{"id":33598,"date":"2016-05-31T09:10:23","date_gmt":"2016-05-31T07:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33598"},"modified":"2016-05-31T09:26:05","modified_gmt":"2016-05-31T07:26:05","slug":"wie-obama-den-westen-verlor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33598","title":{"rendered":"Wie Obama den Westen verlor"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160531_hinrichs.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Es war h&ouml;chste Zeit, dass ein amerikanischer Pr&auml;sident den Opfern von Hiroshima seinen Respekt erweist. Die ebenso &uuml;berf&auml;llige Entschuldigung war dagegen nicht drin. Neben japanischen Empfindlichkeiten liegt das am tiefsitzenden Zwiespalt der westlichen Staaten gegen&uuml;ber der Atombombe. Einerseits w&uuml;nschen sie sich in ferner Zukunft eine &bdquo;Welt ohne Atomwaffen&ldquo;. Andererseits sind Atombomben f&uuml;r die NATO-Milit&auml;rstrategen nicht wegzudenken. Dagegen rebelliert jetzt der Rest der Welt: 127 Staaten wollen Atomwaffen einfach verbieten. Deutschland ger&auml;t zwischen die Fronten. Von <strong>Martin Hinrichs<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33598#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Amerika strebt den Frieden und die Sicherheit einer Welt ohne Atomwaffen an&ldquo; &ndash; f&uuml;r dieses Versprechen bekam Barack Obama 2009 den Friedensnobelpreis.  Zum Ende seiner Amtszeit kann er zwar den Iran-Deal f&uuml;r sich verbuchen, die Abr&uuml;stung der 15.000 bestehenden Sprengk&ouml;pfe ist aber steckengeblieben. Noch schlimmer: ein neues Wettr&uuml;sten ist im Gange. <a href=\"http:\/\/www.reachingcriticalwill.org\/resources\/publications-and-research\/publications\/9724-assuring-destruction-forever-2015-edition\">&Uuml;ber eine Billion Dollar<\/a> (das entspricht grob dem britischen Staatshaushalt) wollen die neun Atomm&auml;chte in ihre Nuklearwaffen investieren. Erst vor zwei Wochen nahm die NATO ihre Raketenabwehr in Rum&auml;nien in Betrieb. Und in der Ukraine-Krise <a href=\"http:\/\/www.politico.eu\/article\/nato-putin-russia-nuclear-weapons-ukraine-war\/\">drohte<\/a> Putin sogar mit einem Atomschlag.<\/p><p>W&auml;hrend sich die Atomm&auml;chte also wieder von der atomwaffenfreien Welt entfernen, hat unter dem Radar der Schlagzeilen, in den verstaubten Abr&uuml;stungsgremien der UN, der Aufstand begonnen. Und das ist ungewollt auch Barack Obamas Verdienst. Denn in seiner Vision von 2009 sah damals eine kleine Gruppe atomwaffenfreier Staaten die Chance, den Abr&uuml;stungsstillstand in der UN zu durchbrechen. Mit Unterst&uuml;tzung des Roten Kreuzes und der <a href=\"http:\/\/www.icanw.de\/\">Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN)<\/a> starteten sie die <em>Humanit&auml;re Initiative<\/em>. Sie begann als Auseinandersetzung mit den schrecklichen Folgen, die jeder Kernwaffeneinsatz f&uuml;r die Zivilbev&ouml;lkerung hat. Weil sich diese Folgen aber mit den geltenden Schranken des Krieges kaum vers&ouml;hnen lassen, ist aus der <a href=\"http:\/\/www.icanw.de\/action\/das-bevorstehende-atomwaffenverbot\/\">Humanit&auml;ren Initiative<\/a> eine politische Bewegung geworden &ndash; mit dem Ziel, Atomwaffen v&ouml;lkerrechtlich zu &auml;chten.<\/p><p>Im Gegensatz zu biologischen und chemischen Waffen gibt es bei Atomwaffen n&auml;mlich keinen Vertrag, der den Besitz generell verbietet. Diese rechtliche L&uuml;cke wollen die &ldquo;nuklearen Habenichtse&rdquo; jetzt schlie&szlig;en. Dazu haben sich 127 Staaten in einer <a href=\"http:\/\/www.atomwaffena-z.info\/glossar\/h\/h-texte\/artikel\/5736cf308b\/humanitarian-pledge.html\">gemeinsamen Erkl&auml;rung<\/a> verpflichtet, die von &Ouml;sterreichs Au&szlig;enminister Sebastian Kurz ausging.<\/p><p>Zum ersten Mal liegt nukleare Abr&uuml;stung damit nicht mehr nur in den H&auml;nden der &bdquo;Gro&szlig;en&ldquo;. Die meisten der 127 Staaten sind Entwicklungsl&auml;nder. Sie d&uuml;rfen laut dem Atomwaffensperrvertrag gar keine Atomwaffen besitzen. Aber durch Unterst&uuml;tzung der &Auml;chtung sagen sie: wir wollen es auch nicht. Nicht weil ihr &bdquo;Gro&szlig;en&ldquo; es uns verbietet. Sondern weil wir diese Waffe ablehnen. Weil jeder Atomwaffeneinsatz ein menschenwidriges Verbrechen w&auml;re. Und weil schon der Besitz die Bereitschaft zum Einsatz mit einschlie&szlig;t. Die Mitgliedschaft im nuklearen Club w&auml;re dann kein exklusives Privileg mehr, das von besonderem Status, von Macht und Verantwortung zeugt. Sondern ein Stigma: Zeichen einer fahrl&auml;ssigen, ja barbarischen Denkweise. Auf der Leiter der Zivilisation w&auml;ren die Ersten die Letzten geworden. &bdquo;Die Demokratie ist in die Abr&uuml;stung eingekehrt!&ldquo;, so formulierte es die UN-Botschafterin Costa Ricas.<\/p><p>Zun&auml;chst sah es danach aus, als w&uuml;rde die Humanit&auml;re Initiative bei den westlichen Staaten Geh&ouml;r finden. Die Schweiz, &Ouml;sterreich, Neuseeland, sogar das NATO-Mitglied Norwegen waren unter ihren st&auml;rksten Unterst&uuml;tzern und viele ihrer Nachbarn zeigten sich zumindest offen. Doch als der erste Enthusiasmus von Obamas Prager Rede verflogen war und eine neue Antagonit&auml;t mit Russland ausbrach, die schlie&szlig;lich in die Ukrainekrise m&uuml;ndete, wurde der Ruf nach Abschreckung wieder laut. Au&szlig;enminister Westerwelle versuchte noch, die Atomwaffen aus Deutschland abziehen zu lassen, wie es der Bundestag 2010 einstimmig beschlossen hatte. Aber bei der NATO biss er damit auf Granit. Frank-Walter Steinmeier hat es dann gar nicht erst versucht. Als Putin die Krim an sich riss, wurde der Konsensdruck in der NATO so gro&szlig;, dass jeder Kratzer am nuklearen Status Quo ein Sakrileg gehei&szlig;en h&auml;tte.<\/p><p>So haben sich heute &ndash; bei bescheidenen Vorverhandlungen in Genf, die keine Gefahr laufen, das internationale Gleichgewicht aus den Angeln zu heben &ndash; fast alle NATO-Staaten auf die Seite der Atomm&auml;chte geschlagen. Die Diskussionen in der laufenden <em>Arbeitsgruppe Nukleare Abr&uuml;stung<\/em> erinnern an einen Generationenkonflikt, einen Streit zwischen Eltern und Kindern, die sich nicht mehr verstehen. Auf der einen Seite die Protagonisten der Humanit&auml;ren Initiative, die die Drohung des nuklearen Armageddons nicht l&auml;nger akzeptieren wollen. Die nicht nachvollziehen k&ouml;nnen, wie man angesichts der gemeinsamen Aufgaben der Weltgemeinschaft im 21. Jahrhundert noch auf eine Waffe gegenseitiger Vernichtung setzen kann. Und auf der anderen Seite die Mitglieder nuklearer B&uuml;ndnisse, die die &bdquo;Rolle von Atomwaffen f&uuml;r die internationale Sicherheit&ldquo; mit Z&auml;hnen und Klauen verteidigen. Bemerkenswert etwa ein <a href=\"http:\/\/www.reachingcriticalwill.org\/images\/documents\/Disarmament-fora\/OEWG\/2016\/Statements\/12May_Poland.pdf\">Statement von Polen<\/a>, das der Botschafter, man merkt es an der Rechtschreibung, offenbar in aufgew&uuml;hltem Zustand verfasst hat:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;I could pose the questions &ndash; how many of us have neighbours openly exercising nuclear attack on your capitals? concentrating the big military forces on your borders without any warning? [&hellip;] I&rsquo;ve heard very often that our situation is unjustly privileged because we rely on nuclear deterrence capability of our allies. Having in mind what I already said about our constant threat and strategic reality. Do you really think we are privileged? Really?&ldquo;<\/p>\n<p>&bdquo;Ich k&ouml;nnte fragen &ndash; wie viele von Ihnen haben Nachbarn, die offen einen atomaren Angriff auf Ihre Hauptstadt proben? Gro&szlig;e Streitkr&auml;fte ohne Warnung an Ihren Grenzen platzieren? [&hellip;] Ich habe sehr oft geh&ouml;rt, dass unsere Situation ungerecht privilegiert ist, weil wir uns auf die nukleare Abschreckungsf&auml;higkeit unserer Verb&uuml;ndeten verlassen. Wenn Sie bedenken, was ich gesagt habe &uuml;ber unsere st&auml;ndige Bedrohung und strategische Realit&auml;t. Denken Sie wirklich wir sind privilegiert? Wirklich?&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Ohne Atomwaffen, meint der Botschafter, steht Polen eine Invasion Russlands bevor. Auch der deutsche Abr&uuml;stungsbotschafter Biontino schien solche Bef&uuml;rchtungen zu teilen: Man k&ouml;nne Atomwaffen nicht einfach nur nach ihren humanit&auml;ren Konsequenzen bewerten, mahnte er. Sondern man m&uuml;sse auch die Rolle ber&uuml;cksichtigen, die sie f&uuml;r die Abschreckung spielen. Weil sie f&uuml;r unsere Sicherheit nach wie vor unerl&auml;sslich seien, k&ouml;nne sich Deutschland der Verbotsforderung nicht anschlie&szlig;en.<\/p><p>Es ist immer das gleiche Ritual. Am Hiroshima-Jahrestag im August gedenkt man der Opfer, <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/obama-hiroshima-113.html\">amtierende<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/ein-aufruf-europaeischer-staatsmaenner-nukleare-abruestung-ist-zentral-1581162.html\">nicht mehr amtierende<\/a> Staatsm&auml;nner mahnen zur Abr&uuml;stung. Aber wenn es tats&auml;chlich um Abr&uuml;stung geht, weht pl&ouml;tzlich wieder der eisige Wind des Kalten Krieges durch den Raum. Haben wir seit der Kubakrise wirklich nichts gelernt? Ist es so schwierig, sich internationale Sicherheit ohne Atomwaffen vorzustellen? Die meisten L&auml;nder sind mit dem Verzicht auf Nuklearwaffen schlie&szlig;lich gut gefahren.<\/p><p>F&uuml;r das Verbot haben die Schwellenl&auml;nder Mexiko, Indonesien und Brasilien jetzt einen konkreten Termin auf den Tisch gelegt. Schon f&uuml;r 2017 soll die UN-Generalversammlung eine offizielle Konferenz zur Verhandlung des Verbotsvertrags einberufen. Daf&uuml;r reicht die einfache Mehrheit &ndash; mit 127 Unterst&uuml;tzern locker zu schaffen. Den Staaten des Westens, die das noch verhindern wollen, will man <a href=\"http:\/\/bobdylan.com\/songs\/times-they-are-changin\/\">zurufen<\/a>:<\/p><blockquote><p>\nEure Kinder stehen nicht mehr in eurer Gewalt.<br>\nEuer alter Weg wird immer &auml;lter.<br>\nMacht den neuen frei, wenn ihr nicht helfen k&ouml;nnt!<br>\nDenn die Zeit ist dabei, sich zu &auml;ndern.<br>\n&ndash; Bob Dylan, <em>The Times They Are A-Changing<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Obamas Vision, die er jetzt wieder eloquent bekr&auml;ftigte, k&ouml;nnte am Ende nicht an Russland scheitern oder Nordkorea. Sondern an Deutschland. Denn wenn Frank-Walter Steinmeier nicht endlich klar Stellung bezieht: dass die &Auml;chtung von Atomwaffen kein Widerspruch zur Mitgliedschaft in der NATO ist, die sich schlie&szlig;lich auch der Welt ohne Atomwaffen verschrieben hat. Oder zum Atomwaffensperrvertrag, in dem sich schlie&szlig;lich auch die Atomm&auml;chte verpflichtet haben, bald komplett abzur&uuml;sten. Sondern eine Chance, gemeinsam vom Abgrund einen Schritt zur&uuml;ckzutreten. Wenn er das nicht tut, dann macht er sich f&uuml;r das neue Wettr&uuml;sten mitverantwortlich.<\/p><p>Wenn er sich aber endlich auf die richtige Seite der Geschichte stellt &ndash;  dann, ja dann w&uuml;rden auch die anderen Z&ouml;gerer des Westens mitziehen. Und die Atomm&auml;chte st&uuml;nden alleine da.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Martin Hinrichs<\/strong> ist Campaigner bei <a href=\"http:\/\/www.icanw.de\/\">ICAN<\/a>, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Er hat in Genf und Potsdam Politik und Verwaltung studiert.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin: 0 0 15px 15px;\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160531_hinrichs.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Es war h&ouml;chste Zeit, dass ein amerikanischer Pr&auml;sident den Opfern von Hiroshima seinen Respekt erweist. Die ebenso &uuml;berf&auml;llige Entschuldigung war dagegen nicht drin. Neben japanischen Empfindlichkeiten liegt das am tiefsitzenden Zwiespalt der westlichen Staaten gegen&uuml;ber der Atombombe. Einerseits w&uuml;nschen sie sich in ferner Zukunft<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33598\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[172,170],"tags":[1572,1519,1268,466,367,366,799,259,252,1703],"class_list":["post-33598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufruestung","category-friedenspolitik","tag-abruestung","tag-atomwaffen","tag-kalter-krieg","tag-nato","tag-nobelpreis","tag-obama-barack","tag-polen","tag-russland","tag-steinmeier-frank-walter","tag-voelkerrecht"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33598"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33600,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33598\/revisions\/33600"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}