{"id":33713,"date":"2016-06-08T11:12:00","date_gmt":"2016-06-08T09:12:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33713"},"modified":"2016-06-08T18:03:49","modified_gmt":"2016-06-08T16:03:49","slug":"das-maerchen-vom-maerchen-von-der-wachsenden-ungleichheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33713","title":{"rendered":"Das M\u00e4rchen vom M\u00e4rchen von der wachsenden Ungleichheit"},"content":{"rendered":"<p>Wussten Sie schon, dass wir in Deutschland gar keine zunehmende Ungleichheit haben? Das &bdquo;beweist&ldquo; zumindest eine Auftragsstudie des Ifo-Instituts, wie die WELT <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article156013187\/Das-Maerchen-von-der-wachsenden-Ungleichheit.html\">fr&ouml;hlich verk&uuml;ndet<\/a>. Ist also alles halb so wild? Ist die Ungleichheit nicht mehr als ein Wahlkampfthema, wie Ifo und WELT zynisch behaupten? Vergessen Sie das M&auml;rchen vom M&auml;rchen von der wachsenden Ungleichheit. Es zeigt sich vielmehr, dass die Ifo-Forscher die Bordsteinschwalben der Wirtschaftswissenschaften sind und so ziemlich jede waghalsige Verdrehung mitmachen, solange der Preis stimmt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1582\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-33713-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=33713-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160608_Maerchen_Ungleichheit_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Welche Formen der wirtschaftlichen Ungleichheit gibt es in Deutschland? Zum einen nat&uuml;rlich die Ungleichverteilung der Verm&ouml;gen, die ich in meinem Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/wem-gehoert-deutschland-jens-berger.html#.V1fZNGOYaRh\">Wem geh&ouml;rt Deutschland?<\/a>&ldquo; sehr ausf&uuml;hrlich seziert habe und die hierzulande im internationalen Vergleich einen traurigen Spitzenrang einnimmt. Wenn Ifo und WELT von &bdquo;wachsender Ungleichheit&ldquo; sprechen, ist diese Ungleichverteilung damit jedoch wohlweislich nicht gemeint! Bei der Kritik an der Kritik an der Ungleichverteilung geht es n&auml;mlich nicht um die Verm&ouml;gen; denn hier sind die Zahlen so eindeutig und so dramatisch, dass noch nicht einmal der ruchloseste Wissenschaftss&ouml;ldner es schafft, eine Auftragsstudie zu erstellen, die diesen Missstand verschleiern kann.<\/p><p>Nein, das Ifo-Institut hat sich stattdessen die Einkommen vorgenommen, die in Deutschland ja ebenfalls recht ungleich verteilt sind; wenn auch bei weitem nicht so ungleich wie die Verm&ouml;gen. Beim Vergleich der Einkommen gibt es jedoch auch zahlreiche M&ouml;glichkeiten, wie man gew&uuml;nschte oder ungew&uuml;nschte Daten f&uuml;r eine derartige Analyse bekommen kann. Dabei geht es vor allem darum, Daten auszusieben, die nicht zum gew&uuml;nschten Ergebnis beitragen. Dazu kann man &hellip;<\/p><ol type=\"a\">\n<li>nicht alle Eink&uuml;nfte (also z.B. nicht die Einkommen aus unternehmerischer T&auml;tigkeit und die Kapitaleink&uuml;nfte), sondern <strong>nur das Einkommen aus sozialversicherungspflichtiger Arbeit<\/strong> heranziehen.<\/li>\n<li><strong>nur Vollzeitkr&auml;fte<\/strong> mit in den Datenpool aufnehmen, da die besonders niedrigen Einkommen ja vor allem bei Teilzeit- und Minijobs bezahlt werden.<\/li>\n<\/ol><p>Wenn man a) und b) beherzigt, kriegt man nat&uuml;rlich eine Datenauswahl, die vergleichsweise gleich verteilt ist. Ohne Erwerbslose und Bezieher der Grundsicherung, Teilzeitkr&auml;fte und Minijobber auf der einen, sowie Unternehmer, Gro&szlig;anleger, Beamte und Freiberufler auf der anderen Seite, bekommt man nat&uuml;rlich eine &bdquo;gleichere&ldquo; Verteilung der Einkommen. Wenn das immer noch nicht reicht, kann man noch &hellip;<\/p><ol type=\"a\" start=\"3\">\n<li><strong>die obersten 15% der Einkommen aus der Datenauswahl herausnehmen<\/strong>, da diese (aufgrund der fragw&uuml;rdigen Erhebungsmethoden) &bdquo;in H&ouml;he der Beitragsbemessungsgrenze zensiert sind&ldquo; und man Daten haben will, die &bdquo;robust gegen diese Zensur&ldquo; sind (beides O-Zitate aus der Ifo-Studie).<\/li>\n<\/ol><p>Vollkommen klar, wenn man nun also auch noch die Einkommen herausl&auml;sst, die &uuml;ber der Beitragsbemessungsgrenze f&uuml;r die Sozialversicherungen liegen, also alle sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer mit einem Einkommen von &uuml;ber 5.400 (Ost) bzw. 6.200 Euro (West) pro Monat, dann erh&auml;lt man Daten, die relativ gleich verteilt sind. Aber was sagt das &uuml;ber unsere Gesellschaft aus? Das Ifo-Institut hat die Methoden a), b) und c) angewendet &ndash; was die Auswertung der Daten auch ziemlich sinnlos erscheinen l&auml;sst.<\/p><p>Mehr noch: Da anhand der Filter a), b) und c) &bdquo;dummerweise&ldquo; kein positiver Trend abbildbar ist, also selbst die Einkommen der sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in Vollzeit, die unter der Beitragsbemessungsgrenze liegen, sich in den letzten Jahren nicht angeglichen haben, mussten die Ifo-Zahlenverdreher separat einen weiteren Kunstgriff anwenden. Man &hellip;<\/p><ol type=\"a\" start=\"4\">\n<li>nahm nun auch die <strong>Erwerbslosen<\/strong> (nicht aber die Unternehmer, Selbstst&auml;ndigen, Beamten usw.) mit in den Datenpool; jedoch nicht mit ihrem Gesamteinkommen, also inkl. der Sozial-\/Transferleistungen, sondern <strong>ausschlie&szlig;lich mit ihren Arbeitseink&uuml;nften<\/strong>.<\/li>\n<\/ol><p>Doch welche Arbeitseink&uuml;nfte hat ein Erwerbsloser? Wenn man mehrere Millionen Datens&auml;tze mit einem Gesamteinkommen von Null Euro in den Datenpool aufnimmt, wird die Ungleichverteilung (also der Gini-Koeffizient) nat&uuml;rlich dann sinken, wenn die Zahl dieser Datens&auml;tze sinkt. Dies ist aber wissenschaftlich nicht zielf&uuml;hrend, da es &uuml;berhaupt nichts &uuml;ber die Gleich-\/Ungleichverteilung aussagt. Dazu ein kleines Beispiel: Wenn man die Daten nur f&uuml;r Vollzeitbesch&auml;ftigte und f&uuml;r Erwerbslose erhebt, fliegt ein ehemaliger Hartz-IV-Empf&auml;nger, der nun in Teilzeit arbeitet, aus dem Datenpool heraus. Der Gini-Koeffizient sinkt, die rechnerische Verteilung ist gleicher; auch dann, wenn er keinen einzigen Cent mehr verdient, die faktische Verteilung der Einkommen sich also gar nicht ge&auml;ndert hat. Wenn man alternativ s&auml;mtliche Erwerbsformen in die Auswertung mit einbezieht, geschieht nach der Methodik des Ifo-Instituts interessanterweise das Gleiche. Da nur Arbeitseinkommen abgebildet werden, hat der Teilzeitler nun (rein rechnerisch) nat&uuml;rlich ein viel h&ouml;heres Einkommen, was in der Gesamtverteilung dazu f&uuml;hrt, dass die Einkommen rechnerisch gleicher verteilt sind. Da unser Teilzeitler aber u.U. keinen Cent mehr in der Tasche hat, ist dies ein statistischer Taschenspielertrick, wie es zahlreiche im Repertoire des Ifo-Instituts gibt.<\/p><p>Wie kommt das Ifo-Institut eigentlich dazu, eine derart unseri&ouml;se Studie zu erstellen, deren Ergebnis mit allen zur Verf&uuml;gung stehenden Tricks manipuliert wurde? Die Studie hat das Ifo-Institut nat&uuml;rlich nicht aus eigenem Antrieb gemacht. Die Auftragsstudie &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/de\/ifoHome\/facts\/EBDC\/Ifo-Research-Data\/Einkommensungleichheit.html\">Entwicklung der Einkommensungleichheit<\/a>&ldquo; ist vielmehr genau das &ndash; eine Auftragsstudie, f&uuml;r die die <a href=\"http:\/\/lobbypedia.de\/wiki\/Stiftung_Familienunternehmen\">Stiftung Familienunternehmen<\/a> bezahlt hat. Und wer die Kapelle bezahlt, bestimmt freilich auch, welche Musik gespielt wird. Dass man ausgerechnet das Ifo-Institut beauftragt hat, ist nat&uuml;rlich kein Zufall &ndash; schlie&szlig;lich nimmt das M&uuml;nchner Institut unter den neoliberalen &Uuml;berzeugungst&auml;tern eine Schl&uuml;sselrolle ein und es mit der wissenschaftlichen Akkuratesse ohnehin <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?tag=ifo-institut\">nie sonderlich genau<\/a>. Damit ist das Institut nat&uuml;rlich der geborene Partner f&uuml;r die Stiftung Familienunternehmen, einer Lobbyorganisation, die sich allen voran niedrigere Spitzensteuers&auml;tze, niedrigere Lohnnebenkosten und niedrigere Unternehmenssteuern w&uuml;nscht.<\/p><p>Zynisch muss man den Lobbyisten und wissenschaftlichen Bordsteinschwalben jedoch Applaus zollen. Wer wei&szlig; denn schon, dass hier Daten kosmetisch solange gesch&ouml;nt wurden, bis das Ergebnis passte? K&uuml;nftig wird es zum Thema &bdquo;Ungleichheit&ldquo; stets hei&szlig;en: &bdquo;Da ist sich die &Ouml;konomenzunft aber uneins&ldquo; oder &bdquo;Es gibt Studien, die das genaue Gegenteil belegen&ldquo;. Damit haben die Lobbyisten ihr Ziel erreicht. Chapeau!<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/0dd3f73e6d9b466b926b279a7cadd300\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wussten Sie schon, dass wir in Deutschland gar keine zunehmende Ungleichheit haben? Das &bdquo;beweist&ldquo; zumindest eine Auftragsstudie des Ifo-Instituts, wie die WELT <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article156013187\/Das-Maerchen-von-der-wachsenden-Ungleichheit.html\">fr&ouml;hlich verk&uuml;ndet<\/a>. Ist also alles halb so wild? Ist die Ungleichheit nicht mehr als ein Wahlkampfthema, wie Ifo und WELT zynisch behaupten? 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