{"id":33198,"date":"2016-04-29T14:14:27","date_gmt":"2016-04-29T12:14:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33198"},"modified":"2019-01-04T12:26:43","modified_gmt":"2019-01-04T11:26:43","slug":"ist-der-deutschbanker-ein-raeuber-und-barbar-der-vw-manager-ein-raffke-und-betrueger-ein-heterodoxer-erklaerungsversuch-des-unerklaerlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33198","title":{"rendered":"Ist der \u201eDeutschbanker\u201c ein R\u00e4uber und Barbar? Der VW-Manager ein Raffke und Betr\u00fcger? \u2013 Ein heterodoxer Erkl\u00e4rungsversuch des Unerkl\u00e4rlichen"},"content":{"rendered":"<p>An Skandalen und Enth&uuml;llungen rund um das Finanzwesen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten nicht gemangelt. Hier einige Schlagzeilen: &bdquo;Deutsche Bank auf der Anklagebank&ldquo;, &bdquo;Mitarbeiter der Deutschen Bank an betr&uuml;gerischen Cum-Ex-Transaktionen beteiligt&ldquo;, &bdquo;Warburg Bank ger&auml;t ins Visier der Justiz&ldquo;, &bdquo;Panama-Aff&auml;re kostet erste Banker den Job&ldquo;, &bdquo;Bafin macht Maple Bank wegen dubioser Steuergesch&auml;fte dicht&ldquo;. Und nicht zu vergessen: die Abgas-Manipulationen bei Volkswagen (VW). Von <strong>Thomas Trares<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33198#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Was ist da los?&ldquo;, fragt sich der gemeine B&uuml;rger und der &Ouml;konom ist verdutzt. Denn das, was man da liest, hat nur noch sehr wenig mit dem rational handelnden &bdquo;Homo Oeconomicus&ldquo; der Volkswirte oder mit dem &bdquo;ehrbaren Kaufmann&ldquo; der Betriebswirte zu tun. Was also ist es dann?<\/p><p>In den Finanzberufen herrschen &bdquo;noch immer Willk&uuml;r, Unterw&uuml;rfigkeit und verschlagene Praktiken vor, die an den r&auml;uberischen Betrug erinnern&ldquo;, sagt der amerikanische &Ouml;konom und Soziologe Thorstein Veblen. Und <a href=\"https:\/\/www.getabstract.com\/de\/zusammenfassung\/klassiker\/theorie-der-feinen-leute\/6964\">weiter behauptet er<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wo sich die &ouml;konomischen Funktionen des Menschen auf den Besitz von Reichtum beziehen, der an seinem Tauschwert gemessen und mit dem Manipulationen und Finanzoperationen durchgef&uuml;hrt werden, dort f&ouml;rdert die Erfahrung im &ouml;konomischen Leben das r&auml;uberische Temperament und die r&auml;uberischen Denkgewohnheiten. Das moderne System und das moderne Erwerbsleben beg&uuml;nstigen nat&uuml;rlich vor allem die friedlichen Spielarten r&auml;uberischer Gewohnheiten und Neigungen; mit anderen Worten verschafft die finanzielle Bet&auml;tigung nicht sosehr eine Erfahrung in den &auml;lteren Methoden des gewaltsamen Raubs als eine gewisse Fertigkeit in allen Arten des Betrugs.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Dass diese Erkl&auml;rungen f&uuml;r heutige Ohren etwas seltsam klingen, mag daran liegen, dass Veblen diese Zeilen bereits vor &uuml;ber 100 Jahren niedergeschrieben hat; in einer Zeit also, in der die Bankenmacht &auml;hnlich gro&szlig; war wie heute. Veblen selbst war ein Vertreter des Institutionalismus, einer Denkrichtung, die zur Jahrhundertwende noch in Konkurrenz zur neoklassischen Lehre stand. W&auml;hrend aber die Neoklassik heute das Denken an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten dominiert, ist der Institutionalismus weitgehend in der Versenkung verschwunden. Nichtsdestotrotz gilt Thorstein Veblen als einer der Urv&auml;ter der heutigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heterodoxe_%C3%96konomie\">heterodoxen &Ouml;konomen<\/a>, die sich f&uuml;r mehr Offenheit und <a href=\"https:\/\/www.plurale-oekonomik.de\/home\/\">Pluralit&auml;t in den Wirtschaftswissenschaften<\/a> einsetzen.<\/p><p>Konsequenterweise lehnt Veblen die Figur des Homo Oeconomicus ab. Wirtschaftliches Verhalten unterliegt demnach nicht allein dem individuellen Rationalkalk&uuml;l, sondern h&auml;ngt stark von traditionellen Gewohnheiten wie auch vom jeweiligen sozialen und kulturellen Umfeld ab. &bdquo;In jeder Gesellschaft, die das Privateigentum kennt, muss der Einzelne im Interesse seines inneren Friedens mindestens ebenso viel besitzen wie jene, mit denen er sich auf dieselbe Stufe stellt; und es ist au&szlig;erordentlich wohltuend, etwas mehr zu haben als die anderen.&ldquo;, sagt Veblen.<\/p><p>Wichtig sind dar&uuml;ber hinaus anthropologisch tiefverwurzelte Muster und Pr&auml;gungen, die sowohl das Verhalten des fr&uuml;hen Barbaren als auch das des modernen Menschen bestimmen. Veblen spricht unter anderem von Gier, k&uuml;hner Aggression, sozialem Geltungsdrang, Tapferkeit, Heldentum, Betrug, Ausbeutung, skurrilen Br&auml;uchen und Zeremonien, Aberglauben und Animismus oder aber auch von der Frau als Troph&auml;e und Werteinheit. Galt es in barbarischen Zeiten etwa noch als ehrenvoll, Jagd- und Kriegsbeute anzuh&auml;ufen, so ist in der Moderne die Anh&auml;ufung von Geld und Verm&ouml;gen zum Ausweis von sozialem Prestige geworden.<\/p><p>F&uuml;r Veblen ersch&ouml;pft sich &bdquo;der Anreiz zum Akkumulieren von G&uuml;tern also nicht einfach in der Sorge um die Existenz und materiellen Komfort&ldquo;, vielmehr sieht er darin &bdquo;einen sozialen Wettlauf um Ansehen, Ehrbarkeit und gesellschaftliche Macht&ldquo;. Nur so ist etwa zu erkl&auml;ren, dass selbst in den gehobenen Klassen Raffgier und Absahner-Mentalit&auml;t tief verwurzelt sind. Aktuelle Beispiele sind hier der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2016-04\/island-korruption-steuerhinterziehung-protest-panama-papers\">isl&auml;ndische Ministerpr&auml;sident Sigmundur Dav&iacute;&eth; Gunnlaugsson und seine millionenschwere Gattin<\/a>, die ihr Geld unbedingt in windigen Briefkastenfirmen in Panama parken mussten, wie auch die VW-Vorst&auml;nde, die trotz des Abgasskandals und des damit verbundenen wirtschaftlichen Misserfolgs <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/unternehmen\/auto\/vw-abgas-skandal-bei-den-vw-boni-geht-es-um-mehr-als-nur-geld\/13429270.html\">nicht auf ihre Boni verzichten wollen<\/a>. <\/p><p>Der moderne Wiederg&auml;nger des barbarischen Kriegers ist offenbar aber der Investmentbanker bei Deutsche Bank &amp; Co. Darauf zumindest lassen verschiedene Insiderberichte schlie&szlig;en. &bdquo;Die Kollegen im Parketthandel kannten genau zwei Themen: Geld und Sex. Es war im Grunde der gr&ouml;&szlig;te Affen- und Saustall, den ich bis dahin gesehen hatte&ldquo;, schreibt der <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/die-psycho-trader-volker-handon.html#.VxdCU3lJncs\">Wertpapierh&auml;ndler Volker Handon in seinem Buch &bdquo;Die Psycho-Trader&ldquo;<\/a>. Manche Banker sollen von ihren Bewerbern gar die Messung ihres Testosteronspiegels verlangen. Denn &bdquo;in der ersten Angriffsreihe setzen Banken in der Regel auf aggressive Spieler &ndash; Jungs mit den sprichw&ouml;rtlichen Eiern in der Hose&ldquo;. Andere Insider wiederum berichten von aggressivem Machocode oder vom &bdquo;Opfern&ldquo; von Kunden, etwa um ihnen Schrottpapiere anzudrehen, die die Bank noch in der eigenen Bilanz stehen hatte. &bdquo;Nimm sie aus wie G&auml;nse&ldquo;, lautete eine interne Anweisung.<\/p><p>Interessant sind auch die Ausf&uuml;hrungen einer fr&uuml;heren Investmentbankerin, die unter dem <a href=\"http:\/\/www.buecher.de\/shop\/beruehmte-boersianer\/die-gier-war-grenzenlos\/t--anne\/products_products\/detail\/prod_id\/28005290\/\">Pseudonym Anne T.<\/a> schildert, wie ahnungslosen Kunden renditesch&auml;dliche, aber gut verpackte Produkte verkauft wurden, etwa indem man sie mit teuren Abendessen und sonstigen, den Narzissmus f&ouml;rdernden Manipulationsmitteln gef&uuml;gig machte. Und wenn dann auch noch Lloyd Blankfein, Chef der Investmentbank Goldman Sachs, meint, dass der Banker &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/unternehmen\/goldman-sachs-chef-blankfein-ich-bin-ein-banker-der-gottes-werk-verrichtet-1886316.html\">Gottes Werk<\/a>&ldquo; verrichte, dann ist dieser auch nicht mehr weit vom Animismus und Aberglauben des fr&uuml;hen Barbaren entfernt. <\/p><p>Einer, der diese Beobachtungen wissenschaftlich unterf&uuml;ttert, ist der in Cambridge lehrende <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-86653860.html\">Neurowissenschaftler John Coates<\/a>, der vor seiner Universit&auml;tskarriere als Derivateh&auml;ndler an der Wall Street arbeitete. Coates wies nach, dass bei steigenden Gewinnen auch der Testosterongehalt im Blut zunimmt, H&auml;ndler werden dann wahnhaft und euphorisch. Sogar Parallelen zu Alkohol- und Kokainsucht seien erkennbar. Seine wissenschaftliche Laufbahn soll Coates &uuml;brigens eingeschlagen haben, um herauszufinden, was Geld, Macht und Gier alles bei ihm angestellt hatten.<\/p><p>All dies bedeutet nat&uuml;rlich nicht, dass in den F&uuml;hrungsetagen der Banken heute keine rationalen Entscheidungen mehr getroffen werden und selbstverst&auml;ndlich werden dort auch auf Daten und Fakten basierende Analysen erstellt und nat&uuml;rlich gehen auch die meisten Bankangestellten rechts- und gesetzestreu ihrer Arbeit nach. Dennoch wird anhand dieser Beispiele deutlich, dass mit dem vor gut zwei Jahrzehnten einsetzenden Aufstieg des Investmentbankers ein Kultur- und Wertewandel in den Finanzh&auml;usern stattgefunden hat, der genau diese von Veblen beschriebenen, barbarischen Verhaltensmuster nach vorne geschoben hat.<\/p><p>Das Ergebnis l&auml;sst sich heute besonders eindrucksvoll bei der Deutschen Bank ablesen, bei der <a href=\"http:\/\/www.axel-troost.de\/article\/8867.die-deutsche-bank-eine-der-kriminellsten-banken-der-welt.html\">folgende &bdquo;kriegerische&ldquo; Handlungen<\/a> aktenkundig geworden sind: Handel mit US-Hypothekenramsch, Umsatzsteuerbetrug bei CO2-Emissionszertifikaten, betr&uuml;gerische Cum-Ex-Gesch&auml;fte, Beihilfe zur Steuerhinterziehung, grob fehlerhafte Anlageberatung bei Zinswetten, Verdacht auf Betrug im Kirch-Prozess, die Manipulation der Referenzzinss&auml;tze Libor und Euribor oder Geldw&auml;sche und Sanktionsverst&ouml;&szlig;e. Und damit ist die Liste der Verfehlungen <a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/ist-die-deutsche-bank-eine-kriminelle-vereinigung-wolfgang-hetzer.html#.VxdS2HlJncs\">noch lange nicht ersch&ouml;pft<\/a>.<\/p><p>Etwas anders sieht die Sache freilich bei VW aus. Als eigentliche Ursache f&uuml;r den Abgasskandal gilt hier die &bdquo;Strategie 2018&ldquo; der fr&uuml;heren Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und Ferdinand Pi&euml;ch. Diese wollten mit VW bis 2018 auf Biegen und Brechen an Toyota vorbeiziehen und so zum gr&ouml;&szlig;ten Autobauer der Welt aufsteigen. Ohne den Durchbruch auf dem US-Markt h&auml;tte man dies aber nicht geschafft. Daher sollten &bdquo;saubere&ldquo; Dieselmotoren in den USA die Hybridmotoren der Japaner ausstechen. Wie man heute wei&szlig;, ist dieses Vorhaben gr&uuml;ndlich schiefgegangen. <\/p><p>Hinter dem Vorgehen der VW-Manager verbergen sich aber gleich zwei Veblen-Elemente. Erstens erinnern diese Praktiken sehr stark an die kriegerische List und Heimt&uuml;cke des fr&uuml;hen Barbaren und zweitens sind sie Ausdruck des sozialen Geltungsdrangs der beiden Alpha-Tiere Pi&euml;ch und Winterkorn. Denn wirtschaftlich erfolgreich h&auml;tte VW sicher auch als weltweite Nummer Zwei bleiben k&ouml;nnen. Doch wer will schon die Nummer Zwei sein? Pi&euml;ch und Winterkorn bestimmt nicht.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] Thomas Trares ist Diplom-Volkswirt. Studiert hat er an der Johannes Gutenberg-Universit&auml;t Mainz. Danach war er Redakteur bei der Nachrichtenagentur vwd. Seit &uuml;ber zehn Jahren arbeitet er als freier Wirtschaftsjournalist in Berlin.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/2a577932ff0b4f7db14384f788c01e38\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An Skandalen und Enth&uuml;llungen rund um das Finanzwesen hat es in den vergangenen Wochen und Monaten nicht gemangelt. 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