{"id":3308,"date":"2008-06-30T12:33:22","date_gmt":"2008-06-30T10:33:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3308"},"modified":"2015-11-19T11:26:35","modified_gmt":"2015-11-19T10:26:35","slug":"erhard-eppler-interview-in-der-fas-die-willy-brandts-wachsen-nicht-auf-jeder-wiese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3308","title":{"rendered":"Erhard Eppler Interview in der FAS: \u201eDie Willy Brandts wachsen nicht auf jeder Wiese\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 29.6. erschien ein <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~E13B48D020894487D87DF7D99A48B2F37~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Interview mit E. Eppler <\/a>An manchen Stellen merkt man, dass er sich etwas zu bewegen versucht. Aber das f&auml;llt ihm sichtbar schwer, weil er &uuml;ber seine fr&uuml;heren &Auml;u&szlig;erungen zum Beispiel zur Agenda 2010 und zu den Milit&auml;reins&auml;tzen schwer hinwegkommt. Das ist wieder einmal ein typisches Beispiel f&uuml;r die Theorie von der &Uuml;berwindung der kognitiven Dissonanz. Mein Kommentar zu den daraus folgenden Verrenkungen folgt.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Kommentar zu Epplers FAS-Interview:<\/strong><\/p><ol type=\"a\">\n<li>Eppler formuliert immer noch sehr frisch. Mit der Aussage der &Uuml;berschrift hat er sogar recht: die Willy Brandts wachsen nicht auf jeder Wiese. Weil das so ist, muss man sich vielleicht daran gew&ouml;hnen, hier und heute mit dem vorhandenen Personal auszukommen. Hinzuzuf&uuml;gen w&auml;re allerdings, dass eine gro&szlig;e Partei auch darauf zu achten h&auml;tte, dass sie gutes Personal anzieht. Das gelingt immer weniger, wenn man eine Partei inhaltlich so entleert, wie das mit Epplers Partei gemacht worden ist.<\/li>\n<li>Die Gruppierung links von der SPD ist nicht &bdquo;entstanden&ldquo; &ndash; sie ist in ihrer jetzigen und f&uuml;r viele SPD-W&auml;hler attraktiven Gestalt von der SPD gezeugt und ausgetragen worden.<\/li>\n<li>&bdquo;<em>Gerhard Schr&ouml;der wollte die Arbeitslosigkeit deutlich reduzieren, aber sie stieg immer weiter. Er musste etwas tun. Nach der Meinung von Sachkundigen hat das positive Wirkung gehabt.<\/em>&rdquo; Diese Aussagen sind in mehrerer Hinsicht h&ouml;chst fragw&uuml;rdig: Eppler unterschl&auml;gt, dass sich die Konjunktur und damit auch die Arbeitsmarktlage in den ersten 2 Jahren der Rot-Gr&uuml;nen-Koalition erholte und dass Schr&ouml;der zun&auml;chst mit dem Austausch Lafontaines gegen den Sparkommissar Eichel und dann mit der Agenda 2010 diesen Erholungsprozess abbrach. Dies &bdquo;musste&ldquo; Schr&ouml;der nicht tun. Eppler betreibt eine beachtliche Geschichtsklitterei. Typisch, dass er sich dann auf sogenannte &bdquo;Sachkundige&ldquo; beruft. Wer war das denn? Tony Blair? Oder die Niedriglohnsektor-Vertreter Streeck und Heinze? Oder Bodo Hombach? Jedenfalls solche, die nichts von Makro&ouml;konomie verstanden und wie die Neoliberalen glaubten, durch Druck auf die Arbeitnehmer und die L&ouml;hne Arbeitspl&auml;tze zu schaffen. Ob Gerhard Schr&ouml;der die Arbeitslosigkeit reduzieren wollte, wei&szlig; ich anders als Eppler nicht. Jedenfalls hat er nichts davon verstanden, andernfalls h&auml;tte er nicht geglaubt, mit Hartz I bis IV die Arbeitslosigkeit zu reduzieren. Das waren zuallererst Ma&szlig;nahmen zur Verwaltung der Arbeitslosigkeit, nicht zu ihrer Bek&auml;mpfung. Durch Ausweitung prek&auml;rer Arbeitsverh&auml;ltnisse und des Niedriglohnsektors sind solche Arbeitspl&auml;tze entstanden und normale Arbeitspl&auml;tze abgebaut worden. Siehe auch den Hinweis Nummer eins von heute: Einzelhandel: Niedrigl&ouml;hne werden immer h&auml;ufiger.<\/li>\n<li>Eppler erz&auml;hlt uns dann in diesem Zusammenhang auch noch das inzwischen g&auml;ngige M&auml;rchen, die Zumutungen Schr&ouml;ders und die von ihm verlangten Opfer des &bdquo;kleinen Mannes&ldquo; seien nur deshalb als ungerecht empfunden worden, weil die Gro&szlig;en gleichzeitig beim Kassieren jedes Ma&szlig; verloren h&auml;tten. Eppler und auch die anderen, die st&auml;ndig das Wort Gier im Munde f&uuml;hren, haben offenbar nicht verstanden, was sie der Mehrheit der Arbeitnehmer angetan haben: die totale Verunsicherung durch tats&auml;chliche Verschiebung in prek&auml;re Arbeitsverh&auml;ltnisse und Arbeitslosigkeit oder durch die Drohung damit. Siehe dazu auch g.\n<p>Eppler sieht wie viele andere auch nicht, dass der Unmut &uuml;ber die Regierung Schr&ouml;der und Merkel nicht nur aus den Ungerechtigkeiten folgt, sondern auch aus der mangelnden Wirksamkeit der Zumutungen. Sie haben nicht gebracht, was versprochen worden ist.\n<\/p><\/li>\n<li>Ein &bdquo;zusammengew&uuml;rfelter Haufen&ldquo; ist auch die CDU\/CSU und die SPD, die FDP und die Gr&uuml;nen ebenso. Das ist kein besonderes Merkmal der Linkspartei.<\/li>\n<li>Die Argumente, mit der Linken k&ouml;nne man nicht regieren, weil sie Flausen im Kopf habe, sind d&uuml;nner als d&uuml;nn: die Linke habe sich im Pazifismus des 20. Jahrhunderts fest gebissen und wolle aus der NATO austreten. &ndash; Seien wir doch froh, dass es bei uns &uuml;berhaupt noch eine politische Bewegung gibt, die infrage stellt, dass die T&auml;tigkeit der Nato au&szlig;erhalb ihres urspr&uuml;nglichen Verteidigungsbereichs einen Sinn hat. Angesichts der Tatsache, dass offensichtlich vom wichtigsten Mitglied der NATO milit&auml;rische Eins&auml;tze und Kriege auch gef&uuml;hrt werden, um innenpolitisch Punkte zu sammeln, ist die R&uuml;ckbesinnung auf den Pazifismus des 20. Jahrhunderts sogar lebensnotwendig. Jedenfalls ist es ein wichtiger Beitrag zum Denkprozess einer potentiellen Regierung.<br>\nAber das kann Eppler nicht sehen, weil er einer der Hauptzeugen f&uuml;r die angebliche Richtigkeit des Kosovo-Krieges war. Er hat die damalige Aktion im friedenspolitischen Teil der SPD-W&auml;hlerschaft abgesichert und ist immer noch nicht f&auml;hig, diesen Teufelskreis zu verlassen. Das Ergebnis sind die zitierten, d&uuml;nnen Einlassungen.<\/li>\n<li>In einem t&auml;uscht sich Erhard Eppler total. Wenn er in seiner letzten Antwort behauptet, heute gebe es keine Polarisierung um wichtige Fragen mehr. Heute gehe es um &bdquo;Lappalien&ldquo; verglichen mit den Zeiten der gro&szlig;en Auseinandersetzungen um Nachr&uuml;stung und Atomkraftwerke. Eppler hat nicht verstanden, welch massiver Bruch die Agendapolitik Schr&ouml;ders bedeutete. Hier wandelte sich die Partei der sozialen Sicherheit zu einer Partei, die die soziale Verunsicherung zum politischen Instrument erhob und sich damit den Reihen der neoliberal gef&auml;rbten, konservativen Parteien anschloss. Eppler hat offenbar nicht begriffen, dass zum Beispiel Hartz IV der Angriff auf die Einrichtung einer einigerma&szlig;en verl&auml;sslichen Arbeitslosenversicherung war. Und dass die Minderung der Leistungsf&auml;higkeit der gesetzlichen Rente und die gleichzeitige F&ouml;rderung der Privatvorsorge mit Riester-Rente, R&uuml;rup-Rente und Entgeltumwandlung ein zentraler Angriff auf eine solidarische Altersversorgung ist. Das ist ein wirklicher Umsturz, ein Akt der Zerst&ouml;rung. Genauso wie das, was sich in Bezug auf die Universit&auml;ten tut. Und dass die Privatisierung der Bahn, der Autobahnen und anderer &ouml;ffentlicher Einrichtungen, die F&ouml;rderung von PPP, die Zulassung von Hedgefonds und die systematische Auspl&uuml;nderung von &ouml;ffentlichen und privaten Unternehmen viel gravierendere Ver&auml;nderungen sind als die Nachr&uuml;stung und der Atomstreit.\n<p>Eppler hat in den fr&uuml;heren Auseinandersetzungen mittendrin gestanden. Das ehrt ihn. Wenn er jetzt jedoch behauptet, diese damaligen Konflikte seien gravierender als das Zerst&ouml;rungswerk der neoliberalen Bewegung mit den erw&auml;hnten Ma&szlig;nahmen, dann zeigt das nur, dass f&uuml;r Erhard Eppler gilt, was er Lafontaine zuschreibt. Eppler &uuml;ber Oskar Lafontaine: <\/p>\n<p>&bdquo;<em>Ich halte ihn f&uuml;r den typischen Narziss, f&uuml;r den es nur einen Grundwert gibt: Oskar<\/em>.&ldquo; <\/p>\n<p>Kenner von Erhard Eppler w&uuml;rden genau diesen Satz auf Eppler selbst anwenden: <\/p>\n<p>F&uuml;r Erhard Eppler gibt es nur einen Grundwert: Erhard.  <\/p>\n<p>Besser als er selbst kann man dies nicht formulieren.<\/p><\/li>\n<li>Weil Eppler &uuml;brigens die Dimension des von Schr&ouml;der und seinem Mitarbeiter Steinmeier betriebenen neoliberalen Umsturzes nicht versteht, lobt er Steinmeier &uuml;ber den gr&uuml;nen Klee. Steinmeier &ndash; wie auch Steinbr&uuml;ck &ndash; w&auml;re noch mehr als Kurt Beck der Garant f&uuml;r die Fortsetzung dieses so genannten Modernisierungsprozesses.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 29.6. erschien ein <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub594835B672714A1DB1A121534F010EE1\/Doc~E13B48D020894487D87DF7D99A48B2F37~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Interview mit E. Eppler <\/a>An manchen Stellen merkt man, dass er sich etwas zu bewegen versucht. Aber das f&auml;llt ihm sichtbar schwer, weil er &uuml;ber seine fr&uuml;heren &Auml;u&szlig;erungen zum Beispiel zur Agenda 2010 und zu den Milit&auml;reins&auml;tzen schwer hinwegkommt. 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