{"id":33159,"date":"2016-04-27T11:51:10","date_gmt":"2016-04-27T09:51:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33159"},"modified":"2016-04-27T12:20:15","modified_gmt":"2016-04-27T10:20:15","slug":"europas-rechtsruck-die-fluechtlingskrise-und-die-politische-linke-zeit-fuer-eine-unaufgeregte-debatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33159","title":{"rendered":"Europas Rechtsruck, die Fl\u00fcchtlingskrise und die politische Linke &#8230; Zeit f\u00fcr eine unaufgeregte Debatte"},"content":{"rendered":"<p>Noch vor wenigen Monaten tr&auml;umten progressive Geister von einer linken Revolution in Europa. Nach dem Wahlsieg der Syriza war gem&auml;&szlig; den damaligen Umfragen auch ein linker Regierungswechsel in Spanien und Portugal in greifbarer N&auml;he. Und wenn der S&uuml;den erst einmal aufgewacht ist und beweist, dass es sehr wohl eine sinnvolle Alternative zur neoliberalen Alternativlosigkeit gibt, wird sicher auch der Norden seine Fehler erkennen und aufwachen. So die zugegebenerma&szlig;en naive Vorstellung. Es kam jedoch ganz anders. Kaum standen die Syrer vor den Toren Wiens erzitterte das Abendland und w&auml;hlte nicht linke, sondern rechte Parteien. Deutschlands AfD und &Ouml;sterreichs FP&Ouml; sind die Gewinner der Fl&uuml;chtlingskrise, w&auml;hrend die politische Linke unter die R&auml;der kommt. Warum kann die politische Linke in Zeiten der Fl&uuml;chtlingskrise keine W&auml;hler mehr f&uuml;r sich gewinnen? Und warum begeht sie immer wieder strategische Fehler, mit denen sie die W&auml;hler den Rechten vor die Flinte treibt? Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDas Thema &bdquo;Fl&uuml;chtlinge&ldquo; ist sicher von Natur aus kein Thema, mit dem die politische Linke einen Blumentopf gewinnen kann. Dabei ist die Fl&uuml;chtlingsproblematik eigentlich gut geeignet, um linke Politik darzustellen. Dies f&auml;ngt bereits bei den Fluchtursachen an. Sowohl der afrikanische Wirtschaftsfl&uuml;chtling als auch der syrische oder afghanische Kriegsfl&uuml;chtling sind schlussendlich auch Opfer einer fehlgelenkten, rechten Politik der Europ&auml;ischen Union und der USA; einer Politik, die die politische Linke dies- und jenseits des Atlantiks scharf kritisiert. <\/p><p><em>Dazu auf den NachDenkSeiten: &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27289\">Afrikas Fl&uuml;chtlinge, Afrikas Probleme und unsere Verantwortung<\/a>&ldquo; und &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=27394\">Lassen Sie uns doch einmal &uuml;ber das Thema &acute;Fl&uuml;chtlinge&acute; reden<\/a>&ldquo; <\/em><\/p><p>Auch die Aufnahme, Unterbringung und Integration der Fl&uuml;chtlinge sind eigentlich origin&auml;r linke Themen. Die Grenzen verlaufen schlie&szlig;lich zwischen oben und unten und nicht zwischen den verschiedenen Teilgruppen am unteren Ende der Gesellschaft. Die politische Linke schafft es jedoch ganz offensichtlich nicht, diese Themen zu besetzen &ndash; im Gegenteil: aus falsch verstandener Solidarit&auml;t mit den Fl&uuml;chtlingen und falsch verstandenem Antifaschismus lassen sich Teile der Linken von der politischen Rechten ins eigene Ungl&uuml;ck treiben. Es ist wie ein Reflex: Wenn die politische Rechte sagt, &bdquo;wir m&uuml;ssen die Grenzen dichtmachen&ldquo; und &bdquo;Ausl&auml;nder raus&ldquo;, dann entgegnen Teile der politischen Linken ohne lang zu &uuml;berlegen &bdquo;wir m&uuml;ssen die Grenzen &ouml;ffnen&ldquo; und &bdquo;Ausl&auml;nder rein&ldquo;. Das ist einerseits nat&uuml;rlich gut meint und soll sicher vor allem die Antithese zu den rechten, fremdenfeindlichen Parolen sein. In diesem Falle ist &bdquo;gut gemeint&ldquo; jedoch das Gegenteil von &bdquo;gut&ldquo;. <\/p><p>Es ist n&auml;mlich naiv anzunehmen, dass ein deutscher Hilfsarbeiter sich &uuml;ber die ankommenden Fl&uuml;chtlinge freut, sich der Willkommenskultur hingibt und sein Kreuz liebend gerne bei einer Partei machen w&uuml;rde, die <strong>unter den gegebenen Umst&auml;nden<\/strong> f&uuml;r eine Politik der offenen Tore eintritt. Und auch der von der Abstiegsangst zerfressene Facharbeiter oder die gar nicht mal schlecht verdienende, aber verunsicherte Angestellte geh&ouml;ren in der Regel erst einmal nicht zu denen, die Zuwanderung positiv sehen. Dar&uuml;ber mag das Bildungsb&uuml;rgertum nun die Nase r&uuml;mpfen &hellip; &auml;ndern wird sich dadurch auch nichts.<\/p><p>Was Teilen der politischen Linken erstaunlicherweise vielmehr fehlt, ist die Empathie. Das &bdquo;normale&ldquo; Volk hat einen sehr guten Kompass daf&uuml;r, dass es von der Politik und den Eliten nicht ernst genommen wird und die Politik im Namen des Volkes sich allzu oft direkt gegen die Interessen der Allgemeinheit richtet. Ist es also dem Hilfsarbeiter zu verdenken, dass er bei den Bildern von tausenden Fl&uuml;chtlingen zu allererst Angst empfindet? Angst davor, dass er k&uuml;nftig sowohl auf dem Arbeits- als auch auf dem Wohnungsmarkt mit den Menschen konkurrieren muss, die er nun mit offenen Armen empfangen soll? Und wie sieht es mit dem Facharbeiter und der Angestellten aus? Beide stehen sicher eher nicht in direkter Konkurrenz mit den Zugewanderten. Aber auch sie haben einen feinen Radar f&uuml;r Realpolitik. Was hei&szlig;t es denn f&uuml;r sie, wenn der Staat in Zeiten der Schwarzen Null mit m&ouml;glicherweise horrenden Zusatzkosten konfrontiert wird? <\/p><p><em>Dazu auf den NachDenkSeiten: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33137\">Rechtsruck<\/a><\/em><\/p><p>All diese Pr&auml;missen gelten freilich nur, wenn &ndash; ceteris paribus &ndash; sich an den &bdquo;gegebenen Umst&auml;nden&ldquo; nichts &auml;ndert. Ein Problem der politischen Linken ist es, dass die gesamte Fl&uuml;chtlingsthematik in der &ouml;ffentlichen und politischen Debatte immer ausschlie&szlig;lich mit einem negativen Szenario, einer Dystopie, also einer d&uuml;steren Utopie, verbunden wird. Niemand wagt es, ein positives Szenario zu vermitteln und dennoch nicht naiv von offenen Grenzen und einer grenzenlosen Zuwanderung zu tr&auml;umen. <\/p><p>Was w&auml;re denn, wenn wir durch die Zuwanderung in eine Situation kommen, in der wir endlich unsere eigenen Denkfehler hinterfragen? W&auml;re der nun n&ouml;tige Kostenaufwand nicht Grund genug, die unsinnige Vorgabe der Schwarzen Null zu hinterfragen? K&ouml;nnte dies nicht eine Initialz&uuml;ndung f&uuml;r einen aktiveren Staat sein, der sich einmischt und endlich wieder versucht, regulierend und lenkend einzugreifen? Das wird aber teuer? Ja! Dann fangen wir doch endlich einmal an, das Thema Umverteilung ernsthaft zu debattieren und die gesamte Einnahmenseite des Staates von Grund auf zu reformieren. Das w&auml;ren urlinke Forderungen, mit denen man die Leute auch an die Wahlurnen bringt. Sicher &ndash; ein Teil der Pegida-Schreih&auml;lse und AfD-W&auml;hler sind auch &uuml;berzeugte Rechte oder gar Rechtsextreme, denen eher die Hand verdorren w&uuml;rde, als dass sie ihr Kreuzchen bei einer linken Partei machen. <\/p><p>Viele, sehr viele dieser Menschen haben jedoch eigentlich keine Angst vor dem Muselmann, sondern vor dem sozialen Abstieg und der sozialen und &ouml;konomischen Ausgrenzung. Und da sie weder der Gesellschaft noch der Politik vertrauen, haben sie auch Angst vor der Zukunft; vor allem dann, wenn diese &Auml;ngste auch noch durch rechte Brandstifter angefacht werden. Es ist so, als solle ein ver&auml;ngstigtes Kind durch einen dunklen Tunnel gehen. Ohne Beistand wird das Kind dies nicht schaffen. Um dem Kind ein Erfolgserlebnis zu geben und die &Auml;ngste zu bek&auml;mpfen, w&auml;re ein Erwachsener n&ouml;tig, dem das Kind vertraut und der es an die Hand und ihm die &Auml;ngste nimmt; ihm also eine positive Vision mitgibt. &bdquo;Unser Kind&ldquo; hat jedoch keinen Erwachsenen, dem es vertraut und die Erwachsenen aus der Politik, die ihm die Hand reichen wollen, nehmen ihm nicht die &Auml;ngste, sondern erz&auml;hlen Schauerm&auml;rchen von muslimischen Sexmobs, Minaretten, Kriminalit&auml;t und &Uuml;berfremdung. So wird das nichts. <\/p><p>Linke Politik muss immer positive Visionen transportieren und gleichzeitig die Interessen und die Sorgen des Volkes ernst nehmen. Wer die &Auml;ngste &ndash; und seien sie noch so irrational &ndash; ignoriert und den Menschen naive Wohlf&uuml;hlm&auml;rchen auftischt, treibt sie &ndash; sicher ohne dies zu wollen &ndash; in die Arme der Rechten. Insofern tragen Teile der Linkspartei und der Gr&uuml;nen auch zum Erfolg der AfD bei. Der weitaus gr&ouml;&szlig;ere Erfolgsfaktor f&uuml;r AfD, FP&Ouml; und Co. d&uuml;rfte jedoch die fehlgeleitete Strategie der b&uuml;rgerlichen Parteien &bdquo;aus der Mitte&ldquo; sein, rechte Thesen zu vereinnahmen und sich damit selbst zu &bdquo;Rechtspopulisten light&ldquo; zu inszenieren. Da w&auml;hlt man doch lieber das Original als die Kopie. Das zeigen nicht zuletzt die &ouml;sterreichischen Pr&auml;sidentschaftswahlen. <\/p><p>Wer den Menschen eine Perspektive geben will, muss sich also glaubhaft von den Rechtspopulisten distanzieren, ohne gleichzeitig aus purem Reflex heraus beim Thema Zuwanderung jegliche Kritik &uuml;ber Bord zu werfen. Es gibt Thesen, die sind auch dann noch richtig, wenn auch die AfD sie so &auml;u&szlig;ert &hellip; auch wenn es nicht viele sind. Kritik ist wichtig, Kritik ist richtig. Es kommt halt nur darauf an, wie und in welchem Kontext diese Kritik vorgebracht wird. Und hier liegt der grundlegende Unterschied zwischen falschem, rechtem Populismus und einer w&uuml;nschenswerten linken Alternative. Wer die Zuwanderungspolitik kritisiert, um die Menschen noch weiter zu verunsichern, ist entweder selbst rechts oder will sie fahrl&auml;ssig oder mit Vorsatz in die Arme der Rechten treiben. Man kann die Zuwanderungspolitik jedoch auch eingebettet in einer positiven Vision kritisieren; um die Menschen sprichw&ouml;rtlich an die Hand zu nehmen und ihnen die &Auml;ngste zu nehmen. Genau dies sollte linke Politik gew&auml;hrleisten. <\/p><p>Leider ist der Graben zwischen Vision und Wirklichkeit jedoch genauso gro&szlig; wie der Graben innerhalb der Linken. Wer linke Politik jedoch mit elit&auml;rer Wohlf&uuml;hlrhetorik verwechselt, vers&uuml;ndigt sich an den Idealen linker Politik und hilft damit &ndash; gewollt oder ungewollt &ndash; dem politischen Gegner. Wenn die Linke dies nicht erkennt, wird sie an den Wahlurnen auch weiterhin keine Siege verbuchen k&ouml;nnen und der Rechtsruck wird anhalten. N&ouml;tig w&auml;re zun&auml;chst eine Debatte &uuml;ber diese Fragen &hellip; nicht ideologisch gepr&auml;gt, sondern &uuml;ber Gr&auml;ben hinweg, vision&auml;r, konstruktiv und unaufgeregt. Ich werfe hiermit den ersten Stein und hoffe, damit eine Lawine auszul&ouml;sen.<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/deb6a60e32d244c1a6f63d6e7e47df0e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor wenigen Monaten tr&auml;umten progressive Geister von einer linken Revolution in Europa. Nach dem Wahlsieg der Syriza war gem&auml;&szlig; den damaligen Umfragen auch ein linker Regierungswechsel in Spanien und Portugal in greifbarer N&auml;he. 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