{"id":33495,"date":"2016-05-23T16:55:32","date_gmt":"2016-05-23T14:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33495"},"modified":"2016-05-24T07:51:41","modified_gmt":"2016-05-24T05:51:41","slug":"zivilgesellschaft-mitte-worte-ohne-klaren-sinn-aber-aufgeladen-mit-geballter-wertung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33495","title":{"rendered":"Zivilgesellschaft, Mitte, &#8230; \u2013 Worte ohne klaren Sinn aber aufgeladen mit geballter Wertung"},"content":{"rendered":"<p>Zivilgesellschaft, das ist ein Begriff, der sich in unser Denken wahrlich ge&ouml;lt einschleicht. Da schwingen Menschenrechte mit, etwas Antimilit&auml;risches, unterschwellig auch Antistaatliches. Wenn die Tagesschau meldet, Frau Merkel habe sich mit Vertretern der t&uuml;rkischen Zivilgesellschaft getroffen (Ausschnitt siehe unten), dann nicken wir beif&auml;llig. Und wir &uuml;berlegen nicht weiter: Wer geh&ouml;rt eigentlich dazu? Woher nehmen die Vertreter dieser sonderbaren Einrichtung &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo; ihre Legitimation? <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWenn wir dann genauer hinh&ouml;ren oder lesen, dann erfahren wir, dass &bdquo;die Teilnahme von Oppositionspolitikern oder von prominenten Erdogan-Kritikern &hellip; nicht vorgesehen&ldquo; war. Die Auswahl ist sozusagen beliebig. Aber das macht nichts. Es klingt jedenfalls gut. Es klingt besonders gut, wenn die Zusammenarbeit mit dem Gegen&uuml;ber der &bdquo;Zivilgesellschaft&ldquo;, mit dem Staat, im konkreten Fall mit dem t&uuml;rkischen Pr&auml;sidenten Erdogan in Verruf geraten ist. Mit dieser Zusammenarbeit kann man unbesorgt weitermachen, wenn man sich mit Vertretern der Zivilgesellschaft trifft oder getroffen hat.<\/p><p>Damit keine Missverst&auml;ndnisse aufkommen: Wenn sich die Bundeskanzlerin mit Vertretern der verfolgten Journalisten oder mit Vertretern der verfolgten Kurden oder mit wem auch immer aus der T&uuml;rkei in der T&uuml;rkei trifft, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Hier jedoch, beim Gebrauch des Wortes Zivilgesellschaft, ist wie in anderen F&auml;llen auch interessant, dass ein neuer den Vorgang &uuml;berh&ouml;hender Begriff eingef&uuml;hrt wird. Und dass dieser Begriff dann zum Instrument wesentlich emotional gepr&auml;gter Meinungsmache genutzt werden kann.<\/p><p><strong>Der Begriff Zivilgesellschaft spielt offenbar im Konzept des Regimechange eine gro&szlig;e Rolle<\/strong><\/p><p>Der Begriff war im Vorfeld des Putsches in Kiew im Spiel. Der Maidan war Produkt und Ausdruck der Zivilgesellschaft. Wahrscheinlich spielt der Begriff auch in Brasilien eine Rolle, beim Versuch, die gew&auml;hlte Pr&auml;sidentin abzul&ouml;sen. Er spielt vermutlich eine geplante und zentrale Rolle bei den vielen Versuchen, vergleichsweise linke Regierungen unter Druck zu setzen und loszuwerden. Auch im Falle Russlands d&uuml;rfte er zu gegebener Zeit eine Rolle spielen.<\/p><p><strong>Auch der Begriff Mitte ist eher eine H&uuml;lse, die man emotional aufladen kann, als ein rational verwendbarer Begriff<\/strong><\/p><p>Der Begriff wird gerade wieder modisch &uuml;berstrapaziert. Der baden-w&uuml;rttembergische Ministerpr&auml;sident und Gr&uuml;nen-Politiker Kretschmann meinte gegen&uuml;ber der &bdquo;Welt am Sonntag&ldquo; vom 22. Mai, die Gr&uuml;nen verst&uuml;nden sich zwar mehrheitlich als Partei der linken Mitte. Aber er sei jemand, der sie &bdquo;ganz in die Mitte ziehen will&ldquo;. &ndash; Hier dient die Sprache als Signal f&uuml;r ein Gef&uuml;hl und nicht zur Definition programmatischer Inhalte. Kretschmann ist nicht der erste, der damit spielt. Der Begriff Mitte spielte in der innerparteilichen Auseinandersetzung wie auch in Wahlauseinandersetzungen schon immer eine gro&szlig;e Rolle. Willy Brandt sprach im Oktober 1972 und dann in der Regierungserkl&auml;rung vom Januar 1973 von der &bdquo;neuen Mitte&ldquo;. <\/p><p>Das war auch nur ein Signal. Die Debatte um die Mitte war nie eine rationale Debatte. Immer ein Versuch, Emotionen und Gef&uuml;hle zu transportieren.<\/p><p>Der Begriff ist sachlich deshalb schwer in Analysen und Strategien einsetzbar, weil die Frage, ob jemand zur Mitte geh&ouml;rt, sehr davon abh&auml;ngt, an welchem Thema, an welchem Inhalt, an welchem programmatischen Punkt man das gerade festmachen will. Gerhard Schr&ouml;der war mit der Entscheidung, Deutschland am Irak Krieg jedenfalls nicht direkt zu beteiligen, eher progressiv einzuordnen; ein Jahr sp&auml;ter, 2003, setzte er die Agenda 2010 durch, wahrlich kein Akt der Orientierung an der politischen Mitte. Helmut Schmidt hat in Sachen Abtreibung\/Paragraf 218 nicht zur Rechten in der SPD geh&ouml;rt, beim Umgang mit Staat und Milit&auml;r eher schon. Und bei Angela Merkel sind wir gleich ganz desorientiert. Ihre offenen Arme f&uuml;r Fl&uuml;chtlinge signalisieren eine eher linke Orientierung, ihr Deal mit Erdogan zum gleichen Thema das Gegenteil. Ist das Mitte?<\/p><p>Dieser Beitrag dient nur einer kleinen Absicht: Seien Sie skeptisch, wenn Sie Begriffe wie Zivilgesellschaft oder Mitte h&ouml;ren. Wer diese Begriffe gebraucht. will nicht aufkl&auml;ren, sondern vernebeln. F&uuml;r den Begriff Populismus gilt das &uuml;brigens auch.<\/p><p><strong>Auszug aus einer <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/merkel-tuerkei-131.html\">Meldung der Tagesschau<\/a>:<\/strong><\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160523-zivilgesellschaft.png\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zivilgesellschaft, das ist ein Begriff, der sich in unser Denken wahrlich ge&ouml;lt einschleicht. Da schwingen Menschenrechte mit, etwas Antimilit&auml;risches, unterschwellig auch Antistaatliches. Wenn die Tagesschau meldet, Frau Merkel habe sich mit Vertretern der t&uuml;rkischen Zivilgesellschaft getroffen (Ausschnitt siehe unten), dann nicken wir beif&auml;llig. Und wir &uuml;berlegen nicht weiter: Wer geh&ouml;rt eigentlich dazu? 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