{"id":3355,"date":"2008-07-25T09:44:58","date_gmt":"2008-07-25T07:44:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3355"},"modified":"2015-11-16T16:07:28","modified_gmt":"2015-11-16T15:07:28","slug":"obamania-oder-das-spiel-mit-der-hoffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3355","title":{"rendered":"Obamania oder das Spiel mit der Hoffnung"},"content":{"rendered":"<p>Bis zu 200.000 Menschen sollen auf der Berliner Fan-Meile dem demokratischen Pr&auml;sidentschaftskandidaten der USA auf seiner Wahlkampftournee rund um die Welt zugejubelt haben. Barack Obama spricht Tr&auml;ume und Sehns&uuml;chte der Menschen an, und man kann gerade nach der achtj&auml;hrigen Pr&auml;sidentschaft von George W. Bush verstehen, dass sie Hoffnungen auf Obama setzen. An den wenigen Stellen seiner Bekehrungsrede, an denen er konkret wurde, hat Obama jedoch von Deutschland und Europa nichts anderes gefordert, als der derzeitige Pr&auml;sident auch, n&auml;mlich mehr Truppen in Afghanistan und milit&auml;rische Gemeinsamkeit im Kampf gegen den Terror.<br>\n<!--more--><\/p><p>Fangen wir mit dem Positiven an: <\/p><ol>\n<li>Ohne Zweifel hat Obama eine rhetorisch gelungene Rede vor der Kulisse der Berliner Siegess&auml;ule gehalten. Der Einstieg in der Attit&uuml;de der Bescheidenheit: er komme als US-B&uuml;rger und nicht als Pr&auml;sidentschaftskandidat. Eine gelungene Abgrenzung zur legend&auml;ren Kennedy-Rede: &bdquo;Ich sehe nicht so aus wie die Amerikaner, die vorher zu Ihnen gesprochen haben.&ldquo; Und der Verweis auf seine afrikanische Herkunft mit all den Assoziationen auf Integration und Aufstiegschancen.\n<p>Dann r&uuml;hrte er die Berliner Seele: &bdquo;Die Menschen von Berlin haben die Flamme der Hoffung am brennen gehalten &ndash; sie gaben nicht auf&hellip;Diese Stadt kennt den Traum von der Freiheit&rdquo;. Und dann noch &ndash; offenbar gut vorbereitet &ndash; die Reminiszenz an die Durchhalterede aus dem Jahr 1948 des Regierenden B&uuml;rgermeisters Ernst Reuter vor dem Reichstag: &bdquo;V&ouml;lker der Welt, schaut auf Berlin&ldquo;.<\/p>\n<p>Die Berliner Luftbr&uuml;cke der Alliierten 1948\/49 diente ihm als roter Faden durch seine Rede als Symbol f&uuml;r Schicksalsgemeinschaft, Partnerschaft oder den Kampf f&uuml;r die Freiheit. Der Fall der Berliner Mauer als Hoffnung und zugleich als Warnung, &bdquo;dass neue Mauern entstehen zwischen den Nationen, zwischen Rassen und St&auml;mmen, zwischen Muslims und Juden. Dies sind die Mauern, die wir einrei&szlig;en m&uuml;ssen.&rdquo; Den Redenschreibern geb&uuml;hrt hoher professioneller Respekt, und Obama hat ein gro&szlig;es rednerisches Talent &ndash; auch wenn er manchmal allzu hektisch von einem Teleprompter zum anderen schwenkte. Er war auch gut beraten, die Ovationen nicht ausufern zu lassen.\n<\/p><\/li>\n<li>Es ist jedenfalls besser, wenn ein amerikanischer Politiker &ndash; zumal noch als Pr&auml;sidentschaftskandidat &ndash; vom &bdquo;Br&uuml;cken bauen&ldquo; statt von der Achse des B&ouml;sen spricht. Es ist besser, wenn von &bdquo;Partnerschaft&ldquo; statt von einer &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; die Rede ist. Es ist besser, wenn davon gesprochen wird, dass man Verb&uuml;ndete brauche, die voneinander lernen, die einander vertrauen, statt dass in unipolaren und hegemonialen Kategorien gedacht wird. Es ist besser, wenn das Einrei&szlig;en der Mauern zwischen den Nationen, zwischen Rassen und St&auml;mmen, zwischen Muslims und Juden die Rede ist, statt vom &bdquo;clash of civilization&ldquo;. Es ist auch besser, wenn gefordert wird, dass &bdquo;wir den Reichtum neu verteilen m&uuml;ssen&ldquo;, statt Glaubenss&auml;tze von mehr Wettbewerb, Deregulierung und Privatisierung zu verk&uuml;nden.\n<\/li>\n<li>&bdquo;This is the Moment&ldquo; war die Anapher, die sich durch seine Rede zog. Die st&auml;ndige Wiederholung von W&ouml;rtern (&bdquo;Change&ldquo;) oder Parolen (&bdquo;Yes, we can&ldquo;) scheint zwar ein systematisch gebrauchtes Stilmittel in Obamas Pr&auml;sidentschaftskampagne zu sein, ich habe mich jedoch w&auml;hrend der Rede immer wieder gefragt, warum gerade jetzt der Moment gekommen sein soll, die Welt vom Terror, von den Klimaproblemen, vom Abschmelzen der Polkappen, vom Mohn in Afghanistan, von der Gewalt in Somalia und Darfur zu erl&ouml;sen.\n<p>Er hat keinen einzigen Grund genannt, warum gerade jetzt der Augenblick da sei, au&szlig;er sich selbst. Warum hat er nicht den Hunger in der Welt genannt oder etwa die nicht l&auml;nger hinnehmbare Teilung in Arm und Reich, auch in seinem Land? <\/p>\n<p>Obama hat zwar immer von &bdquo;wir&ldquo; gesprochen, doch der Eindruck musste entstehen, als ob allein durch ihn die Erl&ouml;sung komme, f&uuml;r den Spiegel ist er gar schon der &bdquo;Weltpr&auml;sident&ldquo;:<\/p>\n<blockquote><p>Das ist der Augenblick, an dem wir den Globus f&uuml;r unsere Kinder retten m&uuml;ssen. Wir stehen f&uuml;r Menschenrechte in Birma, in Simbabwe. Wir werden niemals wieder zulassen, dass sich so etwas wiederholt wie in Darfur. Wir sind gegen Folter und f&uuml;r Rechtsstaatlichkeit. Wir wollen f&uuml;r alle die gleichen Chancen schaffen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder:<\/p>\n<blockquote><p>Wir sind Menschen mit unwahrscheinlicher Hoffnung. Lasst uns mit einem Blick auf die Zukunft, mit Zuversicht in unseren Herzen uns an diese Geschichte erinnern, dem Schicksal antworten und die Welt wieder erneuern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Oder die Schlusskadenz: <\/p>\n<blockquote><p>Menschen von Berlin, das ist unsere Zeit. Die Hoffnungen sind gr&ouml;&szlig;er als alles, was uns trennt. Berliner und Weltb&uuml;rger, die Herausforderungen sind immens, und der Weg wird lang sein. Wir werden f&uuml;r die Freiheit k&auml;mpfen. Wir stellen uns dem Schicksal. Danke Berlin. Gott segne Sie.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich kann zwar verstehen, dass ein Pr&auml;sidentschaftskandidat Hoffnungen auf sich lenken muss &ndash; zumal weil der Senator aus Illinois politisch ein weitgehend unbeschriebenes Blatt ist -, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als schl&uuml;pfe Obama in die Rolle eines charismatischen Erweckungspredigers, der die Amerikaner, ja die Menschheit mit seiner Predigt bekehren und die Welt erneuern will.<\/p>\n<p>Von seiner Biografie her ist es sicher nicht der evangelikale Einfluss wie bei George W. Bush. Ist es aber wirklich der &bdquo;Dream&ldquo; eines Martin Luther Kings? Oder ist es einfach die Flucht aus der konkreten Politik &ndash; und damit aber auch eine Flucht aus der M&uuml;hsal der Ebene? Oder noch schlimmer, ist es nur ein Sammelsurium an banalen Floskeln, die an Sehns&uuml;chte der Menschen ankn&uuml;pfen, um sie zu verf&uuml;hren?\n<\/p><\/li>\n<li>Man darf von einer halbst&uuml;ndigen Rede vor einem Massenpublikum kein differenziertes politisches Programm erwarten. Nur, viel anderes als vage Hoffnungen hat Obama nie verbreitet, und auch in seinen Interviews wurde er nur selten konkret &ndash; und wenn, dann kamen schon vielfach Sachpositionen zum Vorschein, die so gar nicht seinem Weltverbesserungsimage entsprechen.\n<p>Obama sprach von der &bdquo;Verteidigung der Freiheit in der Welt&ldquo;: <\/p>\n<blockquote><p>Wenn es uns mit der Nato gelungen ist, die Sowjetunion in die Knie zu zwingen, dann k&ouml;nnen wir auch eine neue und weltweite Partnerschaft aufbauen, um die Netzwerke au&szlig;er Gefecht zu setzen, die in Madrid und Amman zugeschlagen haben, in London und Bali, in Washington und New York.<\/p><\/blockquote>\n<p>In die Knie zwingen und au&szlig;er Gefecht setzen klingt ziemlich martialisch. War es wirklich die Nato, die die Sowjetunion in die Knie gezwungen hat? Warum ist bei der Bek&auml;mpfung des Terrorismus an erster Stelle das westliche Milit&auml;rb&uuml;ndnis gefragt, und warum sind es nicht  &ndash; zumindest auch &ndash; friedensstiftende Ma&szlig;nahmen der Vereinten Nationen? Warum sind nicht auch die Weltbank und der Weltw&auml;hrungsfonds gefordert? Hei&szlig;t das nun Wandel durch Verst&auml;ndigung und Entwicklung oder gibt es nur die milit&auml;rische Antwort &ndash; Gewalt gegen Gewalt also?<\/p>\n<blockquote><p>\n&bdquo;Wir haben immer wieder gesagt, dass wir die Arbeit teilen m&uuml;ssen. Wir brauchen in Afghanistan die Truppen der Europ&auml;er&hellip;Es steht im Moment zu viel auf dem Spiel, um sich jetzt aus Afghanistan zur&uuml;ckzuziehen. Wir m&uuml;ssen bei unserer Entschlossenheit bleiben, die Taliban zu bek&auml;mpfen. Niemand hei&szlig;t den Krieg willkommen. Ich sehe die enormen Schwierigkeiten in Afghanistan. Aber mein Land und Ihres haben ein gemeinsames Interesse daran, dass die erste Mission der Nato au&szlig;erhalb ihrer Grenzen zum Erfolg wird. Amerika schafft das nicht allein. Das afghanische Volk braucht unsere Truppen und Ihre Truppen.&rdquo;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer hat eigentlich gerade die Nato nach Afghanistan gerufen? Wo bleibt der Hinweis auf das V&ouml;lkerrecht? Warum fordert er nur noch mehr Truppen, und was ist mit dem zivilisatorischen Aufbau Afghanistans? <\/p>\n<blockquote><p>Wir m&uuml;ssen den Frieden der Welt anstreben ohne Atomwaffen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Warum sind aber nur die Atomwaffen im Iran eine Bedrohung f&uuml;r den Frieden?<\/p>\n<blockquote><p>Europa und die USA m&uuml;ssen gemeinsam Iran dazu bringen, von seinen Nuklearpl&auml;nen Abstand zu nehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p> Keine Rede davon, dass auch die Nuklearm&auml;chte Anstrengungen zur (verbalen und milit&auml;rischen) atomaren Abr&uuml;stung machen m&uuml;ssten.<\/p>\n<p>Fragen &uuml;ber Fragen also und keine Antworten, und schon gar keine konkreten Ank&uuml;ndigungen &uuml;ber eine andere Politik. Obama lebt vom &bdquo;wind of change&ldquo; und von den Hoffnungen der Menschen auf eine bessere Welt. Auch in Berlin hat er mit diesen Hoffnungen gespielt; ob er die Hoffnungen auch tr&auml;gt oder ob er nur ein charismatischer Prediger oder gar nur ein rhetorisch begabter Volksverf&uuml;hrer ist, bleibt weiter offen. <\/p>\n<p>Bei mir hat er keine gro&szlig;en Hoffnungen erwecken k&ouml;nnen, denn das einzige, was er konkret von Deutschland und Europa gefordert hat, war gr&ouml;&szlig;eres Engagement im Irak und mehr Truppen in Afghanistan. Das hat auch schon George W. Bush verlangt. Der Unterschied lag nur im Ton. <\/p>\n<p>Obama spricht Tr&auml;ume und Sehns&uuml;chte der Menschen an, auch in Deutschland. Der Zuschauerandrang in Berlin zeigt, dass es offenbar ein Bed&uuml;rfnis vieler Menschen gibt ihre Hoffnungen auf Personen zu projizieren, ob die Projektionsfl&auml;chen nun die Fu&szlig;ballnationalmannschaft, der Papst oder eben Obama abgeben. Der Jubel f&uuml;r Obama beweist, dass viele Menschen noch die Hoffnung auf einen Wechsel, auf eine bessere Welt nicht aufgegeben haben. Die Begeisterung zeigt aber auch, wie leicht sich die Menschen durch geschickte Rhetorik und durch charismatische F&uuml;hrer verf&uuml;hren lassen. Und das macht gerade in Deutschland auch Angst.\n<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zu 200.000 Menschen sollen auf der Berliner Fan-Meile dem demokratischen Pr&auml;sidentschaftskandidaten der USA auf seiner Wahlkampftournee rund um die Welt zugejubelt haben. Barack Obama spricht Tr&auml;ume und Sehns&uuml;chte der Menschen an, und man kann gerade nach der achtj&auml;hrigen Pr&auml;sidentschaft von George W. Bush verstehen, dass sie Hoffnungen auf Obama setzen. An den wenigen Stellen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3355\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[198,11,190],"tags":[351,368,641,466,366,291],"class_list":["post-3355","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-einzelne-politiker-personen-der-zeitgeschichte","category-strategien-der-meinungsmache","category-wahlen","tag-afghanistan","tag-bush-george-w","tag-irak","tag-nato","tag-obama-barack","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3355","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3355"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3355\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28775,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3355\/revisions\/28775"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3355"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3355"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3355"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}