{"id":3322,"date":"2008-07-07T09:11:05","date_gmt":"2008-07-07T07:11:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3322"},"modified":"2015-11-19T09:50:18","modified_gmt":"2015-11-19T08:50:18","slug":"angela-merkel-mit-mir-werden-keine-reformen-zurueckgedreht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3322","title":{"rendered":"Angela Merkel: &#8220;Mit mir werden keine Reformen zur\u00fcckgedreht&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;W&auml;hrend meiner Kanzlerschaft werden sinnvolle Reformen an keiner Stelle zur&uuml;ckgedreht. Das sage ich ausdr&uuml;cklich beispielsweise mit Blick auf Bestrebungen, die Rente mit 67 auszuh&ouml;hlen, einen einheitlichen, fl&auml;chendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn einzuf&uuml;hren, die F&ouml;rderung der Altersteilzeit durch die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit wieder auszubauen oder das arbeitsmarktpolitische Instrumentarium auszuweiten&hellip;<br>\nWir werden weiter auf unserem Kurs notwendiger Ver&auml;nderungen gehen. Die von meinem Vorg&auml;nger Bundeskanzler Schr&ouml;der begonnenen und von der Union &ndash; das wollen wir nicht vergessen &ndash; damals mitgetragenen Reformen haben wesentlich zum jetzigen Aufschwung beigetragen&ldquo;, so die Kanzlerin in der <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/mit-mir-werden-keine-reformen-zurueckgedreht-299556\/\">Wirtschaftswoche<\/a>. Besch&ouml;nigung, Unwissen oder gezielte Gehirnw&auml;sche durch permanente Wiederholung derselben unbelegten und von der Wirklichkeit l&auml;ngst widerlegte Behauptungen?<br>\n<!--more--><br>\nMerkel sagt in dem Interview mit der Wirtschaftswoche weiter: &bdquo;Wenn wir unsere sozialen Sicherungssysteme stabilisieren und die parit&auml;tisch finanzierten Beitragss&auml;tze unter 40 Prozent halten wollen, m&uuml;ssen wir auf Reformkurs bleiben &hellip;<br>\nWenn wir unseren Haushalt so weit im Griff haben, dass wir Spielr&auml;ume haben, werden wir diese f&uuml;r Steuersenkungen nutzen. Das haben wir bei der Unternehmenssteuerreform so gemacht und im &Uuml;brigen in dieser Legislaturperiode auch beim Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung. Dieser ist von 6,5 auf 3,3 Prozent gesunken. Ich hoffe, dass der Beitrag im n&auml;chsten Jahr noch weiter sinken wird &hellip;<br>\nWir in der Union sind der Meinung, dass ein Beitragssatz von 3,0 zum 1. Januar 2009 machbar und vertretbar ist. Wir sollten die &Uuml;bersch&uuml;sse bei der Bundesagentur f&uuml;r Arbeit, die dank der guten Arbeitsmarktentwicklung anfallen, den Besch&auml;ftigten geben und nicht etwa f&uuml;r zus&auml;tzliche Arbeitsmarktprogramme ausgeben.&ldquo;<\/p><p>Wie vor kurzem in der <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44\/Doc~EAC311F492CED4035A4B5DDC8A2F1BF67~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">FAZ<\/a> wiederholt Merkel st&auml;ndig dieselben Behauptungen. <\/p><p>Wie bei Schr&ouml;der m&uuml;ssen auch bei Merkel &bdquo;Globalisierung&ldquo; und &bdquo;demographischer Wandel&ldquo; als Hebel f&uuml;r die Durchsetzung weiterer &bdquo;Reformen&ldquo; herhalten. Was etwa die Hartz-Gesetze, was der st&auml;ndige <a href=\"?p=1971\">Griff in die Taschen der B&uuml;rger<\/a> oder was die Senkungen der Unternehmenssteuern mit der Globalisierung zu tun haben sollen, bleibt ohne Begr&uuml;ndung. Warum derzeit bei &uuml;ber 3 Millionen statistisch erfassten Arbeitslosen und &uuml;ber 5 Millionen Arbeitsuchenden der demografische Wandel ein Problem darstellen soll, verschlie&szlig;t sich jeder Logik. Was die Rente mit 67 daran &auml;ndern soll, dass derzeit gerade mal ein Drittel (32,5%) die Altersgrenze von 65 erreichen, begreife wer wolle. <\/p><p>Merkel strickt weiter an der Legende, dass die &bdquo;Reformen&ldquo; zum &bdquo;Aufschwung&ldquo; beigetragen h&auml;tten, ohne dass irgendein Zusammenhang hergestellt werden k&ouml;nnte. (Vgl. z.B. <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/herdentrieb\/2006\/12\/21\/langfristig-sind-wir-alle-tot_103\">Robert von Heusinger<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.flassbeck.de\/pdf\/2006\/20.12.2006\/Konjunkturfuer%20Arbeitsplaetze.pdf\">Heiner Flassbeck [PDF &ndash; 52 KB]<\/a>.)<\/p><p>Der <a href=\"?p=3172\">Mythos von den &bdquo;Lohnebenkosten&ldquo;<\/a> wird weiter gepflegt, so als ob die weitere Senkung der Arbeitslosenversicherungsbeitr&auml;ge um 0,3 % den Arbeitnehmern und der <a href=\"?p=601\">Wirtschaft<\/a> irgendetwas br&auml;chte. <\/p><p>Merkel baut offenbar weiter darauf, dass die Leute nicht selbst nachrechnen k&ouml;nnten, wenn sie ihre soziale Sicherheit &ndash; statt parit&auml;tisch finanziert &ndash; zus&auml;tzlich allein und privat finanzieren m&uuml;ssen. (19,9 % Rentenversicherungsbeitrag (parit&auml;tisch finanziert) + 4% Riesterrente vom Bruttolohn)<\/p><p>Statt sich Gedanken &uuml;ber die wirtschaftlichen Auswirkungen des <a href=\"?p=2739\">dramatischen Kursverfalls des Dollars<\/a>, der steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise auf die Wirtschaft und die Menschen zu machen, wird blindw&uuml;tig die Erh&ouml;hung der &bdquo;Reform&ldquo;-Dosis als Rezept verfolgt. <\/p><p>Merkel redet viel &uuml;ber die &bdquo;soziale Marktwirtschaft&ldquo; und verweigert die Kenntnisnahme der zunehmend asozialen Auswirkungen ihrer neoliberalen Umw&auml;lzung. Statt angesichts der Krisensymptome in der Wirtschaft und auch auf dem Arbeitsmarkt &uuml;ber eine aktive Arbeitsmarktpolitik nachzudenken, werden &bdquo;Arbeitsmarktprogramme&ldquo; br&uuml;sk abgelehnt und das Heil in weiteren &bdquo;Reformen&ldquo; mit ihrer Umverteilungswirkung von unten nach oben gesucht. <\/p><p>Wie hohl diese Phrasen sind, belegt etwa Merkels Formel: &bdquo;Erhards Wort vom &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; bedeutet heute &bdquo;Bildung f&uuml;r alle&ldquo;.&ldquo;<br>\nDass Bildung jedoch nicht vor Armut sch&uuml;tzt hat unl&auml;ngst <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/politik\/dokumentation\/?em_cnt=1350024\">Christoph Butterwegge<\/a> dargelegt.<br>\nDie von Merkel verk&uuml;ndete &bdquo;Bildungsrepublik&ldquo; sieht in Wirklichkeit so aus: Wie das Statistische Bundesamt noch vor wenigen Tagen mitteilte, ist der Anteil f&uuml;r Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt weiter gesunken: Nur noch 6,2 Prozent des BIP wurden 2006 f&uuml;r Bildung ausgegeben. Ein Jahr zuvor waren es noch 6,3 Prozent. 1995 hatte der Anteil der Bildungsausgaben noch bei 6,9 Prozent gelegen, im Jahr 2000 sank er auf 6,7 Prozent und 2005 auf 6,3 <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/anteil-fuer-bildungsausgaben-gesunken;1437111\">Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes<\/a>. <\/p><p>Das ist nur einer der zahllosen Belege, wie Versprechen und tats&auml;chliches politisches Handeln auseinander fallen. <a href=\"?p=3297\">Im j&uuml;ngsten Bildungsbericht<\/a> wurde vorgerechnet: W&auml;ren auch im Jahr 2005 wie 1995 6,9% des BIP f&uuml;r Bildung aufgewendet worden, h&auml;tten dem Bildungsbereich rund 13 Milliarden Euro mehr zur Verf&uuml;gung gestanden. Statt aber die Investitionen in die &bdquo;Humanressourcen&ldquo; zu erh&ouml;hen, hat man die Unternehmenssteuern im gleichen Zeitraum um ein Mehrfaches gesenkt, allein in diesem Jahr um weit &uuml;ber 5 Milliarden. <\/p><p>Die &bdquo;soziale Markwirtschaft&ldquo; habe die Einstiegs- und Aufstiegchancen f&uuml;r eine gro&szlig;e Zahl von Menschen erm&ouml;glicht, erz&auml;hlt uns die Kanzlerin. Die Wirklichkeit des &bdquo;Einstiegs&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.arbeitsagentur.de\/zentraler-Content\/Veroeffentlichungen\/SGB-II\/Uebergaenge-aus-Grundsicherung-in-Beschaeftigung.pdf\">belegt die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit [PDF &ndash; 1.8 MB]<\/a>: Im Bundesdurchschnitt lag die &Uuml;bergangsrate von Hilfebed&uuml;rftigen und damit von arbeitslosen und nicht arbeitslosen Personen im Leistungsbezug in sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung im ersten Halbjahr 2007 bei 3,4 Prozent. Durchschnittlich gelang es 34 von 1000 Leistungsbeziehern in der Grundsicherung eine sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigung aufzunehmen.<br>\nSelbst die <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/r4\/artikel\/26\/26948\/1.html\">wirtschaftsfreundliche OECD konstatiert<\/a>, dass das Versprechen von der Durchl&auml;ssigkeit und der sozialen Mobilit&auml;t, also Aufstiegschancen f&uuml;r die Meisten ein leerer Traum sei.<\/p><p>Aber Frau Merkel und andere wiederholen diese leeren Versprechen st&auml;ndig und wundern sich dann, dass immer mehr Menschen <a href=\"?p=3309\">am Funktionieren der Demokratie zweifeln<\/a>.<br>\nWie wenig die Menschen noch an solche Versprechen glauben, zeigt einmal mehr der j&uuml;ngste <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/in_und_ausland\/politik\/dossiers\/deutschland_trend\/?em_cnt=1362228\">Deutschlandtrend von Infratest diamap<\/a>: Fast jeder zweite Bundesb&uuml;rger (46 Prozent) ist davon &uuml;berzeugt, dass es ihm in zehn Jahren schlechter gehen wird als heute. Knapp zwei von drei Bundesb&uuml;rgern (63 Prozent) sind davon &uuml;berzeugt, dass es in Deutschland eher ungerecht zugeht. <\/p><p>Kein Wunder, dass die Deutschen von dieser Bundesregierung unver&auml;ndert wenig halten: nur gut ein Viertel (27 Prozent) lobt die Regierung, knapp drei Viertel (72 Prozent) kritisieren sie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;W&auml;hrend meiner Kanzlerschaft werden sinnvolle Reformen an keiner Stelle zur&uuml;ckgedreht. Das sage ich ausdr&uuml;cklich beispielsweise mit Blick auf Bestrebungen, die Rente mit 67 auszuh&ouml;hlen, einen einheitlichen, fl&auml;chendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn einzuf&uuml;hren, die F&ouml;rderung der Altersteilzeit durch die Bundesagentur f&uuml;r Arbeit wieder auszubauen oder das arbeitsmarktpolitische Instrumentarium auszuweiten&hellip;<br \/> Wir werden weiter auf unserem Kurs notwendiger Ver&auml;nderungen gehen.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3322\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,25,39,11],"tags":[396,315,317,301,278,584],"class_list":["post-3322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-lohnnebenkosten","category-rente","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bildungsrepublik-deutschland","tag-merkel-angela","tag-mindestlohn","tag-rentenalter","tag-steuersenkungen","tag-wiwo"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3322"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28836,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3322\/revisions\/28836"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}