{"id":3340,"date":"2008-07-17T15:05:43","date_gmt":"2008-07-17T13:05:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3340"},"modified":"2015-11-19T09:31:24","modified_gmt":"2015-11-19T08:31:24","slug":"vergessen-vorrang-der-arbeit-vor-dem-kapital","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3340","title":{"rendered":"Vergessen: \u201eVorrang der Arbeit vor dem Kapital\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das hatte vor wenigen Jahren jedenfalls der jetzige Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber noch eingefordert. Davon ist jetzt keine Rede mehr in einer Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, die von der Kammer f&uuml;r soziale Ordnung erarbeitet wurde. Ihr Titel: &bdquo;Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive.&ldquo; In diesem Text hat sich die Arbeitgeberseite der Mitglieder der Kammer durchgesetzt. Dr. Franz Segbers hat diese Denkschrift f&uuml;r Publik Forum kommentiert. Die Denkschrift ist im <a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/download\/ekd_unternehmer.pdf%20\">download [PDF &ndash; 488 KB]<\/a> verf&uuml;gbar:<br>\n<!--more--><br>\nFranz Segbers wundert sich dar&uuml;ber, dass Prof. Gert Wagner (DIW) als Vorsitzender, dass Prof. Prof. Dieter D&ouml;ring von der ADA\/Akademie der Arbeit an der Universit&auml;t Frankfurt, dass die Sozialdemokratin und Bundesministerin a.D. Christine Bergmann, dass die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese und dass Ursula Engelen-Kefer als Vertreterin des DGB diesen Text mittragen. M&ouml;glicherweise haben sie gedacht, es komme nicht zu sehr drauf an, weil davon kaum jemand Notiz nimmt. Das ist eine Fehleinsch&auml;tzung, wie Franz Segbers in seinem Kommentar zeigt. Solche Texte sind Marksteine f&uuml;r die weitere Positionierung einer immerhin noch wichtigen Organisation, der Evangelischen Kirche. Sie weiter ohne Widerstand ins wirtschaftsliberale Lager abwandern zu lassen, ist zumindest unklug. <\/p><p>Zu Ihrer Orientierung f&uuml;gen wir die Liste der Mitglieder der Kammer f&uuml;r Soziale Ordnung hier an:<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/080717-Segbers-EKD-Kammer-p.jpg\" alt=\"Mitglierder der Kammer\"><\/p><p><strong>Moralert&uuml;chtigung<\/strong><\/p><p>Ein Kommentar von<br>\n<strong>Franz Segbers<\/strong><br>\nPfarrer, Referatsleitung Ethik, Arbeit und Sozialpolitik<br>\nDiakonisches Werk in Hessen und Nassau, Professor f&uuml;r Sozialethik am FB Evangelische Theologie an der Universit&auml;t Marburg<br>\nzur<\/p><p><strong>Denkschrift der EKD<\/strong><br>\n<a href=\"http:\/\/www.ekd.de\/download\/ekd_unternehmer.pdf\">&bdquo;Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive&ldquo; [PDF &ndash; 488 KB]<\/a><\/p><p>Sogar das manager-magazin muss zugeben: &bdquo;Das Bild der Managerkaste ist verheerend.&ldquo; So viel Misstrauen wie selten schlage ihnen entgegen. W&auml;hrend der Wirtschaftsaufschwung an den Arbeitnehmern vorbei geht, bescheren die steigenden Unternehmensgewinne den Aktion&auml;ren kr&auml;ftige Zuw&auml;chse von mehr als zwanzig Prozent gegen&uuml;ber dem Vorjahr. Die drei&szlig;ig Konzerne aus dem DAX werden in diesem Jahr &uuml;ber 28 Milliarden Dividenden aussch&uuml;tten. An wen eigentlich? Genau auf diese Frage gibt die j&uuml;ngste EKD-Denkschrift &uuml;ber &bdquo;Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive&ldquo; keine Antwort. Sie beschw&ouml;rt in ihrer Denkschrift gegen den in Misskredit geratenen Finanzmanager die Verantwortung des Familienunternehmers, der neue Verfahren einf&uuml;hrt und innovative Produkte vermarktet. Doch im neuen und herrschenden Kapitalismus sind die Unternehmen zu einer Kapitalanlage der Anteilseigner geworden, deren zumeist kurzfristigen Interessen die Manager zu bedienen haben. Da klingt es schon fast nostalgisch den &bdquo;ehrbare Kaufmann&ldquo; anzurufen, der seine unternehmerischen Entscheidungen von christlichen Werten leiten l&auml;sst und deshalb seine &bdquo;moralische Achtsamkeit&ldquo; sch&auml;rfen soll.<\/p><p>In den 138 Abschnitten der Denkschrift wird genau 104 mal die Verantwortung beschworen &ndash; und dabei weit &uuml;berzogen. Die erste Stellgr&ouml;&szlig;e f&uuml;r eine Soziale Marktwirtschaft ist die Verantwortung der Politik f&uuml;r die Regeln und Strukturen der Wirtschaft und erst dann und nachrangig hat individuelles verantwortliches Handeln seine Bedeutung. Genau das meint M&uuml;ller-Armack, wenn er die Soziale Marktwirtschaft eine &bdquo;bewusst sozial gesteuerte Marktwirtschaft&ldquo; definiert hat. Die Politik ist f&uuml;r die bewusste Steuerung gefordert. Die Denkschrift macht sich zu Recht f&uuml;r eine Soziale Marktwirtschaft aus protestantischen Wurzeln stark. Wenn der Staat aber darauf reduziert wird, nur den Ordnungsrahmen f&uuml;r den Wettbewerb zu setzen, und dann an die Verantwortung des einzelnen Unternehmers appelliert wird, ger&auml;t man flugs in eine neoliberale Falle. Die Verantwortung des Unternehmers kann nicht an die Stelle der freigewordenen politischen Verantwortung treten. <\/p><p>Der unumstrittenen &bdquo;Ehrbarkeit des Kaufmanns&ldquo; muss durch Gegenkr&auml;fte nachgeholfen werden. Sie muss sich innerhalb der Regel bewegen, die der Staat setzt und braucht vor allem eine widergelagerte Gesellschaftspolitik. Doch von all dem ist in der Denkschrift nicht die Rede. Sie pocht auf den Dreiklang &bdquo;ethisches Bewusstsein, klare Orientierung und Gebote und spirituelle Beheimatung&ldquo;. Genau dadurch aber komplettiert sie den R&uuml;ckzug des Staates aus der &bdquo;bewusst sozialen Steuerung der Marktwirtschaft&ldquo; (M&uuml;ller-Armack).<\/p><p>Theologisch korrekt wird zwar von der &bdquo;Option f&uuml;r die Armen&ldquo; gesprochen und nach biblischen Leitbildern gesucht. Doch wie weit die real existierende Marktwirtschaft von den sch&ouml;nen Leitbildern abweicht belegt der Dritte Armuts- und Reichtumsbericht des Bundesregierung und ist in jeder Lebensmittelausgabestelle von Diakonie oder Caritas zu besichtigen. Wie im Lehrbuch schreibt die Denkschrift gegen diese Realit&auml;t an: &bdquo;In einem Ordnungsrahmen, der sowohl scharfen Wettbewerb wie auch sozialen Ausgleich sichert, kann dieses Streben nach pers&ouml;nlichem Wohlergehen zugleich zum Wohlstand aller f&uuml;hren.&ldquo; Noch Probleme? Der Widerspruch zwischen dem hehren Leitbild und der Realit&auml;t des &bdquo;Raubtierkapitalismus&ldquo; (Helmut Schmidt) kann nicht &uuml;berraschen. Die Soziale Marktwirtschaft dient als Mantra, die tats&auml;chlichen Machtverh&auml;ltnisse der Minderheit der Kapitaleigner und der Mehrheit der abh&auml;ngig Besch&auml;ftigten zu &uuml;berdecken. Es reicht nicht zu ermahnen, dass den Unternehmern angesichts ungleichgewichtiger Beziehungen gegen&uuml;ber den Arbeitnehmern &bdquo;eine besondere Verantwortung erw&auml;chst&ldquo;. Gefordert ist ein Recht, das Macht begrenzt. Das ist gemeint mit der sozialethischen Formel &bdquo;Vorrang der Arbeit vor dem Kapital&ldquo;. Das hatte vor wenigen Jahren jedenfalls der jetzige Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber noch eingefordert. Davon ist jetzt keine Rede mehr. <\/p><p>Kein Wunder, dass die &bdquo;Wirtschaftswoche&ldquo; jubelt: &bdquo;Wende der EKD &ndash; Frieden mit dem Kapital&ldquo; und die FAZ schon fast s&uuml;ffisant einstimmt: &bdquo;Die Heuschrecke als Gottesanbeterin&ldquo;. Wenn die Denkschrift die ethische Leitperspektive angibt: &bdquo;eine Wirtschaft mit allen und f&uuml;r alle&ldquo; &ndash; dann steht etwas anderes an: die demokratische Aneigung des Kapitalismus und die Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Mitbestimmung. Doch dann bliebe das Lob der Wirtschaft aus!<\/p><p>Kurzfassung erscheint in:<br>\nPublik-Forum 14\/2008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das hatte vor wenigen Jahren jedenfalls der jetzige Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber noch eingefordert. Davon ist jetzt keine Rede mehr in einer Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, die von der Kammer f&uuml;r soziale Ordnung erarbeitet wurde. 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