{"id":33559,"date":"2016-05-27T09:11:05","date_gmt":"2016-05-27T07:11:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33559"},"modified":"2019-07-09T11:49:06","modified_gmt":"2019-07-09T09:49:06","slug":"was-ist-denn-bei-ihnen-im-land-eigentlich-los","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33559","title":{"rendered":"\u201eWas ist denn bei Ihnen im Land eigentlich los?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche war ich einer von &uuml;ber 700.000 &Ouml;sterreichern, die ihre Stimme zur Wahl des Bundespr&auml;sidenten per Wahlkarte abgaben. Ich w&auml;hlte Alexander Van der Bellen &ndash; allerdings weniger aus &Uuml;berzeugung, sondern einfach um den rechtsradikalen Norbert Hofer zu verhindern. Van der Bellen konnte die Wahl gewinnen und ist nun der designierte Bundespr&auml;sident &Ouml;sterreichs. Ob damit allerdings tats&auml;chlich das &Uuml;bel verhindert wurde, ist eine andere Frage. Von <strong>Emran Feroz<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Was ist denn bei Ihnen im Land eigentlich los?&ldquo;, meinte die Postbeamtin, als ich meine Wahlkarte abholte. Wie gewohnt, hatte ich den Postboten verschlafen und musste zum n&auml;chsten Postamt eilen, um zu w&auml;hlen. Als Auslands&ouml;sterreicher habe ich die Wahlen zwar stets verfolgt und daran teilgenommen, f&uuml;hlte mich allerdings noch nie so unter Druck gesetzt wie bei diesem Mal. Vielen meiner Freunde und Verwandten ging es &auml;hnlich, sp&auml;testens nachdem klar wurde, dass Norbert Hofer &ndash; der Kandidat der FP&Ouml; &ndash; den ersten Wahlgang f&uuml;r sich entschieden hatte.<\/p><p>&bdquo;Ziemlich schlimm, oder? Deshalb muss ich jetzt schnell w&auml;hlen&ldquo;, entgegnete ich der Postbeamtin. Sie l&auml;chelte. Dass sie sich bald wom&ouml;glich fragen k&ouml;nnte, was in Deutschland los sei, verkniff ich mir. Immerhin gibt es wie in vielen anderen europ&auml;ischen Staaten auch hier eine rechte Partei, die sich im Aufschwung befindet und tagt&auml;glich immer mehr Sympathisanten f&uuml;r sich gewinnt. Wie dem auch sei, so schlimm die AfD f&uuml;r viele sein mag, an eine FP&Ouml; kommt sie meines Erachtens nach noch lange nicht heran. <\/p><p>Mit harmlosem Rechtspopulismus hat die Freiheitliche Partei &Ouml;sterreichs n&auml;mlich schon lange nichts mehr am Hut. Da gibt es etwa einen Parteichef, der eine pr&auml;gnante Neonazi-Vergangenheit hat, w&auml;hrend er von seiner Zukunft als Bundeskanzler schw&auml;rmt. Unter der F&uuml;hrung Heinz-Christian Straches hat die Partei in den letzten Jahren einen extrem rechten Kurs eingenommen, sich f&uuml;r deutschnationale Burschenschaften ge&ouml;ffnet und pflegt einschl&auml;gige Kontakte zur Neonazi-Szene. Obwohl diese Dinge in den letzten Monaten immer mehr in den Hintergrund gerieten, hat sich an ihnen nichts ge&auml;ndert. <\/p><p><strong>Faschist im b&uuml;rgerlichen Gewand<\/strong> <\/p><p>Warum sie in den Hintergrund gerieten, hat jedoch einen Grund: Norbert Hofer. Der in Rhetorik ge&uuml;bte Politiker pr&auml;sentiert sich als b&uuml;rgerlicher Saubermann, als netter Nachbar von nebenan, der stets rational handle und lediglich das Beste f&uuml;r sein Land wolle. Damit war Hofer, Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft, die die &ouml;sterreichische Nation ablehnt und dessen ideologischer Ziehvater behauptet, unter Adolf Hitler sei nicht alles schlecht gewesen, mehr als erfolgreich. Den ersten Wahlgang entschied er deutlich f&uuml;r sich. Viele Menschen, auch ich, blickten bereits pessimistisch in die Zukunft und freundeten sich mit dem Gedanken an, dass ein rechtsradikaler Politiker der n&auml;chste Bundespr&auml;sident sein wird. Wohlgemerkt, mit solch einem Gedanken kann man sich eigentlich gar nicht anfreunden, wenn man sich der Sache wirklich bewusst ist. <\/p><p>Nichtsdestotrotz war dieser Rechtsradikale gleich zwei Mal erfolgreich. Immerhin konnte Van der Bellen die Stichwahl nur knapp &ndash; &bdquo;arschknapp&ldquo;, wie er es selbst bezeichnete &ndash;  f&uuml;r sich entscheiden. Au&szlig;erdem munkelt man mittlerweile, dass Hofer Strache bald abl&ouml;sen k&ouml;nnte. Die H&auml;lfte der W&auml;hler hat sich f&uuml;r ihn entschieden. W&auml;re sein Parteichef angetreten, w&auml;re das wohl kaum passiert.<\/p><p>Wie konnte es dazu kommen? Warum haben sich so viele W&auml;hler f&uuml;r eine derartig Hass s&auml;ende Partei wie die FP&Ouml; entschieden? Es gibt viele Gr&uuml;nde. Einer von ihnen ist vor allem jener, dass niemand es w&auml;hrend des Wahlkampfes gewagt hat, die Rechtsextremisten als Rechtsextremisten zu bezeichnen. Man zog es vor, von der Nazi-Keule Abstand zu nehmen. Doch was passiert eigentlich, wenn man mit einer Nazi-Keule auf einen Nazi schwingt? Im Grunde genommen gar nichts. Man nennt die Sache nur beim Namen. Doch die etablierten Parteien einschlie&szlig;lich eines Van der Bellens schreckten davor zur&uuml;ck &ndash; und machten die FP&Ouml; dadurch nur noch salonf&auml;higer. <\/p><p><strong>Auch Van der Bellen ist Teil des Problems<\/strong> <\/p><p>Alexander Van der Bellen hat &uuml;brigens so einiges getan, was irritierend wirkte. Der Ex-Gr&uuml;ne Politiker wollte einen Spagat hinlegen, um m&ouml;glichst viele verschiedene W&auml;hler anzusprechen. Dies ist nachvollziehbar, kann sich allerdings auch kontraproduktiv auswirken &ndash; etwa wenn man manche Dinge betreffend keinen klaren Standpunkt findet, zum Beispiel bei TTIP. Mal war Van der Bellen eher daf&uuml;r, mal eher dagegen. R&uuml;ckblickend kann man feststellen, dass er, der auch viele Linke hinter sich gesammelt hat, ein Unterst&uuml;tzer des umstrittenen Handelsabkommens ist. <\/p><p>F&uuml;r Hofer und die FP&Ouml; kam Van der Bellens unentschlossene Haltung wie gerufen. Die Partei warb mit einem klaren Nein gegen TTIP, verlangte unter anderem eine Volksabstimmung und tut dies auch weiterhin. Dass ausgerechnet ein derartig klassisch-linkes Thema, mit dem man eindeutig h&auml;tte punkten k&ouml;nnen, von den Rechten ausgeschlachtet wurde, ist ein Tiefpunkt der &ouml;sterreichischen Linken. Zu diesen geh&ouml;rt Alexander Van der Bellen jedoch ohnehin nicht. W&auml;hrend des Wahlkampfes mutierte er immer mehr zu einem b&uuml;rgerlichen Systempolitiker. Und auch wenn es f&uuml;r manche Menschen nicht einfach ist, das einzugestehen: Auch Van der Bellen geh&ouml;rt mittlerweile jenem politischen Establishment an, welches den Erfolg der FP&Ouml; seit Jahren sch&uuml;rt, indem sie von einer Gro&szlig;en Koalition in die n&auml;chste springt und haupts&auml;chlich zum Interessenvertreter von Banken und Konzern geworden ist. <\/p><p>Wohl gemerkt, auch die FP&Ouml; steht nicht f&uuml;r den kleinen Mann oder f&uuml;r die kleine Frau. Ein Blick in ihr Wahlprogramm macht das mehr als deutlich. Sie wei&szlig; nur, wie sie sich geschickt als eine solche Partei verkaufen kann. Zum gleichen Zeitpunkt existiert in &Ouml;sterreich keine linke Alternative, die dem etwas entgegensetzen k&ouml;nnte. Die kleinen, linken Fragmente, die haupts&auml;chlich von den Gr&uuml;nen aufgefangen wurden, sind kaum ernstzunehmend &ndash; und so wird es wohl auch weiterhin bleiben. <\/p><p><strong>Man wird per se abgelehnt<\/strong> <\/p><p>Zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt ist es sicherlich gut, dass an &Ouml;sterreichs Spitze kein rechtsradikaler Mann steht, dessen Partei seit Jahren menschenverachtende Ansichten verbreitet und gegen Fl&uuml;chtlinge, Migranten und Muslime hetzt. Vor allem Menschen wie ich, die ausl&auml;ndische Wurzeln haben, f&uuml;hlen sich ein wenig in Sicherheit gewogen. Dennoch empfindet man es als problematisch, dass so viele &Ouml;sterreicher auf &bdquo;ein wenig F&uuml;hrer&ldquo; aus sind. Anders kann die gegenw&auml;rtige politische Situation n&auml;mlich gar nicht wahrgenommen werden. <\/p><p>Deshalb f&auml;llt es vielen Migranten im Land auch schwer, das FP&Ouml;-Klientel in einer gewissen Art und Weise zu verstehen oder gar anzuerkennen. Nat&uuml;rlich haben die etablierten Parteien in vielerlei Hinsicht versagt. Nat&uuml;rlich sind auch die W&auml;hler der FP&Ouml; letztendlich nur als Getriebene des neoliberalen Systems, welches auf Ausbeutung und Ungerechtigkeit aufgebaut ist, zu betrachten. Doch ist das schon Grund genug, einer extrem rassistischen und menschenverachtenden Weltanschauung zuzustimmen? Im Gegensatz zu den meisten anderen &Ouml;sterreichern haben Migranten n&auml;mlich kaum die Gelegenheit, einen FP&Ouml;-W&auml;hler umzustimmen. Meistens ist dieser n&auml;mlich schon &ndash; und hier spreche ich aus eigener Erfahrung &ndash; von der Erscheinung vor ihm, sprich, der dunklen Haut, den schwarzen Haaren oder dem fremd klingenden Namen, abgeschreckt. <\/p><p>Einfach gesagt: Den Luxus, auf ein Bier oder einen Kaffee mit einem FP&Ouml;-Unterst&uuml;tzer zu gehen, k&ouml;nnen sich viele Migranten, die auch als solche schnell wahrgenommen werden, nicht leisten. Sie werden per se abgelehnt &ndash; und das ist ein Problem, welches mir und vielen anderen Menschen aus guten Gr&uuml;nden Angst macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche war ich einer von &uuml;ber 700.000 &Ouml;sterreichern, die ihre Stimme zur Wahl des Bundespr&auml;sidenten per Wahlkarte abgaben. Ich w&auml;hlte Alexander Van der Bellen &ndash; allerdings weniger aus &Uuml;berzeugung, sondern einfach um den rechtsradikalen Norbert Hofer zu verhindern. Van der Bellen konnte die Wahl gewinnen und ist nun der designierte Bundespr&auml;sident &Ouml;sterreichs. 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