{"id":3353,"date":"2008-07-23T15:22:51","date_gmt":"2008-07-23T13:22:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3353"},"modified":"2015-11-17T09:59:48","modified_gmt":"2015-11-17T08:59:48","slug":"ein-beitrag-einer-pfarrerin-mitten-aus-recklinghausen-zu-unternehmerisches-handeln-in-evangelischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3353","title":{"rendered":"Ein Beitrag einer Pfarrerin mitten aus Recklinghausen zu \u201eUnternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Wir hatten schon auf die Denkschrift der EKD hingewiesen &ndash; am 17. Juli 2008 mit dem Beitrag &sbquo;Vergessen: <a href=\"wp-print.php?p=3340\">&bdquo;Vorrang der Arbeit vor dem Kapital&ldquo;<\/a> und mit Hinweis Nr. 11 vom 22.7. <a href=\"?p=3349%20\">&bdquo;Bischof der Bosse&ldquo;<\/a> aus &bdquo;junge Welt&ldquo;: Zum gleichen Thema schrieb Silke Niemeyer, Pfarrerin in der Altstadtkirchengemeinde Recklinghausen, einen H&ouml;rer-Brief an den WDR. Weil der Brief selbst und die Entwicklung der EKD interessant sind, geben wir diesen Beitrag in der Rubrik &bdquo;Andere interessante Beitr&auml;ge&ldquo; wieder.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Silke Niemeyer<\/strong><\/p><p>Betr.: WDR 5, Diesseits von Eden, Sendung vom 13. Juli 2008, Interview mit Prof. Gert Wagner zur EKD Denkschrift &bdquo;Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive&ldquo;, nachzuh&ouml;ren unter <a href=\"http:\/\/www.wdr5.de\/nachhoeren\/diesseits-von-eden.html\">wdr5.de<\/a><\/p><p>Am vorletzten Sonntag h&ouml;rte ich die Sendung &bdquo;Diesseits von Eden&ldquo; auf WDR 5. In einem Interview ging es um die neue EKD-Denkschrift &bdquo;Unternehmerisches Handeln in Evangelischer Perspektive&ldquo;. Darin beschw&ouml;rt Herr Professor Wagner im Namen meiner Evangelischen Kirche die &bdquo;die Regeln des ehrbaren Kaufmanns&ldquo;. Die n&auml;mlich seien in anderen Worten dasselbe wie das achte und neunte Gebot.<\/p><p>Ich kann nicht glauben, dass ein Professor, der nicht nur die Ehre hat, der Kammer f&uuml;r Soziale Ordnung der EKD vorzustehen, sondern zugleich Lehrstuhlinhaber f&uuml;r Empirische Wirtschaftsforschung an der TU Berlin, Mitglied der R&uuml;rup- Kommission, Mitglied im Wissenschaftsrat und Abteilungsleiter am Deutschen Institut f&uuml;r Wirtschaftsforschung ist bzw. war &ndash; dass der allen Ernstes glaubt, wenn man auf die neoliberalen M&auml;rkte ein paar mehr honorige Manager schickte, die was von den Zehn Geboten verstehen, &bdquo;w&auml;re die Welt viel besser als sie tats&auml;chlich ist&ldquo;. Angesichts der Krisen, die die deregulierte Wirtschaft weltweit ausl&ouml;st, bescheidet sich die Kirche damit, etwas mehr Anstand und gute Sitte im Gesch&auml;ftsleben einzufordern. Unfassbar. Aber damit noch nicht genug. F&uuml;r den Fall, dass die Moral versagt, ist das auch nicht so schlimm: &bdquo;Der Unternehmer muss eben wissen, dass er nicht darum herum kommt, sich schuldig zu machen.&ldquo; Welcher protestantischen Seele f&auml;llt zu dieser Zwickm&uuml;hle nicht unmittelbar Luthers &bdquo;pecca fortiter!&ldquo; ein? &bdquo;Sei ein S&uuml;nder und s&uuml;ndige kr&auml;ftig&ldquo;. Umso heller leuchtet die Gnade.<\/p><p>Es ist an sich schon wunderlich, die Zehn Gebote der Bibel mit Tugenden eines b&uuml;rgerlichen Kaufmannsanstands zu identifizieren. Sie sind dazu gegeben, den Menschen &bdquo;aus dem Haus der Knechtschaft &Auml;gypten&ldquo;, also von jedweden knechtenden Verh&auml;ltnissen, zu befreien: Erstes Gebot und darum oberste Auslegungsmaxime. Aber auch, wenn er das nicht wei&szlig;, w&uuml;nschenswert w&auml;re, dass der Vorsitzende der EKD-Kammer die Zehn Gebote denn auch kennte, wenigstens die zwei, die er zitiert. Ein Gebot &bdquo;Du sollst nicht l&uuml;gen&ldquo; gibt es nicht. Vielleicht verwechselt er es mit dem Verbot, falsch Zeugnis zu reden wider den N&auml;chsten, womit urspr&uuml;nglich die Zeugensituation bei Gericht gemeint ist. Und was das andere Gebot betrifft: Des N&auml;chsten Haus zu begehren, ist nicht nur dann untersagt, wenn man es &bdquo;durch niedertr&auml;chtige Machenschaften&ldquo; an sich bringen will, wie Herr Professor Wagner meint. Es ist auch dann nicht okay, wenn es nach den Regeln des fairen Wettbewerbs geschieht. Zweck dieses Gebots ist nicht die Akteure auf dem Markt besseres Benehmen zu lehren. Sein Sinn ist vielmehr, dass keiner als Habenichts ohne Lebensgrundlage da stehen soll. Die Begehrlichkeit an sich wird verworfen. Die aber ist geradezu Tugend und Prinzip der Marktwirtschaft, welche nach den Regeln der Akkumulation und Profitmaximierung funktioniert. Aber so weit &ndash; oder so eng &ndash; m&ouml;chte man die Gebote nicht ausgelegt wissen. Das r&ouml;che ja nach Unausgewogenheit oder gar Systemkritik. Und die kann man nicht wirklich von jemandem erwarten, dem zum Thema &bdquo;soziale Absicherung&ldquo; als erstes der Satz einf&auml;llt &bdquo;Da ist der Einzelne auf sich angewiesen&ldquo;. <\/p><p>Gefragt nach Mindestl&ouml;hnen, meint Herr Professor Wagner, &bdquo;dazu kann man in der Bibel ohnehin nichts finden&ldquo;, daf&uuml;r m&uuml;sse man &bdquo;au&szlig;erhalb des christlichen Glaubens und ohne Theologie&ldquo; L&ouml;sungen finden. Ein Verst&auml;ndnis von Glauben und Theologie, das ich ziemlich befremdlich finde. Nichts anderes ist Aufgabe von Glaube und Theologie: nach Ma&szlig;gabe der alten biblischen Tradition L&ouml;sungen zu finden f&uuml;r ganz neue Fragen. D&uuml;rfen Christen etwa nur etwas zu Themen sagen, die sie zuvor in der Wortkonkordanz der Bibel gefunden haben? Nebenbei, selbst wenn man das t&auml;te, irrt Herr Professor. Wenn er im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matth&auml;us 20) nachliest, wird er finden, dass der Mindestlohn das ist, was der Arbeiter braucht, um sich und seine Familie zu unterhalten &ndash; in der Sprache des Gleichnisses &bdquo;das, was recht ist&ldquo;. Ziert sich die Denkschrift vielleicht deshalb zu Mindestl&ouml;hnen Stellung zu nehmen, weil kirchliche Arbeitgeber sich vor l&auml;ngerem &ouml;ffentlich dagegen ausgesprochen haben? <\/p><p> &bdquo;Die Multiplikatoren, auf die es ankommt, die lesen das&ldquo; meint Herr Professor Wagner. Wenn das, was er da zum Besten gegeben hat, die Essenz der neuen Denkschrift ist, m&ouml;chte ich darauf verzichten. Damit brauche ich meiner Gemeinde hier in Recklinghausen n&auml;mlich nicht zu kommen. Dass diese Marktwirtschaft sozial w&auml;re, das wissen die meisten besser. Und an das unternehmerische Evangelium von Wachstum und Kostensenkung glauben sie l&auml;ngst nicht mehr. Die Menschen, die in unsere Kirche kommen, die wollen nicht ein paar mehr ehrbare Arbeitgeber, die sie erst f&uuml;r Mangell&ouml;hne einstellen und am Ende doch rausschmei&szlig;en, nur auf etwas anst&auml;ndigere Weise. Was sie wollen, ist einfach gesagt: sinnvolle Besch&auml;ftigung und genug Geld, um ein kleines Gl&uuml;ck zu genie&szlig;en. Dass das nicht allen verg&ouml;nnt ist, liege eben daran, &bdquo;dass wir nicht mehr im Paradies sind&ldquo;, findet Herr Professor Wagner. &bdquo;Wir&ldquo; leben nicht mehr im Garten Eden, stimmt. Die einen fahren die Fr&uuml;chte ein und die anderen haben sich mit den Dornen und Disteln zu begn&uuml;gen. Deshalb haben Christen die Hoffnung auf &bdquo;einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt&ldquo; (2. Petrus 3,13)<\/p><p>Recklinghausen, 21. Juli 2008 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir hatten schon auf die Denkschrift der EKD hingewiesen &ndash; am 17. Juli 2008 mit dem Beitrag &sbquo;Vergessen: <a href=\"wp-print.php?p=3340\">&bdquo;Vorrang der Arbeit vor dem Kapital&ldquo;<\/a> und mit Hinweis Nr. 11 vom 22.7. <a href=\"?p=3349%20\">&bdquo;Bischof der Bosse&ldquo;<\/a> aus &bdquo;junge Welt&ldquo;: Zum gleichen Thema schrieb Silke Niemeyer, Pfarrerin in der Altstadtkirchengemeinde Recklinghausen, einen H&ouml;rer-Brief an den WDR.<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3353\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[199,41,161],"tags":[532,317],"class_list":["post-3353","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kirchen-religionen","category-medienanalyse","category-wertedebatte","tag-ekd","tag-mindestlohn"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3353","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3353"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28788,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3353\/revisions\/28788"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}