{"id":332,"date":"2004-06-14T09:31:25","date_gmt":"2004-06-14T08:31:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=332"},"modified":"2016-03-29T18:28:14","modified_gmt":"2016-03-29T16:28:14","slug":"sind-die-reaktionen-der-spd-auf-die-gestrigen-wahlniederlagen-nur-ignorant-oder-schon-arrogant","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=332","title":{"rendered":"Sind die Reaktionen der SPD auf die gestrigen Wahlniederlagen nur ignorant oder schon arrogant?"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem weitaus schlechtesten Wahlergebnis f&uuml;r die SPD bei einer bundesweiten Wahl kann man die Reaktionen ihrer Spitzenpolitiker &uuml;ber dieses W&auml;hlervotum eigentlich nur noch entweder als ignorant oder &ndash; schlimmer &ndash; als arrogant einstufen. Ignorant, weil offenbar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird (oder werden darf), dass die weit &uuml;berwiegende Mehrheit den &ldquo;Agenda&rdquo;-Kurs ablehnt. Arrogant, weil man offenbar nicht mehr bereit (oder ideologisch, zu borniert) ist, demokratische Voten, d.h. die Meinung der Mehrzahl der B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger ernst zu nehmen.<br>\n<!--more--><br>\n \tWer in der SPD nach diesem k.o.-Schlag immer noch meint, &bdquo;es sei nicht gelungen die Menschen auf dem notwendigen Weg mitzunehmen&ldquo; und dass eine Korrektur des Agenda-Kurses die &bdquo;Glaubw&uuml;rdigkeit&ldquo; (Christoph Matschie) in Frage stelle, erinnert an die Witzfigur, die sich immer wieder ihren Sch&auml;del gegen die Mauer schl&auml;gt, um sich dar&uuml;ber zu freuen, dass der Schmerz nachl&auml;sst.<\/p><p>Man muss sich einmal vergegenw&auml;rtigen, was ein Wahlergebnis von 21,5% bei knapp &uuml;ber 40% Wahlbeteiligung bedeutet: Es sagt, dass nicht einmal mehr 10% der Wahlbev&ouml;lkerung bereit sind, der SPD auf dem angeblich notwendigen Weg zu folgen. Wer einen solchen Vertrauensverlust nur als &bdquo;Vermittlungsproblem&ldquo; oder als Ergebnis eines sch&auml;dlichen Stimmengewirrs innerhalb der Regierung abtut, leidet mindestens unter Realit&auml;tsverlust. Das w&auml;re f&uuml;r Politiker schon schlimm genug, aber immerhin noch menschlich verzeihlich.<\/p><p>Unverzeihlich im Interesse einer demokratischen Kultur w&auml;re es, wenn das Beharren auf der &bdquo;Agenda&ldquo;-Ideologie nicht nur Ausdruck von Ignoranz w&auml;re, sondern in Arroganz umschl&uuml;ge. In eine Arroganz, die das Wahlvolk f&uuml;r zu dumm oder zu uneinsichtig h&auml;lt, einen einmal eingeschlagenen politischen Kurs als richtig oder falsch, als gerecht oder ungerecht, als wirksam oder unwirksam zur L&ouml;sung von Problemen beurteilen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Franz M&uuml;ntefering hat gestern Abend in der ARD einen hoffentlich nur missgl&uuml;ckten Satz gesagt: &bdquo;Wir haben offensichtlich, was die Bundespolitik angeht&hellip;noch nicht das Vertrauen der Menschen f&uuml;r die Inhalte unserer Politik <strong>so weit,(?) wie wir sie brauchen<\/strong>.&ldquo; Wollte er sagen, &bdquo;wir haben das Vertrauen noch nicht so weit&ldquo; oder &bdquo;wir haben sie (die Menschen) noch nicht so weit, wie wir sie brauchen&ldquo;? Letzteres w&auml;re dann nicht mehr weit weg vom Brechtschen Sarkasmus, dass es am Besten w&auml;re, wenn sich die Regierung ein neues Volk w&auml;hlte.<\/p><p>Hoffentlich war das nur ein Versprecher. Aber wenn man an die unternehmergesteuerten Kampagnen der in der &bdquo;Aktionsgemeinschaft Deutschland&ldquo; zusammengeschlossenen Initiativen und an einen Gro&szlig;teil der Leitartikler in unseren Zeitungen denkt, kann man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, als habe die Politik insgesamt keine andere Alternative, als die Menschen so aus- (oder ab-) zurichten, wie sie f&uuml;r die Durchsetzung der Interessen der Wirtschaftsverb&auml;nde gebraucht werden. Vieles &ouml;ffentliche Gerede etwa vom angeblichen &bdquo;Besitzstandsdenken&ldquo;, von den &bdquo;r&uuml;ckw&auml;rtsgewandten Gewerkschaften&ldquo;, von den &bdquo;Vermittlungsproblemen&ldquo; etc. deutet darauf hin, dass diese Grundeinstellung vom dummen, uneinsichtigen Volk ziemlich verbreitet ist. Das hei&szlig;t politisch: Es greift ein Denken um sich, das Demokratie f&uuml;r untauglich, zumindest aber f&uuml;r l&auml;stig h&auml;lt, wenn es um die Durchsetzung des anglo-amerikanischen Modells einer Wirtschaftsgesellschaft geht.<\/p><p>&Uuml;brigens: Wer sich in der SPD damit tr&ouml;sten sollte, dass bei den Europawahlen in allen L&auml;ndern vor allem die Regierungsparteien abgestraft wurden, sollte erstens nach Spanien schauen. Dort k&ouml;nnte er dann vielleicht lernen, wie eine die W&auml;hlermeinung ernst nehmende Sozialdemokratie auch Erfolge erzielen kann. Und zweitens sollte er nicht &uuml;bersehen, dass in den meisten L&auml;ndern Europas eher die Politik neoliberaler &bdquo;Reformen&ldquo; abgestraft wird, bei der es f&uuml;r die W&auml;hler beliebig geworden ist, ob nun die Konservativen oder die Vertreter der &bdquo;Neuen Mitte&ldquo; die Regierung bilden und den Sozialstaat abbauen.<\/p><p>Es tr&ouml;stet auch wenig, darauf zu hoffen, dass die CDU\/CSU &ndash; wenn sie denn an die Regierung k&auml;me &ndash; noch st&auml;rker abgestraft w&uuml;rde. Die SPD w&auml;re dann n&auml;mlich nur noch eine kleine und schwache Oppositionspartei unter anderen. Wie viele Wahlkatastrophen braucht die SPD eigentlich noch, um sich wieder daran zu erinnern, dass sie eben nur als verl&auml;ssliche Partei der sozialen Gerechtigkeit und des sozialen Ausgleichs Mehrheiten gewinnen kann? Merke: Man gewinnt Mehrheiten nicht &bdquo;mit&ldquo; der Mitte sondern allenfalls &bdquo;in&ldquo; der Mitte.<\/p><p>p.s.: &bdquo;Noch h&auml;tte Gerhard Schr&ouml;der &ndash; der ja die unselige Reformdebatte nicht erfunden hat &ndash; die Chance, die Bayern-Wahl zur Kurskorrektur zu nutzen. Damit zu warten, bis weitere Landtagswahlen verloren sind, macht wenig Sinn.&ldquo; So endet ein Beitrag von Albrecht M&uuml;ller in der S&uuml;ddeutschen Zeitung vom 25.9. letzten Jahres. <a href=\"?p=35\">Diesen Beitrag<\/a>, wie auch <a href=\"?p=30\">einen weiteren<\/a> zur Analyse des Europawahlergebnisses relevanten Aufsatz, abgedruckt in der FR vom 27.5.2002 (!), finden Sie in der Rubrik <a href=\"?cat=14\">&bdquo;Ver&ouml;ffentlichungen der Herausgeber&ldquo;<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem weitaus schlechtesten Wahlergebnis f&uuml;r die SPD bei einer bundesweiten Wahl kann man die Reaktionen ihrer Spitzenpolitiker &uuml;ber dieses W&auml;hlervotum eigentlich nur noch entweder als ignorant oder &ndash; schlimmer &ndash; als arrogant einstufen. Ignorant, weil offenbar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird (oder werden darf), dass die weit &uuml;berwiegende Mehrheit den &ldquo;Agenda&rdquo;-Kurs ablehnt. 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