{"id":3368,"date":"2008-07-30T09:31:39","date_gmt":"2008-07-30T07:31:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3368"},"modified":"2015-11-15T16:17:58","modified_gmt":"2015-11-15T15:17:58","slug":"es-ist-die-politik-und-nicht-die-rechtsprechung-die-ein-soziales-europa-gefaehrdet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3368","title":{"rendered":"Es ist die Politik und nicht die Rechtsprechung, die ein \u201esoziales Europa\u201c gef\u00e4hrdet"},"content":{"rendered":"<p>Gestern haben wir in den <a href=\"?p=3365\">Hinweisen Ziffer 17<\/a> auf ein Interview mit dem fr&uuml;heren Direktor des Max-Planck-Instituts f&uuml;r Gesellschaftsforschung verwiesen. Fritz Scharpf kritisiert im Magazin <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/107_91911.html?cis_mode=print\">Mitbestimmung<\/a> scharf die Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs und vertritt die These, dass Europ&auml;isches Recht  &bdquo;auf der Grundlage der geltenden Vertr&auml;ge im Prinzip ausschlie&szlig;lich von Juristen definiert&ldquo; werde, da seien weder der Ministerrat noch das Parlament beteiligt. Die sechs Gr&uuml;ndungsl&auml;nder h&auml;tten 1957 den europ&auml;ischen Vertr&auml;gen zugestimmt, in denen die Grundfreiheiten und ein Wettbewerbsrecht formuliert wurden. Aber dass diese Rechtsnormen in einer Weise interpretiert w&uuml;rden, die nationale Unterschiede unm&ouml;glich machten, das w&auml;re seinerzeit nicht die Absicht der Regierungen gewesen. Letztlich habe sich der EuGH von der Politik abgekoppelt und sei zur h&ouml;chsten Instanz der EU geworden. Dieser These widerspricht unser Leser Gerold Schwarz und sieht im EuGH nur den konsequenten Exekutor einer ordoliberalen Politik, die von Anfang an vor allem von den Deutschen der Europ&auml;ischen Gemeinschaft aufgezwungen wurde.<br>\n<!--more--><\/p><p>Im Anschluss zu Ihrem heutigen Beitrag &uuml;ber Prof. Scharpfs Kommentar zum Umgang mit den EuGH-Urteilen kann ich Ihnen nur folgen: es ist das bestehende Prim&auml;rrecht, und nicht erst die &bdquo;entartete Rechtssprechung&ldquo;, das ein &bdquo;soziales Europa&ldquo; immer st&auml;rker gef&auml;hrdet. <\/p><p>Hierzu ist allerdings dazuzusagen, dass diese Konstruktion von Anfang an der offen vertretene Standpunkt der neo-\/ordoliberalen deutschen Politik in den 50er-Jahren war. Aufgrund der mittlerweile ver&ouml;ffentlichten Quellen besteht heute kein Zweifel mehr, dass sich die deutsche Adenauer-Regierung gegen den ausdr&uuml;cklich erkl&auml;rten Willen der anderen 5 Gr&uuml;ndernationen durchgesetzt hat, indem mehr oder minder offen mit einem R&uuml;ckzug Deutschlands aus den Vertragsverhandlungen zur EWG gedroht wurde, sollten die anderen L&auml;nder nicht den deutschen Integrationsvorstellungen Folge leisten. <\/p><p>(Zur Durchsetzung ihres Standpunkts hatte die Adenauer-Regierung nach Abschluss des EGKS-Vertrags, mit dem Deutschland seine Wirtschaftssouver&auml;nit&auml;t vollst&auml;ndig zur&uuml;ckerhielt, aufgrund der unmissverst&auml;ndlichen Wirtschaftsdrohungen im Rahmen des Marshallabkommens seitens der USA gegen&uuml;ber Frankreich sowie nach der zugestandenen Wiederaufr&uuml;stung Deutschlands, womit dem Land &bdquo;als Bollwerk gegen den Kommunismus&ldquo; wieder die gr&ouml;&szlig;te Landarmee Europas zugestanden wurde, die besten Tr&uuml;mpfe in der Hand.)<\/p><p>Die entsprechenden Verhandlungsdokumente sind mittlerweile <a href=\"http:\/\/www.uni-muenster.de\/Jura.itm\/eudoc\/\">ver&ouml;ffentlicht<\/a> und zeichnen ein recht deutliches Bild &uuml;ber die Durchsetzung des deutschen Neo-\/Ordoliberalismus gegen&uuml;ber den europapolitischen Vorstellungen der anderen Gr&uuml;ndernationen. <\/p><p>Schauen wir uns als erstes Mal an, was denn die Regierungen der BENELUX-L&auml;nder vorgeschlagen hatten, gleichsam den ersten Aufschlag zur EU: <\/p><p>Die Regierung von Belgien, Luxemburg und den Niederlanden hat Folgendes geschrieben:<br>\nDie Regierungen Belgiens, Luxemburgs und der Niederlande halten den Augenblick f&uuml;r gekommen, eine neue Etappe auf dem Wege der europ&auml;ischen Integration zur&uuml;ckzulegen. Sie sind der Auffassung, da&szlig; diese Etappe zun&auml;chst auf wirtschaftlichem Gebiet zur&uuml;ckzulegen ist.<br>\nIhrer Ansicht nach mu&szlig; die Schaffung eines geeinten Europas durch die Entwicklung gemeinsamer Institutionen, die schrittweise Verschmelzung der nationalen Wirtschaften, die Schaffung eines umfassenden Gemeinsamen Marktes und die schrittweise Harmonisierung ihrer Sozialpolitik weiter verfolgt werden.<br>\n[&hellip;]<br>\nDie Errichtung einer europ&auml;ischen wirtschaftlichen Gemeinschaft setzt nach Auffassung der Beneluxstaaten notwendigerweise die Einsetzung einer gemeinsamen Beh&ouml;rde voraus, die die zur Verwirklichung der festgelegten Ziele erforderlichen eigenen Befugnisse erh&auml;lt. Ferner m&uuml;ssen nachstehende Einzelheiten durch &Uuml;bereinkommen festgelegt werden: <\/p><ol type=\"a\">\n<li>Verfahren und Zeitma&szlig; des schrittweisen Abbaus der Hindernisse im Wirtschaftsverkehr zwischen den Teilnehmerl&auml;ndern; <\/li>\n<li>Ma&szlig;nahmen zur Harmonisierung der allgemeinen Politik der Teilnehmerl&auml;nder auf finanziellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet; <\/li>\n<li>ein System von Schutzklauseln; <\/li>\n<li>Schaffung und Arbeitsweise eines Anpassungsfonds. <\/li>\n<\/ol><p>[&hellip;]<br>\nAuf sozialem Gebiet halten es die Beneluxstaaten f&uuml;r unerl&auml;&szlig;lich, die in den einzelnen L&auml;ndern bestehenden Regelungen, insbesondere diejenigen, die sich auf die Arbeitsdauer, die Entlohnung von zus&auml;tzlicher Arbeitsleistung (Nachtarbeit, Sonn- und Feiertagsarbeit), die Dauer und Entlohnung des Urlaubs beziehen, schrittweise aufeinander abzustimmen.<\/p><p>Ich finde, hiermit haben die Regierungen der BENELUX-L&auml;nder unmissverst&auml;ndlich dargelegt, wie sie sich die europ&auml;ische Integration vorstellen.<\/p><p>Darauf antwortete die Regierung Italiens:<\/p><p>Die Regierung Italiens hat Folgendes geschrieben:<br>\n[&hellip;]<br>\nDie Hohe Beh&ouml;rde bedarf der Unterst&uuml;tzung, um ihre T&auml;tigkeit auf alle ihr vom Vertrag zugewiesenen Gebiete und namentlich auf das soziale Gebiet ausdehnen zu k&ouml;nnen, welches das f&uuml;r die Entwicklung des gemeinsamen Marktes unentbehrliche menschliche Element darstellt.<br>\n[&hellip;]<br>\nNach Auffassung der italienischen Regierung darf der gemeinsame Markt, ebensowenig wie die horizontale Integration, auf einige Sektoren, und seien sie noch so gro&szlig; und bedeutend, beschr&auml;nkt werden, sondern mu&szlig; das gesamte wirtschaftliche und soziale Leben der beteiligten L&auml;nder umfassen, ohne dabei das soziale Gebiet und den Arbeitsmarkt zu vernachl&auml;ssigen. <\/p><p>Auch die italienische Regierung hat damit eindeutig und unmissverst&auml;ndlich ge&auml;u&szlig;ert, wie sie sich die europ&auml;ische Integration vorstellt. <\/p><p>Die franz&ouml;sische Antwort auf den BENELUX-Vorschlag war eher skeptisch, die Verhandlungs-Anweisung an ihre Verhandlungsdelegation l&auml;sst allerdings ebenfalls keinen Zweifel, was der frz. Regierung wichtig ist: <\/p><p>Die franz&ouml;sische Regierung hat Folgendes geschrieben:<br>\n[&hellip;]<br>\nCependant, il est certain que du point de vue de l&rsquo;opinion fran&ccedil;aise, un progr&egrave;s dans la voie du march&eacute; commun reste subordonn&eacute; aux r&eacute;sultats qui pourront &ecirc;tre obtenus dans le domaine de l&rsquo;harmonisation des charges sociales. [&hellip;]<\/p><p>Dennoch ist es gewiss, dass ein Fortschritt auf dem Weg des gemeinsamen Marktes vom Standpunkt der franz&ouml;sischen Meinung den Ergebnissen untergeordnet ist, die auf dem Gebiet der Harmonisierung der sozialen Regeln erreicht werden.<\/p><p>Es ist klar, dass es der franz&ouml;sische Regierung vorrangig um die Harmonisierung der Sozialsysteme ging, und &ndash; sofern das irgendwie damit vereinbar w&auml;re &ndash; erst nachrangig um eine tiefere wirtschaftliche Integration. Der Grund daf&uuml;r ist, dass Frankreich sozialpolitisch den Deutschen erheblich voraus war. Trotz der wegen der industriellen Modernisierung in Nazi-Deutschland produktiveren deutschen Wirtschaft hatte man in Frankreich z. B. die 40-Stundenwoche schon eingef&uuml;hrt und auch beibehalten, w&auml;hrend sich die Wochenarbeitszeit in den 50er-Jahren in Deutschland sogar noch von 48 auf 49 Stunden erh&ouml;hte (einige m&ouml;gen sich vielleicht noch an die &bdquo;Samstag geh&ouml;rt Vati mir&ldquo;-Kampagne der deutschen Gewerkschaften 1956 erinnern). <\/p><p>Nochmals auf den Punkt gebracht wird die Vorstellung &uuml;ber die soziale Integration Europas im gemeinsamen Abschlussdokument von Messina, das auch die deutsche Delegation unterzeichnet hat: <\/p><p>Das Abschlussdokument von Messina (1955) hat Folgendes geschrieben:<br>\nDie Regierungen der Bundesrepublik Deutschland, Belgiens, Frankreichs, Italiens, Luxemburgs und der Niederlande halten den Augenblick f&uuml;r gekommen, einen neuen Abschnitt auf dem Wege zum Aufbau Europas in Angriff zu nehmen. Sie sind der Meinung, da&szlig; dies zun&auml;chst auf wirtschaftlichem Gebiet geschehen mu&szlig;. <\/p><p>Sie sind der Ansicht, da&szlig; auf dem Wege zur Schaffung eines geeinten Europa weitergegangen werden mu&szlig; durch Entwicklung gemeinsamer Institutionen, durch fortschreitende Verschmelzung der Nationalwirtschaften, durch Errichtung eines gemeinsamen Marktes und durch fortschreitende Harmonisierung ihrer Sozialpolitik.<br>\n[&hellip;]<br>\nSie sind der Ansicht, da&szlig; dieser Markt schrittweise verwirklicht werden mu&szlig;. Seine Durchf&uuml;hrung erfordert die Bearbeitung folgender Fragen:<br>\n[&hellip;]<br>\nb) Ma&szlig;nahmen zur Harmonisierung der allgemeinen Politik der Teilnehmerl&auml;nder auf finanziellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet;<br>\n[&hellip;]<br>\nAuf sozialem Gebiet halten es die sechs Regierungen f&uuml;r erforderlich, die schrittweise Abstimmung der in den einzelnen L&auml;ndern bestehenden Regelungen zu bearbeiten insbesondere derjenigen, die sich auf die Arbeitsdauer, die Entlohnung von zus&auml;tzlicher Arbeitsleistung (Nachtarbeit, Sonn- und Feiertagsarbeit), die Dauer und Entlohnung des Urlaubs beziehen.<\/p><p>Auch da gibt es nur wenig Interpretationsspielraum. <\/p><p>Und nun schauen wir uns dagegen die Antwort der deutschen Regierung auf den Vorschlag der BENELUX-Regierungen an. Dabei f&auml;llt einem auf, dass der Ausdruck &ldquo;sozial&rdquo; nur an einer einzigen Stelle auftaucht, wo es um einen Sozialfonds geht. Der Rest ist reine Freihandelslyrik. <\/p><p>Hier die entsprechende Passage, die m. E. am treffendsten ausdr&uuml;ckt, wie sich die ordoliberale Regierung Deutschlands die europ&auml;ische Integration vorstellt. Es ist die einzige Stelle im gesamten Text, an dem das Wort &bdquo;sozial&ldquo; auftaucht: <\/p><p>Die deutsche Regierung hat 1955 Folgendes geschrieben:<br>\n[&hellip;]<br>\nDie Bundesregierung bekennt sich in vollem Umfange zu den Bestrebungen der OEEC und des GATT nach m&ouml;glichst weitgehender Beseitigung der Hemmnisse, die einem freien wirtschaftlichen Verkehr entgegenstehen. Im Einklang hiermit und in dem Bestreben, diese Ziele rascher und reiner zu verwirklichen, h&auml;lt sie eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit der Staaten der Gemeinschaft f&uuml;r erforderlich, die folgende Ma&szlig;nahmen umfa&szlig;t: <\/p><ul>\n<li>Fortschreitende Liberalisierung des Warenverkehrs unter den Gemeinschaftsstaaten, <\/li>\n<li>Fortschreitender Abbau der Z&ouml;lle zwischen den Gemeinschaftsstaaten, <\/li>\n<li>Fortschreitende Liberalisierung des Kapitalverkehrs unter den Gemeinschaftsstaaten, <\/li>\n<li>Fortschreitende Liberalisierung des Dienstleistungsverkehrs unter den Gemeinschaftsstaaten, <\/li>\n<li>Schrittweise Herstellung der Freiz&uuml;gigkeit innerhalb des Gebiets der Gemeinschaft, <\/li>\n<li>Ausarbeitung von Regeln f&uuml;r einen nicht verf&auml;lschten Wettbewerb innerhalb der Gemeinschaft, der insbesondere nationale Diskriminierung ausschlie&szlig;t. <\/li>\n<\/ul><p>Durch diese Ma&szlig;nahmen w&uuml;rde fortschreitend ein freier gemeinsamer Markt zwischen den Gemeinschaftsstaaten geschaffen werden. Um anhaltende und tiefgreifende St&ouml;rungen zu vermeiden, k&ouml;nnen &Uuml;bergangs- und Anpassungsma&szlig;nahmen erforderlich werden. <\/p><p>Die Bundesregierung h&auml;lt die gemeinsame Errichtung eines Kapitalfonds f&uuml;r notwendig, der dazu dienen soll, produktive Investitionen innerhalb der Staaten der Gemeinschaft zu f&ouml;rdern, die insbesondere der Angleichung zu starker und sozial gef&auml;hrlicher Kontraste in den Lebensbedingungen in ihren einzelnen Gebieten dienen.<\/p><p>Die Abneigung der Bundesregierung gegen jegliche Art von Integration au&szlig;erhalb des Binnenmarkts war so gro&szlig;, dass die anderen 5 Gr&uuml;ndungsnationen bef&uuml;rchten mussten, Deutschland wolle sich aus dem Projekt g&auml;nzlich zur&uuml;ckziehen, um den in ihren Augen unerw&uuml;nschten Sozial-Klimbim um jeden Preis aus den europ&auml;ischen Vertr&auml;ge fernzuhalten. Die Isolation Deutschlands war so gro&szlig;, dass der Delegationsleiter Hallstein eine gesonderte Stellungnahme vorlas, die die Bef&uuml;rchtungen zerstreuen sollten. Hier die Passage, die darauf eingeht: <\/p><p>Hallstein hat Folgendes geschrieben:<br>\n[&hellip;]<br>\nAu fond, le Gouvernement f&eacute;d&eacute;ral croyait avoir pr&eacute;cis&eacute; son point de vue, sans &eacute;quivoque possible, dans les d&eacute;clarations de ses organes comp&eacute;tents et dans son memorandum. Mais nous ne sommes ma&icirc;tres que de nos propres paroles ; nous ne sommes pas ma&icirc;tres des interpr&eacute;tations que leur donne l&rsquo;opinion publique. Il ne faut peut-&ecirc;tre pas trop s&rsquo;&eacute;tonner que dans la situation politique actuelle, o&ugrave; existent ou semblent du moins exister des possibilit&eacute;s d&rsquo;&eacute;volutions diverses, on rencontre, &ccedil;a et l&agrave;, l&rsquo;interpr&eacute;tation fausse que le Gouvernement f&eacute;d&eacute;ral ne poursuit plus avec la m&ecirc;me rigueur son ancienne politique visant l&rsquo;int&eacute;gration solide de l&rsquo;Europe. Mais c&rsquo;est pr&eacute;cis&eacute;ment dans cette situation que je viens d&rsquo;&eacute;voquer qu&rsquo;une telle erreur ne doit pas subsiter dans les esprits, et le Gouvernement f&eacute;d&eacute;ral d&eacute;sire faire tout ce qui est en son pouvoir a&#64257;n qu&rsquo;elle disparaisse partout et pour toujours. <\/p><p>Ihre Begr&uuml;ndung findet dieses uneurop&auml;ische Vorgehen in der &ndash; damals wie auch heute wieder &ndash; vorherrschenden Ideologie des Neoliberalismus, der sich damals Ordoliberalismus nannte. Auch hier lassen die <a href=\"http:\/\/www.uni-muenster.de\/Jura.itm\/eudoc\/gruendung\/docs\/133020.pdf\">freigegebenen Dokumente [PDF &ndash; 32 KB]<\/a> keinen Zweifel aufkommen:<\/p><p>Dr. &amp; Dr. Gocht aus Erhards Wirtschaftsministerium haben Folgendes geschrieben:<br>\n9. Harmonisierung<br>\na) Grundsatz: Die Harmonisierung entwickelt sich als Folge des Abbaues und der Beseitigung der bisherigen nationalen Beschr&auml;nkungen des Wettbewerbs. Die Harmonisierung der sozialen Bedingungen im besonderen ist das Ergebnis, nicht die Voraussetzung des Gemeinsamen Marktes.<br>\nb) Zum Teil wird die Harmonisierung durch Angleichung der nationalen Gesetzgebung erfolgen m&uuml;ssen, zum Teil erfolgt sie durch die autonomen Kr&auml;fte des Marktes, z.B. &uuml;ber die Tarifvertragsparteien.<br>\nc) Keine a priori festgelegte Harmonisierung , sondern fallweise Behandlung bei auftretender unabweisbarer Notwendigkeit durch Europ&auml;ische Kommission und Ministerrat.<\/p><p>10. Koordinierung der Wirtschaftspolitik (Wirtschaftspolitik in weitestem Sinne)<br>\na) Die schrittweise Beseitigung und der schlie&szlig;lich Abbau der nationalen Grenzen, verbunden mit der Anerkennung bestimmter Ordnungsprinzipien (u. a.Wettbewerb, Ausgleich der Zahlungsbilanz, [Verzicht auf autonomen Interventionismus, soweit nicht von den &uuml;brigen Mitgliedsl&auml;ndern gebilligt?]) schr&auml;nken die nationale Autonomie der Mitgliedsl&auml;nder ein.<br>\nb) Innerhalb dieses Rahmens Autonomie der nationalen Wirtschaftspolitik, ohne damit grunds&auml;tzlich die Pr&uuml;fung nationaler Ma&szlig;nahmen durch die Europ&auml;ische Kommission und den Ministerrat auszuschlie&szlig;en, sofern ausreichend begr&uuml;ndet werden kann, da&szlig; die nationalen Ma&szlig;nahmen gegen die Zielsetzung und die ordnungspolitischen Vorstellungen des Vertrages versto&szlig;en.<\/p><p>Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass das von Scharpf beschriebene Vorgehen des EuGH exakt den Absichten der deutschen Adenauer-Regierung entspricht, und zwar bis in die Details. <\/p><p>Durch ihre Blockadehaltung hat sich die Bundesregierung letzten Endes durchgesetzt: von sozialer Harmonisierung und &auml;hnlichem ist in den europ&auml;ischen Vertr&auml;gen von nun an f&uuml;r alle Zeiten keine Silbe mehr zu finden. Der Kern des europ&auml;ischen Vertragswerks, gleichsam im &ldquo;Herz der europ&auml;ischen Werte&rdquo; schl&auml;gt eine Kr&auml;merseele, n&auml;mlich, wie schon in der ersten Antwort der Bundesregierung dargelegt, die nur die &ldquo;4 Grundfreiheiten&rdquo; einer Freihandelszone ohne jegliche soziale Flankierung kennt. <\/p><p>Die Gewerkschaften wurden von der deutschen Delegation vors&auml;tzlich aus jeglicher europ&auml;ischer Integration herausgedr&auml;ngt. Hierzu ebenfalls eine entsprechende Passage:<\/p><p>Ludwig Erhard hat Folgendes geschrieben:<br>\nDiese Gefahr, da&szlig; die Ber&uuml;cksichtigung der unter den derzeitigen Bedingungen in der Tat schwierigen Situation Frankreichs zu einer Hemmung der wirtschaftlichen Entwicklungskraft der &uuml;brigen Mitgliedsl&auml;nder f&uuml;hrt, kam insbesondere in dem franz&ouml;sischen Verlangen nach sozialer Harmonisierung zum Ausdruck. Die klare ablehnende Haltung des Herrn Bundesau&szlig;enministers auf der Pariser Konferenz vom 20.\/21. Oktober 1956 hat im sp&auml;teren Verlauf zwar nicht zu einem v&ouml;lligen Verzicht der franz&ouml;sischen Regierung auf die Einf&uuml;gung entsprechender Bestimmungen in den Vertragsentwurf gef&uuml;hrt, wohl aber zu einem Kompromi&szlig;, der aus dem urspr&uuml;nglich wirtschaftspoltischen ein sozialpolitisches Anliegen gemacht hat. Die schweren Bedenken gegen diese Konstruktion sind damit nicht ausger&auml;umt. [&hellip;] <\/p><p>Die Frage der klaren Zuteilung von Verantwortlichkeiten in den institutionellen Bestimmungen des Vertrages wird auch durch den Wunsch einiger Delegationen nach Errichtung eines Wirtschafts- und Sozialrates ber&uuml;hrt. W&uuml;rde ein solcher Rat auf die Willensbildung der Organe des Gemeinsamen Marktes einen gewissen Ein&#64258;u&szlig; erhalten, so w&uuml;rde man sich wohl in der Hoffnung get&auml;uscht sehen, da&szlig; mit der Errichtung des Gemeinsamen Marktes der in einigen L&auml;ndern so nachteilige Ein&#64258;u&szlig; der Interessenten- und Machtgruppen auf die Wirtschaftspolitik gemindert wird oder gar verschwindet. Es sollte vermieden werden, da&szlig; mit der Errichtung des Gemeinsamen Marktes auch die Interessenten und Machtgruppen sich auf europ&auml;ischer Ebene formieren.<\/p><p>Es ist unschwer zu erraten, wer denn genau mit &ldquo;Interessenten- und Machtgruppen&rdquo; gemeint war, die in einigen L&auml;ndern so nachteiligen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik haben sollen, n&auml;mlich genau jene Gewerkschaften, denen der Weg zur wirksamen europaweiten Vertretung von Arbeitnehmerinteressen 1957 in Rom versperrt wurde. Andere Interessengruppen fallen nicht nur deshalb aus dieser Begr&uuml;ndung heraus, weil sie sich als einflussreiche &bdquo;Pressure Group&ldquo; sehr wohl gebildet haben und die Rechtsetzung in Br&uuml;ssel massiv in ihrem Sinne und mit skandal&ouml;ser neoliberaler Schlagseite gestalten, sondern auch insbesondere deshalb, weil mit dem Vertrag zur EGKS ein entsprechender Machtblock der Kohle- und Stahl-Industriellen &ndash; &uuml;brigens in nahtloser Fortsetzung aus der Zwischenkriegszeit durch die gesamte Nazizeit hindurch in die Nachkriegszeit &ndash; ja zuvor erst ausdr&uuml;cklich errichtet wurde. Von einer &bdquo;Vermeidung der Formierung von Machtgruppen auf europ&auml;ischer Ebene&ldquo; kann daher bez&uuml;glich der einflussreichen Industriellen keine Rede sein, sondern es ging von Anfang an darum, die Gewerkschaften au&szlig;en vor zu halten.<\/p><p>Auch aus diesen Gr&uuml;nden ist auf der Grundlage der bestehenden europ&auml;ischen Vertr&auml;ge &ndash; und zwar schon seit Gr&uuml;ndung der EWG 1957 &ndash; kein soziales Europa zu haben. Die europ&auml;ischen Vertr&auml;ge sind nicht das Instrument zur Erlangung eines sozialen Europas, sondern sie sind &ndash;neben dem Widerstand der nationalen Eliten &ndash; das gr&ouml;&szlig;te Hindernis gegen ein soziales Europa. Ohne eine grundlegende Revision des Kerns der europ&auml;ischen Vertr&auml;ge &ndash; also insb. die Wieder-Einhegung der 4 Grundfreiheiten in eine gesellschaftliche Einbettung &ndash; bleiben alle Sonntagsreden zum sozialen Europa oder zum viel gepriesenen &bdquo;europ&auml;ischen Sozialmodell&ldquo; nur Schall und Rauch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern haben wir in den <a href=\"?p=3365\">Hinweisen Ziffer 17<\/a> auf ein Interview mit dem fr&uuml;heren Direktor des Max-Planck-Instituts f&uuml;r Gesellschaftsforschung verwiesen. Fritz Scharpf kritisiert im Magazin <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/107_91911.html?cis_mode=print\">Mitbestimmung<\/a> scharf die Rechtsprechung des Europ&auml;ischen Gerichtshofs und vertritt die These, dass Europ&auml;isches Recht &bdquo;auf der Grundlage der geltenden Vertr&auml;ge im Prinzip ausschlie&szlig;lich von Juristen definiert&ldquo; werde, da<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3368\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[22,145,30],"tags":[630,895],"class_list":["post-3368","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaische-union","category-sozialstaat","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-eugh","tag-freihandel"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3368","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3368"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3368\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28742,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3368\/revisions\/28742"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3368"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3368"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3368"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}