{"id":3317,"date":"2008-07-04T08:39:35","date_gmt":"2008-07-04T06:39:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3317"},"modified":"2015-11-19T11:12:43","modified_gmt":"2015-11-19T10:12:43","slug":"warum-die-europaeer-immer-wieder-nein-zu-europa-sagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3317","title":{"rendered":"Warum die Europ\u00e4er immer wieder NEIN zu Europa sagen"},"content":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn man die Europ&auml;er fragt, ob sie Europa zus&auml;tzliche Kompetenzen geben wollen, ist die Antwort dieselbe: nein! Und jedes Mal erkl&auml;ren unsere Eliten dies mit einem Mangel an inhaltlicher Auseinandersetzung, an P&auml;dagogik. Anders gesagt, sie glauben zu wissen, dass dieses &bdquo;Nein&ldquo; daraus resultiert,  dass die B&uuml;rger nicht verstanden h&auml;tten. Jenseits von Partikularinteressen und lokalen Eigenheiten kann man einen anderen Erkl&auml;rungsvorschlag wagen. Von Arnaud Parienty, aus dem Franz&ouml;sischen &uuml;bertragen von Florian Baum.<br>\n<!--more--><br>\nAnfangs reagierte der Aufbau Europas zuvorderst auf die Sorge, Krieg in Europa generell unm&ouml;glich zu machen, ganz besonders zwischen Frankreich und Deutschland. Aber wozu dient Europa, da diese historische Mission nun einmal erf&uuml;llt ist? Es ist nicht verwunderlich, dass seine Lenker auf ein gewisses Misstrauen sto&szlig;en, da sie eine Vertiefung der institutionellen Ausgestaltung fordern, ohne zu erkl&auml;ren, wof&uuml;r diese neuen Kompetenzen gut sein sollen. Da sie schlie&szlig;lich seit dem Ende der 1950er Jahre die Strategie verfolgen, die Wirtschaft als Hebel zu benutzen, muss man zweifellos dort den Schl&uuml;ssel zum Problem suchen.<\/p><p>Die fundamentale Zweideutigkeit der europ&auml;ischen Konstruktion liegt in der Antwort auf die folgende Frage: Ist Europa ein Bollwerk gegen eine au&szlig;er Rand und Band geratene Globalisierung, oder ist es ihr F&ouml;rderer? Die Globalisierung der Waren- und Kapitalm&auml;rkte zieht es nach sich, dass &Ouml;konomien und Sozialsysteme miteinander in eine verallgemeinerte Konkurrenz treten, was zum Ursprung sich anh&auml;ufender Unruhe wird: Die Bauern f&uuml;rchten den Preisverfall, die abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten haben Angst vor Arbeitsplatzverlagerungen, die &ouml;ffentlichen Dienste k&ouml;nnten auf dem Altar des Wettbewerbs geopfert werden, usw&hellip; Diese Beunruhigung ist legitim. Entgegen der offiziellen Beteuerungen produziert die Globalisierung Verlierer, so, wie dies die internationale &Ouml;ffnung immer getan hat, so wie die Dinge verlaufen jedoch im gigantischen Ma&szlig;stab.<\/p><p>Im Angesicht dieser Bedrohung wenden sich die B&uuml;rger an die Politik. In Frankreich nimmt der Aufmarsch der gesellschaftlichen Gruppen, die den Schutz des Staates einfordern, kein Ende. Aber es macht die Globalisierung ja gerade aus, dass sie der Ebene des Nationalstaats einen gro&szlig;en Teil ihrer Bedeutung entzieht. Angesichts dessen entsprechen die europ&auml;ischen Institutionen nicht den Erwartungen. Weit entfernt von der &bdquo;Festung Europa&ldquo;, die von den anderen Erdteilen zu Beginn der 1980er Jahre bef&uuml;rchtet wurde, was zur Bildung der NAFTA in Amerika und der APEC in Asien gef&uuml;hrt hat, stellt sich die EU heute als darum besorgt dar, die Liberalisierung der M&auml;rkte und die Zur&uuml;ckdr&auml;ngung des Staates zu beschleunigen, anstatt die europ&auml;ischen Gesellschaften vor dem Globalisierungsschock zu bewahren.<\/p><p>Die Haltung gegen&uuml;ber den neuen Mitgliedsstaaten ist, unter diesen Gesichtspunkten gesehen, charakteristisch. Als in der Vergangenheit arme L&auml;nder Europa beigetreten sind, wie Irland, Griechenland und Portugal, bestand die Integrationsstrategie darin, diesen L&auml;ndern mittels Strukturfonds dabei zu helfen, Anschluss an das durchschnittliche Entwicklungsniveau der Union zu finden. Anl&auml;sslich der Erweiterungsrunden von 2004 und 2006 wurde den oftmals sehr armen Neumitgliedern signalisiert, dass sie vor 2013 keinen Anspruch auf die Segnungen der gemeinsamen Agrarpolitik haben w&uuml;rden (das Datum, zu dem sie nach Kostensenkungsgesichtspunkten reformiert worden sein wird), und dass der Weg des Steuer- und Sozialdumpings der einzige ist, der ihnen offen steht, um gegen die formidable Konkurrenz der leistungsf&auml;higen Industrien Westeuropas zu bestehen. Polen hat seinen K&ouml;rperschaftssteuersatz auf 12% abgesenkt, was vier Millionen Polen nicht davon abgehalten hat, ihr Land zu verlassen, um Arbeit im Ausland zu suchen, besonders in Gro&szlig;britannien. Die Produktionszahl der franz&ouml;sischen Automobilbauer auf dem Territorium der EU-15 ist innerhalb von sechs Jahren um 700.000 Einheiten gesunken und im selben Zeitraum in Osteuropa und in der T&uuml;rkei um 600.000 Einheiten gestiegen.<\/p><p>Obwohl Europa die ad&auml;quate Instanz ist, um eine bessere Regulierung der Globalisierung zu erreichen, scheint Europa sie beschleunigen zu wollen. Daher die Vorw&uuml;rfe von Nicholas Sarkozy an die Adresse von Peter Mandelson nach dem Scheitern des irischen Referendums. Warum also sollen die B&uuml;rger die Machtposition einer Institution Europa st&auml;rken, die als ein Antreiber dieses Ph&auml;nomens erscheint, wo doch eine Liberalisierung der M&auml;rkte im Eiltempo die Arbeitspl&auml;tze und L&ouml;hne bedroht?<\/p><p>Der Skeptizismus gegen&uuml;ber der Ausgestaltung Europas resultiert ebenso aus der Art der Handhabung der Konjunkturpolitik. Erinnern wir uns an die Berechnungen der OECD aus den fr&uuml;hen 1990er Jahren, die auswiesen, dass das Festhalten am franz&ouml;sischen Franc im europ&auml;ischen W&auml;hrungssystem Frankreich eine Million zus&auml;tzliche Arbeitslose gebracht hat. Die Geschichte wiederholt sich, und jeder informierte europ&auml;ische B&uuml;rger kann die Beweglichkeit der amerikanischen Wirtschaftspolitik mit der ineffektiven Sturheit vergleichen, die sich in Europa durchsetzt. Die Rezessionsrisiken im Zusammenhang der Subprime-Krise haben ein entschlossenes Handeln der Fed f&uuml;r Zinssenkungen und f&uuml;r politische Spielr&auml;ume nach sich gezogen, wenn auch Washington haushaltspolitisch &Ouml;l ins Feuer goss (in einem Wahljahr, wie man anmerken muss); so ist die angek&uuml;ndigte Rezession f&uuml;r den Moment abgewendet. Im Gegensatz dazu droht in Europa die Kommission denjenigen L&auml;ndern, die, wie Frankreich, von der konjunkturellen Abk&uuml;hlung in Richtung des 3%-Neuverschuldungskriteriums gedr&uuml;ckt werden, und die europ&auml;ischen Regierungen kritisieren die EZB f&uuml;r ihre zu hohen Zinss&auml;tze. Die &bdquo;tugendhaften&ldquo; L&auml;nder kritisieren die Laschheit derer, die das allgemeing&uuml;ltige Regelwerk nicht einhalten, die anderen kritisieren die Absurdit&auml;t ebenjener Regeln; beide haben nat&uuml;rlich Recht.<\/p><p>F&uuml;r den B&uuml;rger, selbst f&uuml;r den, der in Wirtschaftsfragen nicht im Bilde ist, ist die Schlussfolgerung klar: Im Angesicht der Krise ist Europa die Instanz, die das Handeln verhindert. Zweifellos ist diese Schlussfolgerung zum Teil ungerecht: Wo w&auml;re die franz&ouml;sische Wirtschaft ohne den Euro, mit einer W&auml;hrung unter Defizitdruck? Dennoch dr&auml;ngt sich jene Schlussfolgerung auf.<\/p><p>Wenn sich die B&uuml;rger Europas weigern, den europ&auml;ischen Institutionen mehr Macht zu geben, geschieht dies zwar auch aus Sorge, diverse nationale Eigenheiten zu sch&uuml;tzen, die sie, mehr oder weniger zu Recht, bedroht sehen &ndash; aber vor allem deshalb, weil ihnen Europa als gef&auml;hrlich erscheint: Weit davon entfernt, gegen den Globalisierungsschock zu sch&uuml;tzen und Stabilit&auml;t und Wohlstand zu sichern, erweckt Europa den Eindruck, gegen diese Vorgaben zu arbeiten. Die standhafte Verweigerungshaltung seitens der B&uuml;rger resultiert also nicht aus einem mangelnden Verst&auml;ndnis dessen, was der Aufbau Europas ist, sie dr&uuml;ckt eine fundamentale Meinungsverschiedenheit dar&uuml;ber aus, welchen Leitlinien Europa folgt. Der tragische Irrtum der hohen Funktion&auml;re und der Mandatstr&auml;ger die Europa regieren ist es, dies nicht wahrhaben zu wollen.<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/alternatives-economiques.fr\/blogs\/parienty\/2008\/06\/30\/pourquoi-les-europeens-continuent-de-dire-non-a-leurope\/\">Alternatives Economiques<\/a><\/p><p>Arnaud Parienty ist Professor f&uuml;r Wirtschaft und Soziales in Courbevoie und Autor mehrer B&uuml;cher &uuml;ber eine alternative &Ouml;konomie<\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> Um es mit Naomi Klein zu sagen, m&uuml;sste man statt von &bdquo;Globalisierungschock&ldquo; von einer &bdquo;Schockstrategie&ldquo; der neoliberalen Ideologen sprechen, die sich auch auf europ&auml;ischer Ebene durchsetzen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes Mal, wenn man die Europ&auml;er fragt, ob sie Europa zus&auml;tzliche Kompetenzen geben wollen, ist die Antwort dieselbe: nein! 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