{"id":34048,"date":"2016-07-01T11:54:59","date_gmt":"2016-07-01T09:54:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34048"},"modified":"2019-05-22T13:47:44","modified_gmt":"2019-05-22T11:47:44","slug":"die-ganze-wahrheit-ueber-alles-eine-gebrauchsanleitung-fuer-die-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34048","title":{"rendered":"\u201eDie ganze Wahrheit \u00fcber alles\u201c \u2013 eine Gebrauchsanleitung f\u00fcr die Zukunft"},"content":{"rendered":"<p>Man kann&rsquo;s ja doch nicht &auml;ndern? Es ist alles viel zu kompliziert und es gibt keine L&ouml;sungen? Falsch, es ist alles ganz und gar nicht so kompliziert, wie uns die wenigen Gewinner im globalen Optimierungsspiel nur allzu gern glauben lassen. Gut gemeint war wahrscheinlich viel &ndash; von Agrarrevolution bis Demokratie, von Kapitalismus bis Wachstum und Zuwanderung. Nur: Daraus gemacht haben wir meist ein Riesendesaster. Mathias Br&ouml;ckers und Sven B&ouml;ttcher liefern mit ihrem neuen Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.westendverlag.de\/buecher-themen\/programm\/die-ganze-wahrheit-ueber-alles-sven-boettcher-mathias-broeckers.html\">Die ganze Wahrheit &uuml;ber alles<\/a>&ldquo; eine Gebrauchsanleitung f&uuml;r die Zukunft &ndash; f&uuml;r alle, die noch eine haben wollen. Hier ein Auszug.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6548\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34048-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34048-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160701_Die_ganze_Wahrheit_ueber_alles_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Freihandel<\/strong><\/p><p><strong>Was gemeint war:<\/strong> Internationaler Handel ist kein neuartiges Ph&auml;nomen. Die ersten Menschen allerdings entfernten sich normalerweise nicht mehr als etwa 30 Kilometer von ihrem Geburtsort. Und w&auml;re das Nahrungsangebot nicht auf Dauer zu knapp geworden, h&auml;tten sie sich wahrscheinlich nie &uuml;ber diesen Radius hinausbewegt &ndash; und der Welt w&auml;re viel &Auml;rger erspart geblieben. Die rasche Vermehrung und Klimaver&auml;nderungen sorgten dann aber bald daf&uuml;r, dass unsere Vorfahren als Nomaden jagend und sammelnd umherstreifen mussten. Die Entwicklung des Ackerbaus (<em>&rarr;Landwirtschaft<\/em>) und die technischen Entwicklungen des Verkehrs und Transportes erm&ouml;glichten dann auch Kontakte, Handel und <em>&rarr;Krieg<\/em> &uuml;ber immer gr&ouml;&szlig;ere Entfernungen. Auch wenn sich das Imperium der R&ouml;mer &raquo;nur&laquo; von den Britischen Inseln bis nach Nordafrika erstreckte, existierten auch schon zu dieser Zeit Handelswege bis nach China. Das Reich des Mongolenkaisers Dschingis Khan reichte im 13. Jahrhundert von der Donau bis nach Indien, und seit dem 16. Jahrhundert dehnten die europ&auml;ischen Kolonialm&auml;chte ihre (Handels-)Machtbereiche um den gesamten Globus aus.<\/p><p><strong>Was wir daraus gemacht haben:<\/strong> Der Kolonialismus &ndash; die Eroberung fremder Territorien samt Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ans&auml;ssigen Bev&ouml;lkerung &ndash; wurde im 20. Jahrhundert eingestellt. Immerhin und zumindest offiziell verbieten heutzutage internationale Vereinbarungen und die Allgemeine Charta der Menschenrechte, in milit&auml;risch unterlegene L&auml;nder einzufallen, wie es zuerst die Spanier und Portugiesen und dann Frankreich und vor allem Gro&szlig;britannien jahrhundertelang getan haben. So sind unter den knapp 200 Nationen der Erde nur 22 L&auml;nder, in die die Briten zu irgendeinem Zeitpunkt der Geschichte <em>nicht<\/em> einmarschiert w&auml;ren &ndash; und ihre Erben als imperiale Weltmacht, die <em>&rarr;USA<\/em>, sind mit mittlerweile 144 St&uuml;tzpunkten und 1000 Milit&auml;rbasen in aller Welt auf gutem Weg, diesen Rekord noch zu brechen. Diese milit&auml;rische Pr&auml;senz der ehemaligen und aktuellen Gro&szlig;m&auml;chte macht deutlich, dass die Welt in den letzten Jahrhunderten schon immer &raquo;globalisiert&laquo; war und es nach wie vor ist &ndash; wie in den meist verw&uuml;stet und ausgepl&uuml;ndert in die &raquo;Unabh&auml;ngigkeit&laquo; entlassenen Kolonialstaaten, die in der Schuldenfalle von Weltbank und IWF festsitzen (<em>&rarr;Schulden<\/em>) und ihr profitables &raquo;Tafelsilber&laquo; (Rohstoffe, Staatsunternehmen) an multinationale Konzerne abgegeben haben. <\/p><p>Um ihre auf Macht und Milit&auml;r basierende Kolonialpolitik als &raquo;zivilisatorisch &laquo; zu verkaufen, erfanden die Briten im 18. Jahrhundert einen Marketingbegriff, den ihre amerikanischen Cousins bis heute verwenden: Freihandel. Weil die British East India Company die begehrten Seidenstoffe, Tees und Gew&uuml;rze aus China nicht mit den landestypischen Exportartikeln &ndash; Wolle und Eisen &ndash; bezahlen konnte und kein Silber daf&uuml;r opfern wollte, begann sie aus ihrer frisch eroberten Kolonie Indien Opium nach China zu liefern. &Uuml;ber das kaiserliche Import- und Rauchverbot setzten sich die Briten unter der Flagge des Freihandels hinweg und lieferten Jahr f&uuml;r Jahr steigende Opiummengen nach China; 1838 waren es 2680 Tonnen. Als dann 1839 der brave Zollaufseher Lin Tse-Hu 950 Tonnen des lukrativen Stoffs vernichten lie&szlig;, begann England den Opiumkrieg, an dessen Ende es dank seiner Kanonenboote Hongkong und f&uuml;nf weitere chinesische Hafenst&auml;dte erobert hatte. Was das Gesch&auml;ft weiter ankurbelte: 1880 wurden &uuml;ber 7000 Tonnen aus Indien nach China geschifft, mindestens zehn Millionen Chinesen waren nunmehr abh&auml;ngig, Opium das umsatzst&auml;rkste Produkt des damaligen Weltmarkts und Britannien als Weltmarktf&uuml;hrer auf dem Gipfel seiner Macht.<\/p><p>Den Einwand, dass wir hier ein extremes Beispiel aus grauer Vorzeit anf&uuml;hren, das mit dem heutigen Freihandel nicht vergleichbar ist, m&uuml;ssen wir zur&uuml;ckweisen. Zum einen findet &auml;u&szlig;erst legerer Freihandel mit illegalen <em>&rarr;Drogen<\/em> nach wie vor statt &ndash; wobei das Zentrum der Produktion merkw&uuml;rdigerweise h&auml;ufig da liegt, wo der derzeitige Weltmarktf&uuml;hrer gerade Krieg f&uuml;hrt (Vietnam\/Goldenes Dreieck in den 60er und 70er Jahren, Afghanistan\/Pakistan 2002 ff.) &ndash;, zum anderen sind die weniger illegalen und etwas sanfteren Methoden des Freihandels kaum weniger kriminell. Naomi Klein hat sie in ihrem Buch <em>Die Schock-Strategie<\/em> faktenreich beschrieben: Nach dem &raquo;Schock&laquo; durch eine W&auml;hrungskrise oder einen Milit&auml;rputsch reiten die &raquo;Chicago Boys&laquo; ein, die von Milton Friedman, dem Papst des Neoliberalismus, an der Rockefeller-Universit&auml;t Chicago seit 1946 ausgebildeten &raquo;Experten&laquo;, und verf&uuml;ttern in drei Akten &ndash; Deregulierung, Privatisierung, Sozialk&uuml;rzungen &ndash; die verbliebenen Reicht&uuml;mer des Landes an private Interessenten. Was nur geht, weil die Kredite von IWF und Weltbank, die das unter Schock stehende Land dringend braucht, erst flie&szlig;en, wenn diese Troika an Ma&szlig;nahmen ergriffen worden ist.<\/p><p>Und wo nicht gleich ein ganzer Staat samt Renten- und Krankenversorgungssystem auf &raquo;privat&laquo; umgekrempelt werden kann, da fordern z.B. die &raquo;Freih&auml;ndler&laquo; der EU etwa von afrikanischen L&auml;ndern den Abbau von Zollschranken &ndash; um dann mit dem Export von spottbilligem, weil hoch subventioniertem H&uuml;hnerfleisch daf&uuml;r zu sorgen, dass sich Gefl&uuml;gelzucht in Afrika nicht mehr rechnet und die Landwirte pleitegehen (<em>&rarr;Hunger<\/em>). Auch dies ist kein extremes Beispiel, sondern ein typisches, das klar macht, was Globalisierung bedeutet: Sie setzt einen westafrikanischen H&uuml;hnerfarmer mit einem industriellen Zuchtbetrieb in Europa ebenso in Konkurrenz wie ein europ&auml;isches Textilunternehmen mit dem Sweatshop in einer asiatischen Freihandelszone. Der Preis f&uuml;r eine Ware wird auf dem Weltmarkt nicht in freiem Wettbewerb ausgehandelt, sondern stets von dem unterboten, der eine Region mit noch billigeren Lohnsklaven gefunden hat. <\/p><p>Die Idee von <em>&rarr;Marktwirtschaft<\/em> und Freihandel ist eine wunderbare Theorie, die in der Praxis aber einen ganz entscheidenden Haken hat: Nur unter (zumindest halbwegs) Gleichen erzeugt die Mechanik von Angebot und Nachfrage in &raquo;freiem Wettbewerb&laquo; einen &raquo;fairen Preis&laquo;. Wer aber wie einst die britischen Opium-Dealer mit einem Kanonenboot vorf&auml;hrt, um sein Angebot durchzusetzen, betreibt keinen &raquo;Freihandel&laquo;, sondern Erpressung. Und wenn 200 Jahre sp&auml;ter, im Zeitalter &raquo;finanzieller Massenvernichtungswaffen&laquo; (Warren Buffet), keine Schlachtschiffe mehr aufkreuzen, sondern &raquo;Experten&laquo; von IWF, Weltbank oder McKinsey, mag man das zivilisatorischen Fortschritt oder eben auch &raquo;Freihandel&laquo; nennen, strukturell jedoch ist es nach wie vor nichts anderes als Erpressung. In der Zeit des Kolonialismus waren es etwa ein Dutzend europ&auml;ischer Nationen, die sich mit dem Recht des St&auml;rkeren der Bev&ouml;lkerung und des Reichtums fremder L&auml;nder bem&auml;chtigten, im Zeitalter der Globalisierung nun sind es 147 multinationale Konzerne, angef&uuml;hrt von der Finanzbranche5, die die gesamte Weltwirtschaft kontrollieren und mit dem Recht des St&auml;rkeren ihre Interessen durchsetzen.<\/p><p>Deshalb, und nur deshalb, werden Freihandelsvertr&auml;ge wie TTIP so geheim ausgehandelt, dass nicht einmal die Volksvertreter, die den Vertrag beschlie&szlig;en sollen, daran beteiligt sind. Angeblich ist das alles so &raquo;komplex&laquo;, dass man &Ouml;ffentlichkeit und Politik erst damit konfrontieren kann, wenn es in Tausenden von Seiten Kleingedrucktem niedergelegt worden ist, die dann niemand mehr liest. Dabei w&auml;re so ein Handelsvertrag, der angeblich &raquo;Win-win&laquo;  und &raquo;Wohlstand f&uuml;r alle&laquo; bedeutet, doch ganz einfach zu erkl&auml;ren: &raquo;Also, Europa l&auml;sst die Amis ihre Chlorh&uuml;hnchen verkaufen, daf&uuml;r d&uuml;rfen wir unseren Camembert in die USA liefern. Macht f&uuml;r unsere K&auml;sereien x-Millionen zus&auml;tzlichen Umsatz, und wer die Chlordinger hier nicht will, kann ja weiter Wiesenhof futtern.&laquo; So, oder so &auml;hnlich, w&auml;re f&uuml;r jedes Produkt einfach darzustellen, ob und wie sich so ein Vertrag lohnt und welche Vor- und Nachteile er mit sich bringt. Es w&auml;ren immer noch viele Seiten, aber sie w&auml;ren f&uuml;r jeden B&uuml;rger nachvollziehbar und <em>in summa<\/em> entscheidungsf&auml;hig. Aber eben darum geht es bei TTIP nicht, weshalb dieser angeblich &raquo;faire&laquo; Vertrag eben auch so geheim verhandelt werden muss: Den B&uuml;rgern, dem Wahlvolk, der <em>&rarr;Demokratie<\/em>, dem Rechtsstaat sollen grunds&auml;tzliche Entscheidungen aus der Hand genommen und ausl&auml;ndischen &raquo;Investoren&laquo; &ndash; wie die neuen Kolonialherren in den Vertr&auml;gen genannt werden &ndash; erweiterte Rechte einger&auml;umt werden, einschlie&szlig;lich einer privaten Paralleljustiz, bei der sie Schadensersatz einklagen k&ouml;nnen, wenn sie sich von Gesetzen eines Landes benachteiligt f&uuml;hlen. Ganz so wie die Briten, die sich nach dem gewonnenen Opiumkrieg von den chinesischen Gesetzen benachteiligt f&uuml;hlten: Sie verurteilten den Kaiser von China im Namen des &raquo;Freihandels&laquo; zu Reparationszahlungen f&uuml;r den von seinen Zollbeamten vernichteten Stoff. <\/p><p><strong>Was ihr daraus machen werdet:<\/strong> Glokalisierung! Was hei&szlig;t, dass ihr daf&uuml;r sorgen werdet, dass sich globale Investoren an lokale Gegebenheiten anpassen m&uuml;ssen &ndash; und nicht transnationale Konzerne dar&uuml;ber entscheiden, was bei euch vor der Haust&uuml;r und in eurem Landkreis geschieht. Ihr werdet euch nicht vor Innovationen abschotten, ihr werdet keine nationalen oder regionalen Mauern hochziehen (<em>&rarr;Nationen<\/em>), aber ihr werdet bei allen Entscheidungen zuerst eure Region im Auge haben. Und auf angemessen sicheren Leitplanken bestehen. Denn nur so kann in einer globalisierten Welt kulturelle Diversit&auml;t erhalten und fl&auml;chendeckende Uniformisierung verhindert werden, nur so bleiben kleine und mittlere Unternehmen davor verschont, von Multis geschluckt und stillgelegt zu werden, und nur so &ndash; lokal verwurzelt &ndash; k&ouml;nnt ihr wirklich weltoffen werden.<\/p><p><em>Sven B&ouml;ttcher, Mathias Br&ouml;ckers: &bdquo;Die ganze Wahrheit &uuml;ber alles. Wie wir unsere Zukunft doch noch retten k&ouml;nnen&ldquo;, 336 Seiten, Westend Verlag 2016<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann&rsquo;s ja doch nicht &auml;ndern? Es ist alles viel zu kompliziert und es gibt keine L&ouml;sungen? Falsch, es ist alles ganz und gar nicht so kompliziert, wie uns die wenigen Gewinner im globalen Optimierungsspiel nur allzu gern glauben lassen. 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