{"id":338,"date":"2004-07-13T10:04:42","date_gmt":"2004-07-13T09:04:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=338"},"modified":"2016-03-29T18:13:55","modified_gmt":"2016-03-29T16:13:55","slug":"rot-grun-im-bunker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=338","title":{"rendered":"Rot-Gr\u00fcn im Bunker"},"content":{"rendered":"<p>Bundesregierung und Koalitionsspitze trafen sich in den vergangenen Tagen in Neu-Hardenberg zu einer Klausur. Dabei wurde deutlich, dass Bundesregierung und Koalition bei dem, was sie Reformen nennen, &bdquo;durchzumarschieren&ldquo; gedenken: keine Revision vom Hartz IV, keine Entspannung des Verh&auml;ltnisses zu den Gewerkschaften, keine Zugest&auml;ndnisse an die ostdeutschen L&auml;nder, wenn die ostdeutschen Ministerpr&auml;sidenten sich heute Abend mit dem Bundeskanzler treffen. Dabei g&auml;be es gute Gr&uuml;nde, speziell diese Reform zu &uuml;berdenken, und viel gute Gr&uuml;nde, mit den Gewerkschaften anders umzugehen. Anders als &ouml;ffentlich der Eindruck entstanden ist, haben sie bisher viele Affronts von Seiten der rot-gr&uuml;nen Koalition weggesteckt. Vermutlich war das die falsche Strategie.<br>\n<!--more--><br>\nEinige Anmerkungen zu den einzelnen Punkten:<\/p><ol>\n<li>Die Kritik an Hartz IV und die Bedenken wachsen inzwischen auch in Medien, die bisher den strammen und bedenkenlosen Reformkurs mitgefahren sind. Bestes Beispiel wiederum der &bdquo;Spiegel&ldquo;, der seinen einschl&auml;gigen Artikel mit &bdquo;Aufbruch oder Absturz&ldquo; &uuml;berschreibt und fragt: &bdquo;Sinkt jetzt die Arbeitslosigkeit?&ldquo; Auf die Idee, diese offiziell gehegte Erwartung in Frage zu stellen, h&auml;tte man schon fr&uuml;her kommen k&ouml;nnen. Hartz IV verschlechtert die Lage der Arbeitslosen und setzt sie unter Druck, jedwede Arbeit anzunehmen. Wenn aber keine Arbeit da ist wie in Ostdeutschland, dann f&uuml;hrt dies nur zu einer Verschlechterung der Einkommenslage dieser Menschen und Familien und dann auch jener Betriebe und Gewerbe, die auch von der Kaufkraft von Arbeitslosen abh&auml;ngig sind. Weil dies vor allem in Ostdeutschland vermutlich nichts au&szlig;er einer Erschwerung des Lebens der betroffenen Menschen bringt, dr&auml;ngen die ostdeutschen Ministerpr&auml;sidenten auf eine Revision. Bundeskanzler Schr&ouml;der und Wirtschaftsminister Clement aber bleiben standhaft, wie es so sch&ouml;n hei&szlig;t. &bdquo;Schr&ouml;der gegen Extrawurst Ost&ldquo;, schreibt Spiegel Online. Einen solchen Begriff bedenkenlos zu nutzen, um ein Begehren zu beschreiben, dass eine sehr ernste Situation zu mildern versucht, das zeigt sehr viel vom zynischen Geist, der sich in diesen Redaktionsstuben breit gemacht hat.<\/li>\n<li>Was jetzt im Parlament verabschiedet worden ist und Anfang des Jahres 2005 in Kraft tritt, wird Arbeitsmarktreform genannt. Der Wirtschaftsminister hat damit sein Schicksal verbunden. Wenn diese Reform scheitert, dann betrachtet er sich als gescheitert. Die Dimension dieses Vorgangs begreift man, wenn man sich klar macht, was die Funktion eines Wirtschaftsministers in der jetzigen Situation w&auml;re und welches minimale Teilchen des Arbeitsmarktes die verabschiedete Reform betrifft: Selbst bei einer Arbeitslosigkeit von zehn Prozent betrifft diese Reform nur ein Zehntel der Vorg&auml;nge auf dem Arbeitsmarkt. Die meisten Neueinstellungen finden ohnehin jenseits des Arbeitsamtes bzw. der Bundesagentur statt. Wenn ein Unternehmen neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter braucht, dann werden diese in der Regel ganz anders akquiriert als &uuml;ber das Arbeitsamt. Das ist keine Kritik an den Besch&auml;ftigten der Arbeits&auml;mter. Es ist die Beschreibung der realen Lage.\n<p>Der Wirtschaftsminister hat eigentlich die Aufgabe, f&uuml;r Besch&auml;ftigung zu sorgen und nicht die Aufgabe, die Arbeitslosigkeit zu verwalten. Er verbindet sein Schicksal aber mit dieser Verwaltung der Arbeitslosigkeit. Besser h&auml;tte er sein Schicksal im April und Mai mit der Kurskorrektur der Wirtschafts- und Finanzpolitik verbunden. Das w&auml;re um vieles wichtiger gewesen, als die &bdquo;Forderungen&ldquo; an die Arbeitslosen hoch zu schrauben. Was die bessere&ldquo; F&ouml;rderung&ldquo; anbetrifft, das l&auml;sst sich jetzt schon prognostizieren, ist er am Jahresbeginn ohnehin schon gescheitert, denn es wird keineswegs fl&auml;chendeckend den Umbau der Agentur f&uuml;r Arbeit in Vermittlungsagenturen geben.<\/p><\/li>\n<li>Der Bundeskanzler und andere Politiker der Koalition haben sich &ndash; zum Teil auf massive Weise &ndash; mit den Gewerkschaften auseinander gesetzt. Der Bundeskanzler hat quasi zum Sturz des Verdi-Vorsitzenden Bsirske aufgerufen. Diese Aggression gegen&uuml;ber den Gewerkschaften kann ich sachlich nicht verstehen. Die Gewerkschaften haben sich gegen&uuml;ber der rot-gr&uuml;nen Bundesregierung lange vor der Verk&uuml;ndung der Agenda 2010 ausgesprochen freundlich verhalten. Sie haben im Wahlkampf 2002 geholfen; sie haben Affronts weggesteckt, die an das Mark der gewerkschaftlichen Arbeit gingen. Zwei Beispiele will ich nennen: Erstens, sowohl der Bundeskanzler als auch der Bundeswirtschaftsminister haben dem Sinne nach &ouml;ffentlich erkl&auml;rt, Arbeit sei in Deutschland zu teuer. &ndash; Das ist sachlich nicht richtig und au&szlig;erdem eine direkte Intervention zu Gunsten der Arbeitgeberseite. Die Gewerkschaften haben diese unglaubliche Intervention zu ihren Lasten und zu Lasten der Arbeitnehmerschaft hingenommen. &ndash; &Auml;hnliches gilt zweitens f&uuml;r das Engagement f&uuml;hrender Sozialdemokraten und auch einiger Gr&uuml;nen in einer der f&uuml;hrenden Kampforganisationen der Arbeitgeber und der neoliberalen Ideologen: in der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Wolfgang Clement hat seinen Namen f&uuml;r diese Organisation hergegeben, genauso wie Peter Glotz, Siegmar Mosdorf und Florian Gerster.\n<p>Die Gewerkschaften haben auch das hingenommen. Sie ernten aber keinen Dank f&uuml;r diese Freundlichkeit und R&uuml;cksichtnahme, im Gegenteil: f&uuml;hrende Politiker der Koalition nutzen die aggressive Feindseligkeit gegen&uuml;ber den Gewerkschaften, die sich im b&uuml;rgerlichen Lager, bei Medien und sogar bei Intellektuellen breit macht. Der psychische Hintergrund ist im &uuml;brigen das alte S&uuml;ndenbocksyndrom: Man sucht nach Schuldigen f&uuml;r die eigenen und die allgemeinen Schwierigkeiten unseres Volkes.<\/p><\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundesregierung und Koalitionsspitze trafen sich in den vergangenen Tagen in Neu-Hardenberg zu einer Klausur. 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