{"id":33686,"date":"2016-06-07T08:44:21","date_gmt":"2016-06-07T06:44:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33686"},"modified":"2019-01-30T11:23:42","modified_gmt":"2019-01-30T10:23:42","slug":"der-griff-zur-notbremse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33686","title":{"rendered":"Der Griff zur Notbremse"},"content":{"rendered":"<p>Alexander Gauland und Bj&ouml;rn H&ouml;cke haben in den letzten Tagen S&auml;tze und Parolen rausgehauen, an denen man veranschaulichen kann, worin das Erfolgsrezept des Rechtspopulismus besteht. Sie machen sich im Sinne des Psychohistorikers Lloyd deMause zu &bdquo;Phantasie-F&uuml;hrern&ldquo; derer, die an Denk-, Wahrnehmungs- und Affektgewohnheiten und Vorstellungen von ethnischer Homogenit&auml;t festhalten, &uuml;ber die die gesellschaftliche Entwicklung l&auml;ngst hinweggegangen ist. Merkel, die Gauland  als &bdquo;Kanzler-Diktatorin&ldquo; bezeichnet, wolle die deutsche Bev&ouml;lkerung &bdquo;ersetzen durch eine aus allen Teilen der Erde herbeigekommene Bev&ouml;lkerung&ldquo;. Sie betreibe eine Politik &bdquo;der menschlichen &Uuml;berflutung&ldquo;, gegen die Widerstand geboten sei. Den an traditionelle Werte und Normen fixierten Menschen ist allzuviel fremd geworden in den letzten Jahrzehnten. Sie verstehen die Welt nicht mehr und denken sie sich einfach wieder zurecht. Das Eigene gegen das Fremde &ndash; so lautet die schlichte Parole von AfD und Pegida. Und damit gelingt es ihnen, den Unmut von Teilen der Bev&ouml;lkerung aufzugreifen und zu b&uuml;ndeln. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33686#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2640\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-33686-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=33686-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160607_Griff_zur_Notbremse_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><em>Die folgenden Anmerkungen verstehen sich als Beitrag zu der von Jens Berger <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33159\">angesto&szlig;enen Debatte<\/a> &uuml;ber den Rechtsruck, der zuletzt in den Ergebnissen der Landtagswahlen vom M&auml;rz 2016 zu Tage trat. Jeder Rechtsruck quittiert auch das Unverm&ouml;gen der Linken, &uuml;berzeugende Antworten auf dr&auml;ngende Fragen der jeweiligen Epoche zu finden.<\/em><\/p><p>Die Globalisierung ist &uuml;ber die K&ouml;pfe der Menschen hinweggegangen, die noch in ethnischen und nationalstaatlichen Kategorien denken und f&uuml;hlen. Die Innerlichkeit der Menschen als Inbegriff ihrer ideologischen und psychischen Verfassung, kann mit dem immer rasanter werdenden Tempo des sozialen und technischen Wandels nicht schritthalten und hinkt den realen Verh&auml;ltnissen hinterher. Das Kapital ist schnell und dynamisch, die Menschen sind eher langsam und kommen mit ihrer Aneignung der Ver&auml;nderungen nicht nach. Aus diesem Ph&auml;nomen erkl&auml;rt sich das Erstarken des sogenannten Rechtspopulismus in ganz Europa, der auch ein Protest des Althergebrachten gegen die kapitalistische Modernisierung ist. Gauland sprach am Sonntag bei Anne Will mehrfach davon, dass es darauf ankomme, &bdquo;das Erbe unserer V&auml;ter und Vorv&auml;ter zu bewahren&ldquo; und gegen das Eindringen des Neuen und Fremden zu verteidigen. Vehement verteidigte er die von H&ouml;cke und ihm aufgegriffene Parole: &bdquo;Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land&ldquo;. Diese Parole stammt aus einem Lied der rechtsradikalen Band &bdquo;Gigi &amp; Die Braunen Stadtmusikanten&ldquo;. Das Album, das das Lied enth&auml;lt, hei&szlig;t bezeichnenderweise &bdquo;Adolf Hitler lebt!&ldquo;. Die Formulierung &bdquo;fremd im eigenen Land&ldquo; greift in die Phantasie vieler Menschen und trifft offenbar ein Grundgef&uuml;hl ihrer Existenz. Die Rechten machen es sich einfach und greifen solche diffusen Stimmungen so auf, wie sie sie vorfinden. Die politische Linke h&auml;tte sie &uuml;ber sich selbst aufzukl&auml;ren und muss in diesem Bem&uuml;hen weite Wege gehen. <\/p><p>Nicht die Fremden bedrohen uns, sondern das Fremde, das uns in Gestalt intransparenter finanzieller Abstraktionen gefangen h&auml;lt. Es ist die vor sich hin nullende Null, die sich selbst vorantreibende Teufelsm&uuml;hle des Kapitals, die uns alles entfremdet und fremd erscheinen l&auml;sst. Wenn schon &bdquo;Heimatschutz&ldquo;, dann vor den wahren Zerst&ouml;rern von Heimat: den Waffenh&auml;ndlern, den Lebensmittelspekulanten, den Hedgefonds-Managern, der tobs&uuml;chtig gewordenen freien Marktwirtschaft, dem Geld, das vollkommen unpatriotisch ist und dahin flie&szlig;t, wo die Bedingungen f&uuml;r seine Vermehrung am g&uuml;nstigsten sind. Das Geld hat alle Grenzen niedergerissen, zirkuliert in immer rasanterem Tempo um die Welt und vermehrt sich in einer gespenstischen Eigenbewegung. Der Realkapitalismus ist zu einem Anh&auml;ngsel der von der Finanzindustrie aufgeblasenen Spekulationsblasen geworden. Es sind die riesigen, weltumspannenden Medienkonzerne, die die kulturellen Besonderheiten einebnen und die Menschen in Anh&auml;ngsel ihrer Apparate und stammelnde Analphabeten verwandeln. Es sind die gro&szlig;en Fastfood-Ketten, die den Geschmackssinn zerst&ouml;ren, die regionalen Kochk&uuml;nste ruinieren und die Leute in verfettete Idioten verwandeln. Gerade angesichts der sogenannten Fl&uuml;chtlingskrise ist es wichtig zu betonen, dass es das Kapital selber war und ist, das die Globalisierung vorantreibt und damit eine historisch beispiellose Woge transnationaler Mobilit&auml;t ausgel&ouml;st hat, von der wir einstweilen nur die Anf&auml;nge erleben. Wer sich nach Heimat und bergender Gemeinschaft sehnt &ndash; und diese Sehnsucht ist im Sinne Ernst Blochs eine zutiefst menschliche, uns allen innewohnende -, kann diese nur im Kampf gegen die kapitalistischen Modernisierer und Flexibilisierer gewinnen, die sich unser Lebensgel&auml;nde unter den Nagel rei&szlig;en und uns in hochmobile Geld- und Warensubjekte verwandeln. Die Fl&uuml;chtlinge, deren massenhafte Ankunft viele erschreckt und &auml;ngstigt, sind der vollkommen falsche Adressat des Protests, ein klassischer S&uuml;ndenbock. In ihrem Schicksal k&ouml;nnten wir uns und unsere Zukunft als deterritorialisierte, bindungslose und  entwurzelte Nomaden erkennen. &Uuml;ber kurz oder lang werden wir alle zu Bewohnern von <em>transit points<\/em>. M&ouml;glicherweise ist das eine der verschwiegenen Quellen der Wut, die die Fl&uuml;chtlinge auf sich ziehen. &bdquo;Wenn man das eigene Spiegelbild nicht akzeptieren kann, zerbricht man den Spiegel&ldquo;, hat der k&uuml;rzlich verstorbene Andr&eacute; Glucksmann in seinem Buch Hass geschrieben.<\/p><p>Eigentlich sollten wir, die Linken, uns diesen Rohstoff aus Unbehagen und Fremdheitsgef&uuml;hlen aneignen und zum Antrieb des Versuches machen, Gesellschaft und &Ouml;konomie wieder nach menschlichen Zeitma&szlig;en zu gestalten. Aber die Linke ist befangen in einem Fetischismus der &Ouml;konomie und des Fortschritts und besitzt kein Sensorium f&uuml;r die Leiden der Menschen am und im Fortschritt. Sie schreckt vor dem &bdquo;Griff zur Notbremse&ldquo; zur&uuml;ck, zu dem Walter Benjamin angesichts des Triumphes des Faschismus und auf der Flucht vor ihm bereits geraten hatte: &bdquo;Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem g&auml;nzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.&ldquo; Nachdem im Laufe des 20. Jahrhunderts das Destruktive am und im Fortschritt so deutlich zutage getreten ist, sollte uns das Bild von der Revolution als Griff zur Notbremse unmittelbar einleuchten. <\/p><p>Die Linke will nur die Fortschritte der Naturbeherrschung, nicht die R&uuml;ckschritte der Gesellschaft wahrhaben, die mit ihrer Durchkapitalisierung einhergehen. In der Linken steckt im Sinne Ernst Blochs zu viel naiver technischer Fortschrittsglaube und zu wenig romantischer Protest gegen einen Fortschritt, der in dem Ma&szlig;e ein ruin&ouml;ser und destruktiver ist, als er ein kapitalistischer ist. Die Thesen, Deklarationen, Resolutionen und Analysen der Linken enthalten zu viel Schema und zu wenig Sehnsucht nach der &bdquo;blauen Blume&ldquo;. Sie sind oft formelhaft-trocken und greifen nicht in die Phantasie. Wir sollten dringend Walter Benjamins Text &bdquo;&Uuml;ber den Begriff der Geschichte&ldquo; und Ernst Blochs Buch &bdquo;Erbschaft dieser Zeit&ldquo; lesen und in unserer Theoriebildung und politischen Praxis beherzigen. Wir d&uuml;rfen diesen ganzen Rohstoff an Leidenserfahrungen, Unbehagen und Wut, den die Globalisierung erzeugt, nicht ignorieren und den Rechten zur Aneignung &uuml;berlassen. Wenn die Geschichte des 20. Jahrhunderts uns eins gelehrt haben sollte, dann ist es das: Der Aufstieg der Rechten und Faschisten ist immer auch die Quittung f&uuml;r ein Versagen der Linken, denen es nicht gelungen ist, das Leiden der Menschen unterm Kapitalprinzip beredt werden zu lassen. Es handelt sich bei &bdquo;Rechtsrucken&ldquo; im Sinne Ernst Blochs immer auch um die Aneignung linker Energien von rechts. Die Erfahrung, &bdquo;fremd zu sein im eigenen Haus&ldquo;, wurde Ende des 18. Jahrhunderts von Friedrich H&ouml;lderlin formuliert. Wenig sp&auml;ter fing Wilhelm Hauff  das Empfinden vieler Zeitgenossen, dass die sich ausbreitenden Waren- und Geldverh&auml;ltnisse sich wie ein kalter Hauch der Entfremdung auf Menschen und Dinge legten, in seinem M&auml;rchen &bdquo;Das kalte Herz&ldquo; ein. Hans-J&uuml;rgen Krahl hat seine Marx-Schulung im Frankfurter SDS an diesem M&auml;rchen und seinen Metaphern aufgeh&auml;ngt. Wir sollten unsere Scheu vor der Verwendung von Bildern und Metaphern ablegen. Unser Auftreten ist vielfach kalt und schulmeisterlich. W&auml;hrend die Rechten in Bildern und Metaphern schwelgen, die in die Phantasie der Menschen greifen, langweilen die Linken die Menschen mit dem sturen Ableiern &ouml;konomistischer Parolen. Die auf die Entlarvung &ouml;konomischer Widerspr&uuml;che fixierte Linke ger&auml;t in den Bann des &bdquo;K&auml;ltestroms&ldquo;, der von der kapitalistischen &Ouml;konomie ausgeht, und vernachl&auml;ssigt den &bdquo;W&auml;rmestrom&ldquo;, der das ist, was in die Phantasie greift und die Menschen ber&uuml;hrt und antreibt. Der Triumph des Nationalsozialismus resultierte Ernst Bloch zufolge auch aus der Unf&auml;higkeit der sozialistischen Linken, die hungrigen &ndash; hungrig auch nach Sinn! -, ungl&uuml;cklichen, ohne Ziel umherirrenden Menschen satt zu machen.<\/p><p>Kapitalistische Modernisierung bedeutet unaufh&ouml;rliche Transformation gemeinschaftlicher in gesellschaftliche Lebensformen. Die soziale Entwicklung verl&auml;uft vom Konkreten zum Abstrakten, f&uuml;hrt aus vermeintlich bergenden Heimaten in die gef&uuml;rchtete Fremde, treibt aus gl&uuml;cklich erworbener Bodenst&auml;ndigkeit in ein neues Nomadentum. Die Marktvergesellschaftung zehrt die verbliebenen Gemeinschaften, ihren Widerpart, auf. Sie zerst&ouml;rt traditionale Lebenswelten und &uuml;berantwortet die freigesetzte Bev&ouml;lkerungsmehrheit einem sozialen &bdquo;K&auml;ltestrom&ldquo;. Der ruin&ouml;se Fortschritt, dem sie sich ausgesetzt sehen, &uuml;berfordert die Menschen und l&auml;sst sie die Gesellschaft hassen, die ihnen das antut. Ihre aufgestaute Wut richtet sich schlie&szlig;lich unter dem Einfluss rechter Propaganda gegen die Fremden, die ihnen den Grund ihres Leidens symbolisieren und als S&uuml;ndenb&ouml;cke herhalten m&uuml;ssen.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe. In der &bdquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&ldquo; erscheint Ende Juni 2016 unter dem Titel &bdquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&ldquo; der zweite Band seiner &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Gauland und Bj&ouml;rn H&ouml;cke haben in den letzten Tagen S&auml;tze und Parolen rausgehauen, an denen man veranschaulichen kann, worin das Erfolgsrezept des Rechtspopulismus besteht. 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