{"id":33647,"date":"2016-06-03T13:07:10","date_gmt":"2016-06-03T11:07:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33647"},"modified":"2016-06-04T12:15:24","modified_gmt":"2016-06-04T10:15:24","slug":"zur-krise-der-europaeischen-union-eine-dokumentation-von-peter-munkelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33647","title":{"rendered":"Zur Krise Der Europ\u00e4ischen Union  \u2013 Eine Dokumentation von Peter Munkelt"},"content":{"rendered":"<p>Leitmedien samt Boulevard-Presse richten Berichterstattung und Kommentierung zunehmend nach Kriterien des Sportjournalismus aus. Wer setzt sich durch, wer siegt. Aufkl&auml;rende Untersuchungen zu den Ursachen von Entwicklungen und Konstellationen, mit Recherche-Aufwand, sind rar geworden. Meinung schreibt sich flotter, entspricht zudem den breit angelegten Talkshows im Fernsehen.<br>\nAlso lieber mit Schlagzeilen wie Grexit, Brexit, EU-Rausschmiss Ungarns und Polens aufmachen, als zu analysieren, warum es &uuml;berhaupt zu solchen Entwicklungen kontra Europ&auml;ische Integration kommen konnte.<br>\n<!--more--><br>\nDie folgende kommentierte Dokumentation untersucht an mehreren Beispielen mit Argumenten und Zitaten die Ursachen von R&uuml;ckschl&auml;gen und Fehlentwicklungen in Europa. Der Verfasser hat fast vier Jahrzehnte lang die Politische Dokumentation des SPD-Parteivorstandes in Bonn und Berlin geleitet. &nbsp;<\/p><p>Peter Munkelt<\/p><p><strong>Zur Krise der Europ&auml;ischen Union:<br>\nNationalstaatliche Renaissance kontra europ&auml;ische Integration und Solidarit&auml;t?<\/strong><\/p><p>Nach zwei verheerenden Weltkriegen, nach millionenfachen Vertreibungen, nach faschistischen und kommunistischen Diktaturen war die gesellschaftliche und politische Entwicklung so weit fortgeschritten, Europa endlich als gemeinsames Projekt zu begreifen und zu organisieren, zun&auml;chst wirtschaftspolitisch mit der Gr&uuml;ndung der Europ&auml;ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1957, w&auml;hrungspolitisch mit der Entwicklung eines Europ&auml;ischen W&auml;hrungssystems (EWS) ab Ende 1978, schlie&szlig;lich politisch mit der Gr&uuml;ndung der Europ&auml;ischen Union (EU) 1992.<\/p><p>Nach dem Zusammenbruch der &ouml;stlichen Hegemonialmacht musste sich Europa als politische Ordnungsmacht zudem nicht l&auml;nger nahezu auf die Regionen des Herrschaftsbereichs von Kaiser Karl dem Gro&szlig;en begrenzen. Politisch geeintes und geografisches Europa entwickelten sich fortschreitend deckungsgleicher. Diskutiert wurde, ob die EU Staatenbund bleiben oder sich als Bundesstaat konstituieren sollte.<\/p><p>Den erreichten Stand der europ&auml;ischen Integration wirbeln seit Ende des letzten Jahrzehnts jedoch Krisen gleich in Serie kr&auml;ftig durcheinander. Mindestens Stillstand droht, sogar R&uuml;ckschl&auml;ge k&ouml;nnen nicht mehr ausgeschlossen werden. Das Gespenst der Renationalisierung geht um.<\/p><p><strong>&bdquo;Schuldenkrise&ldquo;<\/strong><\/p><p>So sieht sich die EU seit 2007\/2008 mit der sogenannten Finanzkrise konfrontiert. Eine anfangs auf die USA begrenzte Immobilienkrise weitete sich zur Bankenkrise aus. Der Handel der Geldinstitute untereinander schrumpfte gegen Null. Unternehmen und die Wirtschaft insgesamt litten unter der knappen Liquidit&auml;t. Die Konjunktur brach weltweit ein. Um &bdquo;systemrelevante&ldquo; Banken (Too big to fail) vor dem Konkurs zu retten, pumpten Regierungen hohe Summen in Rettungsprogramme, mit der Folge steigender Staatsverschuldung. Im politischen und medialen Diskurs gelang es jedoch, die Krise der Banken fr&uuml;hzeitig zur Finanz- und Eurokrise umzudeuten und Staaten wegen ihrer Verschuldung an den Pranger zu stellen:<\/p><blockquote><p>Krise. Die gr&ouml;&szlig;ten Schuldenstaaten. Immer mehr Staaten stecken im Schuldensumpf.<br>\n(WirtschaftsWoche, wiwo.de, 22.11.2011)<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Schuldenkrise&ldquo; und &bdquo;Staatsschuldenkrise&ldquo; beherrschen als dominierende Begriffe inzwischen die &ouml;ffentliche Diskussion.<\/p><p>Solche Etikettierung korrespondiert mit der Interessenlage vor allem eines Mitgliedsstaates der EU, wirtschaftlich und politisch in eine f&uuml;hrende Rolle hinein gewachsen: Von den Krisen anderer Staaten wusste Deutschland erheblich zu profitieren. Zur angeblichen Krisenbew&auml;ltigung konnten Instrumente durchgesetzt werden, die sch&auml;rfste Restriktionen f&uuml;r die krisengesch&uuml;ttelten L&auml;nder vor allem im S&uuml;den Europas bedeuten, der deutschen Volkswirtschaft und den &ouml;ffentlichen Kassen des Bundes und der Bundesl&auml;nder aber erhebliche Vorteile brachten und weiterhin bringen. <\/p><p>Deutschlands Wirtschaft boomte beim Export, mit weiteren Konsequenzen f&uuml;r die Staaten, die sich verschulden mussten:<\/p><blockquote><p>Deutschland steht angesichts seiner starken Exportausrichtung immer wieder in der Kritik. Die EU-Kommission stuft Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent im Verh&auml;ltnis zum Bruttoinlandsprodukt als stabilit&auml;tsgef&auml;hrdend ein. Da Deutschland seit Jahren &uuml;ber dieser Grenze liegt, wurde die Bundesregierung im M&auml;rz 2014 von Br&uuml;ssel ger&uuml;gt. Gleichzeitig wird ihr empfohlen, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland zu st&auml;rken. Auch das US-Finanzministerium prangerte die &Uuml;bersch&uuml;sse wiederholt als Risiko f&uuml;r die weltweite Finanzstabilit&auml;t an, da L&auml;nder mit hohen &Uuml;bersch&uuml;ssen solchen gegen&uuml;ber st&uuml;nden, die ihre Importe &uuml;ber Schulden finanzieren m&uuml;ssten.<br>\n&Ouml;konomen sehen die Investitionsschw&auml;che der deutschen Wirtschaft als Kernproblem des Ungleichgewichts.<br>\n(Spiegel Online, 2.2.2015)<\/p><\/blockquote><p>Die Finanzminister in Deutschland konnten teure Kredite gegen Kredite mit niedrigen Zinss&auml;tzen umschulden: <\/p><blockquote><p>Deutschland profitiert von Eurokrise<br>\nDer ausgeglichene Haushalt in Deutschland ist zu einem gro&szlig;en Teil auf Zinseinsparungen aufgrund der Schuldenkrise zur&uuml;ckzuf&uuml;hren. Berechnungen des Leibniz-Instituts f&uuml;r Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zeigen, dass sich aus der Krise zwischen 2010 und heute Einsparungen f&uuml;r den deutschen Haushalt von rund 100 Milliarden Euro (mehr als 3% des Bruttosozialprodukts, BIP) ergaben&ldquo;<br>\n(Pressemitteilung des Instituts, 10.8.2015)<\/p><\/blockquote><p>Institutionell ist w&auml;hrend der Eurokrise<\/p><blockquote><p>ein beachtliches europ&auml;isches Regelwerk (Fiskalpakt, Europ&auml;ischer Stabilisierungsmechanismus) au&szlig;erhalb des EU-Vertrags entstanden, das wesentlich von Deutschland gesteuert wurde (&hellip;) deutsche Macht (hat) partiell europ&auml;isches Recht ersetzt (&hellip;)<br>\nEine politische Union, die gemeinsam getragene und politisch legitimierte Entscheidungen produziert, sieht anders aus.<br>\n(Ulrike Gu&eacute;rot: Von Normalit&auml;t &uuml;ber &Uuml;bermacht zur Ohnmacht? Betrachtungen zur deutschen Rolle in Europa, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 52\/2015, 21. Dez., S. 17-22, hier S. 19 und 21)<\/p><\/blockquote><p>Hebel f&uuml;r solche Durchsetzungsmacht war die fortschreitende Aufwertung des 1992 geschaffenen Europ&auml;ischen Rates, zu Lasten gemeinschaftlicher Institutionen und kodifizierter Regeln der EU. <\/p><blockquote><p>Mittlerweile gehen alle wegweisenden europapolitischen Entscheidungen ausschlie&szlig;lich aus den Treffen der Staats- und Regierungschefs im Europ&auml;ischen Rat hervor. (&hellip;)<br>\nBegr&uuml;ndet wird diese Ausdehnung exekutiver Handlungsvollmacht mit dem Entscheidungsdruck in Krisenzeiten. Es muss rasch gehandelt und entschieden werden, und das bewerkstelligen kleine Exekutivspitzen besser als debattierende Parlamente (&hellip;) Die gegenw&auml;rtig zu beobachtende Machtentfaltung der Exekutivspitzen entfernt sich bedenklich weit von dieser Idee der Volkssouver&auml;nit&auml;t.<br>\n(Emanuel Richter: Alle Staatsgewalt ging vom Volke aus, In Zeiten der Krise verkommt die EU zu einem undemokratischen System von Gro&szlig;m&auml;chten, IPG, Internationale Politik und Gesellschaft, 18.4.2016)<\/p><\/blockquote><p>Weitere Alleing&auml;nge und von Deutschland dominierte Entscheidungen:<\/p><p><strong>Fl&uuml;chtlingspolitik<\/strong><\/p><p>Aktuell vor allem aus Syrien, weiterhin aus Afghanistan und dem Irak fl&uuml;chten Millionen Menschen vor Hunger und Tod durch Krieg und Verfolgung. Die UNO-Fl&uuml;chtlingshilfe UNHCR sch&auml;tzt die Zahl auf weltweit mehr als 60 Millionen. Aus Syrien flohen die meisten in die T&uuml;rkei (rund 3 Mio.), in den Libanon (&uuml;ber 1 Mio.), nach Jordanien (gesch&auml;tzt 630.000 bis 1,4 Mio.). Die wenigsten konnten sich weiter auf den Weg nach Europa machen, &uuml;ber das Mittelmeer, mit zahlreichen Todesopfern, oder &uuml;ber die Balkanstaaten.<\/p><p>Die EU hat im Dubliner &Uuml;bereinkommen, seit 1997 in Kraft, vereinbart, welcher Staat f&uuml;r die Bearbeitung eines Asylantrags zust&auml;ndig ist, n&auml;mlich in der Regel derjenige, in dem Asylbewerber zuerst ankommen, also durchweg die Staaten an den Au&szlig;engrenzen der EU.<br>\nDie Bundeskanzlerin entschied im September 2015 im Alleingang, dieses Verfahren<br>\nauszusetzen und Fl&uuml;chtende direkt nach Deutschland einreisen zu lassen. Merkel auf ihrer j&auml;hrlichen Sommerpressekonferenz am 31.8.2015 in Berlin: &bdquo;Wir schaffen das.&ldquo; Bis zu 1 Mio. Fl&uuml;chtende nahmen die Bundeskanzlerin beim Wort. Bald jedoch pochte die Bundesregierung auf eine Aufteilung innerhalb der EU. Besonders Polen geriet in die Kritik, weil die Regierung dort sich weigerte, f&uuml;r die Folgen der bundesdeutschen Entscheidung in Haftung genommen zu werden.<\/p><p>Dank der Dublin-Regel hatte Deutschland vorher kaum Fl&uuml;chtlinge aufnehmen m&uuml;ssen, es sei denn, diese kamen mit dem Flugzeug direkt an. Die Hauptlasten hatten L&auml;nder wie Griechenland und Italien zu tragen, zus&auml;tzlich zu den Belastungen durch die &bdquo;Schuldenkrise&ldquo;.<\/p><blockquote><p>Und die Bundesregierung hat immer wieder das Hilfeersuchen von Griechenland und Italien abgewehrt.<br>\n(Gesine Schwan: &bdquo;Die EU hat sich immer zu sehr an den wirtschaftlichen Interessen der Deutschen orientiert&ldquo;, Interview mit EurActic.de, 16.2.2016)<\/p><\/blockquote><p>Nach Merkels Entscheidung reagierten immer mehr Staaten der EU mit der Einf&uuml;hrung von Grenzkontrollen. Die mit dem Abkommen von Schengen, seit 1995 in Kraft, erreichte Freiz&uuml;gigkeit innerhalb der Gemeinschaft wurde somit aufgehoben. Dadurch wird auch die Wirtschaft, letztlich der Verbraucher, mit steigenden Kosten belastet, verursacht durch Wartezeiten f&uuml;r Lkw an den Grenzen sowie durch ausgeweitete Vorratshaltung in Firmenlagern.<\/p><blockquote><p>F&uuml;r die gesamte EU errechneten die Experten Einbu&szlig;en bis 2025 von 470 Milliarden bis 1,4 Billionen Euro (&hellip;) Auch au&szlig;erhalb Europas bei den gro&szlig;en Handelspartnern USA und China w&uuml;rden neue Grenzen in Europa zu Milliardenverlusten f&uuml;hren.<br>\n(Untersuchung der Bertelsmann Stiftung, S&uuml;ddeutsche Zeitung, 23.2.2016)<\/p><\/blockquote><p><strong>Ukraine-Konflikt<\/strong><\/p><p>Hauptakteure bei der Eind&auml;mmung dieses Konflikts waren Deutschland und Frankreich, unter deren Federf&uuml;hrung mit Russland und der Ukraine Abkommen in Minsk und in der Normandie ausgehandelt werden konnten.<br>\nObwohl seit 1991 zwischen Deutschland, Frankreich und Polen besonders enge Konsultationen und Abstimmungen vereinbart sind (&bdquo;Weimarer Dreieck&ldquo;), blieb Polen in den Verhandlungen au&szlig;en vor, trotz unmittelbarer Nachbarschaft zur Konfliktregion, aus der viele nach Polen fl&uuml;chteten.<br>\nAuch die EU-Au&szlig;enbeauftrage wurde nicht einbezogen.<\/p><p><strong>Energiepolitik<\/strong> <\/p><p>Die deutsche &bdquo;Energiewende&ldquo; im Juni 2011, von Bundeskanzlerin Merkel nach der Atomreaktorkatastrophe in Fukushima ausgerufen, war ebenfalls mit keinem Partnerstaat in der EU, geschweige denn mit der EU als Institution abgesprochen worden. <\/p><blockquote><p>Regenerative Energien produzieren in Deutschland an besonders sonnigen oder windigen Tagen mehr Strom, als das deutsche Stromnetz bew&auml;ltigen kann. Um einen Blackout zu verhindern, leitet Deutschland die &Uuml;bersch&uuml;sse deshalb ins benachbarte Ausland um. Doch Tschechien, Polen, Belgien, Frankreich und die Niederlande wollen nicht l&auml;nger den Preis f&uuml;r die deutsche Energiepolitik zahlen und reagieren mit Strom-Blockaden.<br>\n(Deutsche Wirtschafts Nachrichten, 6.8.2015)<\/p><\/blockquote><p>Bei den Pipelineprojekten Northstream und Northstream II zwischen Deutschland und Russland werden nicht allein Polens Interessen ignoriert.<\/p><blockquote><p>Nord Stream 2 widerspreche den strategischen Zielen der Energieunion, auf die sich die EU k&uuml;rzlich verst&auml;ndigt hat. Eines der wichtigsten Ziele ist es, m&ouml;glichst verschiedene Energiequellen anzuzapfen. Die L&auml;nder der Union sollen vor allem von russischem Gas unabh&auml;ngig werden.<br>\n(Alice Bota, Matthias Krupa, Michael Thumann: Die Rohrbombe, Nord Stream 2: Deutschland h&auml;lt an der umstrittenen Gaspipeline mit Russland fest &ndash; und ver&auml;rgert damit den Rest Europas, Die Zeit, Nr. 6, 4.2.2016)<\/p><\/blockquote><p><strong>Soziale und politische Auswirkungen des &bdquo;Fiskalpakts&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die sozialen und politischen Verwerfungen als Folgen nationaler Interessenpolitik sind verheerend. Die EU, zur &bdquo;Stabilit&auml;tszone&ldquo; deklariert, wird von Millionen Europ&auml;ern vor allem im S&uuml;den und Osten zunehmend als Bedrohung f&uuml;r ertr&auml;gliche Lebensbedingungen erlebt. Die Arbeitslosigkeit hat gewaltige H&ouml;hen erreicht, noch dramatischer ist die Jugendarbeitslosigkeit angestiegen: Griechenland 24\/ 51,9 %, Spanien 20,4\/ 45,5 %, Portugal 12,1\/ 30,7 %, Italien 11,4\/ 36,7 %, Polen 6,8\/ 19,5 % (Quelle: statista, letzte Angaben f&uuml;r M&auml;rz 2016).<\/p><p>Sozialleistungen wie Renten und L&ouml;hne wurden gek&uuml;rzt. Staatsverm&ouml;gen wird durch Privatisierungen verscherbelt. Ein Beispiel: In Griechenland bekam die Fraport AG, Betreibergesellschaft des Flughafens Frankfurt am Main, f&uuml;r 40 Jahre die Rechte an 14 gut im Gesch&auml;ft stehenden griechischen Flugh&auml;fen zum Schn&auml;ppchenpreis von 1,23 Mrd. Euro plus einer j&auml;hrlichen Geb&uuml;hr von 23 Mio. &euro;. Die &uuml;brigen 30 Flugh&auml;fen, die ohne Gewinne subventioniert werden m&uuml;ssen, verbleiben beim griechischen Staat. Zum Vergleich: Der unfertige Flughafen in Berlin, einst f&uuml;r November 2011 terminiert, kostet bis jetzt 5,4 Mrd. &euro;.<\/p><p><strong>Reaktionen bei Wahlen<\/strong><\/p><p>Politisch bef&ouml;rdern Unzufriedenheit und Verarmung der Bev&ouml;lkerungen populistische Gruppierungen und Parteien, die bei Wahlen sogar auf Anhieb in Parlamente und in Regierungen einziehen k&ouml;nnen.<\/p><blockquote><p>Viele Kommentatoren &ndash; auch viele &Ouml;konomen &ndash; bringen den Aufstieg des Populismus mit den Folgen der Finanzkrise von 2008 in Verbindung. Da ist durchaus etwas dran. In den USA, und mehr noch in Europa waren die wirtschaftlichen und sozialen Kosten der Krise gewaltig. Einkommen in der Gr&ouml;&szlig;enordnung des Bruttoinlandsprodukts eines Jahres oder mehr wurden vernichtet. 2014 waren in den Industriel&auml;ndern immer noch zw&ouml;lf Millionen mehr Menschen arbeitslos als 2007. Trotzdem wurden nur wenige, die in den 2000er Jahren Entscheidungen trafen, f&uuml;r ihr Versagen zur Verantwortung gezogen. Da es keinen offensichtlichen B&ouml;sewicht gibt und nicht mal einen S&uuml;ndenbock, geben die B&uuml;rger verst&auml;ndlicherweise den Politikern die Schuld.<br>\n(Jean Pisani-Ferry: Wurzeln des Populismus, Die Erosion der unteren Mittelschicht hat die Glaubw&uuml;rdigkeit der etablierten Politik unterminiert, S&uuml;ddeutsche Zeitung, 2.2.2016)<\/p><\/blockquote><p>Nicht allein populistischen bis rechtsextremistischen Gruppierungen gelingt es, die Blicke von Politikversagern doch wieder mal auf &bdquo;S&uuml;ndenb&ouml;cke&ldquo; abzulenken: <\/p><blockquote><p>Hass und Hetze gegen Fl&uuml;chtlinge<br>\n&bdquo;Was will man auch vom Gesindel erwarten?&ldquo;: Auf vielen Facebook-Seiten werden offen Vorurteile gegen Fl&uuml;chtlinge gesch&uuml;rt. Wer sich dagegen wehrt, ger&auml;t selbst in die Schusslinie,<br>\n(Handelsblatt, 17.8.2015)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>Hetze gegen Fl&uuml;chtlinge<br>\nParolen im Internet h&auml;ufig unter Klarnamen<br>\n(Frankfurter Allgemeine, FAZ.NET, 1.12.2015)<\/p><\/blockquote><p>Durch stetig geschwundene Wahlbeteiligung (K&uuml;ndigung durch den B&uuml;rger, Frankfurter Allgemeine, 28.12.2015) sind die H&uuml;rden f&uuml;r Wahlerfolge anfangs kleinerer Parteien nicht mehr allzu hoch.<br>\nSo lag die Wahlbeteiligung in Polen bei der Parlamentswahl im Oktober 2015 gerade mal bei 50,9 %, bei der Pr&auml;sidentschaftswahl im Mai 2015 im ersten Wahlgang bei 48,96 %, im zweiten bei 55,34 %. Bei der Parlamentswahl in Griechenland im September wurde eine Beteiligung von nur 56,57 % erreicht. <\/p><p>Andererseits war bei den Landtagswahlen in Deutschland im Fr&uuml;hjahr 2016 zu sehen, dass es einer &bdquo;Protestpartei&ldquo; gelingen kann, W&auml;hler f&uuml;r sich zu mobilisieren, die zuvor nicht (mehr) zur Wahl gegangen sind, resignierend oder aus sonstigen Gr&uuml;nden nicht. <\/p><p>Dagegen wird die politische Linke bei Wahlen zunehmend marginalisiert. W&auml;hler, verunsichert, mit Abstiegs&auml;ngsten und existenziellen Sorgen, auch wegen angestiegener Zuwanderung, erkennen offensichtlich dort keine &uuml;berzeugenden Angebote (mehr). Zudem werden &uuml;ber die Medien zwar Positionierungen der Linken gegen die Parolen aus dem rechten Spektrum kommuniziert, deutlich weniger dagegen deren Alternativen und Angebote f&uuml;r soziale und finanzielle Verbesserungen. Erschwerend kommt hinzu, dass das linke Lager aufgespalten und zerstritten ist.<br>\nEine vergleichbare Entwicklung bei den Rechten, zumindest in Deutschland, l&auml;sst doch wieder hoffen.<\/p><p><strong>Nationalstaatliche Gegenma&szlig;nahmen<\/strong><\/p><p>Zu den Wahlerfolgen trugen nicht zuletzt Wahlversprechen bei, mit denen Verbesserungen f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung zugesagt wurden. Im polnischen Wahlkampf k&uuml;ndigte die Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) an, nach ihrer Regierungs&uuml;bernahme Kindergeld und Mindestlohn einzuf&uuml;hren, das Renteneintrittsalter wieder abzusenken sowie den Steuerfreibetrag zu erh&ouml;hen.<\/p><p>Analysen zu den Wahlen in Polen kommen zu dem Schluss, dass der Wahlerfolg der PiS nicht zuletzt in der prek&auml;ren finanziellen und sozialen Situation breiter Bev&ouml;lkerungsschichten begr&uuml;ndet ist. <\/p><blockquote><p>PiS verdankt ihren Erfolg vor allem dem Aufbegehren der jungen Generation, dem Unmut der sozial Schwachen und dem besonders in den l&auml;ndlichen Regionen Polens weit verbreiteten Hass auf die selbstherrlichen politischen und wirtschaftlichen Eliten in den St&auml;dten. Der Mythos der Transformation von 1989 und deren Helden ist verblasst.<br>\n(Reinhold Vetter: Analyse: Von Kaczy&#324;skis Gnaden\/ Die neue nationalkonservative Regierung, Polen-Analysen, Nr. 173, 1.2.2015, S. 2-8)<\/p><\/blockquote><blockquote><p>In der Tat geht es Polen makro&ouml;konomisch gut. Das Wachstum liegt bei &uuml;ber drei Prozent. Die Arbeitslosenquote liegt bei unter zehn Prozent, Das Problem ist, dass viele Polen das Gef&uuml;hl haben, nicht an diesem Erfolg teilzunehmen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist mit 20 Prozent sehr hoch, gerade die jungen M&auml;nner scheinen hier empf&auml;nglich f&uuml;r nationalistische T&ouml;ne der PiS. Das fr&uuml;here Renteneintrittsalter wiederum spricht &auml;ltere W&auml;hler an.<br>\n(Roland Feicht: &bdquo;Abstrafung des liberalen Establishments&ldquo;, &uuml;ber den Rechtsruck bei den Parlamentswahlen in Polen, IPG, Internationale Politik und Gesellschaft, 26.10.2015)<\/p><\/blockquote><p>Wenn eine demokratisch gew&auml;hlte Regierung darangeht, ihre Wahlversprechen sozialer Verbesserungen, aus denen schlie&szlig;lich ihr Wahlsieg resultiert, in die Tat umzusetzen, sieht sie sich erheblichem Druck ausgesetzt: durch massive Interventionsversuche von au&szlig;en. Durchweg erlebten das linksorientierte Regierungen, so in Griechenland, Spanien, Portugal, um nur Beispiele in Europa zu nennen. Aktuell ergeht es der neuen polnischen Regierung kaum besser.<\/p><p>Zur Finanzierung versprochener Sozialleistungen wurde eine sanfte Steuererh&ouml;hung f&uuml;r Banken, Versicherungen und gro&szlig;e Einzelhandelsketten beschlossen.<\/p><p>Die Reaktionen der &bdquo;Finanzm&auml;rkte&ldquo; und der Handelsketten erfolgten dennoch vehement: <\/p><blockquote><p>Besonders bitter st&ouml;&szlig;t den Investoren die Steuer f&uuml;r Banken und Versicherungen auf, welche die einheimischen Geldh&auml;user ab Februar zus&auml;tzlich zu zahlen haben. Die Regierung erhofft sich dadurch Mehreinnahmen von insgesamt 4,4 Milliarden Zloty &ndash; also etwas mehr als eine Milliarde Euro. Die Unternehmen sollen ein Summe entrichten, die 0,44 Prozent des j&auml;hrlichen Wertes ihrer Verm&ouml;genswerte entspricht. Die PiS will damit ihre teuren Wahlversprechen finanzieren.<br>\n(Sebastian Becker: Kaczy&#324;ski l&auml;sst die Finanzm&auml;rkte zittern, Spiegel Online, 5.1.2016)<\/p><\/blockquote><p>Ungestraft provoziert man die &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; nicht:<\/p><blockquote><p>Ratingagentur Standard &amp; Poor&rsquo;s stuft Polens Kreditw&uuml;rdigkeit herab<br>\n(stern.de, 16.1.2016)<\/p><\/blockquote><p>Die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) kennt den Fluchtweg:<\/p><blockquote><p>Das Vorhaben k&ouml;nnte dazu f&uuml;hren, dass die Geldh&auml;user ihre Portfolios zugunsten von riskanteren Anlageklassen umbauen oder Gesch&auml;fte ins Ausland verlagern, warnten die europ&auml;ischen W&auml;hrungsh&uuml;ter am Dienstag. Die EZB riet dem osteurop&auml;ischen Land, eine umfangreiche Analyse &uuml;ber die Auswirkungen zu erstellen. Sollte die Steuer in der gegenw&auml;rtigen Form in Kraft treten, w&auml;re sie ein Anreiz f&uuml;r die Kreditinstitute, ihre Bilanzsummen zu reduzieren, argumentiert die Zentralbank. Damit w&uuml;rden sich die Steuerverpflichtungen der Geldh&auml;user verringern.<br>\n(Deutsche Wirtschafts Nachrichten, 13.1.2016)<\/p><\/blockquote><p>Wer die soziale Lage der Bev&ouml;lkerung verbessern will, wird eingekreist und mit Gegenma&szlig;nahmen bedroht. Auch gegen&uuml;ber Polen tauchten schon Forderungen auf, den Geldhahn der EU zuzudrehen.<\/p><p>Solange die politischen und &ouml;konomischen Eliten Europas nach den Interessenlagen der &bdquo;M&auml;rkte&ldquo; agieren, bleibt es nicht verwunderlich, wenn immer wieder nationalstaatliche Gegenwehr versucht wird. Massiver Einsatz von Medienmacht sowie massiver Druck der Geldgeber haben bisher Ausbruchsversuche aus der Fremdbestimmung scheitern lassen. So konnte zuletzt Griechenland wieder &bdquo;auf Linie&ldquo; gebracht werden, mit schmerzhaften Folgen f&uuml;r gro&szlig;e Teile der Bev&ouml;lkerung.<\/p><p>Polens Regierung will Au&szlig;endruck mit ihrer Politik nationaler Selbstbehauptung entgegentreten, vor allem gegen&uuml;ber Deutschland als benachbarter Hegemonialmacht:<\/p><blockquote><p>Der Blick der PiS und ihrer Vertreter auf Deutschland ist gepr&auml;gt von abgrundtiefer Skepsis, manifesten Dominanzbef&uuml;rchtungen und dem Wunsch, sich aus vermeintlicher Umklammerung durch den westlichen Nachbarn oder gar durch ein &bdquo;deutsch-russisches Kondominium&ldquo; (Jaroslaw Kaczy&#324;ski) zu befreien. (&hellip;) Sie ist der Ansicht, die Investition in die deutsch-polnischen Beziehungen habe sich nicht ausgezahlt. Daher m&ouml;chte sie mit der angeblich &bdquo;servilen&ldquo; Politik der &bdquo;Bu&szlig;etuns und Bittstellens&ldquo; ihrer Vorg&auml;nger brechen. Die PiS will Deutschlands Einfluss ausbalancieren und zur&uuml;ckdr&auml;ngen.<br>\n(Kai-Olaf Lang: Misstrauen und Zusammenarbeit, Warschaus Blick auf Deutschland und Folgen f&uuml;r die deutsch-polnischen Beziehungen, SWP-aktuell, Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut f&uuml;r Internationale Politik und Sicherheit, Nr. 13, M&auml;rz 2016, S. 1-2)<\/p><\/blockquote><p><strong>Lehren aus der deutschen Geschichte<\/strong><\/p><p>&bdquo;Alternativlos&ldquo;, ein beliebter Standpunkt von Bundeskanzlerin Merkel, war die Entscheidung f&uuml;r einen &bdquo;Fiskalpakt&ldquo;, vorrangig im Eigeninteresse Deutschlands, keineswegs, zumal gerade Deutschland einem Gegenmodell den Wiederaufstieg aus den Tr&uuml;mmern des Krieges verdankt.<\/p><p>Statt jedoch<\/p><blockquote><p>verschuldeten Volkswirtschaften einen Wachstumsweg aus der Rezession zu erm&ouml;glichen und damit ihre Schuldenlast zu reduzieren (&hellip;) weigerte sich Deutschland beharrlich, einen solchen keynesianischen Ansatz zu verfolgen. Stattdessen bestand es auf Austerit&auml;t in der Eurozone, was es der Peripherie erschwerte, die eigene Wirtschaft in Gang zu bringen, und die Krise versch&auml;rfte. So etwas wie einen Marshallplan gab es f&uuml;r die verschuldeten L&auml;nder Europas jedenfalls nicht.<br>\n(Hans Kundnani, Ulrike Gu&eacute;rot, Alister Miskimmon: Deutschland in Europa. Drei Perspektiven, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 52\/2015, 21. Dez., S. 12-17, hier S. 13\/14)<\/p><\/blockquote><p>Der Marshallplan der USA von 1948 bis 1952 f&uuml;r das im Krieg zerst&ouml;rte Westeuropa initiierte vor allem in der Bundesrepublik Deutschland einen lange anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung (&bdquo;Deutsches Wirtschaftswunder&ldquo;).<br>\nNicht zuletzt dank amerikanischer Hilfe mit positiven &ouml;konomischen Auswirkungen, die auch sozialen Fortschritt erm&ouml;glichten (so Dynamische Rente und Lohnfortzahlung bei Krankheit seit 1957), hat sich die Bundesrepublik Deutschland zu einer stabilen Demokratie entwickelt. Stets hohe Wahlbeteiligung war nicht der einzige Indikator.<\/p><blockquote><p>Doch statt wie die USA die eigene Macht klug einzusetzen, hat Deutschland seit Beginn der Krise statt Anreize zu setzen Druckmittel benutzt und statt langfristiger Ziele kurzfristige Interessen verfolgt.<br>\n(Kundnani u.a. S. 13)<\/p><\/blockquote><p>Mit den<\/p><blockquote><p>von der Bundesregierung dogmatisch verteidigten Regeln des &sbquo;Fiskalpakts&lsquo; (&hellip;) die seit Jahren die wirtschaftliche Entwicklung in vielen L&auml;ndern Europas hemmen, soziales wie auch &ouml;konomisches Unheil vor allem in S&uuml;deuropa anrichten<\/p><\/blockquote><p>werden<\/p><blockquote><p>zunehmend Zweifel an der demokratischen Legitimit&auml;t demokratischer Entscheidungen<\/p><\/blockquote><p>geweckt.<\/p><p>Ankn&uuml;pfend an das erfolgreiche historische Modell zum Aufbau Westeuropas nach dem Weltkrieg muss dieser negativen Entwicklung gegensteuert werden, endlich mit einem<\/p><blockquote><p>Beitrag zu einer europ&auml;ischen Investitionsinitiative (&hellip;)<br>\nAngesichts der niedrigen Zinsen ist die Finanzierung &ouml;ffentlicher Investitionen f&uuml;r den Staat g&uuml;nstig wie noch nie.<br>\n(Gesine Schwan, Hans-J&uuml;rgen Urban: Das Fl&uuml;chtlingsdrama: Ein Appell zum Umsteuern, Gastbeitrag in der Frankfurter Rundschau, 14.4.2016)<\/p><\/blockquote><p>Selbst der Internationale W&auml;hrungsfonds, Griechenland gegen&uuml;ber deutlich anders positioniert, kennt diese Alternative: <\/p><blockquote><p>Der IWF schaut sich drei sehr konkrete Reformen an &ndash; einen Ausbau der Kita-Betreuung und der Ganztagsschulen, eine Ausgabensenkung f&uuml;r Geringverdiener und einer Liberalisierung des Dienstleistungssektors (Anmerkung: Liberalisierung bedeutet von Einschr&auml;nkungen, Regeln befreien, wenigstens da bleibt der IWF sich treu) &ndash; und modelliert die makro&ouml;konomischen Folgen (und als wolle er [Bundesfinanzminister] Sch&auml;uble eins auswischen, bezeichnet er alle drei Reformen als Strukturreformen, die Deutschland ja bekanntlich von anderen einfordert).<\/p>\n<p>Die Quintessenz des Papiers: Wenn der Staat t&uuml;chtig Geld in die Hand nehmen w&uuml;rde, um kreditfinanziert die Abgaben zu senken und die Betreuung auszubauen, dann w&uuml;rde das die Wirtschaft sp&uuml;rbar ankurbeln. Und noch besser: Mittelfristig finanzieren sich die Ma&szlig;nahmen &uuml;ber mehr Wachstum und h&ouml;heres Steueraufkommen selbst. Man kann also &ndash; h&ouml;rt, h&ouml;rt &ndash; tats&auml;chlich Schulden mit Schulden bek&auml;mpfen.<br>\nZeit Online, 26.4.2016, zum IMF Working Paper, Tom Krebs, Martin Scheffel: Structural Reform in Germany, WP 16\/96, April 2016<\/p><\/blockquote><p><strong>Europa vor der Entscheidung: Ausbau endlich auch zur Sozialunion<\/strong><\/p><p>Wenn sich Europa weiterhin der Hegemonie der Austerit&auml;tspolitik neoliberaler Pr&auml;gung unterordnet, kann sich die Situation gef&auml;hrlich versch&auml;rfen.<br>\nDer amerikanische &Ouml;konom Paul Krugman erinnert an ein historisches Beispiel: die rigiden Sparma&szlig;nahmen mit K&uuml;rzungen staatlicher Leistungen und Lohnsenkungen unter dem deutschen Reichskanzler Heinrich Br&uuml;ning Anfang der 1930er Jahre<br>\n(That &lsquo;30s Feeling, New York Times, 17.6.2010). Die verheerenden &ouml;konomischen Folgen bis zu Massenarbeitslosigkeit mobilisierten und radikalisierten Opfer solcher &bdquo;Sparpolitik&ldquo;, was die Nationalsozialisten unter Hitler schlie&szlig;lich zur Macht&uuml;bernahme auszunutzen wussten. <\/p><p>Vergleichbare Entwicklungen und Konstellationen k&ouml;nnen erfolgreich nur verhindert werden, wenn der N&auml;hrboden hierf&uuml;r nicht weiter ged&uuml;ngt, stattdessen ausgehungert wird. <\/p><p>In der sogenannten Ukraine-Krise wurde oft davor gewarnt, nicht erneut wie &bdquo;Schlafwandler&ldquo; in einen neuen gro&szlig;en Krieg zu schlittern, angeblich der Weg in den Ersten Weltkrieg. Die unmittelbare Kriegsgefahr innerhalb Europas hat sich nach der Ukraine-Krise durch den Krieg in Syrien mit Kooperationszwang bei der Bek&auml;mpfung islamistischen Terrors inzwischen zwar geographisch entfernt. Die Folgen schlagen aber mit Scharen von Fl&uuml;chtenden, aber auch als terroristische Bedrohung in Metropolen Europas, auf unseren Kontinent zur&uuml;ck. In der starken Zuwanderung sehen viele B&uuml;rger, selbst mit existenziellen Problemen konfrontiert, Konkurrenz bei den Arbeitspl&auml;tzen, den Wohnungen, Sozialleistungen, L&ouml;hnen. Sogenannte Rechtspopulisten verstehen es erneut, von solchen N&ouml;ten und &Auml;ngsten zu profitieren. <\/p><p>Verbale Abgrenzung dagegen allein wird solche Parolen zus&auml;tzlich verbreiten, nicht jedoch die Ursachen f&uuml;r ansteigenden Zuspruch des Protestpotentials in der W&auml;hlerschaft abmildern oder sogar beseitigen.<\/p><p>Europa ist gefordert, auch diese Herausforderungen gemeinsam zu bew&auml;ltigen, statt in l&auml;ngst &uuml;berwunden geglaubte Nationalstaaterei zur&uuml;ckzufallen. <\/p><p>Nach Wirtschaftsgemeinschaft, W&auml;hrungsunion und Europ&auml;ischer Union zur politischen Einigung muss Europa endlich auch als Sozialunion organisiert werden: <\/p><blockquote><p>Dem europ&auml;ischen Haus fehlt das soziale und solidarische Fundament.<br>\n(Gesine Schwan, Hans-J&uuml;rgen Urban)<\/p><\/blockquote><p><em>Erscheint in &bdquo;Krakowskie Studia Miedzynarodowe\/Krakow International Studies&ldquo;, 2016, Ver&ouml;ffentlichung vom Verlag genehmigt<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><strong>Funktionen der zitierten Autorinnen und Autoren<\/strong><\/p><p><strong>Becker, Sebastian:<\/strong> Wirtschafts- und Politikjournalist, schreibt u.a. f&uuml;r die B&ouml;rsenzeitung, das Stahlmagazin und f&uuml;r polnische Medien<\/p><p><strong>Bota, Alice:<\/strong> Auslandskorrespondentin im Moskauer B&uuml;ro der ZEIT<\/p><p><strong>Feicht, Roland:<\/strong> Leiter der Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen<\/p><p><strong>Gu&eacute;rot, Ulrike:<\/strong> Gr&uuml;nderin und Direktorin des European Democracy Lab an der European School of Governance (eusg), Berlin, lehrt an der Europa-Universit&auml;t Viadrina in Frankfurt (Oder)<\/p><p><strong>Krebs, Tom:<\/strong> Professor, Lehrstuhl f&uuml;r Volkswirtschaftslehre\/Makro&ouml;konomik, Universit&auml;t Mannheim<\/p><p><strong>Krugman, Paul:<\/strong> Professor f&uuml;r Volkswirtschaftslehre an der Princeton University, Centenary Professor an der London School of Economics, Tr&auml;ger des Alfred-Nobel-Ged&auml;chtnispreises f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften 2008<\/p><p><strong>Krupa, Matthias:<\/strong> Br&uuml;ssel-Korrespondent der ZEIT<\/p><p><strong>Kundnani, Hans:<\/strong> Senior Transatlantic Fellow, German Marshall Fund of the USA, Berlin<\/p><p><strong>Lang, Kai-Olaf:<\/strong> Senior Fellow in der Forschungsgruppe EU\/Europa der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin<\/p><p><strong>Miskimmon, Alister:<\/strong> Head of Department and International Relations, Centre of European Politics, Royal Holloway, University of London<\/p><p><strong>Pisani-Ferry, Jean:<\/strong> Professor an der Hertie School of Governance in Berlin und Generaldirektor von France Strat&eacute;gie in Paris<\/p><p><strong>Richter, Emanuel:<\/strong> Professor f&uuml;r Politikwissenschaft an der Rheinisch-Westf&auml;lischen Technischen Hochschule Aachen<\/p><p><strong>Scheffel, Martin:<\/strong> Junior-Professor, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakult&auml;t der Universit&auml;t K&ouml;ln<\/p><p><strong>Schwan, Gesine:<\/strong> Politikwissenschaftlerin, Pr&auml;sidentin und Mitgr&uuml;nderin der Humboldt-Viadrina Governance Platform, Berlin, 1999-2008 Pr&auml;sidentin der Europa-Universit&auml;t Viadrina in Frankfurt (Oder), 2005-2009 Koordinatorin der Bundesregierung f&uuml;r die Zusammenarbeit mit Polen<\/p><p><strong>Thumann, Michael:<\/strong> Au&szlig;enpolitischer Korrespondent in der Berliner Hauptstadtredaktion der ZEIT<\/p><p><strong>Urban, Hans-J&uuml;rgen:<\/strong> Gesch&auml;ftsf&uuml;hrendes Vorstandsmitglied der Industriegewerkschaft Metall<\/p><p><strong>Vetter, Reinhold:<\/strong> Ingenieur und Politikwissenschaftler, freier Publizist in Warschau und Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leitmedien samt Boulevard-Presse richten Berichterstattung und Kommentierung zunehmend nach Kriterien des Sportjournalismus aus. Wer setzt sich durch, wer siegt. Aufkl&auml;rende Untersuchungen zu den Ursachen von Entwicklungen und Konstellationen, mit Recherche-Aufwand, sind rar geworden. Meinung schreibt sich flotter, entspricht zudem den breit angelegten Talkshows im Fernsehen.<br \/> Also lieber mit Schlagzeilen wie Grexit, Brexit, EU-Rausschmiss Ungarns und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33647\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,139,22,41],"tags":[423,241,1559,672,1876,1247,1055,499,1426,299,1185,835,799,479,325,260,291,426],"class_list":["post-33647","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-medienanalyse","tag-austeritaetspolitik","tag-bankenrettung","tag-dublin-verordnung","tag-esmefsf","tag-europaeischer-rat","tag-fiskalpakt","tag-fluechtlinge","tag-handelsbilanz","tag-hegemonie","tag-konjunkturprogramme","tag-marktkonforme-demokratie","tag-nationalismus","tag-polen","tag-reservearmee","tag-staatsschulden","tag-ukraine","tag-verteilungsgerechtigkeit","tag-wahlbeteiligung"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33647","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33647"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33647\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33649,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33647\/revisions\/33649"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33647"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33647"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33647"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}