlebt wie im Umgang mit dieser Kanzlerin. Die Statements zum Spiel &ndash; nichtssagend wie eine Regierungserkl&auml;rung. Und vor Inkompetenz nur so strotzend. Aber immer l&auml;chelnd. Dabei g&auml;be es reichlich Anlass zur Kritik: Die Art und Weise, wie die Springer-Presse vor dem Polen-Spiel (gleichzeitig in Polen und in Deutschland) gehetzt hat, h&auml;tte einen Einspruch mehr als gerechtfertigt. Aber von dieser Kanzlerin ist derartiges nicht zu erwarten. Sie schwimmt lieber mit auf der nationalen Welle.<\/p><p>Zur&uuml;ck zum Fu&szlig;ball. &Uuml;berrascht hat mich die Systemschw&auml;che der deutschen Mannschaft. L&ouml;w brauchte bis zum Portugal-Spiel, um ein halbwegs funktionierendes System zu finden: mit zwei sog. Sechsern (Hitzelsberger und Rolfes bzw. Frings). Erst danach konnte Ballack offensiver werden und seine Torgef&auml;hrlichkeit unter Beweis stellen (vom phantastischen Freisto&szlig; gegen &Ouml;sterreich einmal abgesehen). Dass Jansen auf der linken Abwehrseite &uuml;berfordert war, h&auml;tte man schon nach 20 Minuten des ersten Spiels sehen k&ouml;nnen. St&auml;ndig stand er falsch, weil zu weit weg vom Gegenspieler (wie &uuml;brigens auch Lahm des &ouml;fteren, was im Spiel gegen die T&uuml;rkei fast schief gegangen w&auml;re). Lahm kompensiert diese Schw&auml;che jedoch durch einen beeindruckenden Offensivdrang &ndash; vor allem auf seiner starken linken Seite.<br>\nDie Aufbietung von Mario Gomez als zweiter Sturmspitze neben Klose erwies sich als Missgriff. Gomez (f&uuml;r den Barcelona nun sicherlich keine 20 Millionen Euro mehr bieten wird), wirkte wie ein Fremdk&ouml;rper in der Mannschaft &ndash; nicht nur der vergebenen Gro&szlig;chancen wegen. Beiden Sturmspitzen ist jedoch zugute zu halten, dass sie aus dem Mittelfeld kaum brauchbare P&auml;sse bekamen. Podolski &ndash; der sich in sehr guter Form pr&auml;sentiert &ndash; ist auf dieser Position eindeutig die bessere L&ouml;sung. Er ist nicht nur torgef&auml;hrlicher, sondern &uuml;berzeugt auch in der Tor-Vorbereitung. So bleiben vor allem die gelungenen Kombinationen von Podolski und Schweinsteiger in Erinnerung (insbesondere die gegen Portugal und die T&uuml;rkei).<br>\nDie Einwechselung von Odonkor im Kroatien-Spiel zeigte nur zu deutlich, wie unsicher sich L&ouml;w hinsichtlich des Spielsystems war. (Zu seiner Ehre sei allerdings hinzugef&uuml;gt, dass er seine Fehler offen eingestand &ndash; und nicht wie seine Vorg&auml;nger Ribbeck und V&ouml;ller um den hei&szlig;en Brei herumredete).<\/p><p>Unsicher wirkt bisher auch die Innenverteidigung. Metzelder spielt bisweilen wie ein Altherren-Spieler. Viele Stellungsfehler und vor allem zu langsam im Spielaufbau. Er und Mertesacker spielen sich derart pomadig die B&auml;lle zu, dass jeder Gegner sich zwischenzeitlich formiert hat. Das erinnert doch sehr an Zeiten, die man f&uuml;r &uuml;berwunden hielt.<\/p><p> Nat&uuml;rlich kommt jetzt der Einwand: aber wir haben doch letztlich Erfolg mit unserer Art zu spielen. Andere zeigen ein oder zwei tolle Spiele und das war`s dann. Und auf einem durchg&auml;ngig hohen Niveau spielt w&auml;hrend des gesamten Tourniers ohnehin kaum eine Mannschaft. Das alles ist richtig und unabweisbar. Aber als Fu&szlig;ball-Romantiker darf man sich doch immer einen noch besseren Fu&szlig;ball w&uuml;nschen als den zuletzt gespielten.<\/p><p>Dass wir gegen die T&uuml;rkei derart schlecht gespielt haben (nach dem hervorragenden Portugal-Spiel), ist schwer zu verstehen. War die Pause zwischen den Spielen zu lang? Haben die T&uuml;rken mit ihrer unkonventionellen, oft chaotischen Spielweise unsere Leute verbl&uuml;fft? Haben wir sie untersch&auml;tzt? Schwer zu sagen. Erstaunlich f&uuml;r mich: die Unsicherheit vieler Spieler &ndash; angefangen bei Lehmann setzte diese sich &uuml;ber die Innenverteidigung, das Mittelfeld bis zur einzigen Sturmspitze Klose fort, der bis zu seinem Tor in der 78. Minute kaum am Ball war. Ballack war nicht zu sehen; Podolsky  beim 1:0 der T&uuml;rken geistig abwesend (spielt in der R&uuml;ckw&auml;rtsbewegung ohnehin noch ziemlich amateurhaft). Kaum einer der Spieler hatte Normalform. Dass wir dennoch gewonnen haben, verstehe, wer will. Da muss man schon Franz Beckenbauer fragen &ndash; der wei&szlig; auf alles eine Antwort. <\/p><p>F&uuml;r die T&uuml;rken tat es mir leid. Nach dem Kroatien-Spiel, das sie gl&uuml;cklich gewonnen haben, haben wir sie eine Stunde lang &uuml;ber den Kudamm in Berlin ziehen sehen. Selten habe ich so viele gl&uuml;ckliche Gesichter gesehen. Als uns einen Abend sp&auml;ter ein t&uuml;rkischer Taxifahrer zum Hotel fuhr, w&uuml;nschten wir uns gegenseitig, dass der bessere im Spiel Deutschland &ndash; T&uuml;rkei gewinnen m&ouml;ge. Es ist anders gekommen.<\/p><p>Wir haben einen Teil der Spiele in der Kneipe gesehen: bei der &bdquo;Dicken Wirtin&ldquo; und im &bdquo;Zwiebelfisch&ldquo; am Savigny-Platz in Berlin. Das ist nicht immer nur angenehm. Ausgerechnet beim Spiel gegen Portugal hielt mein Nachbar ein Pl&auml;doyer f&uuml;r die Todesstrafe &ndash; von keinem noch so b&ouml;sen Blick lie&szlig; er sich unterbrechen. Bis ihm jemand sagte, aus den von ihm angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden f&uuml;r die Todesstrafe seien die USA ja auch ein &uuml;beraus sicheres Land, in dem es kaum Verbrechen gibt. Da schaute er doch einen Moment verdutzt drein und hielt f&uuml;r ca. f&uuml;nf Minuten den Mund.<\/p><p>Das Spiel Italien gegen Spanien sahen wir inmitten von &bdquo;Halbintellektuellen&ldquo; (halbintellektuell meint hier: zu allem eine Meinung haben und von nichts wirklich etwas zu verstehen). Also: vorgeschobenes Interesse am Spiel; absch&auml;tzige Urteile; Inkompetenz. Vor uns las einer w&auml;hrend des Spiels die &bdquo;Zeit&ldquo;. Umst&auml;ndlich und aufwendig bl&auml;tterte er jedes Mal die Seiten um. Dann verstand man vom Ton gar nichts mehr, da ohnehin st&auml;ndig Handys bimmelten oder sonst wie gequatscht wurde. Ab und zu blickte der Besagte zum Bildschirm auf und schien sich zu wundern, was auf selbigem vor sich ging. Seltsame Zeitgenossen gibt es. Gott sei dank war das Spiel (vor allem seitens der Italiener) relativ schwach, so dass es keiner besonderen Atmosph&auml;re bedurfte.<\/p><p>Ausgerechnet das Spiel Holland-Russland haben wir verpasst. An dem Abend waren wir zu einer Geburtstagsfeier bei alten Freunden eingeladen. Als sp&auml;te G&auml;ste das Resultat nannten, wollten wir es kaum glauben. Und wie &uuml;berlegen die Russen gewesen waren. Um die Holl&auml;nder ist es schade &ndash; sie haben aus meiner Sicht den perfektesten und sch&ouml;nsten Fu&szlig;ball geboten. Aber es fehlt ihnen offenbar die Konstanz, ein ganzes Tournier auf hohem Niveau zu absolvieren.<\/p><p>Was bleibt sonst noch zu sagen? Soll man sich noch mit den Kommentatoren auseinander setzen? Den Platit&uuml;den eines Bela R&eacute;thi oder Tom Bartels? Das kann man sich getrost sparen. Es kommt immer noch schlimmer, als man f&uuml;r m&ouml;glich gehalten hat.<br>\nDie ausgedehnten Sendezeiten; die Werbung; die Stimmungsmache &agrave; la Johannes B. Kerner? Der schafft es in einer Minute, die Jungs in Afghanistan zu gr&uuml;&szlig;en und Frau Merkel, die gerade eintrifft, zu hofieren.<br>\nSoll man sich &uuml;ber die Vermarktung der Spiele aufregen? (Soeben geht &uuml;ber den Ticker, dass die UEFA ca. 700 Millionen Euro Gewinn gemacht hat). Alles wurde vermarktet &ndash; vom Spielball bis zum Bier. Was uns da &uuml;ber die Medien zusammen gebraut wird, nannte man in kritischeren Zeiten einmal &bdquo;Produktions&ouml;ffentlichkeit&ldquo; (Negt\/Kluge). Da war der Zusammenhang mit den Interessen des gro&szlig;en Kapitals noch nicht so sinnf&auml;llig wie heute. Man regte sich noch &uuml;ber Werbung im Rahmen von Sportveranstaltungen auf.  Heute &ndash; in den ach so modernen Zeiten &ndash; scheint das Niemanden mehr zu interessieren. Da hei&szlig;t es schlicht: Man muss sich das alles ja nicht ansehen. Und die Werbezeiten kann man schlie&szlig;lich zum Pinkeln nutzen.<\/p><p>So weit, so schlecht. Einen, der w&auml;hrend der WM st&auml;ndig pr&auml;sent war, hatte ich schon vermisst: unseren Bundespr&auml;sidenten. Soeben lese ich aber im Videotext, dass er sich in der Sonntagsausgabe der &bdquo;Bild&ldquo; &auml;u&szlig;ern wird. Er ist voller Hoffnung und glaubt fest an einen deutschen Sieg. Einen typischen K&ouml;hler-Satz zum Abschluss gef&auml;llig? Hier ist er: &ldquo;Jetzt geht es um den Glauben an sich selbst, um Z&auml;higkeit, &Uuml;bersicht und Zusammenhalt im Tempo&ldquo;. Da wei&szlig; man doch, was zu tun ist: im Tempo z&auml;h zusammen halten oder so &auml;hnlich.<br>\nHoffentlich wird&rsquo;s nicht gar zu z&auml;h!<\/p><p>Immerhin: Berlusconi ist uns erspart geblieben. Das war das eigentlich Erfreuliche am Ausscheiden Italiens.<\/p><p>Ach ja: ein Tipp f&uuml;r morgen ist noch f&auml;llig. Meine Frau tippt auf Spanien. Dann bleibt mir nur, auf Deutschland zu setzen. Schlie&szlig;lich werden die Spanier &bdquo;das Spiel machen&ldquo; und wir k&ouml;nnen uns auf das konzentrieren, was wir am besten k&ouml;nnen: das Spiel der anderen (zer)st&ouml;ren.  Ein oder zwei gute Standards reichen schlie&szlig;lich auch. Hoffen wir, dass es ein &auml;hnlich gutes Spiel wie gegen Portugal wird. <\/p><p>Im &uuml;brigen w&auml;re es doch sch&ouml;n, wenn unser Pr&auml;sident auch einmal recht haben w&uuml;rde. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Samstagnachmittag. Der zweite Tag ohne Fu&szlig;ball. Und keine NachDenkSeiten heute. Morgen ist das Endspiel. Deutschland hat es mal wieder geschafft &ndash; wie auch immer. Ich verstehe gut den Frust der Nationen, die besseren Fu&szlig;ball spielen als wir und trotzdem ausgeschieden sind. 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