{"id":3312,"date":"2008-07-02T09:04:38","date_gmt":"2008-07-02T07:04:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3312"},"modified":"2020-02-20T10:31:03","modified_gmt":"2020-02-20T09:31:03","slug":"ostdeutschland-erneut-im-brennpunkt-der-grossen-parteien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3312","title":{"rendered":"Ostdeutschland erneut im Brennpunkt der gro\u00dfen Parteien"},"content":{"rendered":"<p>Es hat lange gedauert, bis Ostdeutschland als politisches Kernthema wieder einmal von den gro&szlig;en Parteien entdeckt wurde. CDU und SPD haben jetzt im Vorfeld des Wahljahres 2009 zwei neue Dokumente zu Ostdeutschland vorgelegt. Hinter dem Ringen um politische Dominanz ihrer jeweiligen Partei verbergen sich auch abweichende Konzepte, die allerdings kaum Neues beinhalten. Es gilt ein kritisches Schlaglicht darauf zu richten und nach positiven Inhalten f&uuml;r die praktische Politik zu suchen. Von Karl Mai<br>\n<!--more--><\/p><ol>\n<li><strong>Knappe Bemerkungen zur aktuellen Lage der Neuen Bundesl&auml;nder (NBL)<\/strong>\n<p>Die Schere zwischen dem Leistungsniveau der NBL und Westdeutschland in der Kennzahl &bdquo;BIP je Einwohner&ldquo; hat sich zuletzt nicht weiter geschlossen &ndash; sie stagniert seit den letzten 4 Jahren in  bedr&uuml;ckender, ja erschreckender Weise. Die deutsche &Ouml;ffentlichkeit beginnt sich ernsthaft zu sorgen, wie es mit der Verringerung des Leistungsr&uuml;ckstandes in den NBL weitergehen soll, denn die k&uuml;nftigen Auswirkungen eines zu gro&szlig;en R&uuml;ckstandes w&auml;ren fatal. Ein automatischer Erfolg durch den &bdquo;Solidarpakt II&ldquo; ist jedoch f&uuml;r einen wirklichen &bdquo;Angleichungsprozess Ost-West&ldquo; offensichtlich nicht hinreichend garantiert.<\/p>\n<p>Daher einige knappe Angaben zur Gegen&uuml;berstellung der Jahre 2004 bis 2007 (f&uuml;r Westdeutschland = 100) wie folgt:<\/p>\n<p><strong>Tabelle 1:<\/strong> Ost-West-R&uuml;ckstand<\/p>\n<table border=\"0\" cellpadding=\"0\" cellspacing=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Indikator:<\/th>\n<th>2004<\/th>\n<th>2005<\/th>\n<th>2006<\/th>\n<th>2007<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>BIP je Einwohner nominell<\/td>\n<td>67,5<\/td>\n<td>67,2<\/td>\n<td>67,3<\/td>\n<td>67,9<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Arbeitsproduktivit&auml;t je Erwerbst&auml;tigen<\/td>\n<td>77,4<\/td>\n<td>77,3<\/td>\n<td>76,9<\/td>\n<td>77,1<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer <\/td>\n<td>77,3<\/td>\n<td>77,7<\/td>\n<td>77,3<\/td>\n<td>77,4<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"reference\">Quelle: Gemeinschafts-Fr&uuml;hjahrsgutachten 2008, IWH-Bericht 1. Sonderausgabe 2008, S. 56<\/p>\n<p>Zu beachten ist, dass die Einwohnerzahl der NBL (ohne Berlin) zwischen 2004 und 2007 auf 98,7 % zur&uuml;ckging, wodurch sich die BIP-Leistung je Einwohner allein durch &bdquo;passive Sanierung&ldquo; erh&ouml;hen musste. (Bereinigt man diesen Effekt, dann sank die BIP-Leistung bis 2007 sogar auf 67,0 % ab.) Die Arbeitsproduktivit&auml;t je Erwerbst&auml;tigen zeigte insgesamt f&uuml;r den Zeitraum 2004 bis 2007 ebenso eine r&uuml;ckl&auml;ufige Vergleichsh&ouml;he gegen&uuml;ber Westdeutschland. Der Lohnanstieg blieb auff&auml;llig relativ zur&uuml;ck.<\/p>\n<p>Die Wachstumsraten des nominellen BIP-Ost sind in den drei letzten Jahren ebenfalls niedriger. Wie die L&auml;nderangaben (von Destatis gem&auml;&szlig; Reihe R1B1, Stand Februar 2008) besagen, gibt es erkennbar niedrigere BIP-Wachstumsraten der ostdeutschen Bundesl&auml;nder (mit Berlin) gegen&uuml;ber den westdeutschen (ohne Berlin) f&uuml;r den Zeitraum 2000 bis 2007.<\/p>\n<p>Der Anstieg von 2007 zu 2000 betr&auml;gt demnach f&uuml;r das BIP zu laufenden Preisen in den ostdeutschen L&auml;ndern (mit Berlin) 115,7 % und in den westdeutschen (ohne Berlin) 117,9 %.<\/p>\n<p>Im Einzelnen erreichten die Wachstumsraten Ost f&uuml;r das preisbereinigte BIP im Vergleich zum Vorjahr f&uuml;r 2005 bis 2007 nur niedrigere Werte als die westdeutschen:                           <\/p>\n<p><strong>Tabelle 2:<\/strong>  BIP-Wachstumsraten im West-Ost-Vergleich (preisbereinigt)<\/p>\n<table border=\"0\" cellpadding=\"0\" cellspacing=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<th>Jahr<\/th>\n<th>ALB (ohne Berlin)<\/th>\n<th>NBL (mit Berlin)<\/th>\n<th>NBL (ohne Berlin)<\/th>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2005<\/td>\n<td>0,9 %<\/td>\n<td>0,4 %<\/td>\n<td>0,2 %<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2006<\/td>\n<td>3,0<\/td>\n<td>1,9<\/td>\n<td>2,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>2007<\/td>\n<td>2,5<\/td>\n<td>2,2<\/td>\n<td>2,2<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p class=\"reference\">Quelle: Destatis, Lange Reihen R1B1, Tabelle 1<\/p>\n<p>Zuletzt ist zwar die Wertsch&ouml;pfung im Industriebereich Ost besser vorangekommen, jedoch nicht gleicherma&szlig;en in den anderen Sektoren. Die gesamtwirtschaftliche Arbeitskostenrelation zu Westdeutschland ist dagegen in den letzten sieben Jahren stagnierend verlaufen und liegt noch immer knapp &uuml;ber 77 %. (IWH, WiWa 6\/2008, S. 218; IWH, 1. Sonderausgabe 2008, S. 56)<\/p>\n<p>Nach diesen statistisch verifizierten Angaben wirkt der nachstehende Satz aus dem <a href=\"http:\/\/www.spd.de\/show\/1751938\/papier_viel_erreicht_viel_zu_tun.pdf\">SPD-Papier [PDF &ndash; 204 KB]<\/a> schon beinahe verkrampft-komisch: &bdquo;Ostdeutschland befindet sich auf einem guten wirtschaftlichen Entwicklungspfad. Der Aufholprozess hat im zweiten Jahrzehnt der deutschen Einheit wieder an Fahrt gewonnen.&ldquo; (S.1) Als Beweis daf&uuml;r wird eine unzutreffende Wachstumsrate genannt: &bdquo;Mit rd. 2,5 Prozent Wachstum pro Jahr zog die Wirtschaft kr&auml;ftig an.&ldquo; (S. 2) Fakt ist jedoch, dass die BIP-Wachstumsrate Ost (preisbereinigt) nur f&uuml;r die Jahre 2006 und 2007 die H&ouml;he von 2,2 % erreichte, davor jedoch deutlich niedriger lag. (IWH, 6\/2008, S. 227, Tabelle)<\/p>\n<p>Weiter hei&szlig;t es im SPD-Papier: &bdquo;Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland ist von 19 Prozent in 2005 auf aktuell 13,5 Prozent gesunken.&ldquo; Dabei hat allerdings vor allem der sprunghafte Anstieg von prek&auml;ren Arbeitsverh&auml;ltnissen gewirkt, &uuml;ber den die SPD kaum spricht, der jedoch in der &Ouml;ffentlichkeit (und im &uuml;brigen Westeuropa) keineswegs als &bdquo;Glanzlicht&ldquo; deutscher Politik gesehen wird.<\/p><\/li>\n<li><strong>Was besagt ein &bdquo;selbsttragender Aufbau Ost&ldquo; f&uuml;r die Bundesregierung?<\/strong>\n<p>Zuletzt lenkte das Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halls (IWH) die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung der ostdeutschen &bdquo;Produktionsl&uuml;cke&ldquo; zwischen regionaler Endverwendung (unter Einschluss von Transfers) und regionaler Eigenleistung. &bdquo;Die Absorption von G&uuml;tern und Dienstleistungen &uuml;bertrifft nach Sch&auml;tzung des IWH das Niveau der gesamtwirtschaftlichen Produktion nur noch um etwa 10 % &hellip;&ldquo; (IWH, Wirtschaft im Wandel, Nr. 6\/2008, S. 227) Das entspricht einer absoluten H&ouml;he der Differenz von ca. 29 Mrd. Euro f&uuml;r 2007. Der R&uuml;ckgang der &bdquo;Produktionsl&uuml;cke&ldquo; belief sich in den Jahren 2000 bis 2007 auf j&auml;hrlich durchschnittlich 7,4 Mrd. Euro, wobei die j&auml;hrlich gesamte Inlandsverwendung Ost immer unter derjenigen von 2000 lag. Projiziert man dies in die Zukunft, l&auml;sst sich dann die Erwartung ableiten, in einigen Jahren eine Angleichung des Niveaus der regionalwirtschaftlichen  &bdquo;Endverwendung&ldquo; an die Eigenleistung in den NBL zu erreichen. Diese Vermutung ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einem &ldquo;Aufholen Ost-West&ldquo; im Sinne der &uuml;blichen Interpretation des &bdquo;Leistungsanstiegs BIP je Einwohner&ldquo;. W&auml;hrend der &bdquo;selbsttragende Aufbau Ost&ldquo; eine Struktur- und Qualit&auml;tsforderung f&uuml;r das Aufkommen von Finanzierungsmitteln ausdr&uuml;ckt, orientiert der &bdquo;Angleichungsprozess Ost-West&ldquo; auf die Output-Leistung der Region und damit auf das BIP-Kriterium je Kopf der vorhandenen Wohnbev&ouml;lkerung<\/p>\n<p>Der Abbau der &bdquo;Produktionsl&uuml;cke&ldquo; verdeckt die Aussicht, dass dann die ostdeutsche Region nur so viel verbrauchen wird, wie sie selbst erzeugt. Dieser Prozess wird allerdings durch den R&uuml;ckgang der Zuf&uuml;hrung von staatlichen und privaten Transfers einerseits und den schnelleren demographischen R&uuml;ckgang der Wohnbev&ouml;lkerung Ost andrerseits weiter vorangetrieben. Das w&auml;re dann eine Art &bdquo;selbsttragender Aufbau Ost&ldquo; auf einem noch absehbar niedrigeren BIP-Leistungsniveau als dem jeweiligen aktuellen westdeutschen Vergleichsniveau. <\/p>\n<p>In der Homepage des zust&auml;ndigen Bundesministers f&uuml;r den Aufbau Ost hei&szlig;t es ausdr&uuml;cklich: &bdquo;Auch zuk&uuml;nftig wird die F&ouml;rderpolitik der Bundesregierung gezielt darauf ausgerichtet sein, in den neuen L&auml;ndern eine sich selbst tragende, auch international wettbewerbsf&auml;hige Wirtschaftsstruktur aufzubauen und Neuansiedelungen zu f&ouml;rdern.&ldquo; (Verlautbarung zur &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bmvbs.de\/-,1657\/knoten.htm\">Sicherung der finanziellen Grundlagen<\/a>&ldquo;) Sucht man nach einer konkreteren offiziellen Bestimmung f&uuml;r &bdquo;selbsttragend&ldquo;, so wird man allerdings entt&auml;uscht: die Bundesregierung vermag offenbar nicht zu erkl&auml;ren, ob sie nach der absehbaren Schlie&szlig;ung der volkswirtschaftlichen &bdquo;Produktionsl&uuml;cke&ldquo; zwischen Endverwendung und Eigenleistung im regionalen Rahmen der NBL die Qualit&auml;t &bdquo;selbsttragend&ldquo; f&uuml;r definitiv erreicht h&auml;lt. (Im Hintergrund steht die Frage nach dem Umfang der sozialen Transfers West-Ost f&uuml;r den davon abh&auml;ngigen Bev&ouml;lkerungsanteil in fernerer Zukunft der NBL.) <\/p>\n<p>Analytisch ist also klar, dass die Qualit&auml;t &bdquo;selbsttragend&ldquo; die eigene Herkunft der Finanzmittel umschreibt, aber eben nicht das volkswirtschaftliche Leistungskriterium einer &bdquo;Angleichung&ldquo; im BIP je Einwohner zwangsl&auml;ufig einschlie&szlig;t.  Dieser Angleichungsprozess bleibt au&szlig;er Betracht. Damit ignoriert man regierungsoffiziell, dass hierbei kein Aufholen aus endogenen Ursachen einsetzen kann, weil dies bekanntlich ohne weitere investive Mittelzufuhr (privat und staatlich) in die ostdeutsche Unterentwicklungsregion nicht funktioniert. (Begr&uuml;ndung: eine &uuml;berproportional h&ouml;here Investitionsquote Ost aus der niedrigeren eigenen Wertsch&ouml;pfung Ost wird langfristig nicht m&ouml;glich, d.h. die  Schere in der Produktivit&auml;t Ost-West kann sich endogen nicht schlie&szlig;en.) <\/p>\n<p>Diese Interpretation legt den Verdacht nahe, die Phrase vom &bdquo;selbsttragenden Aufbau Ost&ldquo; lenkt vordergr&uuml;ndig davon ab, dass es einen absehbaren Aufholprozess in der BIP-Leistung je Einwohner nicht geben wird. Das neue CDU-Papier formuliert daher abwiegelnder und zur&uuml;ckhaltender: &bdquo;Die ostdeutschen L&auml;nder wieder an  die wettbewerbsstarken Regionen Europas heranzuf&uuml;hren, das ist eine ambitionierte Zielsetzung.&ldquo; (S. 4)<\/p>\n<p>Dabei ist durchaus eine differenzierte Entwicklung zwischen den neuen Bundesl&auml;ndern hinsichtlich der regionalen Wertsch&ouml;pfungsh&ouml;he je Besch&auml;ftigten und folglich auch sekund&auml;r hinsichtlich der origin&auml;ren k&uuml;nftigen Steuerquote f&uuml;r die Deckung des Mittelbedarfs der L&auml;nder zu unterstellen. Diese Differenzierung l&auml;sst sich jedoch nur mit zu geringer Sicherheit in die Zukunft projizieren, was auch durch die stark divergierenden Bestandsh&ouml;hen der jeweiligen Landesverschuldungen beeinflusst wird.<\/p><\/li>\n<li><strong>J&uuml;ngste kurzzeitige Prognose der Wirtschaftsforschung<\/strong>\n<p>Die j&uuml;ngste IWH-Analyse best&auml;tigt: &bdquo;Das seit 2005 wieder langsamere Produktionswachstum in den Neuen L&auml;ndern im Vergleich zu den Alten hat auch weiter Fortschritte bei der Angleichung der Lebensverh&auml;ltnisse gestoppt. Einkommen und Konsum der privaten Haushalte verharren bei 78 % des westdeutschen Niveaus. Der Wachstumsabstand bei Bruttoinlandprodukt wird auch nicht kompensiert durch das Gef&auml;lle zwischen Ost- und Westdeutschland bei der Bev&ouml;lkerungsentwicklung, sodass ebenso der Abstand in der Pro-Kopf-Produktion im Prognosezeitraum (bis 2009) erhalten bleibt.&ldquo; (IWH, a.a.O. S. 225) <\/p>\n<p>Die Grundlage dieser Entwicklung besteht in der erwarteten Abschw&auml;chung der ostdeutschen  Zuw&auml;chse bei den Anlageninvestitionen (in Preisen von 2000) von 6,1 % auf 1,0 % zwischen 2006 und 2009. (IWH, a.a.O., S. 214) Das IWH erblickt hierin nur eine konjunkturbedingte Angleichung der Investitionen zwischen Ost- und Westdeutschland, allerdings verstetigt sich ein noch negativer Strukturvergleich der Anlageverm&ouml;gen und f&uuml;hrt zu einer verz&ouml;gerten Angleichung der BIP-Leistung Ost-West. Die Produktionszuw&auml;chse in den wachstumsschwachen Regionen der NBL werden also absehbar zur&uuml;ckbleiben, wobei die Abnahme der Wohnbev&ouml;lkerung Ost in den kommenden Jahren bis 2009 um weitere 190.000 Personen noch einen gegenl&auml;ufigen Effekt als &bdquo;passive Sanierung&ldquo; bewirkt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Zur Bewertung der CDU- und SPD-Papiere<\/strong>\n<p>Aus politischer Sorge um ihren Einfluss in den NBL, aber auch um die Linkspartei in der W&auml;hlergunst zur&uuml;ckzudr&auml;ngen, haben die regierungstragenden &bdquo;Volksparteien&ldquo; jetzt den gro&szlig; angelegten Versuch gestartet, das Ostthema f&uuml;r sich auszuschlachten &ndash; allerdings nur mit einem vergleichsweise &bdquo;sparsamen&ldquo; finanziellen Sondereinsatz. Ziemlich gro&szlig;spurig hei&szlig;t es im CDU-Papier: &bdquo;Wir wollen, dass die Wertsch&ouml;pfung je Erwerbst&auml;tigem langfristig das Niveau der westdeutschen L&auml;nder erreicht, damit im Ergebnis die L&ouml;hne weiter steigen.&ldquo; (S. 5) Dabei tauchen wieder Vorstellungen auf, die seit der 2005 verdr&auml;ngten &bdquo;von Dohnanyi-Debatte&ldquo; schon ganz vergessen schienen: n&auml;mlich Ostdeutschland als &bdquo;Sonderwirtschaftszone&ldquo;. Damals weigerte sich die Bundesregierung noch entschieden, steuerliche Pr&auml;ferenzen f&uuml;r die NBL als Wachstumsimpuls zu generieren, w&auml;hrend die Gewerkschaften nicht willens waren, ihren ohnehin geschrumpften Anteil bei der Tarifbindung vollends preiszugeben. <\/p>\n<p>Aufgeschreckt fiel die FDP-Politikerin Cornelia Pieper (Sachsen-Anhalt) &uuml;ber die Verlautbarungen der Koalitionsparteien in Berlin her: &bdquo;Ich frage mich, was die in den letzten drei Jahren gemacht haben?&ldquo; Und prompt kommt die Forderung f&uuml;r ein &bdquo;Abweichen von bundesrechtlichen Vorschriften im Arbeitsmarkt, Bau- und Tarifrecht&ldquo;. Das Stichwort lautet &bdquo;Modellregionen f&uuml;r die neuen L&auml;nder&ldquo;, um &bdquo;am Tempo von Baden-W&uuml;rttemberg und Bayern anzuschlie&szlig;en.&ldquo; (&bdquo;Mitteldeutsche Zeitung&ldquo;, 30. Juni 2008, S. 4) Nat&uuml;rlich verfolgt Pieper hierbei einige altbekannte Intentionen f&uuml;r Deregulierung der Liberalen im Gewand einer  &bdquo;Sonderwirtschaftszone&ldquo; als vermeintlich erfolgreiches Rezept f&uuml;r den Osten.<\/p>\n<p>Die Vorschl&auml;ge der CDU werden als &bdquo;Altbekanntes in neuem Gewand&ldquo; (Pieper) identifiziert, ja sogar in kritischen SPD-Kreisen als &bdquo;Abkupfern der l&auml;ngst genutzten Konzepte&ldquo; eingestuft. Tats&auml;chlich bildet das CDU-Konzept eine Sammlung von 10 Politikans&auml;tzen, die viel Altes erkennen lassen, die aber von der kaum belegbaren &Uuml;berzeugung ausgehen, den Osten zu schnellerem Wachstum zu bef&ouml;rdern. Diese Chance wurde jedoch schon l&auml;ngst verspielt. Das gilt insbesondere auch f&uuml;r das Instrument &bdquo;Investitionszulage&ldquo;, die schon fr&uuml;her wegen der oft stillschweigenden hohen Mitnahmeeffekte in den gef&ouml;rderten Unternehmen von den IWH-  Wirtschaftsforschern verworfen wurde. Dennoch wurde diese Zulage in CDU-Kreisen des Ostens immer wieder zur Verl&auml;ngerung eingefordert, wie z. B. von Ministerpr&auml;sident B&ouml;hmer (Sachsen-Anhalt).<\/p>\n<p>Ein Schwenk vollzog die CDU in der Frage der ostdeutschen Lohnst&uuml;ckkosten: &bdquo;Die ostdeutsche Wirtschaft w&auml;chst vor allem durch Vorteile bei den Lohnst&uuml;ckkosten.&ldquo; Das soll nun in Zukunft aus demographischen Gr&uuml;nden modifiziert werden: &bdquo;In Zukunft muss die ostdeutsche Wirtschaft daher noch st&auml;rker durch hochqualifizierte Arbeitskr&auml;fte und permanente Innovationen wachsen.&ldquo; (S. 5) Und aus regionaler Sicht wird verlangt: &bdquo;Wir m&uuml;ssen dar&uuml;ber hinaus daf&uuml;r sorgen, dass st&auml;dtische und l&auml;ndliche Regionen auch bei geringeren Einwohnerzahlen lebenswert bleiben.&ldquo;  Dies sind sch&ouml;ne Worte, sie bleiben aber daran zu messen, was ihnen folgt und da ist nicht viel zu erwarten, denn die Priorit&auml;t des fiskalischen Sparzwangs wird nicht in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Zur Finanzierung des &bdquo;Aufbaus Ost&ldquo; wird die Fortf&uuml;hrung des &bdquo;Solidarpakts II&ldquo; ein weiteres Mal zugesichert:  &bdquo;Die neuen L&auml;nder ben&ouml;tigen die Solidarpaktmittel bis 2019 in der zugesagten vollen H&ouml;he. Die Mittel sind zweckgerecht  f&uuml;r die Schlie&szlig;ung noch bestehender Infrastrukturl&uuml;cken, gezielte Investitionsf&ouml;rderung und zum Ausgleich der unterproportionalen Finanzkraft der Kommunen einzusetzen, um eine selbsttragende wirtschaftliche Entwicklung und weitere Modernisierung zu erreichen.&ldquo; (S. 7) Das sind zwar klare Worte, doch dabei unterscheiden sich CDU und SPD nicht. Es wird dabei allerdings das bereits &ouml;fters ge&auml;u&szlig;erte Problem umgangen, wie der degressive Abbau der Solidarpakt-Mittel mit dem noch weiter hohen Finanzierungsbedarf Ost folgerichtig vereinbar bleiben k&ouml;nnte &ndash; zumal die Schuldentilgung dann gravierende neue Belastungen (Tilgungen und Zinsen) der L&auml;nderhaushalte erwarten l&auml;sst.<\/p>\n<p>Die weiteren Vorstellungen der CDU zeigen neben Detailverbesserungen kaum einen qualitativen Sprung mit wesentlich h&ouml;heren Effekten, die die Hoffnung auf ein Erreichen der Zielstellung absichern k&ouml;nnten. Damit kommen wir noch kurz zur SPD-Konzeption: sie stellt im Kern die Wiederholung und Aktualisierung jener Ma&szlig;nahmen dar, die auch im letzten &bdquo;Bericht der Bundesregierung zur Deutschen Einheit&ldquo; schon dargestellt wurden. Neu ist eigentlich nur die Aufnahme der Forderung von Mindestl&ouml;hnen &bdquo;nicht unter 7,50 Euro&ldquo;. Diese werden von der CDU glatt abgelehnt.<\/p><\/li>\n<li><strong>Ostdeutschland braucht marktprofitable Industrieinvestitionen auf dem Binnenmarkt<\/strong>\n<p>Beide Partei-Konzepte verzichten darauf, analytisch die Ursachen f&uuml;r das Zur&uuml;ckbleiben der ostdeutschen Region in den letzten Jahren zu rekapitulieren und deren Wirkungsspuren bis in die Gegenwart zu verfolgen. Allerdings appelliert die CDU auff&auml;llig an den einstigen Innovationspool in Ostdeutschland vor 1945. Doch solche Beschw&ouml;rungen fruchten nichts, wenn die Bereitstellung von Innovationsf&ouml;rderungen nicht tats&auml;chlich zu einem schnelleren Aufbau der F-&amp; E-Kapazit&auml;ten im ostdeutschen kleinbetrieblichen Mittelstand beitragen k&ouml;nnen und die Bankkredite f&uuml;r Wagniskapital nicht ausreichend erh&ouml;ht werden.<\/p>\n<p>Leider wird die Schl&uuml;sselstellung des Marktproblems f&uuml;r profitable Industrieinvestitionen in den beiden Dokumenten nicht generell umrissen. Dieses Problem resultiert aus dem Widerspruch zwischen zu geringer ostdeutscher Massenkaufkraft und einer weiteren Ausdehnung des ostdeutschen Binnenmarktes. Um diesen Widerspruch aufzul&ouml;sen m&uuml;sste die Steigerung der  Arbeitseinkommen jetzt vor jeder weiteren regionalen neuen Produktivit&auml;tssteigerung rangieren, um den erforderlichen Wachstumsimpuls durch profitable Wirtschaftsinvestitionen auszul&ouml;sen zu k&ouml;nnen.<\/p>\n<p>Das Thema der Entwicklung Ostdeutschlands ist mit diesen knappen Erl&auml;uterungen sicher nicht ersch&ouml;pft, aber es ist vielleicht etwas deutlicher geworden, dass zwischen Wahlkampfparolen und ernsthafter, d. h. makro&ouml;konomisch begr&uuml;ndeter Wirtschaftspolitik ein gravierender Unterschied besteht. <\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<ol>\n<li><a href=\"http:\/\/www.spd.de\/menu\/1751929\/\">SPD: F&uuml;r die soziale Einheit Deutschlands<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.spd.de\/show\/1751938\/papier_viel_erreicht_viel_zu_tun.pdf\">SPD: Viel erreicht &ndash; viel zu tun [PDF &ndash; 204 KB]<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/home\/index_23646.htm\">CDU will neuen Schub f&uuml;r Ostdeutschland<\/a><\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.cdu.de\/doc\/pdfc\/080630-beschluss-perspektiven-fuer-den-osten-deutschlands.pdf\">CDU: Perspektiven f&uuml;r den Osten Deutschlands &ndash; Moderne Mitte Europas [PDF &ndash; 120 KB]<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hat lange gedauert, bis Ostdeutschland als politisches Kernthema wieder einmal von den gro&szlig;en Parteien entdeckt wurde. CDU und SPD haben jetzt im Vorfeld des Wahljahres 2009 zwei neue Dokumente zu Ostdeutschland vorgelegt. Hinter dem Ringen um politische Dominanz ihrer jeweiligen Partei verbergen sich auch abweichende Konzepte, die allerdings kaum Neues beinhalten. Es gilt ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3312\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[133,30],"tags":[1652,574,319,333,575,1653],"class_list":["post-3312","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wichtige-wirtschaftsdaten","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-abwanderung","tag-iwh","tag-lohnentwicklung","tag-lohnstueckkosten","tag-ostdeutschland","tag-solidarpakt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3312","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3312"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3312\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":58667,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3312\/revisions\/58667"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3312"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3312"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3312"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}