{"id":3324,"date":"2008-07-08T07:28:16","date_gmt":"2008-07-08T05:28:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3324"},"modified":"2019-02-15T12:46:18","modified_gmt":"2019-02-15T11:46:18","slug":"massnahmen-gegen-kinderarmut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3324","title":{"rendered":"Ma\u00dfnahmen gegen Kinderarmut"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist die Kinderarmut hierzulande beinahe zu einem Modethema avanciert, ohne dass die verantwortlichen Politiker bisher jedoch wirksame Gegenma&szlig;nahmen ergriffen h&auml;tten. Zwar hat sich die Bundesregierung erstmals auf ihrer Klausurtagung im August 2007 auf Schloss Meseberg mit dem Problem befasst, die Entfristung des vor dem 1. Januar 2008 nur drei Jahre lang gezahlten Kinderzuschlages in H&ouml;he von maximal 140 EUR pro Monat war aber kaum mehr als der sprichw&ouml;rtliche Tropfen auf einen hei&szlig;en Stein. Dass sich die Gro&szlig;e Koalition von einer Entb&uuml;rokratisierung des Kinderzuschlages, die am 1. Oktober 2008 in Kraft treten soll, der Erh&ouml;hung des Wohngeldes, seiner Erg&auml;nzung um eine Heizkostenkomponente, die den gestiegenen Energiekosten Rechnung tragen soll, und einer Anhebung der Mietobergrenzen, die zum 1. Januar 2009 geplant sind, eine sp&uuml;rbare Verringerung der (Kinder-)Armut verspricht, dokumentiert ihre mangelnde Bereitschaft, das Problem an der Wurzel zu fassen.<br>\nDessen strukturelle Ursachen k&ouml;nnen viele der gegenw&auml;rtig in Politik, Massenmedien und &Ouml;ffentlichkeit zirkulierenden Vorschl&auml;ge zur Verringerung bzw. Verhinderung von Kinderarmut nicht beseitigen. Christoph Butterwegge hat uns diesen Beitrag zur Verf&uuml;gung gestellt.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Christoph Butterwegge<\/em><\/p><p><strong>Ma&szlig;nahmen gegen Kinderarmut<br>\nEin gesellschaftspolitischer Dreiklang<\/strong><\/p><p>In letzter Zeit ist die Kinderarmut hierzulande beinahe zu einem Modethema avanciert, ohne dass die verantwortlichen Politiker bisher jedoch wirksame Gegenma&szlig;nahmen ergriffen h&auml;tten. Zwar hat sich die Bundesregierung erstmals auf ihrer Klausurtagung im August 2007 auf Schloss Meseberg mit dem Problem befasst, die Entfristung des vor dem 1. Januar 2008 nur drei Jahre lang gezahlten Kinderzuschlages in H&ouml;he von maximal 140 EUR pro Monat war aber kaum mehr als der sprichw&ouml;rtliche Tropfen auf einen hei&szlig;en Stein. Dass sich die Gro&szlig;e Koalition von einer Entb&uuml;rokratisierung des Kinderzuschlages, die am 1. Oktober 2008 in Kraft treten soll, der Erh&ouml;hung des Wohngeldes, seiner Erg&auml;nzung um eine Heizkostenkomponente, die den gestiegenen Energiekosten Rechnung tragen soll, und einer Anhebung der Mietobergrenzen, die zum 1. Januar 2009 geplant sind, eine sp&uuml;rbare Verringerung der (Kinder-)Armut verspricht, dokumentiert ihre mangelnde Bereitschaft, das Problem an der Wurzel zu fassen.<\/p><p>Dessen strukturelle Ursachen k&ouml;nnen viele der gegenw&auml;rtig in Politik, Massenmedien und &Ouml;ffentlichkeit zirkulierenden Vorschl&auml;ge zur Verringerung bzw. Verhinderung von Kinderarmut nicht beseitigen. Sie reichen von wohlfeilen, bisweilen zynisch wirkenden Tipps f&uuml;r Hartz-IV-BezieherInnen, wie man Kinder mit Eintopf statt mit Fast Food billiger und ges&uuml;nder ern&auml;hren kann, &uuml;ber Steuererleichterungen f&uuml;r den Mittelstand, von denen die wirklich Armen wenig oder gar nichts h&auml;tten, weil sie keine bzw. blo&szlig; eine geringe Lohn- oder Einkommensteuer zahlen m&uuml;ssen, bis zum Ruf nach staatlicher Alimentierung der Mutterschaft in Form eines &bdquo;Erziehungsgehalts&ldquo; oder eines Betreuungsgeldes. Beide w&uuml;rden als Herdpr&auml;mie wirken und wahrscheinlich gerade jene Frauen von der Erwerbsbeteiligung abhalten, die ohnehin gro&szlig;e Schwierigkeiten haben, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Damit w&auml;re ihren Kindern schwerlich gedient, die im Elternhaus zu wenig Anregungen und Bildungsimpulse, manchmal noch nicht einmal ein warmes Mittagessen erhalten.<\/p><p>Auch eine weitere Kindergelderh&ouml;hung erscheint zweischneidig: Ausgerechnet jene Eltern, die mehr Geld am n&ouml;tigsten brauchen, um ihren Kindern gute Lebensbedingungen zu erm&ouml;glichen, n&auml;mlich Hartz-IV- bzw. Sozialhilfebezieher\/innen, w&uuml;rden davon &uuml;berhaupt nicht profitieren, weil sie voll auf Transferleistungen (Sozialgeld bzw. -hilfe) angerechnet wird. Wenn gleichzeitig der steuerliche Kinderfreibetrag stiege, den Spitzenverdiener statt des Kindergeldes in Anspruch nehmen, w&uuml;rde deren Privilegierung gegen&uuml;ber Normal- und Geringverdiener(inne)n zementiert. Heute betr&auml;gt ihre Steuerersparnis pro Kind bis 230 Euro gegen&uuml;ber dem Kindergeldsatz in H&ouml;he von 154 Euro f&uuml;r die ersten drei Kinder. Hinter dem Vorschlag der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, haupts&auml;chlich das Kindergeld f&uuml;r Mehrkinderfamilien zu erh&ouml;hen, darf man getrost pronatalistische Motive vermuten, gilt der demografische Wandel hierzulande doch als ein Problem, dem mit Geburten f&ouml;rdernden Ma&szlig;nahmen zu begegnen ist.<\/p><p><strong>Bausteine einer wirksamen Armutsbek&auml;mpfung<\/strong><\/p><p>Ma&szlig;nahmen zur Verringerung und Verhinderung von noch mehr Kinderarmut sollten auf unterschiedlichen Politikfeldern und Handlungsebenen ansetzen. Es gibt zwar kein Patentrezept zur Bek&auml;mpfung der Kinderarmut, aber drei Kernelemente eines integrierten Gesamtkonzepts, die allesamt mit einem gro&szlig;en G beginnen: Ganztagsbetreuung, Gemeinschaftsschule und Grundsicherung.<\/p><p>Noch immer fehlt zahlreichen Eltern besonders in Westdeutschland eine Versorgung mit &ouml;ffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen, die in manchen europ&auml;ischen Staaten fast fl&auml;chendeckend existieren. Erheblich mehr Ganztagsschulen, die m&ouml;glichst kostenlos bereits nach Vollendung des 1. Lebensjahres zur Verf&uuml;gung gestellte Krippen-, Kindergarten- und Hortpl&auml;tze erg&auml;nzen sollten, h&auml;tten einen Doppeleffekt: Einerseits w&uuml;rden von Armut betroffene oder bedrohte Kinder umfassender betreut und systematischer gef&ouml;rdert, andererseits k&ouml;nnten ihre Eltern leichter als sonst einer Vollzeitbesch&auml;ftigung nachgehen, was sie finanzielle Probleme eher meistern lie&szlig;e. Vornehmlich alleinerziehende M&uuml;tter &ndash; und im seltenen Ausnahmefall: V&auml;ter &ndash; w&uuml;rden bef&auml;higt, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, ohne hier wie dort Abstriche machen zu m&uuml;ssen. Durch die Ganztags- als Regelschule lassen sich psychosoziale Benachteiligungen insofern kompensieren, als eine bessere Versorgung der Kinder mit Nahrung (gemeinsame Einnahme des Mittagessens), eine gezielte F&ouml;rderung leistungsschw&auml;cherer Sch&uuml;lerInnen etwa bei der Erledigung von Hausaufgaben und eine sinnvollere Gestaltung der nachmitt&auml;glichen Freizeit m&ouml;glich werden.<\/p><p>So wichtig mehr &ouml;ffentliche Ganztagsbetreuung f&uuml;r Kinder aller Jahrgangsstufen ist, so wenig reicht sie aus, um Bildung st&auml;rker von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Gleichwohl st&ouml;&szlig;t die &ouml;ffentliche Reformdebatte selten bis zum eigentlichen Problem, der hierarchischen Gliederung des Schulwesens in Deutschland, vor. Vertreter eines bornierten Besitzb&uuml;rgertums m&ouml;chten das Gymnasium anscheinend f&uuml;r den eigenen Nachwuchs reservieren. Wer von der Gesamt- bzw. Gemeinschaftsschule f&uuml;r Kinder aller Bev&ouml;lkerungsschichten jedoch nicht sprechen will, sollte auch von der Ganztagsschule schweigen. Letztere war stets ein Ziel reformp&auml;dagogischer Bem&uuml;hungen, degeneriert aber zur blo&szlig;en Verwahranstalt, wenn sie nicht in ein bildungspolitisches Alternativkonzept integriert wird. N&ouml;tig w&auml;re eine umfassende Strukturreform, die der sozialen Selektion durch das mehrgliedrige deutsche Schulsystem ein Ende bereiten m&uuml;sste. In &bdquo;einer Schule f&uuml;r alle&ldquo; nach skandinavischem Vorbild w&auml;re kein Platz f&uuml;r die fr&uuml;hzeitige Aussonderung &bdquo;dummer&ldquo; Kinder, die arm sind bzw. aus sog. Problemfamilien stammen. Mit einer inklusiven P&auml;dagogik, die keine &bdquo;Sonderbehandlung&ldquo; f&uuml;r bestimmte Gruppen mehr kennt, k&ouml;nnte man sozialer Desintegration und damit dem Zerfall der Gesellschaft insgesamt entgegenwirken.<\/p><p>Mittels einer solidarischen B&uuml;rgerversicherung k&ouml;nnte die berufsst&auml;ndische Gliederung des Bismarck&rsquo;schen Sozialstaates &uuml;berwunden und gleichzeitig seine Basis verbreitert werden, ohne mit der ihm eigenen Systemlogik radikal zu brechen. Erg&auml;nzend zu einer solchen B&uuml;rgerversicherung, die alle Wohnb&uuml;rgerInnen mit s&auml;mtlichen Einkommen und Einkunftsarten (m&ouml;glichst ohne Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen) zur Finanzierung der n&ouml;tigen Leistungen im Sozial-, Bildungs- und Gesundheitsbereich heranzieht, bedarf es einer sozialen Grundsicherung f&uuml;r Familien, die das soziokulturelle Existenzminimum ohne entw&uuml;rdigende Antragstellung und b&uuml;rokratische Bed&uuml;rftigkeitspr&uuml;fung garantiert. Hierbei w&uuml;rde zun&auml;chst das Einkommen eines Haushaltes mit Kindern so weit aufgestockt, dass deren Versorgung staatlicherseits gesichert w&auml;re. &Uuml;berf&auml;llig ist die Abschaffung der steuerlichen Kinderfreibetr&auml;ge, welche mit einer kr&auml;ftigen Erh&ouml;hung des Kindergeldes verbunden sein muss, das allerdings im Unterschied zur bisherigen Regelung versteuert werden m&uuml;sste. Hierdurch k&auml;men Transferleistungsempf&auml;ngerInnen, die nicht einkommensteuerpflichtig sind, in seinen vollen Genuss, w&auml;hrend Besserverdienende netto sehr viel weniger davon profitieren w&uuml;rden. Zu hoffen bleibt, dass ein solches Modell weder durch die d&uuml;rftige &bdquo;Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung&ldquo; (SGB XII) sowie die &bdquo;Grundsicherung f&uuml;r Arbeitsuchende&ldquo; (SGB II) diskreditiert ist noch vom Bundesverfassungsgericht mit dem Argument mangelnder &bdquo;horizontaler Steuergerechtigkeit&ldquo;, die angeblich eine Gleichstellung wohlhabender Eltern mit wohlhabenden Menschen ohne Kinder erfordert, gekippt w&uuml;rde.<\/p><p>Prof. Dr. Christoph Butterwegge lehrt Politikwissenschaft an der Universit&auml;t zu K&ouml;ln. Soeben ist sein Buch &bdquo;Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland&ldquo; in aktualisierter und erweiterter Auflage erschienen.<\/p><p><em>Christoph Butterwegge\/Michael Klundt\/Matthias Belke-Zeng<br>\n<strong>Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland<\/strong><br>\n2., aktualisierte und erweiterte Aufl. Wiesbaden (VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften) 2008, geb., 378 Seiten, Ladenverkaufspreis: 24,90 EUR<br>\nBestellungen entweder &uuml;ber den Buchhandel oder &uuml;ber den Verlag: Frau Schunath, VS &ndash; Verlag f&uuml;r Sozialwissenschaften, Abraham-Lincoln-Str. 46, 65189 Wiesbaden, Tel.-Nr.: 0611\/7878-245; Fax: 0611\/7878-99; e-Mail: <a href=\"mailto:petra.schunath@gwv-fachverlage.de\">petra.schunath@gwv-fachverlage.de<\/a><\/em><\/p><p>Seit geraumer Zeit erregt das Problem einer wachsenden und sich gleichzeitig verj&uuml;ngenden Armut in hoch entwickelten Wohlfahrtsstaaten &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit und fachliches Interesse, was sich in einer Zunahme der Forschungsprojekte und einer Flut wissenschaftlicher Publikationen zu diesem Thema niederschl&auml;gt. Dabei sind die spezifischen Rahmenbedingungen des vereinigten, vormals aus zwei Separatstaaten mit unterschiedlichen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Wohlfahrtssystemen sowie kontr&auml;ren (sozial)politischen Kulturen bestehenden Deutschland zwar nicht g&auml;nzlich unber&uuml;cksichtigt geblieben, aber gegen&uuml;ber anderen Faktoren vernachl&auml;ssigt worden. Das vorliegende Buch beleuchtet die Ursachen und psychosozialen Folgen der Kinderarmut in den alten und den neuen Bundesl&auml;ndern. Ein empirischer Vergleich der sozialen Situation von Erfurter und K&ouml;lner Schulkindern gab dar&uuml;ber Aufschluss, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Lebenslagen in Ost- und Westdeutschland existieren und womit den Schwierigkeiten im Vereinigungsprozess zu begegnen ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist die Kinderarmut hierzulande beinahe zu einem Modethema avanciert, ohne dass die verantwortlichen Politiker bisher jedoch wirksame Gegenma&szlig;nahmen ergriffen h&auml;tten. Zwar hat sich die Bundesregierung erstmals auf ihrer Klausurtagung im August 2007 auf Schloss Meseberg mit dem Problem befasst, die Entfristung des vor dem 1. 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