{"id":33133,"date":"2016-04-26T11:23:40","date_gmt":"2016-04-26T09:23:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33133"},"modified":"2019-01-30T11:23:59","modified_gmt":"2019-01-30T10:23:59","slug":"dass-es-so-weiter-geht-ist-die-katastrophe-ueber-die-unfaehigkeit-zu-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33133","title":{"rendered":"&#8220;Dass es so weiter geht, ist die Katastrophe.\u201c &#8211; \u00dcber die Unf\u00e4higkeit zu lernen"},"content":{"rendered":"<p>Am 26. April 1986, also heute vor drei&szlig;ig Jahren, kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zum GAU. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> erinnert an diese Katastrophe und unsere Unf&auml;higkeit, aus Katastrophen wie diesen zu lernen. <\/p><p>Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich, als es noch den Ostblock und die Sowjetunion gab. Das machte es gewissen Leuten leicht, das Problem zu externalisieren. So sprach Franz-Josef Strau&szlig; prompt von einer &bdquo;kommunistischen Katastrophe&ldquo;  &ndash; mit der Unterstellung, dass die Atomkraftwerke im hochentwickelten kapitalistischen Westen absolut sicher seien und nur der Kommunismus zu solchen Schlampereien imstande sei. Aber: Hatten nicht auch wir &auml;hnlich alte Anlagen? Biblis A ging 1974 ans Netz, Neckarwestheim und Brunsb&uuml;ttel 1976, insgesamt stammen sieben Anlagen aus der Fr&uuml;hzeit der AKW&lsquo;s. Die Anzahl der St&ouml;rf&auml;lle in deutschen Akw&rsquo;s ist Legion. Auch die Laufzeiten dieser veralteten Atommeiler hat die schwarz-gelbe Bundesregierung verl&auml;ngert. Wer au&szlig;er Politikern sagt uns, dass nicht auch hierzulande ein Gau oder gar Supergau m&ouml;glich ist? Ein &bdquo;sicheres Atomkraftwerk&ldquo; ist ein Oxymoron &ndash; also die Zusammenziehung zweier sich widersprechender Begriffe zu einem &ndash;  wie es sich Orwell nicht besser h&auml;tte ausdenken k&ouml;nnen.<br>\n<!--more--><br>\nIch erinnere mich, dass ich in den sp&auml;ten Apriltagen 1986 nach dem Baden in einem kleinen Teich auf einer Wiese im Vogelsberg in der Fr&uuml;hlingssonne sa&szlig; und Tilmann Mosers Buch <em>Grammatik der Gef&uuml;hle<\/em> las. Pl&ouml;tzlich wurde ich von einem Schwarm Bienen angegriffen. Sie waren ungew&ouml;hnlich aggressiv, und ich trug rund ein Dutzend Stiche davon, bevor ich mich ins Auto fl&uuml;chten konnte. Abends hatte ich Fieber und erfuhr aus den Nachrichten vom Reaktorungl&uuml;ck in Tschernobyl und der radioaktiven Wolke, die Richtung Westeuropa trieb. Bienen haben offenbar ein Sensorium zur Wahrnehmung von Strahlungen, &uuml;ber das wir Menschen nicht verf&uuml;gen. <\/p><p>Seit Tschernobyl kann man nicht mehr so ohne weiteres sagen: &bdquo;Mairegen bringt Segen&ldquo;. Die Wolken trugen aus Nordosten den atomaren Fallout mit sich und regneten ihn bei uns ab. Auf der Insel Reichenau wurden die Salatk&ouml;pfe umgepfl&uuml;gt, monatelang durften Kinder nicht im Sandkasten spielen. Auch Nicht-Muslime trugen pl&ouml;tzlich Kopfbedeckungen und lie&szlig;en die Stra&szlig;enschuhe vor der Wohnungst&uuml;r stehen. Manche Pilzsorten sind bis heute kontaminiert. <\/p><p>Alexander Kluge schrieb zehn Jahre sp&auml;ter: &bdquo;Bis zu drei Generationen glauben wir zu &uuml;bersehen, wenn wir noch die Gro&szlig;eltern kennen und auf Enkel hoffen. Das ist ein Umkreis von 90, h&ouml;chstens 180 Jahren Lebenserfahrung. Die durch H&ouml;henwind und Regen vom Tschernobyler Explosionsherd &uuml;ber die Ackerfurchen unseres Landes verteilte Strahlung besteht aus verschiedensten radioaktiven Elementen. Einige davon haben Halbwertzeiten bis zu 300.000 Jahren. Wer kann sich einen solchen Zeitraum vorstellen? Wer glaubt, dass irgendeine menschliche Institution Kontrollen und Vorsorge f&uuml;r einen solchen Zeitraum bereitstellen kann? Der Untergang des R&ouml;mischen Reiches ging vor weniger als 2000 Jahren vor sich. Lange Zeit (mehr als tausend Jahre) war dies ein Gemeinwesen, das Verantwortung &uuml;bernehmen konnte, danach zerfiel es. Tats&auml;chlich hat das Land, in dem die Katastrophe von Tschernobyl stattfand und wo zuvor von Staats wegen alle Voraussetzungen f&uuml;r die Katastrophe zusammengef&uuml;gt wurden, die Explosion des Kernkraftwerks um ganze f&uuml;nf Jahre &uuml;berlebt. Danach war die Sowjetunion, als planende, haftende, der Annahme nach ausreichend gro&szlig;e Struktur, entschwunden.&ldquo; (Die W&auml;chter des Sarkophags, Hamburg 1996, S. 8\/9)<\/p><p>Tschernobyl &ndash; wie zuvor bereits der Reaktorunfall von Harrisburg im Jahre 1979 &ndash; w&auml;ren zu lesen gewesen wie Menetekel: eine mahnende Schrift an der Wand, der abzulernen gewesen w&auml;re, dass die technischen Omnipotenzgef&uuml;hle des Menschen eine Illusion, ja ein Wahn sind. Tschernobyl und Harrisburg waren Lehrst&uuml;cke in puncto &bdquo;Dialektik der Aufkl&auml;rung&ldquo;: Die Menschen bringen gegen die &auml;u&szlig;ere Natur Wissenschaft und Technik in Stellung. Im Laufe des Prozesses fortschreitender Naturbeherrschung emanzipieren sich die Mittel zu Zwecken und die Menschen verwandeln sich in blo&szlig;e Anh&auml;ngsel der kapitalfixierten Technik, die sie schlie&szlig;lich verschlingt und vernichtet. <\/p><p>Alexander Kluge spricht in diesem Zusammenhang vom &bdquo;Napoleonismus der Dinge&ldquo; &ndash; ein Begriff, der von einer autorit&auml;ren Herrschaftsform abgezogen ist, die Napoleons III. (ein Neffe Napoleons I.) am 2. Dezember 1851 durch einen Staatsstreich errichtete. &bdquo;Napoleonismus der Dinge&ldquo; beschreibt eine Extremform von Entfremdung, eine Herrschaftstotalit&auml;t von Verdinglichung, die Vorherrschaft der schon getanen, toten Arbeit vergangener Generationen &uuml;ber die lebendige Arbeit der gegenw&auml;rtigen. Der &Uuml;berhang der toten Arbeit droht uns zu verschlingen, die von uns selbst geschaffenen Dinge stellen sich auf die Hinterbeine, nehmen ein gespenstisches Eigenleben an und erschlagen uns. Wir kommen zu sp&auml;t mit unserem Lernen, das uns zu der Erkenntnis h&auml;tte f&uuml;hren k&ouml;nnen, dass man bestimmte Dinge &uuml;berhaupt nicht tut.<\/p><p>Wer aber nach dem Reaktorungl&uuml;ck von Tschernobyl auf eine Art von Katastrophendidaktik gehofft und geglaubt hatte, die einmal eingetretene Katastrophe w&uuml;rde zu einer grundlegenden Kurskorrektur der Fortschrittsrichtung und zu ihrer Entbrutalisierung f&uuml;hren, sah sich schnell entt&auml;uscht. &bdquo;Der Druck des Alltags&ldquo;, f&auml;hrt Kluge fort, &bdquo;ist m&auml;chtig. Das Gef&uuml;hl wehrt Erfahrungen, die nur die eigene Ohnmacht bezeichnen k&ouml;nnen, nach einiger Zeit wirksam ab. M&auml;chtige Kr&auml;fte f&uuml;hren zur Abstumpfung der &sbquo;neuen Sensibilit&auml;t&rsquo;, wie sie der Mai 1986 bei vielen Menschen, nicht nur den kritischen, hervorgebracht hatte.&ldquo; Die Hoffnung, dass gr&ouml;&szlig;tes menschengemachtes Unheil zu Ma&szlig;nahmen zur Verhinderung seiner Wiederholung f&uuml;hren w&uuml;rde, wurde entt&auml;uscht. Hunderte Menschen starben unmittelbar nach der Reaktorkatastrophe, die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis auf den heutigen Tag etwa 50.000 Menschen an ihren Folgen starben &ndash; von Missbildungen und chronischen Krankheiten einmal abgesehen. Und auch nach der Katastrophe von Fukushima kam es zu keinen mentalit&auml;tsverwandelnden Einsichten und keinem prinzipiellen und nachhaltigen Zweifel an der Gangart des gesellschaftlichen Prozesses. Walter Benjamin schrieb: &ldquo;Dass es <em>so weiter geht<\/em>, ist die Katastrophe.&ldquo; <\/p><p>Wom&ouml;glich greift die auf G&uuml;nther Anders zur&uuml;ckgehende Rede von der &bdquo;Apokalypseblindheit&ldquo; als Erkl&auml;rung f&uuml;r unsere Unf&auml;higkeit, aus Katastrophen &nbsp;zu lernen, zu kurz. Vielleicht geht von der Vorstellung der Apokalypse eine ruin&ouml;se Lockung aus und wir m&uuml;ssen zur Kenntnis nehmen, dass wir es mit einer im Untergrund der Zivilisation wirksamen Apokalypsesehnsucht zu tun haben. Urs Widmer sagte in seinen <em>Frankfurter Poetikvorlesungen<\/em>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Und die Apokalypse ist auch deswegen eine reizvolle Option, weil am letzten Tag alle sterben, Sie auch, nicht nur ich, allein, von keinem der f&uuml;r einmal noch &Uuml;berlebenden besonders beachtet.&ldquo; Auch der Autor G&uuml;nter Steffens hat der Verschwiegenheit seines Tagebuchs das &bdquo;Verlangen nach der tellurischen Katastrophe&ldquo; anvertraut. Angesichts des Sterbens der geliebten Partnerin schien ihm &bdquo;die Zeit gekommen f&uuml;r&rsquo;s Ende aller Zeiten, weil die Zeit f&uuml;r ihr Ende gekommen schien. Jedes Leben sollte erl&ouml;schen mit dem ihren. Man braucht kein gescheiterter Tyrann zu sein, um &ndash; dennoch triumphierend in einem Sieg &uuml;ber allen Siegen &ndash; die ganze Welt mitrei&szlig;en zu wollen in den Untergang der eigenen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wobei diese Option tr&uuml;gerisch ist, denn die uns bevorstehende Apokalypse wird aus einer Kumulation von Teil-Apokalypsen zusammengesetzt sein und in einer gestreckten Agonie bestehen. &bdquo;Die Apokalypse neuen Typs&ldquo;, hei&szlig;t es bei Harald Welzer, &bdquo; erlaubt nicht einmal die narzisstische Befriedigung, dass mit einem selbst auch der Rest der Menschheit untergeht; der Untergang findet selektiv und sukzessive statt, ist fies und ungerecht, sortiert Verlierer und Gewinner. Wobei allerdings fraglich ist, wie viele Mitglieder die zweite Gruppe ab der &uuml;bern&auml;chsten Generation noch z&auml;hlen wird.&ldquo; Die zeitgem&auml;&szlig;e Apokalypse &bdquo;ist kein Weltenbrand, keine Sintflut, kein H&ouml;llenfeuer. Sie ist nicht einmal ein Unfall. Sie ist blo&szlig;, was geschieht, einfach so.&ldquo;<\/p><p>Vor einiger Zeit hatten wir in unserer Kulturgruppe im Butzbacher Gef&auml;ngnis den Frankfurter Schriftsteller Andreas Maier zu Gast. Er las unter anderem einen Text, den er bereits im Jahr 2003 in der ZEIT ver&ouml;ffentlicht hat. Der Text hei&szlig;t &bdquo;Die Legende vom Salzstock. Ratlos in Gorleben: Wo ist der Castor wirklich? Die Geschichte einer Selbstt&auml;uschung&ldquo;.  Zu seiner Verbl&uuml;ffung stellte Andreas Maier als Gast im Wendland fest, dass die Castor-Beh&auml;lter, in denen der Atomm&uuml;ll nach Gorleben transportiert wird, nicht in einem als &bdquo;Endlager&ldquo; dienenden Salzstock landen, wie er angenommen hatte, sondern in einer gr&uuml;nen Halle. Diese gr&uuml;ne Halle ist das Zwischenlager, wo die Castoren &uuml;berirdisch stehen und erst einmal abk&uuml;hlen, also: vor sich hin strahlen. Der einigerma&szlig;en irritierte Andreas Maier startete eine Befragung im Kreis seiner Freunde, Bekannten und Familienangeh&ouml;rigen: Stehen die Castoren unterirdisch oder &uuml;berirdisch? Alle antworteten: unterirdisch. Manche &bdquo;wussten&ldquo; sogar, dass die Castoren im Salzstock stehen, so wie er es vor einem halben Jahr auch noch &bdquo;wusste&ldquo;. Auch wir, die wir Andreas Maier an diesem Nachmittag zuh&ouml;rten, mussten uns eingestehen, dass wir genauso ahnungslos gewesen und auf semantische Tricks hereingefallen waren.<\/p><p>Ich erinnere mich, dass ich nach der Katastrophe von Fukushima eine Dokumentation &uuml;ber den Umgang der DDR mit den Folgen des Reaktorunfalls in Tschernobyl sah. Der Transit-Verkehr zwischen Ost- und Westeuropa hielt auch nach dem Gau in Tschernobyl an. Doch f&uuml;r Lastwagen aus dem Ost-Block, die mit strahlendem Staub und Dreck verseucht waren, war an der deutsch-deutschen Grenze Schluss. Sie wurden von den westdeutschen Grenzsch&uuml;tzern nicht durchgelassen, sondern in die DDR zur&uuml;ckgeschickt. Dort sollten sie zun&auml;chst gereinigt werden. Eine dieser Reinigungsstationen war das <em>Verkehrskombinat<\/em> im th&uuml;ringischen M&uuml;hlhausen. Otto Z&ouml;llner und sieben weitere Mitarbeiter hatten die Lastwagen zu waschen. Die M&auml;nner wurden &uuml;ber die radioaktive Gefahr im Dunkeln gelassen. Sie hatten keine Strahlenanz&uuml;ge und am ersten Tag auch noch keinen Geigerz&auml;hler. Otto Z&ouml;llner erinnert sich: &ldquo;Ich wei&szlig; noch, dass Messungen dabei waren, wo der Geigerz&auml;hler bis hinten hinausgeschlagen hat.&rdquo; Am Ende des Interviews sieht man Otto Z&ouml;llner &uuml;ber einen Friedhof gehen, auf dem seine inzwischen gestorbenen Kollegen beerdigt sind. Alle sind den Sp&auml;tfolgen ihrer Dekontaminierungsarbeit erlegen, kaum einer von ihnen ist &auml;lter als 60 Jahre geworden. <\/p><p>Es ist zum Haare-Raufen und Verzweifeln. &bdquo;Wer &uuml;ber gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren&ldquo;, hei&szlig;t es bei Gotthold Ephraim Lessing<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><em><strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet als Gef&auml;ngnispsychologe in der JVA Butzbach. In der Edition Georg B&uuml;chner-Club erscheint demn&auml;chst unter dem Titel Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst der zweite Band seiner Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 26. April 1986, also heute vor drei&szlig;ig Jahren, kam es im Atomkraftwerk Tschernobyl zum GAU. <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> erinnert an diese Katastrophe und unsere Unf&auml;higkeit, aus Katastrophen wie diesen zu lernen. <\/p>\n<p>Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich, als es noch den Ostblock und die Sowjetunion gab. 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