{"id":33797,"date":"2016-06-14T12:53:16","date_gmt":"2016-06-14T10:53:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33797"},"modified":"2016-06-14T14:14:53","modified_gmt":"2016-06-14T12:14:53","slug":"privatisierung-der-autobahnen-ein-schwerer-fall-von-untreue-im-kielwasser-der-fussball-em","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33797","title":{"rendered":"Privatisierung der Autobahnen \u2013 ein schwerer Fall von Untreue im Kielwasser der Fu\u00dfball-EM?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die deutsche Fu&szlig;ballnationalmannschaft am Donnerstag auf die Polen trifft, wird die Bundesregierung einige Stunden zuvor ein wichtiges Treffen mit den Ministerpr&auml;sidenten der L&auml;nder absolviert haben. Dabei wird es unter anderem um die Zukunft der deutschen Fernstra&szlig;en gehen. Ginge es nach Verkehrsminister Dobrindt und Wirtschaftsminister Gabriel k&ouml;nnten Planung, Bau und Betrieb der Autobahnen schon bald in eine private Gesellschaft <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/regierung-erwaegt-privatisierung-des-autobahnnetzes-a-1096937.html\">ausgegliedert werden<\/a>. Dabei w&uuml;rde ein solches Unterfangen den Steuerzahler Unsummen kosten &hellip; Unsummen, die im Falle einer Privatisierung direkt in die Taschen der Banken und Versicherungskonzerne flie&szlig;en w&uuml;rden. Doch daf&uuml;r m&uuml;sste das Grundgesetz ge&auml;ndert werden und das geht nur mit einer qualifizierten Zweidrittelmehrheit in Bundestag und Bundesrat, die ohne aktive Zustimmung der gr&uuml;n mitregierten L&auml;nder nicht zu erlangen ist. Der Ball liegt nun also bei den Gr&uuml;nen. Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWelchen Grund kann es daf&uuml;r geben, die Autobahnen zu privatisieren? Finanziell w&auml;re dies f&uuml;r den Staat und den B&uuml;rger zumindest ein Desaster. Grunds&auml;tzlich gibt es bei der Finanzierung staatlicher Bauvorhaben zwei Varianten. Bei Variante (a) kann der Staat sich das n&ouml;tige Geld selbst leihen und die Kosten &uuml;ber Steuern oder Abgaben langfristig refinanzieren. Bei Variante (b) beauftragt der Staat einen privaten Konzern mit der Finanzierung und garantiert ihm daf&uuml;r festgelegte Einnahmen, die meist direkt &uuml;ber Abgaben, oft aber auch indirekt &uuml;ber die &ouml;ffentlichen Haushalte flie&szlig;en. Rechnen wir die beiden Varianten doch einmal f&uuml;r ein typisches Autobahnszenario durch:<\/p><p>Variante (a): Der Staat leiht sich die n&ouml;tigen 1.000 Mio. Euro f&uuml;r ein Bauprojekt <strong>&uuml;ber normale Staatsanleihen<\/strong> auf den M&auml;rkten. Der Zinssatz f&uuml;r eine zehnj&auml;hrige Anleihe betr&auml;ft momentan -0,003% &ndash; sie haben richtig gelesen, der Staat kann sich zur Zeit nicht nur zinsfrei Geld an den M&auml;rkten leihen, er bekommt sogar eine (wenn auch sehr kleine) Pr&auml;mie daf&uuml;r. Da Autobahnen jedoch eine Investition mit sehr langer Refinanzierung sind und der Zinssatz sich mittel- bis langfristig &auml;ndern kann, ist es nat&uuml;rlich sinnvoller den Zinssatz f&uuml;r sehr langfristige Anleihen als Kalkulationsgrundlage zu nehmen. F&uuml;r eine 30j&auml;hrige Anleihe zahlt der Bund zur Zeit immerhin 0,57% Zinsen. <strong>Auf die 30 Jahre gerechnet w&uuml;rde die Gesamtverzinsung des Bauprojekts demnach 185 Mio. Euro kosten.<\/strong> Dies ist ein echter Spottpreis, der weit unter der zu erwartenden Inflation f&uuml;r diesen langen Zeitraum liegt.<\/p><p>Variante (b): Der Staat beauftragt eine private Gesellschaft mit dem Bauprojekt. Diese Gesellschaft sammelt das n&ouml;tige Geld &uuml;ber eine <strong>Unternehmensanleihe<\/strong> ein. Bei 30j&auml;hriger Laufzeit und fest kalkulierbaren und sicheren Refinanzierungseinnahmen liegt der Zins f&uuml;r eine solche Anleihe zur Zeit bei rund 2,25%. Aufgezinst auf die volle Laufzeit <strong>betragen die Zinsen f&uuml;r diese Finanzierungsvariante immerhin 950 Mio. Euro<\/strong>, sind damit also fast so hoch wie die eigentlichen Projektkosten. Und hier geht es erst einmal nur um die reinen Refinanzierungskosten. Die Rendite f&uuml;r den Betreiber kommt nat&uuml;rlich noch on top. Womit wir bei Variante (c) w&auml;ren.<\/p><p>Variante (c): Gro&szlig;e <strong>Versicherungsgesellschaften<\/strong> wie die Allianz, f&uuml;r die das PPP-Modell der Bundesregierung ma&szlig;geschneidert ist, <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wirtschaft\/chef-der-allianz-lebensversicherung-investiert-die-allianz-nur-in-autobahnen-wenn-die-maut-kommt\/10795234-3.html\">kalkulieren intern<\/a> bei Autobahn-Privatisierungen mit einer Rendite von sieben Prozent! Wenn wir diesen Satz auf unser Bauprojekt anwenden, stehen nach 30 Jahren <strong>Gesamtkosten in H&ouml;he von schwindelerregenden 7.612 Mio. Euro<\/strong> an. F&uuml;r Versicherungskonzerne und Fondsgesellschaften ist dies eine wahre Goldgrube. Wo sonst kann man im momentanen Umfeld schon eine derartige Rendite erzielen &ndash; und dies abgesichert durch den Staat! <\/p><p>Es ist kaum verwunderlich, dass derartige Gedankenspiele hierzulande lieber hinter verschlossenen T&uuml;ren angestellt werden. Kein Politiker k&ouml;nnte diese horrenden Differenzen bei der Finanzierung seinen W&auml;hlern erkl&auml;ren. Denn eins sollte klar sein: Die Renditen der Versicherungskonzerne m&uuml;ssen auf der anderen Seite &uuml;ber Steuern und Abgaben wieder reingeholt werden. Hier stehen nat&uuml;rlich die LKW- und die PKW-Maut ganz oben auf der Liste. Und wenn die Kosten erst einmal im Raum stehen, wird selbst die CSU nichts mehr von ihrer &bdquo;Ausl&auml;ndermaut&ldquo; wissen wollen, die die deutschen Autofahrer angeblich nichts kosten wird. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160614_autobahn_s.jpg\" alt=\"Privatisierung der Autobahnen &ndash; ein schwerer Fall von Untreue im Kielwasser der Fu&szlig;ball-EM?\" title=\"Privatisierung der Autobahnen &ndash; ein schwerer Fall von Untreue im Kielwasser der Fu&szlig;ball-EM?\"><\/p><p>Wir werden zahlen &hellip; so oder so. Die Frage, die sich hier stellt, ist jedoch, was wir f&uuml;r unser Geld bekommen. In Deutschland sind 45 Millionen PKW zugelassen. Setzt man f&uuml;r jeden PKW eine Jahresmaut von 80 Euro an, kommt man auf 3.600 Mio. Euro Jahreseinnahmen. Weitere rund 4.000 Mio. Euro werden &uuml;ber die LKW-Maut eingenommen. F&uuml;r insgesamt 7.600 Mio. Euro k&ouml;nnte man nach Variante (a) immerhin 7,6 Bauprojekte aus unserem Beispiel finanzieren. Bei Variante (c) w&auml;re das gesamte Budget bereits f&uuml;r ein einziges Bauprojekt aufgebraucht. F&uuml;r Instandhaltungsma&szlig;nahmen und Reparaturen auf anderen Strecken w&uuml;rde das Geld fehlen. <strong>Eine Privatisierung der Autobahnen w&uuml;rde also schlussendlich dazu f&uuml;hren, dass unsere Stra&szlig;en langfristig nicht besser, sondern schlechter werden!<\/strong> <\/p><p>W&uuml;rde nicht ein Politiker, sondern der Vorstand einer Kapitalgesellschaft eine derartige Entscheidung treffen, w&uuml;rde er sich der Untreue schuldig machen. In der Gro&szlig;en Koalition im Bund scheinen die Politiker damit jedoch kein Problem zu haben. CDU, CSU und SPD sind im Bund ganz klar auf Privatisierungslinie. Zum Gl&uuml;ck ist f&uuml;r eine Privatisierung jedoch eine &Auml;nderung des Grundgesetzes n&ouml;tig und daf&uuml;r ben&ouml;tigt man nicht nur im Bundestag, sondern auch im Bundesrat eine qualifizierte 2\/3-Mehrheit &ndash; Enthaltungen z&auml;hlen hier also nicht mit. Bei der momentanen Kr&auml;fteverteilung im Bundesrat ist eine &Auml;nderung des Grundgesetztes jedoch nur mit Zustimmung der Bundesl&auml;nder zu erreichen, in denen die Gr&uuml;nen mit in der Regierung sind.<\/p><p>F&uuml;r alle W&auml;hler der Gr&uuml;nen &ndash; die ja, so will es das Klischee, sich nicht von K&ouml;nig Fu&szlig;ball den Kopf verdrehen lassen &ndash; ist Donnerstag also der Tag der Wahrheit. Bislang konnte der Bund die L&auml;nder <a href=\"http:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/privatisierung-der-autobahn-laender-blockieren-autobahngesellschaft-des-bundes-\/13007346.html\">nicht &uuml;berzeugen<\/a>, ihre Zustimmung zur Privatisierung der Autobahnen zu geben. Dieses &bdquo;Nein&ldquo; ist jedoch nicht in Stein gemei&szlig;elt und schon gar keine prinzipielle Ablehnung eines Privatisierungsmodells. Es geht vielmehr um Geld und Mitbestimmung; zwei Faktoren, die dehnbar sind. Welchen Judaslohn die Versicherungs- und Finanzwirtschaft an die Politiker bezahlt, die einem derart desastr&ouml;sen Modell zustimmen, ist nicht bekannt. Man sollte sich jedoch auch nicht wundern, wenn die Herren Dobrindt und Gabriel so wie ihre Kollegen in den L&auml;ndern nach dem Ende ihrer Laufbahn sehr gut dotierte Vortrags- oder Beraterhonorare von der Finanzwirtschaft bekommen &hellip; Peer Steinbr&uuml;ck und Walter Riester lassen gr&uuml;&szlig;en.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/37ef396b600d498ca9582f80ed6652aa\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die deutsche Fu&szlig;ballnationalmannschaft am Donnerstag auf die Polen trifft, wird die Bundesregierung einige Stunden zuvor ein wichtiges Treffen mit den Ministerpr&auml;sidenten der L&auml;nder absolviert haben. Dabei wird es unter anderem um die Zukunft der deutschen Fernstra&szlig;en gehen. 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