{"id":33386,"date":"2016-05-17T10:14:45","date_gmt":"2016-05-17T08:14:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33386"},"modified":"2016-05-17T16:00:26","modified_gmt":"2016-05-17T14:00:26","slug":"auf-dem-weg-zu-einer-globalen-neuordnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33386","title":{"rendered":"Auf dem Weg zu einer globalen Neuordnung"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" alt=\"Zbigniew Brzezinski\" title=\"Zbigniew Brzezinski\" src=\"\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160517_Brzezinski.jpg\"><\/div><p>W&auml;hrend die &Auml;ra ihrer globalen Vorherrschaft endet, m&uuml;ssen die Vereinigten Staaten bei der Neuordnung der globalen Machtarchitektur die F&uuml;hrung &uuml;bernehmen. F&uuml;nf grundlegende Wahrheiten hinsichtlich der sich herausbildenden Umverteilung der weltweiten politischen Macht und des gewaltsamen politischen Erwachens im Nahen Osten signalisieren das Heraufziehen einer neuen globalen Umorientierung. Von <strong>Zbigniew Brzezinski<\/strong> [<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33386#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>] aus dem Englischen von <strong>Michael Schiffmann<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6254\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-33386-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=33386-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160517_Globale_Neuordnung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Dieser Artikel erschien im englischen Original zuerst auf &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.the-american-interest.com\/2016\/04\/17\/toward-a-global-realignment\/\">The American Interest<\/a>&ldquo;<\/em><\/p><p>Die erste dieser Wahrheiten ist, dass die Vereinigten Staaten immer noch die politisch, wirtschaftlich und milit&auml;risch st&auml;rkste Instanz der Welt darstellen, aber dass sie zugleich aufgrund komplexer geopolitischer Ver&auml;nderung in den regionalen Gleichgewichten nicht mehr die globale imperiale Macht sind. Aber das sind auch alle anderen gro&szlig;en M&auml;chte nicht.<\/p><p>Die zweite Wahrheit  ist, dass Russland derzeit die j&uuml;ngste konvulsive Phase seiner imperialen Aufl&ouml;sung erf&auml;hrt. In diesem qualvollen Prozess ist es keineswegs endg&uuml;ltig ausgeschlossen, dass Russland &ndash; falls es klug agiert &ndash; schlie&szlig;lich ein f&uuml;hrender europ&auml;ischer Nationalstaat wird. Derzeit jedoch verprellt es auf sinnlose Art einige der fr&uuml;heren Bestandteile seines einstmals umfangreichen Imperiums nicht nur im islamischen S&uuml;dwesten, sondern auch in der Ukraine, in Wei&szlig;russland und in Georgien, ganz zu schweigen von den baltischen Staaten.<\/p><p>Die dritte Wahrheit ist, dass China in einem st&auml;ndigen, wenn auch in letzter Zeit verlangsamten Aufstieg als Amerikas letztlich ebenb&uuml;rtiger Rivale begriffen ist, aber momentan noch sehr darauf achtet,  Amerika nicht direkt herauszufordern. Milit&auml;risch scheint es mit einer neuen Generation von Waffen einen Durchbruch anzustreben, w&auml;hrend es zugleich seine immer noch sehr begrenzte Seemacht auszudehnen sucht.<\/p><p>Die vierte Wahrheit ist, dass Europa heute keine globale Macht ist und es wahrscheinlich auch nicht werden wird. Aber es kann eine konstruktive Rolle spielen, indem es im Hinblick auf transnationale Bedrohungen des globalen Wohlergehens und sogar des &Uuml;berlebens der Menschheit die F&uuml;hrung &uuml;bernimmt. Ferner ist Europa politisch und kulturell den wichtigsten US-Interessen im Nahen Osten verbunden und unterst&uuml;tzt sie, und die Standhaftigkeit Europas innerhalb der NATO ist essentiell f&uuml;r eine dauerhafte konstruktive L&ouml;sung der russisch-ukrainische Krise.<\/p><p>Die f&uuml;nfte Wahrheit ist, dass das gegenw&auml;rtige gewaltsame politische Erwachen der Muslime der Postkolonialzeit zum Teil eine versp&auml;tete Reaktion auf ihre mitunter brutale Unterdr&uuml;ckung vorwiegend durch europ&auml;ische M&auml;chte ist. In ihm verschmelzen ein mit Verz&ouml;gerung aufgekommenes, aber tiefes Gef&uuml;hl erlittenen Unrechts und eine religi&ouml;se Motivation, die eine gro&szlig;e Zahl von Muslimen gegen die nicht-muslimische Welt vereint. Gleichzeitig jedoch spielt das j&uuml;ngste Aufwallen historischen Grolls auch innerhalb des Islams eine entzweiende Rolle, wobei die historischen Sektenspaltungen im Islam nichts mit dem Westen zu tun haben. <\/p><p>Wenn man diese f&uuml;nf Wahrheiten zum Ausgangspunkt einer einheitlichen Analyse macht, sagen sie uns, dass die Vereinigten Staaten bei der Neuordnung der globalen Machtarchitektur in einer Weise die F&uuml;hrung &uuml;bernehmen m&uuml;ssen, dass die Gewalt, die derzeit innerhalb der muslimischen Welt ausbricht und gelegentlich &uuml;ber sie hinaus schwappt &ndash; und die in Zukunft m&ouml;glicherweise auch von anderen Teilen der Welt in dem, was fr&uuml;her als Dritte Welt bezeichnet wurde, ausgehen wird &ndash; einged&auml;mmt werden kann, ohne die globale Ordnung zu zerst&ouml;ren. Wir k&ouml;nnen diese neue Ordnung skizzieren, indem wir kurz etwas mehr zu jeder der oben erw&auml;hnten Wahrheiten sagen.<\/p><p>Erstens kann Amerika nur dann im Umgang mit der derzeitigen Gewalt im Nahen Osten effizient sein, wenn es eine Koalition schmiedet, die in unterschiedlichen Ausma&szlig;en auch Russland und China einschlie&szlig;t. Damit eine solche Koalition Gestalt annehmen kann, muss Russland zun&auml;chst von seinem R&uuml;ckgriff auf den einseitigen Einsatz von Gewalt gegen seine eigenen Nachbarn &ndash; besonders die Ukraine, Georgien, die baltischen Staaten &ndash; abgeschreckt werden, und China sollte von dem Gedanken abgebracht werden, dass selbsts&uuml;chtige Passivit&auml;t angesichts der wachsenden regionalen Krise im Nahen Osten sich als politisch und wirtschaftlich vorteilhaft f&uuml;r seine Ambitionen in der globalen Arena erweisen wird. Diese kurzsichtigen politischen Impulse m&uuml;ssen in eine weitsichtigere Vision transformiert werden.<\/p><p>Zweitens ist Russland zum ersten Mal in seiner Geschichte dabei, ein wirklicher <em>National<\/em>staat zu werden, eine Entwicklung, die nicht nur enorm bedeutend ist, sondern auch allgemein &uuml;bersehen wird. Das Zarenreich mit seiner multinationalen, aber weitgehend politisch passiven Bev&ouml;lkerung endete mit dem Ersten Weltkrieg und eine durch die Bolschewiki geschaffene, angeblich freiwillige Union nationaler Republiken (die UdSSR), bei der sich die Macht in Wirklichkeit in russischen H&auml;nden befand, trat an ihre Stelle. Der Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 f&uuml;hrte zu der pl&ouml;tzlichen Entstehung eines vorwiegend russischen Staates als ihrem Nachfolger und zur Transformation der nicht-russischen &bdquo;Republiken&ldquo; der fr&uuml;heren Sowjetunion in formal unabh&auml;ngige Staaten. Diese Staaten konsolidieren derzeit ihre Unabh&auml;ngigkeit und sowohl der Westen als auch China nutzen &ndash; in unterschiedlichen Gebieten und auf unterschiedliche Weise &ndash; diese neue Realit&auml;t zum Nachteil Russlands aus. Unterdessen h&auml;ngt Russlands eigene Zukunft von seiner F&auml;higkeit ab, ein bedeutender und einflussreicher Nationalstaat zu werden, der Teil eines sich vereinigenden Europas ist. Wenn dies nicht gesch&auml;he, k&ouml;nnte das dramatische negative  Konsequenzen f&uuml;r Russlands F&auml;higkeit haben, einem wachsenden territorial-demografischen Druck von Seiten Chinas zu widerstehen, das mit seiner wachsenden Macht immer mehr geneigt ist, die &bdquo;ungleichen&ldquo; Vertr&auml;ge aufzuk&uuml;ndigen, die Moskau Beijing in der Vergangenheit aufgen&ouml;tigt hat.<\/p><p>Drittens erfordert der dramatische wirtschaftliche Erfolg Chinas von diesem Land best&auml;ndige Geduld und das Bewusstsein, dass politische Hast zu gesellschaftlicher Last f&uuml;hrt. Die beste politische Perspektive f&uuml;r China in der nahen Zukunft besteht darin, Amerikas wichtigster Partner bei der Eind&auml;mmung des globalen Chaos jener Art zu werden, wie es sich jetzt aus dem Nahen Osten heraus verbreitet (unter anderem auch in Richtung Nordosten). Wenn es nicht einged&auml;mmt wird, wird es auf die s&uuml;dlichen und &ouml;stlichen Territorien Russlands sowie auf die westlichen Regionen Chinas &uuml;bergreifen. Engere Beziehungen zwischen China und den neuen Republiken in Mittelasien, den post-britischen muslimischen Staaten in S&uuml;dwestasien (besonders Pakistan) und vor allem (angesichts seiner strategischen Aktivposten und seiner wirtschaftlichen Bedeutung) mit dem Iran stellen die nat&uuml;rlichen Ziele des chinesischen regional-geopolitischen Vorgehens dar. Aber sie sollten auch die Ziele einer globalen chinesisch-amerikanischen Ann&auml;herung sein.<\/p><p>Viertens wird es im Nahen Osten kein ertr&auml;gliches Ma&szlig; an Stabilit&auml;t mehr geben, so lange &ouml;rtliche bewaffnete Milit&auml;rformationen von der Kalkulation ausgehen k&ouml;nnen, dass sie gleichzeitig die Nutznie&szlig;er territorialer Neuordnungen sein und in bestimmten Kontexten eine Politik extremer Gewalt betreiben k&ouml;nnen. Ihre F&auml;higkeit zu brutalem Vorgehen kann nur durch immer effektiveren &ndash; aber auch selektiven &ndash; Druck einged&auml;mmt werden, der sich auf eine Basis US-amerikanisch-russisch-chinesischer Kooperation st&uuml;tzt und der seinerseits die Aussichten auf einen verantwortlichen Einsatz von Gewalt durch die etablierteren Staaten der Region (n&auml;mlich den Iran, die T&uuml;rkei, Israel und &Auml;gypten) erh&ouml;ht. Diese letzteren sollten auch auf selektivere Art durch Europa unterst&uuml;tzt werden. Unter normalen Umst&auml;nden w&uuml;rde auch Saudi-Arabien ein bedeutender Mitspieler auf dieser Liste sein, aber die derzeitige Neigung der saudischen Regierung, ungeachtet ihres  Engagements in ambitionierten einheimischen Modernisierungsprojekten auch weiterhin den wahhabitischen Fanatismus zu f&ouml;rdern, erweckt schwere Zweifel im Hinblick auf die F&auml;higkeit des  Landes, eine bedeutsame konstruktive Rolle in der Region zu spielen.<\/p><p>F&uuml;nftens sollten wir den j&uuml;ngst politisch in Aufruhr geratenen Massen der nicht-westli&shy;chen Welt besondere Aufmerksamkeit widmen. Es sind zum gro&szlig;en Teil lang unterdr&uuml;ckte politische Erinnerungen, die das pl&ouml;tzliche und h&ouml;chst explosive, von islamischen Extremisten befeuerte Erwachen speisen, aber was heute im Nahen Osten geschieht, k&ouml;nnte lediglich der Anfang eines breiteren Ph&auml;nomens sein, das das wir in den kommenden Jahren vielleicht auch in Afrika, Asien und sogar unter den pr&auml;-kolonialen V&ouml;lkern der westlichen Hemisph&auml;re erleben werden.<\/p><p>Periodische Massaker an gar nicht so weit zur&uuml;ckgehenden Vorfahren durch Kolonisten und mit ihnen verb&uuml;ndete Schatzj&auml;ger, die beide weitgehend aus Westeuropa kamen (L&auml;ndern, die heute, zumindest der Absicht nach, vergleichsweise am offensten f&uuml;r multiethnisches Zusammenleben sind) haben im groben Zeitraum der letzten beiden Jahrhunderte zum Mord an kolonisierten V&ouml;lkern in einem Ausma&szlig; gef&uuml;hrt, das mit den Naziverbrechen w&auml;hrend des Zweiten Weltkriegs vergleichbar ist: Wir sprechen hier von Hunderttausenden und sogar Millionen von Opfern. Das Streben nach politischer Selbstbehauptung, verst&auml;rkt durch lange zur&uuml;ckgehaltene Wut und Frustration, ist eine m&auml;chtige  Kraft, die jetzt zutage tritt und Vergeltung fordert &ndash; nicht nur im muslimischen Nahen Osten, sondern sehr wahrscheinlich auch dar&uuml;ber hinaus.<\/p><p>Viele der Daten k&ouml;nnen nicht genau verifiziert werden, aber insgesamt genommen sind sie schockierend. Einige Beispiele sollen hier gen&uuml;gen. Im 16. Jahrhundert sank die Bev&ouml;lkerung des ehemaligen aztekischen Reichs auf dem Territorium des heutigen Mexiko von 25 Millionen auf eine Million. &Auml;hnlich starben in Nordamerika sch&auml;tzungsweise 90 Prozent der Ursprungsbev&ouml;lkerung innerhalb der ersten f&uuml;nf Jahre ihres Kontakts mit den europ&auml;ischen Siedlern, vorwiegend aufgrund eingeschleppter Krankheiten. Im 19. Jahrhundert wurden durch diverse Kriege und erzwungene Umsiedelungen nochmals Hunderttausend Menschen get&ouml;tet. Die Briten haben in Indien 1857-1867 bei Vergeltungsaktionen f&uuml;r die indische Rebellion von 1857 vermutlich bis zu eine Million Zivilisten get&ouml;tet. Au&szlig;erdem resultierte damals der Einsatz der indischen Landwirtschaft f&uuml;r den Anbau von Opium durch die British East India Company, Opium, zu dessen Abnahme dann China gezwungen wurde, im vorzeitigen Tod von Millionen von Chinesen, wobei die direkten chinesischen Todesopfer w&auml;hrend des Ersten und Zweiten Opiumkrieges noch gar nicht mit eingerechnet sind. Im Kongo, das damals der pers&ouml;nliche Besitz des belgischen K&ouml;nigs Leopold II. war, wurden zwischen 1890 und 1910 zehn bis f&uuml;nfzehn Millionen Menschen get&ouml;tet. In Bezug auf Vietnam besagen neuere Sch&auml;tzungen, dass dort zwischen 1955 und 1975 zwischen einer und drei Millionen Zivilisten get&ouml;tet wurden.<\/p><p>Wenn wir uns der muslimischen Welt im russischen Kaukasus zuwenden, finden wir, dass zwischen 1864 und 1867 neunzig Prozent der tscherkessischen Bev&ouml;lkerung zwangsumgesiedelt wurde und dass dabei zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Menschen entweder verhungerten oder get&ouml;tet wurden. Zwischen 1916 und 1918 wurden Zehntausende von Muslimen get&ouml;tet, als 300.000 turkische Muslime von den russischen Beh&ouml;rden durch die Berge Mittelasiens nach China deportiert wurden. In Indonesien t&ouml;teten die holl&auml;ndischen Besatzer zwischen 1835 und 1840 sch&auml;tzungsweise 300.000 Zivilisten. In Algerien t&ouml;teten die Brutalit&auml;ten der Franzosen sowie Hungersn&ouml;te und Krankheiten nach einem f&uuml;nfzehn Jahre w&auml;hrenden B&uuml;rgerkrieg von 1830 bis1845 eineinhalb Millionen Algerier, fast die H&auml;lfte der damaligen Bev&ouml;lkerung. Im benachbarten Libyen sperrten die Italiener die Bewohner der Provinz Kyrenaika in Konzentrationslager, in denen unterschiedlichen Sch&auml;tzungen zufolge zwischen 1927 und 1934 zwischen 80.000 und 500.000 der Insassen starben.<\/p><p>In j&uuml;ngerer Zeit hat die Sowjetunion zwischen 1979 und 1989  Sch&auml;tzungen zufolge etwa eine Million Zivilisten get&ouml;tet; zwei Jahrzehnte sp&auml;ter brachten die USA in ihrem f&uuml;nfzehn Jahre w&auml;hrenden Krieg in Afghanistan 26.000 Zivilisten um. Im Irak wurden in den letzten dreizehn Jahren von den Vereinigten Staaten und ihren Verb&uuml;ndeten 165.000 Zivilisten get&ouml;tet. (Der Unterschied in den berichteten Zahlen von Toten, der hier zwischen dem Werk der europ&auml;ischen Kolonisatoren auf der einen und dem der Vereinigten Staaten und ihrer Verb&uuml;ndeten in Afghanistan und im Irak auf der anderen Seite besteht, k&ouml;nnte zum einen Teil auf die zwischenzeitlichen technologischen Fortschritte, die eine effektivere Anwendung von Gewalt erlauben, und zum anderen Teil auf einen Wandel im normativen Klima der Welt zur&uuml;ckgehen.) Doch genauso schockierend wie das Ausma&szlig; dieser Gr&auml;uel ist das Tempo, mit dem der Westen sie vergessen hat.<\/p><p>In der heutigen postkolonialen Welt entsteht allm&auml;hlich eine neue historische Erz&auml;hlung. Dabei wird eine tiefe Skepsis gegen&uuml;ber dem Westen und seinem kolonialen Verm&auml;chtnis in den muslimischen L&auml;ndern, aber nicht nur dort, artikuliert, um das Gef&uuml;hl dieser Welt zu rechtfertigen, dass sie betrogen und ihrer W&uuml;rde beraubt wurde. Der senegalesische Dichter David Diop fasst in seinem Gedicht &bdquo;Aasgeier&ldquo; die Erfahrungen und Einstellungen kolonisierter V&ouml;lker eindr&uuml;cklich zusammen:<\/p><blockquote><p>In jenen Tagen<br>\nAls die Zivilisation uns ins Gesicht schlug<br>\nBauten die Aasgeier im Schatten ihrer Klauen<br>\nDas blutbefleckte Monument der Vormundschaft&hellip;<\/p><\/blockquote><p>Angesichts all dessen ist ein langer und schmerzlicher Weg zu einer zun&auml;chst begrenzten regionalen Ann&auml;herung f&uuml;r die Vereinigten Staaten, Russland, China und die hier angesprochenen Mitspieler im Nahen Osten die einzig lebensf&auml;hige Option. F&uuml;r die USA wird das ein geduldiges Bem&uuml;hen um die Schaffung kooperativer Beziehungen mit einigen neuen Partnern (besonders Russland und China) sowie gemeinsame Bem&uuml;hungen mit etablierteren und historisch fester verankerten muslimischen Staaten (der T&uuml;rkei, dem Iran, &Auml;gypten und Saudi-Arabien, sofern es sich vom wahhabitischen Extremismus abgrenzen kann) erfordern, um einen gr&ouml;&szlig;eren Rahmen regionaler Stabilit&auml;t zu schaffen. Unsere europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten, die fr&uuml;her in dieser Region die Vorherrschaft hatten, k&ouml;nnen in dieser Hinsicht immer noch hilfreich sein.<\/p><p>Ein umfassender Abzug der USA aus der muslimischen Welt, wie er von unseren heimischen Isolationisten bef&uuml;rwortet wird, w&uuml;rde zu neuen  Kriegen f&uuml;hren (zum Beispiel Israel gegen den Iran, Saudi-Arabien gegen den Iran, eine gro&szlig;e &auml;gyptische Intervention in Libyen) und w&uuml;rde eine noch gr&ouml;&szlig;eren Krise des Vertrauens in die global stabilisierende Rolle Amerikas hervorrufen. Auf verschiedene, aber jetzt noch v&ouml;llig unvorhersehbare Arten k&ouml;nnten Russland und China dann zu den geopolitischen Nutznie&szlig;ern einer solchen Entwicklung werden, w&auml;hrend die globale Ordnung selbst zum unmittelbareren geopolitischen Opfer w&uuml;rde. Und zu guter Letzt w&uuml;rde unter solchen Umst&auml;nden ein gespaltenes und furchtsames Europa erleben, wie seine gegenw&auml;rtigen Mitgliedstaaten sich nach Schirmherren umsehen und miteinander um verschiedene, aber jeweils getrennte Arrangements mit den Akteuren des m&auml;chtigen Trios USA-Russland-China konkurrieren w&uuml;rden.<\/p><p>Eine konstruktive US-Politik muss von einer geduldigen, langfristigen Vision geleitet sein. Sie muss Ergebnisse anstreben, die die schrittweise Erkenntnis in Russland (m&ouml;glicherweise erst nach Putin) bef&ouml;rdern, dass sein einziger Platz als einflussreiche Weltmacht letztlich in Europa liegt. Die wachsende Rolle Chinas im Nahen Osten sollte die beiderseitige Erkenntnis bei den USA und China widerspiegeln, dass eine verst&auml;rkte Partnerschaft zwischen den USA und der Volksrepublik China bei der Handhabung der Krise im Nahen Osten einen historisch bedeutsamen Test f&uuml;r die gemeinsame F&auml;higkeit beider L&auml;nder darstellt, der globalen Stabilit&auml;t insgesamt eine Form zu geben und sie zu st&auml;rken.<\/p><p>Die Alternative zu einer konstruktiven Vision und besonders das Streben nach einer einseitig milit&auml;risch und ideologisch erzwungenen L&ouml;sung k&ouml;nnen nur in einer langwierigen und selbstzerst&ouml;rerischen Sackgasse enden. F&uuml;r Amerika k&ouml;nnte das zu einer Situation dauerhaften Konflikts, zu Erm&uuml;dung und sogar zu einem demoralisierenden R&uuml;ckzug auf seinen Isolationismus vor dem 20. Jahrhundert f&uuml;hren. F&uuml;r Russland k&ouml;nnte dies eine gravierende Niederlage bedeuten, die die Wahrscheinlichkeit irgendeiner Art von Unterordnung unter chinesische Vorherrschaft erh&ouml;hen w&uuml;rde. F&uuml;r China k&ouml;nnte es Krieg nicht nur mit den Vereinigten Staaten, sondern auch und vielleicht unabh&auml;ngig hiervon mit Japan oder Indien oder mit beiden in Aussicht stellen. Und in jedem Fall w&uuml;rde eine langanhaltende Phase st&auml;ndiger ethnischer, quasi-religi&ouml;ser, &uuml;berall im Nahen Osten mit selbstgerechtem Fanatismus ausgefochtener Kriege zu einem eskalierenden Blutzoll innerhalb und au&szlig;erhalb der Region und zu wachsender Grausamkeit an anderen Orten der Welt f&uuml;hren.<\/p><p>Es verh&auml;lt sich schlicht so, dass es bis zum Auftritt Amerikas auf der Weltb&uuml;hne noch nie eine wirklich &bdquo;dominante&ldquo; Weltmacht gegeben hat. Das britische Weltreich kam nah an diesen Status heran, aber der Erste Weltkrieg und sp&auml;ter der Zweite Weltkrieg f&uuml;hrten nicht nur zum Bankrott  Gro&szlig;britanniens, sondern auch zur Entstehung rivalisierender Regionalm&auml;chte. Die entscheidende neue globale Realit&auml;t war das Auftreten Amerikas auf der B&uuml;hne, das nun gleichzeitig der reichste und der milit&auml;risch m&auml;chtigste Mitspieler im globalen Wettbewerb war. Im letzten Teil des Zwanzigsten Jahrhunderts kam keine andere Macht dieser Position auch nur nahe.<\/p><p>Diese &Auml;ra geht jetzt zu Ende. W&auml;hrend in n&auml;chster Zeit wahrscheinlich kein Staat imstande sein wird, an Amerikas &ouml;konomisch-finanzielle &Uuml;berlegenheit zu r&uuml;hren, k&ouml;nnten neue Waffensysteme einige L&auml;nder pl&ouml;tzlich mit der F&auml;higkeit versehen, in einem Schlagabtausch mit den USA Selbstmord zu begehen oder sogar die Oberhand zu behalten. Ohne uns hier allzu sehr in Spekulationen ergehen zu wollen, w&uuml;rde der pl&ouml;tzliche Erwerb der F&auml;higkeit seitens irgendeines Staates, Amerika milit&auml;risch unterlegen dastehen zu lassen, das Ende der globalen Rolle Amerikas bedeuten. Das wahrscheinlichste Resultat einer solchen Entwicklung w&auml;re weltweites Chaos. Und genau darum sollten die Vereinigten Staaten eine Politik ausarbeiten, durch die zumindest einer der beiden potentiell bedrohlichen Staaten zu einem Partner im Bestreben nach regionaler und darauf aufbauend globaler Stabilit&auml;t und somit auch dabei sein wird, denjenigen Rivalen, der am unberechenbarsten ist und zugleich am wahrscheinlichsten &uuml;bers Ziel hinausschie&szlig;en wird, einzud&auml;mmen. Im Augenblick ist es wahrscheinlicher, dass dies Russland sein wird, aber auf lange Sicht k&ouml;nnte es auch China sein.<\/p><p>Da die n&auml;chsten zwanzig Jahre sehr gut die letzten sein k&ouml;nnten, in denen wir die traditionelleren und vertrauteren politischen Arrangements vorfinden, an die wir uns gew&ouml;hnt haben, m&uuml;ssen die Antworten jetzt gefunden werden. Im Lauf des Rests dieses Jahrhunderts wird die Menschheit sich au&szlig;erdem aufgrund einer ganzen Reihe von Herausforderungen im Hinblick auf die nat&uuml;rliche Umwelt in wachsendem Ma&szlig; mit ihrem blo&szlig;en &Uuml;berleben besch&auml;ftigen m&uuml;ssen. Diese Herausforderungen k&ouml;nnen nur in einem Rahmen verst&auml;rkter internationaler Ann&auml;herung auf verantwortliche und effektive Art angegangen werden. Und diese Ann&auml;herung muss auf einer strategischen Vision basieren, die die dringende Notwendigkeit eines neuen geopolitischen Rahmens anerkennt.<\/p><p><em>Der Autor m&ouml;chte sich f&uuml;r den hilfreichen Beitrag seines Rechercheassistenten Paul Wasserman und die wissenschaftlichen Forschungen Adam Hochschilds, Richard Pierces, William Polks, des Watson-Instituts an der Brown University und anderer zum Thema kolonialer Brutalit&auml;t bedanken.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Zbigniew Brzezinski<\/strong>&nbsp;ist Berater am Center for Strategic and International Studies und war von 1977 bis 1981 der Nationale Sicherheitsberater Pr&auml;sident Jimmy Carters. Er ist Autor mehrerer B&uuml;cher, zuletzt Strategic Vision: America and the Crisis of Global Power (2012).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" alt=\"Zbigniew Brzezinski\" title=\"Zbigniew Brzezinski\" src=\"\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160517_Brzezinski.jpg\"\/><\/div>\n<p>W&auml;hrend die &Auml;ra ihrer globalen Vorherrschaft endet, m&uuml;ssen die Vereinigten Staaten bei der Neuordnung der globalen Machtarchitektur die F&uuml;hrung &uuml;bernehmen. F&uuml;nf grundlegende Wahrheiten hinsichtlich der sich herausbildenden Umverteilung der weltweiten politischen Macht und des gewaltsamen politischen Erwachens im Nahen Osten signalisieren das Heraufziehen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33386\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107],"tags":[1206,379,1426,1792,1878,259,1556],"class_list":["post-33386","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","tag-brzezinski-zbigniew","tag-china","tag-hegemonie","tag-kolonialismus","tag-naher-osten","tag-russland","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33386","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33386"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33386\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33400,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33386\/revisions\/33400"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33386"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33386"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33386"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}