{"id":33812,"date":"2016-06-15T11:04:26","date_gmt":"2016-06-15T09:04:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33812"},"modified":"2016-06-15T11:58:15","modified_gmt":"2016-06-15T09:58:15","slug":"der-brexit-und-die-angst-der-transatlantiker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33812","title":{"rendered":"Der Brexit und die Angst der Transatlantiker"},"content":{"rendered":"<p>Eine Woche vor dem entscheidenden Referendum vergr&ouml;&szlig;ern <a href=\"https:\/\/ig.ft.com\/sites\/brexit-polling\/\">Umfragen zufolge<\/a> die Brexit-Bef&uuml;rworter ihren knappen Vorsprung. Es ist also durchaus im Bereich des M&ouml;glichen, dass die EU und Gro&szlig;britannien schon bald in Br&uuml;ssel die Einzelheiten ihrer Scheidung verhandeln. Was dann passiert, ist vollkommen offen und liegt einzig und allein im Verantwortungsbereich der Verhandlungspartner. Die Welt wird dadurch weder gerettet noch untergehen. Und die Katastrophenszenarien der Freunde der transatlantischen Sache werden auch nicht automatisch eintreten. Der Brexit allein w&auml;re auch kein Grund, eine Tr&auml;ne zu vergie&szlig;en. Doch was kommt danach? Und warum haben vor allem die Transatlantiker in den Redaktionsstuben derart Angst vor einem Brexit? Von <strong>Jens Berger<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nWenn ein Wissenschaftler schon heute &bdquo;wei&szlig;&ldquo;, welche Folgen ein Brexit auf die Volkswirtschaften oder gar einzelne Wirtschaftszweige Gro&szlig;britanniens oder Resteuropas haben wird, ist er ein Scharlatan. Das h&auml;lt jedoch fast die gesamte Zunft nicht davon ab, wie ein altes Weib auf dem Jahrmarkt in die Kristallkugel <a href=\"http:\/\/www.manager-magazin.de\/politik\/weltwirtschaft\/brexit-oekonomen-und-manager-warnen-vor-folgen-a-1097301.html\">zu blicken<\/a> und nebul&ouml;se Prognosen zu verk&uuml;nden. Schaden w&uuml;rde der Brexit uns allen &ndash; so der Konsens der klugen Herren. Nun ja. Gro&szlig;britannien ist &uuml;ber rund 14.000 v&ouml;lkerrechtliche Vertr&auml;ge, angefangen bei der UNO-, WTO- und NATO-Mitgliedschaft, &uuml;ber Handels-, Verkehrs- und Patentabkommen, bis hin zu Zoll-, Fischerei- und Postabkommen mit der internationalen Gemeinschaft verbunden. Der Gro&szlig;teil dieser Vertr&auml;ge bleibt auch nach einem EU-Austritt ganz einfach erhalten, da er mit den EU-Vertr&auml;gen gar nichts zu tun hat. Und der Rest wird dann zur Verhandlungssache. Nach g&auml;ngiger rechtlicher Bewertung behalten s&auml;mtliche EU-Vertr&auml;ge mit Gro&szlig;britannien erst einmal ihre G&uuml;ltigkeit, bis sie durch neu verhandelte Vertr&auml;ge abgel&ouml;st werden &ndash; dasselbe gilt f&uuml;r Vertr&auml;ge Gro&szlig;britanniens mit Dritten, die auf den EU-Vertr&auml;gen aufbauen. Oder um es kurz zu machen: <strong>Erst einmal &auml;ndert sich gar nichts!<\/strong><\/p><p>Wie Gro&szlig;britannien, die EU und der Rest der Welt derlei bi- oder multilaterale Fragen im Falle eines Brexit regeln wird, liegt einzig und allein in den H&auml;nden der Verhandlungspartner. Vorstellbar ist hier &ndash; zumindest theoretisch &ndash; so ziemlich alles, angefangen bei der R&uuml;ckkehr zu den WTO-Regeln, die auch Z&ouml;lle beinhalten, bis zur vollst&auml;ndigen &Uuml;bernahme des EU-Freihandels inkl. aller Sonderregeln. Gro&szlig;britannien w&uuml;rde nach einem Brexit &ndash; so viel ist jedoch schon klar &ndash; nat&uuml;rlich kein zweites Nordkorea in vollst&auml;ndiger Isolation werden und auch Isolation light &aacute; la Schweiz wird kein Modell f&uuml;r die Briten sein. Wahrscheinlicher ist eine weitreichende privilegierte Partnerschaft, wie sie zum Beispiel Norwegen und die EU pflegen. <strong>Gro&szlig;britannien wird sich also im Falle eines Brexit wohl am ehesten die Gesetze und Regeln aus Br&uuml;ssel diktieren lassen, ohne am Verhandlungstisch mit dar&uuml;ber entscheiden zu d&uuml;rfen<\/strong> &hellip; genau dieses Schicksal haben ja bereits heute Staaten wie die Schweiz, Norwegen oder Island. Ob dies nun die &bdquo;gro&szlig;e Freiheit&ldquo; ist, von der die oft rechtspopulistischen Brexit-Bef&uuml;rworter tr&auml;umen, mag dahin gestellt sein.<\/p><p>F&uuml;r Resteuropa l&auml;ge im Brexit sogar eine Chance. Jedoch ist auch dies nur graue Theorie und bei Betrachtung der Interessen der m&auml;chtigen Lobbygruppen sehr unwahrscheinlich: Sobald die EU erst einmal vom Moloch der City of London befreit ist, k&ouml;nnte man endlich auch Gesetze und Vorschriften erlassen, die nicht am britischen Veto f&uuml;r den zweitgr&ouml;&szlig;ten Finanzplatz der Welt scheitern. Doch die Erfahrung zeigt, dass die Lobbyisten der Hochfinanz nicht nur in Westminister sitzen. Insofern sind auch die m&ouml;glichen positiven Folgen eines Brexit reine Spekulation und es w&auml;re unseri&ouml;s, so etwas ernsthaft zu prognostizieren &hellip; man will ja kein Scharlatan sein.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160615_cover_brexit.jpg\" alt=\"Brexit Cover\" title=\"Brexit Cover\"><\/p><p>Wenn der Brexit nun wirklich so belanglos ist, warum kocht dann das Blut der Transatlantiker in den Redaktionsstuben derart hoch? Wie kommt dann der SPIEGEL auf die unversch&auml;mte Idee, dem Magazin &bdquo;Business Spotlight&ldquo; das Cover zu klauen und &uuml;ber gef&uuml;hlte 100 Seiten auf Deutsch und Englisch schmalzig, devot und stellenweise unfreiwillig komisch (Zitat: &bdquo;Wir brauchen sie, weil der Kontinent sonst in Einfalt, Kleinlichkeit und Lethargie versinken wird.&ldquo;) an die Briten appelliert &bdquo;uns nicht zu verlassen&ldquo;? Die Antwort auf diese Frage d&uuml;rfte einfacher sein, als die meisten es denken. Gro&szlig;britannien war und ist sp&auml;testens seit der &Auml;ra Thatcher auch ein Trojanisches Pferd innerhalb der EU, das sich f&uuml;r die Ideologie des Freihandels, freier M&auml;rkte, der Deregulierung und allgemein des Neoliberalismus stark macht. Die Briten vertreten auf internationalem Parkett nicht nur die Interessen der City of London, sie sind zumindest in Europa auch die gr&ouml;&szlig;ten Verfechter der neoliberalen Ideologie. Und nicht zu vergessen: Au&szlig;en- und sicherheitspolitisch agiert London schon seit langem so, als sei man kein Mitglied der EU, sondern der 51. Staat der USA. <\/p><p><strong>Pro Neoliberalismus, pro NATO-Interventionspolitik, pro Finanzm&auml;rkte, pro Freihandel<\/strong> &hellip; kein Wunder, dass Gro&szlig;britannien in den Spitzen der Redaktionen so viele Freunde hat und kein Wunder, dass diese &bdquo;Gro&szlig;journalisten&ldquo; daf&uuml;r k&auml;mpfen, dass das trojanische Pferd in unseren Stadtmauern bleibt. <\/p><p>Und dann? Wird dann alles besser? Die Probleme liegen auf dem Tisch und sind bekannt. <strong>Der Neoliberalismus transatlantischer Pr&auml;gung hat seinen Glanz verloren<\/strong> und dies- und jenseits des Atlantiks wenden sich die Menschen politischen Alternativen zu; Alternativen, die &ndash; das muss man leider auch ganz klar sagen &ndash; meist keinesfalls progressiv, liberal oder sozial sind. Dies ist jedoch der Status Quo und es gibt &uuml;berhaupt keinen Grund anzunehmen, dass die Menschen den Neoliberalismus transatlantischer Pr&auml;gung wieder lieben und zu den alten Parteien laufen, nur weil die Briten sich f&uuml;r einen Verbleib in der EU entscheiden. Der britische Wunsch, die EU zu verlassen, ist vielmehr eine Folge des allgemeinen Zeitenwechsels und nicht dessen Ursache! Dies vergessen die Leitartikler jedoch gerne. Stattdessen malen sie Horrorszenarien an die Wand. <\/p><p>Was Europa braucht ist eine echte Alternative. Europa braucht eine Vision, eine R&uuml;ckbesinnung auf die gemeinsamen Werte und ein Fokussieren auf die gemeinsamen Ziele. Europa muss wieder das Europa der Menschen werden und nicht nur eine Freihandelszone zur Mehrung des Reichtums einiger Weniger. Bevor dieses Problem nicht angegangen oder zumindest erst einmal verstanden wird, macht es auch gar keinen Sinn, ernsthaft &uuml;ber das F&uuml;r und Wider eines Brexit zu debattieren. Ein &bdquo;Weiter so!&ldquo; ist keine L&ouml;sung. Der Brexit ist jedoch genauso wenig eine L&ouml;sung, da er nur ein Symptom ist und nicht die Ursachen lindern kann, an denen Europa krankt. Die Frage sollte also nicht hei&szlig;en &bdquo;Brexit oder nicht&ldquo;, sondern &bdquo;Weiter so! oder nicht&ldquo;. Wenn wir uns f&uuml;r ein Festhalten an der falschen Politik entscheiden, f&uuml;hrt dies mit oder ohne Brexit schlussendlich nur dazu, dass &uuml;ber kurz oder lang alle uns bekannten Ordnungsrahmen zusammenbrechen werden. Und das kann ja eigentlich niemand wollen.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http-\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/37107da783bf4ed1b2e9b67e59d3ec17\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Woche vor dem entscheidenden Referendum vergr&ouml;&szlig;ern <a href=\"https:\/\/ig.ft.com\/sites\/brexit-polling\/\">Umfragen zufolge<\/a> die Brexit-Bef&uuml;rworter ihren knappen Vorsprung. 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