{"id":33988,"date":"2016-06-28T09:12:38","date_gmt":"2016-06-28T07:12:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33988"},"modified":"2019-08-06T14:41:41","modified_gmt":"2019-08-06T12:41:41","slug":"vorsicht-volk-rufen-die-pseudo-linken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33988","title":{"rendered":"\u201eVorsicht Volk!\u201c, rufen die Pseudo-Linken"},"content":{"rendered":"<p>1967 erschien bei Suhrkamp die Untersuchung &bdquo;Der hilflose Antifaschismus&ldquo;. Darin unterzog Wolfgang Fritz Haug eine Reihe von akademischen Texten einer kritischen Analyse. Bei den Texten handelte es sich um die Manuskripte von Ringvorlesungen an mehreren Universit&auml;ten der Bundesrepublik. Sie besch&auml;ftigten sich mit der politischen Vergangenheit ihrer Disziplinen und Fakult&auml;ten w&auml;hrend der Dauer der NS-Herrschaft. Zum Vorschein kam bei Haugs Untersuchung in vielen F&auml;llen ein Antifaschismus, der die Muster und Bedingungen der Auseinandersetzung sich vom Gegner hat diktieren lassen. Sozio-&ouml;konomische Bez&uuml;ge und die Erkl&auml;rung f&uuml;r die Herkunft faschistoider Dispositionen sind Fehlanzeige! Wer ein verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig aktuelles Beispiel dieser Art von hilflosem Antifaschismus kennenzulernen w&uuml;nscht, dem sei die Lekt&uuml;re von &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo; angeraten. &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo; ist ein in Schwarz gebundener Sammelband mit 24 Beitr&auml;gen und einem Vorwort der Herausgeber Markus Liske und Manja Pr&auml;kels. Letztere entstammen der Berliner Autoren- und Journalistenszene, sind heute &uuml;ber 40 (waren also im Beitrittsjahr 22 bzw. 15 Jahre alt), betreiben ausweislich ihrer Vita eine &bdquo;Gedankenmanufaktur&ldquo; und publizieren in der Wochenzeitung &bdquo;jungle world&ldquo; oder der &bdquo;tageszeitung&ldquo; (taz). 2011 erschien, von beiden herausgegeben, die &bdquo;Nachwende-Anthologie &sbquo;Kaltland&rsquo;&ldquo;. Von <strong>Rudolph Bauer<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33988#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9043\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-33988-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=33988-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160628_Vorsicht_Volk_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Rechtsextreme Gewalt als Produktions- und Marketingkonzept<\/strong><\/p><p>In die Buchhandlungen kam &bdquo;Kaltland&ldquo;, wie die Herausgeber im Vorwort berichten, im August 2011 &bdquo;zum 20. Jahrestag des Pogroms von Hoyerswerda&ldquo;, das eines der &bdquo;f&uuml;r uns so pr&auml;genden Ereignisse der ersten Jahre nach Untergang und Beitritt der DDR&ldquo; gewesen ist (S. 9). Das Buch drohte ein Flop zu werden; &bdquo;&hellip; dem Verlag galt das Projekt schon bei Ver&ouml;ffentlichung als gescheitert&ldquo; (ebd.) &ndash; w&auml;ren da nicht drei Monate nach dem &bdquo;Kaltland&ldquo;-Erscheinen die vom &bdquo;Nationalsozialistischen Untergrund&ldquo; (NSU) begangenen Morde aufgedeckt worden. &bdquo;Nun interessierten sich pl&ouml;tzlich alle wieder f&uuml;r das Thema Rechtsextremismus.&ldquo; (S. 10)<\/p><p>Aus dieser Feststellung entnehme ich eine gewisse Erleichterung der Herausgeber sowie ihr spezielles Produktions- und Marketingkonzept. Erst &bdquo;die seither ungebrochene Linie rechtsextremer Gewalttaten, ja, deren zunehmende ideologische Verankerung in der &sbquo;Mitte der Gesellschaft&rsquo;&ldquo; machten &bdquo;Kaltland&ldquo; zum Erfolg: &bdquo;So wurden wir mit dreimonatiger Verz&ouml;gerung doch noch zu rastlosen Lesereisenden zwischen Freiburg und Greifswald.&ldquo; (Ebd.) Entsprechend ist auch die neue Anthologie &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo; angelegt. Sie thematisiert eine &bdquo;gef&auml;hrliche Spirale v&ouml;lkischer Selbstbehauptung&ldquo; und einen &bdquo;v&ouml;lkischen Neo-Nationalismus&ldquo; (S. 9), allerdings angereichert um weitere Wahngebilde, die im Pressetext des Verlages wie folgt zum hilflos antifaschistischen Newstrend hochgeputscht werden:<\/p><p>&bdquo;&Uuml;berall in Deutschland erobern wahnhafte Bewegungen die Stra&szlig;en. Sie nennen sich Pegida, HoGeSa, Montagsmahnwachen, Reichsb&uuml;rger oder Friedenswinter. Einige dieser Zusammenschl&uuml;sse sind offen antisemitisch, andere islamophob und wieder andere beides. Sie haben Angst vor Fl&uuml;chtlingen, &sbquo;Homosexualisierung&rsquo;, Kondensstreifen oder einem geheimen weltj&uuml;dischen Kontrollrat. Ihre Helden hei&szlig;en Wladimir Putin und Thilo Sarrazin, ihr gemeinsamer Gegner ist die &sbquo;L&uuml;genpresse&rsquo;.&ldquo;<\/p><p><strong>Die pathologische Diagnose von Bewegungen im Wahn<\/strong><\/p><p>Im Vorwort der Herausgeber fehlt weder die Wahn-Erw&auml;hnung der AfD noch die eines angeblichen Sammelbeckens &bdquo;von Mitgliedern der Linkspartei, der Piratenpartei und der antiimperialistischen Szene&ldquo; (S. 7). Auf die rhetorische Frage der Herausgeber: &bdquo;Eine rechte und eine linke Bewegung also?&ldquo;, folgt die gleichmacherische Antwort: &bdquo;Weit gefehlt. Die rechtsextreme NPD war hier wie dort vertreten, ebenso die &sbquo;Reichsb&uuml;rger&rsquo; und das Verschw&ouml;rungstheoretiker-Milieu &hellip; Antisemiten, USA-Hasser, chauvinistische Putin-Freunde, Homophobe und Sarrazin-Fans finden sich in beiden Bewegungen. &hellip; Ressentiments und Erkl&auml;rungsmuster f&uuml;r die gef&uuml;hlte Bedrohung durch Fl&uuml;chtlinge, Homo- und Transsexuelle, den Islam, die j&uuml;disch-amerikanische Weltverschw&ouml;rung oder fiese Chemtrails gleichen sich.&ldquo; (S. 7 f.) <\/p><p>Den gleichmacherischen Eintopf aus der Gedankenmanufaktur l&ouml;ffelnd, begegnen wir &bdquo;Bewegungen im Wahn&ldquo;. So lautet der (noch mit einem Fragezeichen versehene) Untertitel des Bandes. Die nivellierende Schein-Diagnose einer allgemeinen gesellschaftlichen Pathologie namens &bdquo;Wahn&ldquo; gen&uuml;gt den Herausgebern und den meisten der im Band versammelten Autoren, sich jeglicher weiteren Differenzierung, Vertiefung und Ursachenanalyse zu enthalten. Dabei &uuml;bersehen sie &ndash; gleichsam im Unkehrschluss &ndash; die eigenen &bdquo;Ressentiments und Erkl&auml;rungsmuster f&uuml;r die gef&uuml;hlte Bedrohung&ldquo;, welche sie, ausgehend vom Gegenstand ihrer Untersuchung, munter drauf los- und zusammenphantasieren. <\/p><p>Nach dem Muster des hilflosen Antifaschismus bringen sie das, wogegen sie wettern, nicht auf den politischen Begriff, sondern beschr&auml;nken sich darauf, es abstrakt und undifferenziert zu negieren. Sie sind &uuml;berzeugt, es bei den Gegenst&auml;nden ihrer Kritik mit identischen Ph&auml;nomenen zu tun zu haben. Unterschiedslos ist ihnen alles, was sie anprangern, ein und dasselbe: eine Folge von Wahn. Somit erliegen sie einer Vorstellungswelt der Gleichschaltung, bei welcher es sich selbst um ein krankhaftes Wahngebilde handeln d&uuml;rfte <\/p><p><strong>Querfrontgeschichten als hysterisches Menetekel<\/strong><\/p><p>Ivo Bozic (Jahrgang 1968), Mitbegr&uuml;nder und Mitherausgeber von &bdquo;jungle world&ldquo;, entledigt sich der Sinnhaftigkeit einer politischen Differenzierung durch die Verwendung des Topos &bdquo;Querfront&ldquo;. Wie besessen subsumiert er darunter &bdquo;Autonome und Neonazis&ldquo;, &bdquo;Nationalismus und Sozialismus&ldquo;, Otto Strasser und Gerhard Zwerenz (alles auf S. 101). Geheimnisvoll st&ouml;hnt er zun&auml;chst: &bdquo;Ach, es gibt schier unendlich viele Querfrontgeschichten aus Deutschland&ldquo;. Sodann kommt er auf die Koalition der griechischen Syriza mit der nationalistischen ANEL zu sprechen (S. 102) und nennt es &bdquo;so richtig undurchschaubar&ldquo;, &bdquo;wenn Nazis mit Palit&uuml;chern aufmarschieren, wenn linke Antisemiten und rechte Antikapitalisten das Wort ergreifen, Kommunisten und Nazis f&uuml;r Putin auf die Stra&szlig;e gehen, Linke, Faschos und Dschihadisten gemeinsam auf einem Soliboot nach Gaza schippern&ldquo; (S. 103). <\/p><p>&bdquo;&hellip; zu allen &Uuml;berfluss&ldquo; gebe es da noch &bdquo;diese anderen Linken, die mit USA- und Israel-Flaggen auf Antifa-Demos aufkreuzen und die seinerzeit einem George W. Bush mehr abgewinnen konnten als einem Che Guevara&ldquo; (S. 103). Hallo?! Wer sich an dem vom Autor anger&uuml;hrten Einheitsbrei einer verschworenen &bdquo;Querfront als weltpolitisches Ph&auml;nomen&ldquo; (so der Titel es Beitrags) laben m&ouml;chte, findet auf den Seiten 104 bis 110 weitere Nahrung aus der B&uuml;chse der Konfusion. Schlie&szlig;lich behauptet der nassforsche Autor eine &bdquo;ideologische und historische Klammer, die zwischen Antikolonialismus, Antiimperialismus, Antizionismus und Antisemitismus bis heute besteht&ldquo; (S. 110). Zum Ende des Beitrags outet er sich verwirrt (und allesamt verwirrend) als Streiter f&uuml;r &bdquo;Links&ldquo;: &bdquo;Es ergibt keinen Sinn, den rechten Linken abzusprechen, links zu sein, wir k&ouml;nnen nur versuchen, ein anderes, ein besseres Links zu definieren, und daf&uuml;r streiten.&ldquo; (Ebd.)<\/p><p>Eine gewisse Aufwertung erh&auml;lt ein derartiger Unfug durch den ebenfalls bei &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo; schreibenden Klaus Lederer. Dieser ist bekanntlich Vorstandsmitglied und Landesvorsitzender der Partei Die Linke, f&uuml;r die er einen Sitz im Berliner Abgeordnetenhaus einnimmt. Sein Beitrag &uuml;ber &bdquo;Die &sbquo;neue Friedensbewegung&rsquo; und die Linke&ldquo; (so lautet der Untertitel) tr&auml;gt die &Uuml;berschrift &bdquo;Ressentiment und Aufkl&auml;rung&ldquo;. Der Berliner Politiker beflei&szlig;igt sich mit solcher Titelformulierung des Anscheins eines Aufgekl&auml;rten, dem Ressentiments fremd sind. Er schreibt: &bdquo;F&uuml;r zivile Konfliktbearbeitung statt milit&auml;rischer L&ouml;sungen (!) einzutreten, erfordert Stringenz in der Argumentation und Glaubw&uuml;rdigkeit.&ldquo; (S. 119) Diese vermisse er bei jenen, die er &bdquo;schlichter, nicht selten esoterischer Erkl&auml;rungsmuster&ldquo; bezichtigt. Er meint, dass solche Interpretationen &bdquo;den Menschen angeboten werden, um sich im Wirrwarr gesellschaftlicher Komplexit&auml;t leichter zurecht zu finden&ldquo; (S. 120 f.), &bdquo;vermischt mit einfachen, altbekannten und popul&auml;ren Parolen und Codes traditionell linker Milieus&ldquo; (S. 122). <\/p><p><strong>Klaus Lederer, Jutta Ditfurth und die Amadeu-Antonio-Stiftung<\/strong><\/p><p>Der Tadel Lederers macht neugierig auf seine eigenen &bdquo;Erkl&auml;rungsmuster&ldquo;. Diese beschr&auml;nken sich allerdings darauf, f&uuml;r das Getadelte &bdquo;die Weltsicht abstruser &sbquo;alternativer&rsquo; Internetmedien und ihrer Propagandisten&ldquo; (S. 120) verantwortlich zu machen. Dabei scheut er sich nicht, auch Mitglieder der eigenen Partei an den Pranger zu stellen. Statt parteiintern mit ihnen eine Kl&auml;rung herbeif&uuml;hren zu wollen, watscht er sie &ouml;ffentlichkeitswirksam ab: &bdquo;Es ist schlicht unverantwortlich und definitiv nicht links, eine Liaison mit dem Ressentiment einzugehen, statt der Aufkl&auml;rung verpflichtet zu agieren.&ldquo; (S. 127) Das ist Unterstellung und anma&szlig;end.<\/p><p>&bdquo;&hellip; der Aufkl&auml;rung verpflichtet&ldquo;, beschr&auml;nkt sich Lederer auf krude Personalisierungen und auf die an &bdquo;eine demokratische, emanzipatorische Linke&ldquo; adressierte Anschuldigung, dass &bdquo;ihre Antworten zu oft selbstreferentiell, zu abstrakt und wenig lebenszugewandt sind&ldquo; (ebd.). Mir scheint, dass der Autor nicht zu erkennen vermag, wie er mit einer solchen Charakterisierung sich selbst gegen&uuml;ber &bdquo;selbstreferentiell&ldquo; in den Spiegel schaut. Eine politisch-&ouml;konomische Analyse der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse sowie ihrer historischen und materiellen Voraussetzungen findet auch bei ihm nicht statt. Lieber werden d&uuml;nne Bretter gebohrt, Oberfl&auml;chenph&auml;nomene zu relevanten politischen Faktoren abstrahiert, um sodann &bdquo;lebenszugewandt&ldquo; auf sie eindreschen zu k&ouml;nnen. <\/p><p>Wie bei Lederer, so kennzeichnen Personalisierung und P&ouml;nalisierung auch die Polemik von Jutta Ditfurth (&bdquo;Halt die Klappe bis Du denken kannt, Sigmar Gabriel!&ldquo;), die Justizschelte des &bdquo;Jungle World&ldquo;-Redakteurs Deniz Y&uuml;zel (&bdquo;Antisemitismus? Ist abgeschafft.&ldquo;) sowie die wilden Auslassungen aus der Gedankenfabrik der Amadeu-Antonio-Stiftung: ihrer Vorsitzenden Anetta Kahane sowie der Stiftungsmitarbeiter Jan Rathje und Anna Schmid. <\/p><p>Letztere zeigt sich erschrocken &uuml;ber das &bdquo;Landleben in v&ouml;lkischer Idylle&ldquo; (S. 79). Sie erinnert daran, dass &bdquo;Naturschutzgebiete, K&ouml;rnerbuletten und FKK &hellip; immer schon offen f&uuml;r eine rechtslastige Auslegung&ldquo; waren (S. 80). Sie wettert &uuml;ber &bdquo;Braune Graswurzelrevolution&ldquo; (S. 81), &bdquo;kn&uuml;ppelharte Hebammen&ldquo; (S. 83) und &bdquo;die netten Nazis von nebenan&ldquo; (ebd.). Die Welt erscheint alles in allem als Dantes H&ouml;lle und Fegefeuer in einem. Schmids Kollege Rathje referiert ellenlang &uuml;ber &bdquo;Verschw&ouml;rungsideologie mit deutscher Spezifik&ldquo;, was sich wie folgt anh&ouml;rt: <\/p><p>&bdquo;Die Bilderberger, das Finanzkapital und die Wall Street etwa stellen eine wirtschaftliche Elite dar, die in der Vergangenheit als j&uuml;disch charakterisiert wurde. Hinter den personalisierenden (!) Angriffen gegen diese Elite steckt eine v&ouml;lkische Kapitalismuskritik, die in der Beseitigung des &sbquo;raffenden&rsquo; Kapitals &ndash; als Gegensatz zum &sbquo;schaffenden&rsquo; Kapital &ndash; die L&ouml;sung aller gesellschaftlichen Probleme sieht. In der Ideologie von der &sbquo;antideutschen Weltverschw&ouml;rung&rsquo; werden die weiteren unab&auml;nderlichen Eigenschaften der Verschw&ouml;rerinnen und Verschw&ouml;rer ebenfalls aus dem Fundus tradierter antisemitischer Stereotype zusammengestellt.&ldquo; (S. 95)<\/p><p><strong>Sicht auf das Heute durch die Brille von vorgestern<\/strong><\/p><p>Bezeichnend f&uuml;r die Gedankeng&auml;nge von Rathje und anderen Autoren des Bandes ist ihre emotionale Fixierung auf ein bestimmtes Kapitel der deutschen Geschichte: auf die Nazis, deren Antisemitismus, den Arier-Rassismus, die v&ouml;lkische Ideologie, das Geraune von der j&uuml;dischen Weltverschw&ouml;rung usw. Dabei werden zwar teils berechtigte Analogien aufgezeigt, aber auch fadenscheinige Parallelen herbeiphantasiert. Geschichte wird zur Leuchtrakete, um die Gegenwart zu erhellen. Auf diese Weise entsteht ein &uuml;bles Gedankenkonglomerat und ein antifaschistisch drapiertes Meinungsgeschwurbel, das bei all denjenigen Akteuren eine Verschw&ouml;rung wittert, die &ndash; wohlgemerkt &ndash; zun&auml;chst selbst bezichtigt worden sind, dem verschw&ouml;rungstheoretischen Wahn erlegen zu sein. Mit anderen Worten: Diejenigen, die all&uuml;berall gegen Verschw&ouml;rungstheoretiker zu Felde ziehen, generieren selbst ein Verschw&ouml;rungsnarrativ: die ewige Querfront.<\/p><p>Weitere Probleme kommen hinzu. Erstens: Der Blick durch die Brille von vorgestern verzerrt die Gegenwart. Weil die Nazi-Schergen im nicht-arischen Kapitalismus eine j&uuml;dische Weltverschw&ouml;rung erblickten, gilt nach dieser Lesart jede Kapitalismuskritik heute per se als antisemitisch. Weil Auschwitz fester Bestandteil &bdquo;deutscher Identit&auml;t&ldquo; ist, sei das Land verpflichtet, mit Waffengewalt weltweite Verantwortung f&uuml;r westliche Werte zu tragen. Weil sich die Wall Street in New York befindet, richte sich Kritik an den Boni der Banker gegen die USA, und die Kritiker seien Putin-Freunde. Zweitens: Beim Blick durch die Brille von vorgestern werden aktuelle Entwicklungen nicht erkannt bzw. nicht in ihrer gesellschaftlichen Problematik wahrgenommen. Zum Beispiel hei&szlig;t es in Fokussierung auf den v&ouml;lkischen Rassismus zwar &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo;, aber nicht &bdquo;Vorsicht Verfassungsschutz!&ldquo;, &bdquo;Vorsicht Militarismus!&ldquo;, &bdquo;Vorsicht Demokratieverlust!&ldquo;, &bdquo;Vorsicht Neoliberalismus!&ldquo;, &bdquo;Vorsicht Unterhaltungsindustrie!&ldquo;, &bdquo;Vorsicht Hartz IV!&ldquo; usw.<\/p><p><strong>&Uuml;ber Sachsen und Dresden, von Weizs&auml;cker und Gauck<\/strong><\/p><p>Nicht alle Beitr&auml;ge des Bandes sind so, wie die genannten, auf den &uuml;blen Rundumschlag nach allen Seiten hin ausgerichtet. Das Buch enth&auml;lt mehrere Kolumnen &uuml;ber die Verh&auml;ltnisse in Sachsen. Die Texte erhellten auf drastische Weise die Verderbtheit der gesellschaftlichen und politischen Verh&auml;ltnisse des Neu-Bundeslandes. Allerdings beschr&auml;nken sich die Beitr&auml;ge darauf, die Rolle der Subjekte und handelnden Akteure zu analysieren. Die systemischen Zusammenh&auml;nge werden indes nicht untersucht.<\/p><p>Markus Liske pr&auml;sentiert eine Art historisch und aus der Topografie abgeleitetes Psychogramm Dresdens und des &bdquo;v&ouml;lkischen Kleinb&uuml;rgerressentiments&ldquo; seiner Bewohner, &bdquo;die sich in den Pegida-M&auml;rschen Luft machten&ldquo; (S. 56). Kerstin K&ouml;ditz beschreibt detailliert die dunkelbraune Melange von CDU und Burschenschaften, CDU und AfD, Pegida und Wissenschaft, Staatsregierung und &bdquo;Totalitarismusforschung&ldquo;. Ein intellektueller Genuss ist auch der Aufsatz des Titanic-Kolumnisten Stefan G&auml;rtner, der sprachanalytisch die &bdquo;identit&auml;tsstiftende Nationaldialektik&ldquo; der Bundespr&auml;sidenten von Richard von Weizs&auml;cker bis hin zu den &bdquo;Auftritten des heutigen Oberhauptes Gauck&ldquo; (S. 162) Revue passieren l&auml;sst. <\/p><p>Die Kulturwissenschaftlerin Konstanze Kriese etwa er&ouml;rtert die &bdquo;Erfahrung struktureller Diffamierung&ldquo; der &bdquo;Nachwendegeneration im Osten&ldquo; (S. 48), die &bdquo;unreflektierte Frustrationserfahrung&ldquo; durch den &bdquo;Systemwechsel&ldquo; (S. 49), den &bdquo;Erdrutsch an Verbl&ouml;dung&ldquo; durch die Flutung der &bdquo;Hochschul- und Universit&auml;tsforschung in Ostdeutschland mit zweiten und dritten Westgarnituren&ldquo; (ebd.), die einstige &bdquo;Verniedlichung des Rechtsradikalismus zum Jugendproblem&ldquo; (S. 50), und dass es der &bdquo;Westexport Kurt Biedenkopf war, der als &sbquo;K&ouml;nig Kurt&rsquo; den s&auml;chsischen Boden quer durch alle Institutionen, in denen herrschende Eliten vor Ort agieren, gut bestellt hat&ldquo; (ebd.).<\/p><p><strong>&bdquo;Faust&ldquo; als moralisches Lehrst&uuml;ck und die Merkel&rsquo;sche Umverteilung der Verm&ouml;gen<\/strong><\/p><p>Erw&auml;hnt sei zum Schluss noch der kluge Essay von Willi Jasper, des Potsdamer Professors f&uuml;r deutsch-j&uuml;dische Literatur- und Kunstgeschichte. F&uuml;r ihn, den mit 71 Jahren &auml;ltesten der Autoren des Bandes, erweist sich Goethes &bdquo;Faust&ldquo; als &bdquo;das moralische Lehrst&uuml;ck der Deutschen schlechthin&ldquo; (S. 166). Heute sei &bdquo;die europ&auml;ische Krise &ndash; vor allem durch die Rolle Deutschlands &ndash; zum faustischen Problem geworden&ldquo; (S. 172). Jasper folgt den Thesen des Merkel-Biografen Stephan Hebel und referiert dessen Befunde &uuml;ber die Kanzlerin: &bdquo;Durch sch&ouml;nf&auml;rberische Reden und Statistiken verschleiere sie ihre Politik der Umverteilung des Verm&ouml;gens von unten nach oben und ihrer Dienerschaft f&uuml;r eine Wirtschaft, die sich vom Wachstum der Exportm&auml;rkte abh&auml;ngig gemacht hat. Soziale Vernunft werde durch reine Machttaktik ersetzt.&ldquo; (S. 172) Merkel &bdquo;denke in Wirklichkeit national statt europ&auml;isch, und &sbquo;marktfundamentalistisch&rsquo; statt solidarisch&ldquo; (ebd.). <\/p><p>Bei Jasper bzw. Hebel wird erkennbar, dass die herrschende Politik l&auml;ngst den Boden daf&uuml;r vorbereitet hat, auf direkte und indirekte Weise ein politisches Klima entstehen zu lassen, in dem sich Rechtsradikale und Neonazis, ihre Ideologien und Organisationen, bestens entwickeln, um in Zukunft ein faschistisches Gegengewicht darzustellen, sobald die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse unertr&auml;glich geworden sind. Mit dieser Sichtweise &uuml;berragt der Autor des letztgenannten Beitrags die anderen Aufs&auml;tze des Bandes an intellektueller, wenn auch bildungsb&uuml;rgerlich eingef&auml;rbter Sehsch&auml;rfe. <\/p><p>Liegt das wom&ouml;glich daran, dass der 1945 geborene Willi Jasper in gr&ouml;&szlig;erer zeitlicher N&auml;he zur NS-Diktatur aufgewachsen ist und eine ganz andere Bildungsgeschichte aufweist (siehe https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Willi_Jasper) als die Generation der sonstigen Autoren und Autorinnen? Mir scheint, diese sitzen im Glashaus und werfen mit den sprichw&ouml;rtlichen Steinen nach den &bdquo;Forentrollen&ldquo; (S. 15) in einer &bdquo;un&uuml;bersichtlichen, globalisierten Welt&ldquo; (S. 22) &ndash; in der sie selber leben und arbeiten. Sie mokieren sich &uuml;ber den &bdquo;Sofa-Aktivismus&ldquo; der Twitter User (S. 24) &ndash; zu denen sie selbst geh&ouml;ren. Sie klagen, dass &bdquo;Internet, hedonistischer Anti-Intellektualismus und das Fehlen konkreter ideologischer Ger&uuml;ste&ldquo; (S. 35) an allem Schuld seien &ndash; als ob die meisten Verfasser des Bandes nicht selbst davon gepr&auml;gt sind. Sie monieren, dass &bdquo;einige der Antideutschen &hellip; endg&uuml;ltig ins neokonservative Lager gewechselt sind und f&uuml;r die Springer-Presse schreiben&ldquo; (S. 39) &ndash; und argumentieren selbst wie angehende Neocons. Sie r&uuml;gen &bdquo;kr&auml;fteraubende Debatten um die falschen Fragen, in denen im Kern eher Therapeutisches als Politisches verhandelt wird&ldquo; (S. 184) &ndash; und schwadronieren von den Phantasmagorien therapiebed&uuml;rftiger &bdquo;Bewegungen im Wahn&ldquo;!<\/p><p>Gegen Ende findet sich an einer Stelle des Bandes ein erhellender Gedanke, der ein Licht auf die Buchmacher\/innen zur&uuml;ckwirft: &bdquo;Je gr&ouml;&szlig;er die Zahl der Feinde, desto tapferer derjenige, der sich ihnen mit einer kleinen Schar Getreuer entgegenstellt.&ldquo; (S. 179) Denn auf diese Weise lasse sich &bdquo;das Gef&uuml;hl eigener Kleinheit besonders wirkungsvoll in eines der elit&auml;ren Gr&ouml;&szlig;e umm&uuml;nzen&ldquo; (ebd.). In ihrer geifernden Gegnerschaft zur magisch aufgedunsenen Gr&ouml;&szlig;e der angeblichen Querfrontler, Verschw&ouml;rungsideologen, US-Hasser und Antisemiten verleihen die elit&auml;ren Gro&szlig;m&uuml;nzen ihrem &Uuml;ber-Ich die Superdimensionalit&auml;t eines Antifaschismus, der eben doch nur das Ausma&szlig; ihrer Hilflosigkeit verk&ouml;rpert. Wir erleben in der Gedankenmanufaktur von &bdquo;Vorsicht Volk!&ldquo; &uuml;ber weite Strecken das Elend jenes Geistes, der in unserer Sprache nicht ganz zu Unrecht sowohl Vernunft als auch Gespenst bedeutet.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Rudolph Bauer<\/strong> ist Politikwissenschaftler und war Professor an der Universit&auml;t Bremen. Seine Beitr&auml;ge zu aktuellen Fragen werden unter anderem in &bdquo;Ossietzky&ldquo;, &bdquo;Marxistische Bl&auml;tter&ldquo; und &bdquo;junge Welt&ldquo; ver&ouml;ffentlicht. Eine italienische &Uuml;bersetzung seiner Arbeiten erschien k&uuml;rzlich im Verlag epubli und tr&auml;gt den Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/Nel-mezzo-di-una-guerra--per-un-pacifismo-radicale-Milena-Rampoldi-9783737590655\/49912\">Nel mezzo di una guerra &hellip; per un pacifismo radicale<\/a>&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1967 erschien bei Suhrkamp die Untersuchung &bdquo;Der hilflose Antifaschismus&ldquo;. Darin unterzog Wolfgang Fritz Haug eine Reihe von akademischen Texten einer kritischen Analyse. Bei den Texten handelte es sich um die Manuskripte von Ringvorlesungen an mehreren Universit&auml;ten der Bundesrepublik. Sie besch&auml;ftigten sich mit der politischen Vergangenheit ihrer Disziplinen und Fakult&auml;ten w&auml;hrend der Dauer der NS-Herrschaft. Zum<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33988\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,201,125,208],"tags":[1929,1924,1933,1077,1185,315,835,1433,1534],"class_list":["post-33988","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-ideologiekritik","category-rechte-gefahr","category-rezensionen","tag-amadeu-antonio-stiftung","tag-antideutsche","tag-antifaschismus","tag-ditfurth-jutta","tag-marktkonforme-demokratie","tag-merkel-angela","tag-nationalismus","tag-pegida","tag-querfront"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33988","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33988"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33988\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53993,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33988\/revisions\/53993"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33988"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33988"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33988"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}