{"id":3379,"date":"2008-08-04T14:01:20","date_gmt":"2008-08-04T12:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3379"},"modified":"2015-11-15T16:06:20","modified_gmt":"2015-11-15T15:06:20","slug":"bemerkenswertes-interview-zur-obamania","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3379","title":{"rendered":"Bemerkenswertes Interview zur \u201eObamania\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In der &bdquo;Rheinpfalz&ldquo; vom 23.7. erschien ein Interview mit Thomas Kliche von der Universit&auml;t Hamburg, Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen. Zum Verst&auml;ndnis auch der k&uuml;nftigen Vorg&auml;nge in den USA ist der Text hilfreich. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nEs folgt der gesamte Text des Interviews in der in Ludwigshafen erscheinenden Regionalzeitung &bdquo;Rheinpfalz&ldquo;:<\/p><p>&bdquo;Obamania&rdquo; auch in der Bundesrepublik: Obwohl die wenigsten Deutschen mit den politischen Inhalten des US-Pr&auml;sidentschaftskandidaten Barack Obama vertraut sind, w&uuml;nschen sich die meisten von ihnen den Senator aus Illinois als Nachfolger von George W. Bush. Wie ist das zu erkl&auml;ren? Der Psychologe Thomas Kliche antwortet auf die Fragen unseres Redakteurs Hartmut Rodenwoldt.<\/p><p><em>Herr Kliche, kann Barack Obama &uuml;bers Wasser gehen?<\/em><br>\nJa, unbedingt. Denn wir lernen nicht den Menschen Obama pers&ouml;nlich kennen, sondern einen Mythos. Mythen sind in amerikanischen Wahlk&auml;mpfen wichtig. Das sind Personenwahlk&auml;mpfe. Schon Ronald Reagan hat ausf&uuml;hrlich mit dem Marlboro- Cowboy gearbeitet. Barack Obama arbeitet mit dem Kennedy-Mythos. Kennedy war jung, dynamisch, ein Aufsteiger. Der macht Hoffnung und gibt Versprechen auf die Zukunft ab.<\/p><p><em>Jung, dynamisch, Versprechen auf die Zukunft &ndash; das sind austauschbare Merkmale. Daran allein kann es nicht liegen.<\/em><br>\nDer Trick bei amerikanischen Wahlk&auml;mpfen ist, die Person glaubhaft mit dem Mythos zu verkn&uuml;pfen. Mythen arbeiten nicht rational. Sie arbeiten auf einer vorbewussten Ebene von Hoffnungen und Visionen.<\/p><p><em>Da taucht einer wie Obama aus dem Nichts auf. Die wenigsten kennen seine politischen Inhalte. Dennoch w&uuml;nschen sich fast drei Viertel der Deutschen Obama als n&auml;chsten US-Pr&auml;sidenten. Wie ist das zu erkl&auml;ren?<\/em><br>\nIch glaube, sie werden die Inhalte auch nicht genauer kennenlernen, weil es sie noch nicht gibt. Deshalb sollten wir uns anschauen, wof&uuml;r dieser Mythos Obama steht, und nicht, was der Kandidat Obama sagt: Er steht f&uuml;r ein L&ouml;sungsversprechen und f&uuml;r einen Aufbruch zu dieser L&ouml;sung. Er vermittelt den Leuten: &ldquo;Politik kann was ver&auml;ndern. Wir wollen den Wandel und ich kann Euch den Wandel bringen.&rdquo; Er spricht also Menschen sehr stark an, die alles anders wollen als jetzt unter Bush. Er kann ein tiefes Unbehagen mit dem Neoliberalismus und mit seiner aggressiven Verbreitung durch Kriege mobilisieren. Obama wirkt zus&auml;tzlich unverbraucht und ehrlich. Er hat ja schon immer gegen den Irak-Krieg gestimmt.<\/p><p><em>Sie sprechen jetzt von Leuten, denen Politik nicht ganz fremd ist. Aber junge M&auml;dchen, die Merkel, Beck oder Westerwelle nicht die Bohne interessiert, entwickeln pl&ouml;tzlich ein Interesse f&uuml;r Obama.<\/em><br>\nWeil sie &uuml;ber Merkel, Beck und Westerwelle schon viel wissen. Diese sind verbraucht. Die &auml;ndern nicht wirklich etwas. Die gehen keine neuen Wege, die haben keinen L&ouml;sungsentwurf. Was die Politikverdrossenheit in Deutschland stark bestimmt, ist, dass kein Mensch mehr wei&szlig;, wo es langfristig hingehen soll. Obama wei&szlig; das auch nicht, jedenfalls sagt er es nicht. Aber die Leute nehmen ihm sein Heilsversprechen ab, weil er allein schon wegen seiner Hautfarbe einen Kontrast zum bisherigen System darstellt.<\/p><p><em>Da gibt sich jemand dem Gef&uuml;hl und der Sehnsucht hin, Obama k&ouml;nne die Welt retten?<\/em><br>\nDas ist sehr zweischneidig. Auf der einen Seite ist das Versprechen von der Gestaltbarkeit von Welt ja Sinn der Politik. Das ist in Deutschland verloren gegangen. Da wird nur noch gefeilscht auf kleinstem Niveau ohne irgendeine Zukunftsvision. Auf der anderen Seite ist das Heilsversprechen ja auch so etwas wie der &ldquo;Glamour&rdquo; der Politik &ndash; ein falscher Glanz. Der f&uuml;hrt dazu, dass die Menschen immer mehr die &ldquo;Events&rdquo; in der Politik suchen. Ich sehe da eher &Auml;hnlichkeiten zum Auftritt des Papstes als zu Politikern in Deutschland.<\/p><p><em>Stichwort Events: Bei der Fu&szlig;ball-Fanmeile haben Hunderttausende nicht Schweinsteiger oder Podolski gefeiert, sondern eher sich selbst&hellip;.<\/em><br>\nJa. Die Identifikation mit einer Gruppe, das Gef&uuml;hl, gemeinsam stark zu sein, ist etwas, was sich in politischen F&uuml;hrern b&uuml;ndelt. Menschen identifizieren sich gerade dann mit F&uuml;hrern, wenn sie Angst haben und selbst nicht wissen, wohin die Reise geht. Sie geben einen Teil ihrer Selbstverantwortung an diesen F&uuml;hrer ab. Das geschieht immer h&auml;ufiger. Das Schlimme daran ist, dass es systematisch einge&uuml;bt wird, wie etwa beim Fu&szlig;ball. Das ist dann &uuml;bertragbar auf andere Felder, zum Beispiel auf die Politik.<\/p><p><em>Ein Teil der politischen Klasse ist ebenfalls von Obama begeistert. F&uuml;r die trifft Ihre letzte Analyse nicht zu.<\/em><br>\nAber f&uuml;r die ist alles besser als die schwachsinnige Bush-Politik. Der hinterl&auml;sst doch einen weltweiten Scherbenhaufen ohne L&ouml;sungsm&ouml;glichkeiten und unter Verlust der Glaubw&uuml;rdigkeit von westlichen Regierungen.<\/p><p><em>Gehen mit Obamas Heilsversprechen auch die v&ouml;llig unrealistischen Erwartungen an ihn einher?<\/em><br>\nJa, entsprechend werden sie auch entt&auml;uscht werden. Wenn sich herausstellt, dass sich Obama, wie andere, seine Budgets vom Kongress absegnen lassen und Kompromisse eingehen muss, ist das Heilsversprechen schnell verbraucht.<\/p><p><em>Was sagt das alles &uuml;ber uns in Deutschland aus?<\/em><br>\nWir gieren nach ernsthaften Gestaltungsentw&uuml;rfen f&uuml;r die Zukunft. Dabei greifen wir auch zu Strohhalmen. Wir beteiligen uns stellvertretend emotional an solchen Experimenten. Das hat den zus&auml;tzlichen Charme: Es ist v&ouml;llig risikofrei. Wir m&uuml;ssen Obama nicht w&auml;hlen, und wir m&uuml;ssen ihn danach nicht aushalten. Insofern m&uuml;ssen wir ihn auch nicht verantworten.<\/p><p><em>Erschreckt Sie das?<\/em><br>\nJa, mich erschreckt inzwischen einiges. Was da wiederkommt, sind Modelle einer Massenpsychologie, die wir seit den drei&szlig;iger Jahren f&uuml;r &uuml;berholt gehalten haben.<\/p><p><em>Zu was f&uuml;hrt das?<\/em><br>\nMenschen gew&ouml;hnen sich daran, aus Angst vor der Zukunft F&uuml;hrer zu beauftragen. Sie erwarten von denen L&ouml;sungen, anstatt selbst die Verantwortung in der Demokratie zu &uuml;bernehmen. Psychologisch betrachten wir das als Abwehrmechanismus:<br>\nMan schiebt Verantwortung auf Gro&szlig;e und M&auml;chtige ab, und f&uuml;hlt sich dadurch entlastet. Die Politik soll die Zukunft gestalten, aber gleichzeitig nichts &auml;ndern, nichts entscheiden und niemanden st&ouml;ren. Ein durchaus widerspr&uuml;chlicher Auftrag an die Politik und zugleich bedrohlich f&uuml;r die Demokratie.<\/p><p><em>Wie ist das zu &auml;ndern?<\/em><br>\nPolitische Bildung ist ein Stichwort. Ein anderes: Wir l&ouml;ffeln jetzt die Suppe aus, die uns die Politiker der letzten zwanzig Jahre eingebrockt haben. Mit zahllosen Skandalen haben sie uns gezeigt, dass sie ihre eigenen Gesetze und Werte nicht besonders ernst nehmen. Das mindert dauerhaft das Vertrauen in Politik. Daher m&uuml;ssen wir von unseren Politikern ein besonderes Ma&szlig; an Integrit&auml;t und Moral fordern. &Uuml;brigens auch von den wirtschaftlichen Eliten. Ferner: Wir brauchen ein politisches System der echten Beteiligung der Menschen. Wir brauchen mehr Respekt und Offenheit f&uuml;r den Volkswillen.<\/p><p><strong>Zur Person<\/strong><br>\nThomas Kliche von der Universit&auml;t Hamburg ist Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der &bdquo;Rheinpfalz&ldquo; vom 23.7. erschien ein Interview mit Thomas Kliche von der Universit&auml;t Hamburg, Vorsitzender der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologen. Zum Verst&auml;ndnis auch der k&uuml;nftigen Vorg&auml;nge in den USA ist der Text hilfreich. 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