{"id":3338,"date":"2008-07-17T09:06:07","date_gmt":"2008-07-17T07:06:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3338"},"modified":"2015-11-19T09:33:45","modified_gmt":"2015-11-19T08:33:45","slug":"buchbesprechung-das-wissen-vom-geld-auf-dem-weg-zum-finanzbildungsbuergertum-von-martin-schuerz-und-beat-weber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3338","title":{"rendered":"Buchbesprechung: \u201eDas Wissen vom Geld &#8211; Auf dem Weg zum Finanzbildungsb\u00fcrgertum\u201c von Martin Sch\u00fcrz und  Beat Weber"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Das Bildungsb&uuml;rgertum kehrt als Leitbild zur&uuml;ck. Doch das Wissen um den Kanon literarischer Klassiker, gepaart mit kultiviertem Auftreten, r&uuml;ckt zugunsten von Finanzwissen und souver&auml;nem Finanzverhalten beim Portfoliomanagement in den Hintergrund. Finanzwissen wird zum gesellschaftspolitischen Credo, Distinktionsmerkmal und zur &Uuml;berlebenshilfe. Das Finanzb&uuml;rgertum will sich vom unwissenden P&ouml;bel unterscheiden, und sich im Gegenzug weniger an der Abfederung von dessen Ungl&uuml;ck finanziell beteiligen&ldquo;, so lautet das Fazit des Buches &bdquo;Das Wissen vom Geld&ldquo; der beiden &ouml;sterreichischen Autoren Martin Sch&uuml;rz und Beat Weber. Eine Rezension von Klemens Himpele, Wien.<br>\n<!--more--><br>\nDie Individualisierung sozialer Risiken ist der zentrale Topos des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft. &bdquo;Jeder ist seines Gl&uuml;ckes Schmied&ldquo; hei&szlig;t es, und der Staat solle hier m&ouml;glichst wenig eingreifen. Vielmehr sollen alle Lebensbereiche zunehmend dem Wettbewerb &uuml;berlassen werden. Konsequenterweise setzen Verfechter\/innen des Neoliberalismus daher auf Teilhabe- bzw. Chancengerechtigkeit und nicht auf das Ziel der Verteilungsgerechtigkeit. Mit der Rhetorik der &bdquo;Eigenverantwortlichkeit&ldquo; werden dem\/der Einzelnen die Verantwortung f&uuml;r allgemeine Lebensrisiken wie Arbeitslosigkeit, Alter und Krankheit zugeschrieben. An diesem Leitbild setzt das Buch von Sch&uuml;rz und Weber an, in dem die Autoren die Konsequenzen der &bdquo;Finanzialisierung&ldquo; der Gesellschaft beschreiben. Ausgehend von der These, dass &bdquo;individuelles Gl&uuml;cksstreben [.] heute &uuml;ber materiellen Erfolg normiert&ldquo; wird und somit der Erfolg soziale Privilegien im Nachhinein  legitimiert (S. 15) zeichnen Sch&uuml;rz und Weber die zentralen Themen und diskursiven Verschiebungen der j&uuml;ngsten Vergangenheit nach. Durch eine konsequente Ausrichtung auf eine formale Chancengleichheit (im Sinne der gleichen Spielregeln f&uuml;r alle) werde versucht, Verteilungskorrekturen und Transferleistungen zunehmend die Legitimation zu entziehen. Dass formale Chancengleichheit nicht die L&ouml;sung struktureller (und durch die Prim&auml;rverteilung bestehender) Ungleichheiten sein kann, wird von den Autoren ebenso herausgearbeitet wie auch die vor allem auch von Sozialdemokrat\/innen propagierte Chancengleichheit durch Bildung  kein Ersatz f&uuml;r Umverteilungsma&szlig;nahmen sein k&ouml;nne:<\/p><blockquote><p>&bdquo;In der &ouml;ffentlichen Debatte konkurrieren strukturelle Erkl&auml;rungen menschlichen Handelns mit individualisierten Zuschreibungen von Verantwortung. Soziale Ungleichheit kann verstanden werden als Resultat eines individuell zu verantwortenden Verhaltens, sodass Reichtum bzw. Armut den Betroffenen verdienterma&szlig;en zukommt. Oder die Position in der sozialen Hierarchie wird verstanden als Effekt von strukturellen Ursachen, wie etwa ungleicher Startbedingungen, unter denen Individuen am Markt aufeinander treffen. Von der Antwort auf diese Fragen h&auml;ngt ab, wie die Wirtschaftspolitik auf soziale Ungleichheit reagiert. Individuelle Bildung oder Umverteilung sind dann die konkurrierenden wirtschaftspolitischen L&ouml;sungsans&auml;tze.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Wie zentral die strukturellen Ursachen der Ungleichheit sind wird am Beispiel der Erbschaftssteuern ausgef&uuml;hrt. &Uuml;ber den Hebel des &bdquo;verdienten&ldquo; Einkommens des Mittelstandes sei es gelungen, die Erbschaftssteuer in &Ouml;sterreich zu desavouieren. Diese l&auml;uft zum 1. August vollst&auml;ndig aus, auch weil es m&ouml;glich gewesen sei, diese Steuer als eine leistungsfeindliche Mittelschichtsteuer darzustellen. Obwohl in &Ouml;sterreich 56 % des Erbschaftssteueraufkommens im Jahr 2006 von gerade einmal etwa 2.000 Personen oder 3 % der Erbf&auml;lle aufgebracht werden &bdquo;mussten&ldquo; &ndash; die gr&ouml;&szlig;ten f&uuml;nf Erbf&auml;lle zeichneten sich f&uuml;r 22,4 % der Erbschaftssteuereinnahmen verantwortlich &ndash; gelang eine Verengung des Diskurses auf Omis kleines H&auml;uschen und die emotionsbeladene Behauptung, Erben sei Familiensache (S. 51f.). Die Familie habe schlie&szlig;lich etwas geleistet, und daher sei es auch nur gerecht, dass auf das Familienerbe keine Steuer zu bezahlen sei. Auch wenn der Gro&szlig;teil der &Ouml;sterreicherinnen und &Ouml;sterreicher nicht oder nur marginal von der Steuer betroffen war, gab es offenbar den Glauben, ebenfalls Reichtum anh&auml;ufen zu k&ouml;nnen und dann durch die Erbschaftssteuer um die eigene &bdquo;Leistung&ldquo; gebracht zu werden. Schlie&szlig;lich habe jede und jeder das Recht, &uuml;ber sein bzw. ihr Eigentum frei zu verf&uuml;gen; hierbei solle sich der Staat heraushalten.<\/p><p>Wie weit diese, von den Neoliberalen gepredigte Ideologie der &bdquo;Wahlfreiheit&ldquo; inzwischen verankert sei, beschreiben Sch&uuml;rz und Weber auch am Beispiel der Rentenversicherung: Nicht der Staat solle &uuml;ber diese Verf&uuml;gen, sondern das Individuum selbst. Man solle also &bdquo;frei&ldquo; seine Altersvorsorge w&auml;hlen k&ouml;nnen &ndash; mit allen Risiken. Da dieses Alterssparen nicht so richtig in Schwung komme, werde nun &uuml;ber eine verpflichtende Altersvorsorge nachgedacht: &bdquo;Der Zwang zur Wahlfreiheit ist ein ungewollt ironischer Kontrapunkt zur naiven emphatischen Rede von der individuellen Freiheit&ldquo; (S. 63). Zwar sei die Unsicherheit &uuml;ber das staatliche Rentensystem und nicht die Erwartung einer h&ouml;heren Rendite das Movens vieler Sparer\/innen (vgl. S. 65), die Sto&szlig;richtung sei aber klar: Jede\/r, der\/die nur etwas Risikobereitschaft aufweise, k&ouml;nne es schaffen &ndash; Chancengleichheit eben. Im Gegensatz zu verm&ouml;genden Menschen, die im Falle einer Fehlinvestition noch immer Verm&ouml;gen h&auml;tten, das sie investieren k&ouml;nnten &ndash; der Schaden also begrenzt sei und evtl. wieder gut gemacht werden k&ouml;nne &ndash; stehe &bdquo;der Arbeiter&ldquo;, der sein m&uuml;hsam Erspartes in die &bdquo;falsche&ldquo; Pensionskasse gesteckt hat, am Ende ohne Rente da. Die staatlichen Systeme seien schlie&szlig;lich der Wahlfreiheit geopfert worden. Sch&uuml;rz und Weber machen am Beispiel Gro&szlig;britanniens deutlich, was es hei&szlig;t, die Rente zu privatisieren. Neben Betr&uuml;gereien haben hier Pleiten von Pensionsversicherungen zur Altersarmut beigetragen. Auch bei der Rente gelte also: Die Privatisierung der Altersvorsorge ist nicht im Interesse der breiten Masse &ndash; aber mit dem Pathos der Freiheit und der Eigenverantwortung wird dieses Interesse &uuml;bergangen.<\/p><p>Die Individualisierung sozialer Risiken schreite immer weiter voran und zur Legitimierung dieser Privatisierungen bed&uuml;rfe es jedoch neuer Techniken. Die Vermittlung von finanzwissenschaftlichen Kenntnissen, sei dabei eines der Instrumente. Eine finanzwissenschaftlich geschulte Bev&ouml;lkerung lerne, dass sie selbst f&uuml;r ihre Risiken haften m&uuml;sse und der Wohlfahrtsstaat immer weniger f&uuml;r soziale Risiken aufkommen k&ouml;nne und sollte. Finanzbildung ist daher ein zentraler Topos der Neoliberalen und dementsprechend n&auml;hmen die Forderungen, Wirtschaftswissenschaften schon in der Schule zu unterrichten, zu. Das Ziel dieser Anstrengungen beschreiben die Autoren wie folgt: &bdquo;Sofern alle in Frage kommenden Gruppen Finanzbildung erhalten haben, ist jede\/r Betroffene selbst daf&uuml;r verantwortlich, dieses Wissen zum pers&ouml;nlichen Nutzen einzusetzen, und hat sich etwaiges Versagen selbst zuzuschreiben&ldquo; (S. 108). Wir sollen uns und unser (nicht vorhandenes) Geld also selbst managen, anstatt auf den Sozialstaat zu vertrauen, so sei die Botschaft. Das Risiko der absoluten Verarmung geh&ouml;re eben zum Leben dazu und statt dieses staatlich abzusichern werde den Laien ein vermeintliches Finanzwissen &bdquo;beigebracht&ldquo;, dass sie aber noch lange nicht vor Fehlentscheidungen, Betrug und falschen &Uuml;berlegungen sch&uuml;tze. Die Chancen &ndash; so hei&szlig;e es in der Propaganda &ndash; seien schlie&szlig;lich f&uuml;r alle gleich.<\/p><p>Martin Sch&uuml;rz und Beat Weber geb&uuml;hrt das Verdienst, ein wichtiges Thema aufgegriffen und gut leserlich dargestellt zu haben. Das Buch eignet sich dabei insbesondere auch f&uuml;r Leserinnen und Leser, die einen Einstieg in die Thematik suchen. <\/p><p>Martin Sch&uuml;rz\/Beat Weber: Das Wissen vom Geld: Auf dem Weg zum Finanzb&uuml;rgertum. Wien: Nausner &amp; Nausner Verlag. Wien: Promedia Verlag, 2008. 123 Seiten. 12 &euro; . ISBN 978-3-901402-13-5.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Das Bildungsb&uuml;rgertum kehrt als Leitbild zur&uuml;ck. Doch das Wissen um den Kanon literarischer Klassiker, gepaart mit kultiviertem Auftreten, r&uuml;ckt zugunsten von Finanzwissen und souver&auml;nem Finanzverhalten beim Portfoliomanagement in den Hintergrund. Finanzwissen wird zum gesellschaftspolitischen Credo, Distinktionsmerkmal und zur &Uuml;berlebenshilfe. Das Finanzb&uuml;rgertum will sich vom unwissenden P&ouml;bel unterscheiden, und sich im Gegenzug weniger an der Abfederung<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3338\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[206,134,20,208],"tags":[771,442,535,273,291],"class_list":["post-3338","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-chancengerechtigkeit","category-finanzen-und-waehrung","category-landerberichte","category-rezensionen","tag-oesterreich","tag-eigenverantwortung","tag-erbschaftsteuer","tag-privatvorsorge","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3338","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3338"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23842,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3338\/revisions\/23842"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}