{"id":339,"date":"2004-07-13T10:07:59","date_gmt":"2004-07-13T09:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=339"},"modified":"2016-03-29T18:11:02","modified_gmt":"2016-03-29T16:11:02","slug":"arbeitszeitverlangerung-eine-gespensterdebatte-uber-eine-gespensterdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=339","title":{"rendered":"Arbeitszeitverl\u00e4ngerung \u2013 Eine Gespensterdebatte \u00fcber eine Gespensterdebatte"},"content":{"rendered":"<p>Kaum waren die betriebsbezogenen Vereinbarungen zwischen Siemens und der IG-Metall &uuml;ber die Verl&auml;ngerung der Arbeitszeiten in den Betrieben Kamp-Lintfort und Bocholt unter Dach und Fach kam es in der &ouml;ffentlichen Debatte zum &uuml;blich gewordenen Ritual: Wer bietet mehr? Fl&auml;chendeckend 40, 42, 45 oder gar 50 Stunden, die Streichung einer Woche Urlaub oder von Feiertagen ohne Lohnausgleich werden nicht nur von den &uuml;blichen Verd&auml;chtigen BDI, BDA, Ifo, DIW usw. in die Debatte gebracht. Nein, inzwischen haben wir auch noch unseren neuen Bundespr&auml;sidenten, der als oberster Stichwortgeber die Arbeitszeitverl&auml;ngerung als ernsthaften Beitrag zur Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit &bdquo;der&ldquo; Wirtschaft erkl&auml;rt und damit eine Gespensterdebatte &uuml;ber eine Gespensterdebatte anheizt.<br>\n<!--more--><br>\n&Uuml;ber das F&uuml;r und Wider einer Arbeitszeitverl&auml;ngerung ohne Lohnausgleich f&uuml;r das wirtschaftliche Wachstum oder f&uuml;r die Verbesserung der Wettbewerbsf&auml;higkeit ist etwa in der Frankfurter Rundschau erfreulicher Weise ausgiebig diskutiert worden. Zur &ouml;konomischen Sachfrage an dieser Stelle nur wenige Anmerkungen: Die Arbeitszeiten in Deutschland, k&ouml;nnen in einem Land das seit Jahren Exportweltmeister ist und das auch in diesem Jahr wieder zweistellige Zuwachsraten beim Export hat, offenbar kein (gravierender) Wettbewerbsnachteil sein.<br>\nBayern hat 13 und Schleswig-Holstein hat nur 9 gesetzliche Feiertage und obwohl das schon seit ewigen Zeiten so ist, f&auml;llt der Nachweis schwer, dass Bayern in punkto Wachstum oder Besch&auml;ftigung einen Wettbewerbsnachteil h&auml;tte.<br>\nWir hatten in den zur&uuml;ckliegenden Jahren allein schon durch die Flucht der Unternehmen aus Tarifvertr&auml;gen eine Verl&auml;ngerung der Wochenarbeitszeit (meist ohne Lohnausgleich)auf 40 Stunden (vgl. <a href=\"?p=45\">Eintrag vom 31.12.03<\/a>). Weder wurde dadurch das Wachstum gesteigert noch ist die Arbeitslosigkeit zur&uuml;ckgegangen.<br>\nIn Frankreich hat man eine gesetzliche Arbeitszeit von 35 Stunden pro Woche. Frankreich hat ein wesentlich st&auml;rkeres Wirtschaftswachstum als Deutschland und selbst die wirtschaftsorientierte OECD sch&auml;tzt den Anteil der Arbeitszeitverk&uuml;rzung am R&uuml;ckgang der Arbeitslosigkeit auf 20%, manche Forschungsinstitute gar auf 30%.<br>\nWer bei der Wettbewerbsf&auml;higkeit vor allem auf die Konkurrenz der Billiglohnl&auml;nder im benachbarten und im fernen Osten schielt, will offenbar den &bdquo;R&uuml;ckw&auml;rtsgang&ldquo; einlegen und in einen Unterbietungswettlauf eintreten, der dann tats&auml;chlich in kurzer Zeit bei der 45- oder 50-Stunden-Woche ankommt. Er meint dann Wettbewerb um Lohnk&uuml;rzungen und nicht Wettbewerb um das bisherige Erfolgsrezept entwickelter Wirtschaften, n&auml;mlich um die Erh&ouml;hung der Arbeitsproduktivit&auml;t durch Innovation. Die Arbeitsproduktivit&auml;t ist &uuml;brigens in England &ndash; dem Vorbild der Bef&uuml;rworter f&uuml;r die Verl&auml;ngerung von Arbeitszeiten &ndash; deutlich niedriger als in anderen L&auml;ndern mit k&uuml;rzeren Arbeitszeiten. (Siehe dazu Steffen Lehndorff, Institut Arbeit und Technik, www.fr-aktuell.de vom 6.7.04).<\/p><p>Ist also die Debatte um die Arbeitszeitverl&auml;ngerung schon eine &bdquo;Gespensterdebatte&ldquo;, so ist die &ouml;ffentliche Debatte, die dieses Thema ausl&ouml;st noch viel gespenstischer. Das findet sogar Angela Merkel &bdquo;ziemlich schrecklich&ldquo;.<br>\nDie Frage ist, wie kann es funktionieren, dass aus einem einzelnen Anlass pl&ouml;tzlich eine Medienflutwelle wird, die die ganze Republik &uuml;berschwemmt und in der fast uni sono die Erh&ouml;hung der Arbeitszeit als Erfolgsrezept ausgegeben wird?<\/p><p>Offenbar haben wir eine Stufe der pawlowschen Konditionierung unserer Politik und unserer Medien erreicht, in der jedes Thema, das das neoliberale Dogma der Verbesserung der Angebotsbedingungen &ndash; hier also der Lohnsenkung &ndash; nur ber&uuml;hrt, zum Rettungsanker unserer ach so miserablen Lage hochstilisiert wird.<\/p><p>Da werden dann von unseren Medien vom Provinzpolitiker Peter Harry Carstensen (Haben Sie schon vorher mal einen bedeutenden Diskussionsbeitrag von ihm geh&ouml;rt?) &uuml;ber die Herren Rogowski (BDI), Sinn (Ifo), Zimmermann (DIW) bis hin zum Bundespr&auml;sidenten alle einvernommen und jeder darf ungestraft und unhinterfragt die These verk&uuml;nden, dass Arbeitszeitverl&auml;ngerung Wachstum und Wettbewerbsf&auml;higkeit f&ouml;rdern. Unser Bundespr&auml;sident darf im ZDF-Sommerinterview vom 11.06.04 mit seiner Amtsautorit&auml;t sogar unwidersprochen die Behauptung vom &bdquo;Urlaubsweltmeister Deutschland&ldquo; wiederholen, obwohl er als &bdquo;Welt&ouml;konom&ldquo; doch wissen sollte, dass die Schweden oder die Niederl&auml;nder mehr durchschnittliche tarifliche Urlaubstage haben.<br>\nMan darf also alles behaupten, was angeblich &bdquo;der&ldquo; Wirtschaft dient, Hauptsache es passt ins &bdquo;herrschende&ldquo; Weltbild. Und alle Medien steigen auf das Thema ein und bieten sich als Resonanzboden an.<br>\nWie kann das so reflexartig funktionieren? Es gibt &ndash; bis auf wenige Ausnahmen &ndash; keine sachlich (wissenschaftlich) begr&uuml;ndetet und kontroverse Debatte mehr &uuml;ber wirtschaftspolitische Themen. Die Sachverst&auml;ndigen und die &Ouml;konomen in unserem Land sind offenbar nur noch im einzelwirtschaftlichen Denken gefangen (und da bedeutet nat&uuml;rlich Lohnsenkung (zun&auml;chst einmal) h&ouml;here Gewinnmargen) oder ideologisch auf die (international l&auml;ngst &uuml;berholte) Angebotstheorie beschr&auml;nkt. Die verantwortlichen Politiker plappern den Sachverst&auml;ndigen nach oder sie schaffen der eindimensionalen Diskussion durch windelweiche Erkl&auml;rungen zus&auml;tzliche Nahrung. Stoiber: &bdquo;Wir m&uuml;ssen bereit sein, ein St&uuml;ck mehr zu arbeiten, dann sind wir auch wieder wettbewerbsf&auml;higer&ldquo;. Clement nennt die Betriebsvereinbarung &uuml;ber die Arbeitszeitverl&auml;ngerung ein &bdquo;absolut(!) richtige Entscheidung und der Bundeskanzler pl&auml;diert f&uuml;r flexiblere Arbeitszeiten. Und, und, und&hellip;<\/p><p>Keiner, aber auch keiner erinnert daran, dass betriebliche Arbeitszeiten vor allem eine Angelegenheit der Tarifparteien ist. Vor einiger Zeit w&auml;re noch ein Aufschrei durch unser Land gegangen, wenn von der Politik so offen und einseitig in die Tarifautonomie eingegriffen worden w&auml;re.<br>\nAber inzwischen gelten die Gewerkschafter ohnehin nur als ideologisierte Betonk&ouml;pfe, die man auf Biegen und Brechen entmachten muss.<br>\nDie Debatte &uuml;ber die Arbeitszeitverl&auml;ngerung ist ein Musterbeispiel f&uuml;r die sog. &bdquo;Debatte ohne Tabus&ldquo; und sie zeigt wozu die Schw&auml;che und die Schw&auml;chung der Gewerkschaften und der Arbeitnehmerseite f&uuml;hrt. Da wird dann ein Tabu nach dem anderen gebrochen und das einst so hohe marktwirtschaftliche Gut der Tarifautonomie wird auf dem Altar der &bdquo;grundlegenden Strukturreformen&ldquo; geopfert &ndash; zum Schaden der Marktwirtschaft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kaum waren die betriebsbezogenen Vereinbarungen zwischen Siemens und der IG-Metall &uuml;ber die Verl&auml;ngerung der Arbeitszeiten in den Betrieben Kamp-Lintfort und Bocholt unter Dach und Fach kam es in der &ouml;ffentlichen Debatte zum &uuml;blich gewordenen Ritual: Wer bietet mehr? Fl&auml;chendeckend 40, 42, 45 oder gar 50 Stunden, die Streichung einer Woche Urlaub oder von Feiertagen ohne<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=339\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,123,157],"tags":[1740,487,443,324],"class_list":["post-339","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-arbeitsbedingungen","tag-produktivitaet","tag-standortwettbewerb","tag-tarifvertraege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=339"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32568,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/339\/revisions\/32568"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}