{"id":3367,"date":"2008-07-30T09:23:43","date_gmt":"2008-07-30T07:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3367"},"modified":"2015-11-15T16:20:27","modified_gmt":"2015-11-15T15:20:27","slug":"warum-sollte-man-mitglied-einer-fremdbestimmten-partei-sein-die-obendrein-kein-interesse-an-der-macht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3367","title":{"rendered":"Warum sollte man Mitglied einer fremdbestimmten Partei sein, die obendrein kein Interesse an der Macht hat?"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind auf den Nachdenkseiten schon auf den anhaltenden Mitgliederverlust der SPD eingegangen. Pers&ouml;nlich verfolge ich den Niedergang der SPD mit gro&szlig;em Bedauern, und doch verstehe ich jene, die ihr Parteibuch zur&uuml;ckgeben, gut. Der Niedergang hat etwas Groteskes an sich, denn die soziale und wirtschaftliche Lage unseres Landes w&uuml;rde sozialdemokratische Antworten verlangen. Und jede Partei, die diese Antworten gibt, wird Zustimmung erhalten. Zur Erl&auml;uterung erg&auml;nze ich die Analyse des Niedergangs.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Erstens: Warum soll man einer Partei angeh&ouml;ren, die keine Alternative ist?<\/strong><br>\nDer Unterschied zur Union ist bei den entscheidenden Fragen der Gestaltung von Wirtschaft und Gesellschaft gering, jedenfalls nicht umwerfend entscheidend: Beide gro&szlig;en politischen Gruppierungen stehen hinter den Reformen, beide sind unf&auml;hig und unwillig zu einer guten makro&ouml;konomischen Steuerung. Das konnte man jetzt gerade wieder beobachten, als Wirtschaftsminister Glos ein Konjunkturprogramm forderte und dieses in den einzelnen Elementen nur seine Klientel bedienen w&uuml;rde; die Bundeskanzlerin und der Bundesfinanzminister (SPD) sind eh dagegen. &ndash; Beide politischen Gruppierungen setzen zur L&ouml;sung internationaler Konflikte viel zu fr&uuml;h und viel zu sehr auf milit&auml;rische Instrumente. &ndash; F&uuml;r eine so blasse Alternative, wie es die SPD in ihrer Angepasstheit an den konservativen gro&szlig;en Strom der Meinungen darstellt, lohnt sich politisches Engagement und lohnen sich Mitgliedsbeitr&auml;ge nicht mehr.<\/p><p><strong>Zweitens: Warum soll man in eine Partei eintreten, die die Macht gar nicht will?<\/strong><br>\nDas war im Fr&uuml;hjahr 2008 erkennbar, als die rechten Kreise in der SPD die hessische Landesvorsitzende und Spitzenkandidatin Ypsilanti zwangen, die Kandidatur zur hessischen Ministerpr&auml;sidentin im Hessischen Landtag nicht zu wagen. Das gilt generell, wenn man sieht, wie sich die SPD durch ihre Verweigerung einer Koalition mit Gr&uuml;nen und der Linkspartei jeglicher alternativen Option enth&auml;lt. Zur Erl&auml;uterung siehe <a href=\"?p=3003\">hier<\/a>:<\/p><p>Und auch im konkreten Fall wird man als SPD-Mitglied vermutlich in den n&auml;chsten Wochen die gleiche Erfahrung noch einmal machen: der rechte Teil der SPD und unter dem Druck dieses Teils die gesamte SPD-F&uuml;hrung werden alles unternehmen, um Andrea Ypsilantis zweiten Versuch zu st&ouml;ren. Das wird im Zusammenspiel mit den Medien mit aller Macht versucht und realisiert werden. Wem diese Erfahrung mit den vers&auml;umten und zunichte gemachten Chancen, das Amt einer Ministerpr&auml;sidentin zu erobern, noch nicht reicht als Beleg, der\/die sollte sich die Einlassung des Bundesfinanzministers und stellvertretenden Vorsitzenden der SPD Steinbr&uuml;ck &uuml;ber seine Pr&auml;ferenz zur Fortf&uuml;hrung der gro&szlig;en Koalition zu Gem&uuml;te f&uuml;hren &ndash; siehe <a href=\"?p=3335\">hier<\/a>.<\/p><p>In einer Partei, die einigerma&szlig;en in Ordnung ist, h&auml;tte die &Auml;u&szlig;erung des stellvertretenden Vorsitzenden Steinbr&uuml;ck personelle Konsequenzen haben m&uuml;ssen. Wenn eine gro&szlig;e Partei den Respekt ihrer Mitglieder und der &Ouml;ffentlichkeit erhalten will, dann kann sie nicht zulassen, dass ihr Vizevorsitzender &ouml;ffentlich de facto erkl&auml;rt, bei der n&auml;chsten Wahl die politische F&uuml;hrung des Landes gar nicht anzustreben zu wollen. Kurt Beck h&auml;tte Peer Steinbr&uuml;ck zum R&uuml;cktritt auffordern m&uuml;ssen, der Parteivorstand der SPD h&auml;tte dazu einen Beschluss fassen m&uuml;ssen. Der faktische Rausschmiss eines solchen stellvertretenden Vorsitzenden h&auml;tte eine Selbstverst&auml;ndlichkeit sein m&uuml;ssen. Das Gegenteil geschieht. Die Gruppe Steinbr&uuml;ck, Steinmeier und die anderen Rechten gewinnen zusehends an Macht. Warum sollte man daf&uuml;r Mitglied werden? Oder bleiben?<\/p><p><strong>Drittens: Warum sollte man Mitglied einer Partei sein, deren entscheidendes Personal das Wohl und Wehe dieser Partei gar nicht mehr verfolgt, sondern nur noch das eigene?<\/strong><br>\nIch habe den Eindruck, dass wichtige F&uuml;hrungspersonen sehr wohl einerseits ihre Parteikarriere im Auge haben, andererseits aber sich &ndash; auch mit ihrer politischen Arbeit und oft zulasten der sozialdemokratischen Werte und Erfolge &ndash; f&uuml;r Jobs au&szlig;erhalb der SPD und nach getanem Zerst&ouml;rungswerk absichern. Wir kennen die F&auml;lle: Wolfgang Clement, Gerhard Schr&ouml;der, Martin Bury, Florian Gerster,  der ehemalige Staatssekret&auml;r Caio Koch-Weser (siehe Hinweis Nr. 6. <a href=\"?p=2414\">hier<\/a> ) Die k&uuml;nftigen F&auml;lle werden vermutlich mit Personen wie Steinbr&uuml;ck, seinem neuen Staatssekret&auml;r Asmussen, Verkehrsminister Tiefensee und einer Reihe anderer in Verbindung zu bringen sein. F&uuml;r solche Karrieren au&szlig;erhalb harte Parteiarbeit zu leisten, ist eigentlich eine Zumutung.<\/p><p><strong>Viertens: Warum sollte man Mitglied einer Partei werden, deren F&uuml;hrungsschicht die ohnehin unertr&auml;gliche Propaganda der neoliberalen Ideologie st&auml;ndig unterst&uuml;tzt?<\/strong> Warum sollte man eine F&uuml;hrungsschicht tragen und unterst&uuml;tzen, die offensichtlich eigener Gedanken kaum mehr f&auml;hig ist? Sozialdemokraten in f&uuml;hrenden Positionen machen sich immer wieder zum Haupt- und Lautsprecher f&uuml;r die g&auml;ngigen Formeln der neoliberalen Agitation. Dazu zwei Belege von Dutzenden, die man in kurzer Zeit sammeln k&ouml;nnte:<\/p><ol type=\"A\">\n<li>Eine Brosch&uuml;re des Bundesministers f&uuml;r Arbeit und Soziales, Olaf Scholz zur &bdquo;Zus&auml;tzlichen Altersvorsorge&ldquo;. Siehe <a href=\"upload\/pdf\/080725%20zusaetzliche__altersvorsorge%20BMAS%202008.pdf\">hier [PDF &ndash; 948 KB]<\/a>. Sie enth&auml;lt den g&auml;ngigen Jargon und all die L&uuml;gen, mit denen wir nunmehr seit ungef&auml;hr 10 Jahren st&auml;ndig maltr&auml;tiert werden. Olaf Scholz erweckt im Vorwort zum Beispiel den Eindruck, als sei die Alterung unserer Gesellschaft ein neues Ph&auml;nomen, 2050 k&auml;men auf zwei Beitragszahler ein Rentner, deshalb br&auml;uchten wir Privatvorsorge. Wieso die Privatvorsorge etwas an der angeblich verschlechterten demographischen Relation &auml;ndert, erl&auml;utert er wie in anderen einschl&auml;gigen Texten selbstverst&auml;ndlich nicht. Das Niveau der gesetzlichen Rente werde langfristig sinken. Dies wird als zwangsl&auml;ufig dargestellt, obwohl das politisch gemacht ist. In der Einf&uuml;hrung zum Text geht es genauso weiter. Dort wird auch noch behauptet, parallel zum &Auml;lterwerden w&uuml;rden &bdquo;immer weniger Kinder geboren&ldquo;. Dann wird der Eindruck erweckt, als h&auml;tte die Mehrheit von uns in der Vergangenheit die &bdquo;gesamte Zeit der Berufst&auml;tigkeit bei nur einem Arbeitgeber verbracht. Und so weiter. Das ist eine F&uuml;lle von nachgeplapperten Argumentationsmustern der konservativen Bef&uuml;rworter der Privatvorsorge. Um solches Zeug aufgetischt zu bekommen, bedarf es keiner sozialdemokratischen Politiker. Das Verbreiten dieser Unwahrheiten und Schr&auml;gheiten beherrschen die Konservativen auch. Es ist erstaunlich, wie gelehrig gerade Politiker der Seeheimer und der so genannten Netzwerker in der SPD diese angelernten Formeln nachbeten.\n<\/li>\n<li>Der zweite Text stammt aus einer Einladung, die der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange (Netzwerker, Parlamentarischer Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der SPD-Bundestagsfraktion, Vorsitzender der SPD-Landesgruppe Baden-W&uuml;rttemberg), f&uuml;r eine Veranstaltung mit Bundesfinanzminister Peer Steinbr&uuml;ck zum Thema &bdquo;Aufstieg und Gerechtigkeit &ndash; Impulse f&uuml;r Deutschlands Zukunft&ldquo; verschickt hat. In der Einladung schreibt Lange u.a.:<br>\n<blockquote><p>Seit 10 Jahren ist die SPD-Bundestagsfraktion in der Regierungsverantwortung. In diesen 10 Jahren ist Deutschland st&auml;rker geworden. Unsere Gesellschaft ist heute liberaler, toleranter und offener. Die selbstbewusste Friedenspolitik und die &ouml;kologische Wende der rot-gr&uuml;nen Koalition haben sich durchgesetzt. Deutschlands Wirtschaft ist moderner, wettbewerbsf&auml;higer und erfolgreicher auf den M&auml;rkten der Welt, als sie es vor 1998 war.<\/p>\n<p>Mit der Reformpolitik, die Gerhard Schr&ouml;der mit der Agenda 2010 und der gro&szlig;en Steuerreform 2000 durchgesetzt hat, ist unser Land auf dem richtigen Weg: Die Arbeitslosigkeit sinkt kontinuierlich, die Wirtschaft w&auml;chst konsequent. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Jobs steigt an. Noch nie gab es in Deutschland mehr Erwerbst&auml;tige als heute, gleichzeitig konsolidiert Bundesfinanzminister Peer Steinbr&uuml;ck konsequent den Bundeshaushalt.<br>\nWir haben zwar allen Grund zu Selbstbewusstsein, aber keineswegs Anlass zur Selbstzufriedenheit. Denn wir stehen noch vor gro&szlig;en Herausforderungen, um im Zeitalter der Globalisierung f&uuml;r mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland zu sorgen<\/p><\/blockquote>\n<\/li>\n<\/ol><p>Hier geht es nicht um die einzelne Personen des Christian Lange. Es geht um den Charakter eines solchen Textes in der jetzigen Situation. Diese Leute leben in einem Bunker. Sie merken offenbar auch schon nicht mehr, was sie mit ihren formelhaften S&auml;tzen sagen. Zum Beispiel lobt der parlamentarische Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der SPD Fraktion die Steuerreform 2000. Das war jenes Werk von Gerhard Schr&ouml;der und Hans Eichel, das unseren Gemeinden Milliarden kostete und im &uuml;brigen auch die Heuschrecken steuerfrei stellte. <\/p><p>Dieses Detail wie der gesamte Text zeigen, dass die herrschenden Kreise in der SPD entweder inhaltlich nichts mehr begreifen und einfach nur abspulen oder dass sie meilenweit entfernt sind vom urspr&uuml;nglichen und ehrenwerten Geist ihrer Partei.<\/p><p>Die SPD &ndash; das ist eine Partei in der Agonie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind auf den Nachdenkseiten schon auf den anhaltenden Mitgliederverlust der SPD eingegangen. Pers&ouml;nlich verfolge ich den Niedergang der SPD mit gro&szlig;em Bedauern, und doch verstehe ich jene, die ihr Parteibuch zur&uuml;ckgeben, gut. Der Niedergang hat etwas Groteskes an sich, denn die soziale und wirtschaftliche Lage unseres Landes w&uuml;rde sozialdemokratische Antworten verlangen. Und jede Partei,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3367\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[191],"tags":[489,1648,359],"class_list":["post-3367","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-spd","tag-fremdbestimmung","tag-parteiaustritt","tag-parteistroemungen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3367"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28743,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3367\/revisions\/28743"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}