{"id":3405,"date":"2008-08-15T15:40:22","date_gmt":"2008-08-15T13:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3405"},"modified":"2015-11-15T15:20:33","modified_gmt":"2015-11-15T14:20:33","slug":"an-den-hochschulen-bleibt-die-elite-unter-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3405","title":{"rendered":"An den Hochschulen bleibt die \u201eElite\u201c unter sich"},"content":{"rendered":"<p>Bei der <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/_search\/searchresult.php?URL=http%3A%2F%2Fwww.bmbf.de%2Fpress%2F1511.php&amp;QUERY=studierendensurvey\">Vorstellung<\/a> des &bdquo;9. Studierendensurveys&ldquo; lenkt das Bundesbildungsministerium das Augenmerk vor allem die vermeintlichen Erfolge. Die zentralen Aussagen seien, dass die Studierenden mit der Qualit&auml;t der Lehrveranstaltungen zunehmend zufrieden seien. Viele w&uuml;nschten sich allerdings noch eine bessere Betreuung w&auml;hrend des Studiums und beim &Uuml;bergang in den Arbeitsmarkt sowie einen h&ouml;heren Praxisbezug.<br>\nUnerw&auml;hnt bleibt, dass die soziale Selektion im Studium eher zugenommen hat und dass dien neuen Studienabschl&uuml;sse mit Bachelor und Master vor allem an den Universit&auml;ten an Zustimmung verloren haben. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDeshalb sollen hier auch die bedenklichen Teile des 9. Studierendensurveys angesprochen werden: <\/p><p>An den Universit&auml;ten dominiert das &bdquo;akademische Milieu&ldquo;, denn 57% der Studierenden haben Eltern mit Studienerfahrungen, entweder an einer Universit&auml;t (45%) oder an einer Fachhochschule  (12%). Nur wenige der Befragten haben Eltern mit einer dual-beruflichen Qualifikation (Lehre oder Meister), n&auml;mlich 26%. Solche &bdquo;Bildungsaufsteiger&ldquo; mit Eltern ohne Hochschulerfahrung sind mit 39% an den Fachhochschulen weit h&auml;ufiger.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/elite_unter_sich_table_1.jpg\" alt=\"Elite unter sich Tabelle 1\"><\/p><p>Die &bdquo;Schere&ldquo; im Hochschulzugang nach der sozialen Herkunft hat sich im letzten Jahrzehnt etwas vergr&ouml;&szlig;ert. Vor allem der Anteil jener Studierender ist an Universit&auml;ten wie Fachhochschulen gestiegen, von denen ein Elternteil ein Universit&auml;tsstudium absolviert hat. Die &bdquo;akademische Reproduktion&ldquo; hat, entgegen manchen Erwartungen und politischen Zielen, zugenommen, an den Fachhochschulen sogar &uuml;berproportional (vgl. Abbildung 3). Hatten an den Universit&auml;ten Mitte der 80er Jahre 25% der Studierenden Eltern mit Studienabschluss an Universit&auml;ten, sind es seit 2001 nahezu die H&auml;lfte.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/elite_unter_sich_table_2.jpg\" alt=\"Elite unter sich Tabelle 2\"><\/p><p>Die h&ouml;chste &bdquo;akademische Reproduktion&ldquo; gibt es in der Medizin, gefolgt von Jura.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/elite_unter_sich_table_3.jpg\" alt=\"Elite unter sich Tabelle 3\"><\/p><p>Als Gr&uuml;nde f&uuml;r die &bdquo;akademische Reproduktion&ldquo; werden genannt:<\/p><p>Je festgelegter das Studium von vornherein ist, desto weniger k&ouml;nnen externe Faktoren wie ein unsicherer Arbeitsmarkt die Aufnahme eines Studiums beeintr&auml;chtigen.<\/p><p>Einen gesonderten Einflussfaktor stellt die soziale Herkunft der Studierenden dar.<\/p><ul>\n<li>Bei Abschluss einer Lehre oder Meisterpr&uuml;fung wird die feste Studienabsicht &auml;hnlich selten ge&auml;u&szlig;ert: zu 37%.<\/li>\n<li>Hat ein Elternteil eine Fachschule oder Fachhochschule besucht, steigt dieser Anteil auf 45% deutlich an.<\/li>\n<li>Aber erst mit dem elterlichen Studium an einer Universit&auml;t stand f&uuml;r 57% das Studium von vornherein fest.<\/li>\n<\/ul><p>Diese allgemeinen Befunde sind noch einmal nach der Zugeh&ouml;rigkeit zu Universit&auml;t oder Fachhochschule zu differenzieren. Bei Studierenden aus akademischen Elternh&auml;usern erh&ouml;ht sich die Studiensicherheit an den Universit&auml;ten auf 60%, an den Fachhochschulen betr&auml;gt sie 40% (vgl. Tabelle 7).<\/p><p>Zwei Gr&ouml;&szlig;en bestimmen in starker Weise die Studienaufnahme:<\/p><p>Zum einen die schulische Leistung, zum anderen die soziale Herkunft. F&uuml;r sehr gute Sch&uuml;ler mit &bdquo;akademischer Herkunft&ldquo; stand das Studium zu 79% von vornherein fest: die h&ouml;chste Quote. Dagegen sind sich von den weniger guten Sch&uuml;lern nur 24% so sicher, wenn von den Eltern eine Lehre absolviert wurde. Bei allen Notenstufen im Zeugnis der Hochschulberechtigung wiederholt sich mehr oder weniger eindeutig die Verringerung der Studiensicherheit mit abnehmender sozialer Herkunft.<\/p><p>In der Bilanz nimmt zwar der Leistungsstand (als erreichte Note) das gr&ouml;&szlig;te Gewicht f&uuml;r die Studiensicherheit ein, aber die soziale Herkunft ist nahezu gleich wichtig (vor allem an den Universit&auml;ten). Offenbar ist f&uuml;r Studierende aus einfacheren sozialen Milieus, selbst bei sehr guten Noten, die Studienaufnahme l&auml;ngst nicht so sicher.<\/p><p>Die feste Studienabsicht kann verstanden werden als eine soziale Mitgift, denn sie ist in starkem Ma&szlig;e vom Bildungsgrad im Elternhaus abh&auml;ngig. Sie verhilft dazu, sich st&auml;rker nach den eigenen fachlichen und beruflichen Interessen bei der Fachwahl zu richten. Sie tr&auml;gt dadurch dazu bei, das Studium stabiler und konsistenter zu absolvieren, weil externe Irritationen, wie z. B. der Arbeitsmarkt, von geringerem Einfluss sind.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/elite_unter_sich_table_4.jpg\" alt=\"Elite unter sich Tabelle 4\"><\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong><\/em><\/p><p>Auffallend und geradezu realit&auml;tsblind bei der Analyse der Gr&uuml;nde f&uuml;r die &bdquo;akademische Selbstreproduktion&ldquo; ist, dass mit keiner Silbe auf die Frage der Finanzierbarkeit eines Studiums eingegangen wird und im Survey keine Nachfrage nach dem Zusammenhang der Ausbildungsf&ouml;rderung oder von Stipendien mit der Studierbereitschaft aufgenommen wurde.<\/p><p>Nach allen anderen vorliegenden Werten, erh&ouml;ht jedoch eine Verbesserung des BaF&ouml;Gs und die Erh&ouml;hung der Einkommensgrenzen f&uuml;r die Eltern f&uuml;r eine F&ouml;rderung, die Studierbereitschaft signifikant.<\/p><p>Dass im Survey nicht danach gefragt wurde, inwieweit die Einf&uuml;hrung von Studiengeb&uuml;hren eine zus&auml;tzliche Barriere zum Hochschulzugang f&uuml;r Jugendliche aus sozial (und finanziell schlechter gestellten) Schichten darstellt, ist geradezu str&auml;flich. Offenbar wollten Auftraggeber und die Durchf&uuml;hrenden der Studie hier keine Diskussion ausl&ouml;sen.<\/p><p>D.h. die Hebel, an denen man ansetzen m&uuml;sste um beim Studium eine gr&ouml;&szlig;ere Chancengerechtigkeit zu erreichen, bleiben unber&uuml;cksichtigt. So wird der Eindruck verfestigt, als w&uuml;rde die Studierf&auml;higkeit bzw. die Studierbereitschaft sozusagen &bdquo;vererbt&ldquo;.<\/p><p><strong>Ein weiterer Aspekt der gerade f&uuml;r junge Leute aus nichtakademischem Milieu die Studierneigung negativ beeinflusst sind die Aussichten auf die berufliche Zukunft. Und dar&uuml;ber machen sich viele Studierende erhebliche Sorgen: <\/strong><\/p><p>Zwar &auml;u&szlig;ern nicht alle Studierenden klare Berufsvorstellungen, dennoch machen sich nahezu alle &uuml;ber ihre berufliche Zukunft Gedanken und viele auch Sorgen. <\/p><p>Die m&ouml;glichen Schwierigkeiten bei der Stellenfindung nach dem Studium sch&auml;tzen die Studierenden im WS 2003\/04 unterschiedlich ein.<\/p><ul>\n<li>Ohne Schwierigkeiten nach Abschluss des Studiums eine Stelle zu finden, meinen 22%.<\/li>\n<li>Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, die ihnen wirklich zusagt,  erwarten 39%.<\/li>\n<li>Keine ausbildungsad&auml;quate Anstellung zu finden und somit fachfremd t&auml;tig sein zu m&uuml;ssen, erwarten 13%.<\/li>\n<li>Betr&auml;chtliche Schwierigkeiten, &uuml;berhaupt eine Stelle zu finden, bef&uuml;rchten 15%.<\/li>\n<\/ul><p>Rund jeder zehnte Studierende f&uuml;hlt sich nicht in der Lage, seine beruflichen Aussichten einzusch&auml;tzen.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/elite_unter_sich_table_5.jpg\" alt=\"Elite unter sich Tabelle 5\"><\/p><p>Die studentischen Angaben zu ihren pers&ouml;nlichen Berufsaussichten k&ouml;nnen mit den statistischen Arbeitslosenzahlen von Hochschulabsolventen in Zusammenhang gebracht werden. Sie sind Ende der 90er Jahre deutlich gesunken und befanden sich im Jahr 2000 auf einem Tiefstand.<\/p><p>Im neuen Jahrtausend sind sie jedoch wieder deutlich angestiegen und erreichen 2003 einen neuen H&ouml;chststand, sowohl f&uuml;r Absolventen mit Universit&auml;tsabschluss (166.207 registrierte Arbeitslose) als auch f&uuml;r Absolventen mit Fachhochschulabschluss (87.125). Die &Auml;nderungen in den Arbeitslosenzahlen zeigen deutliche Auswirkungen in den Reaktionen der Studierenden.<\/p><p><strong>Unerfreulich f&uuml;r die Politik d&uuml;rfte auch die Bewertung der Studienreformen der letzten Jahre durch die Studierenden sein:<\/strong><\/p><p>Neue Konzepte der Hochschulentwicklung halten Studierende an den Fachhochschulen f&uuml;r wichtiger als an den Universit&auml;ten. Sie k&ouml;nnen ihrem Studienverst&auml;ndnis nach solche Neuerungen oft st&auml;rker bef&uuml;rworten und unterst&uuml;tzen:<\/p><ul>\n<li>das Kredit-Punkt-System (an Fachhochschulen f&uuml;r 42% sehr wichtig, an Universit&auml;ten f&uuml;r 39%).<\/li>\n<li>einen Bachelor-Abschluss nach sechs Semestern (35% zu 27%) !!!<\/li>\n<li>Masterstudieng&auml;nge (38% zu 26%) !!!<\/li>\n<li>Teilzeitstudieng&auml;nge (38% zu 27%).<\/li>\n<\/ul><p>An den Universit&auml;ten sind diese Konzepte nur f&uuml;r rund jeden vierten Studierenden von sehr gro&szlig;em Interesse. Nur die Einf&uuml;hrung des Kredit-Punkt-Systems hat eine &auml;hnlich hohe Wichtigkeit: 39% halten es f&uuml;r sehr wichtig.<\/p><p><strong>Das geringere Interesse der Studierenden an Universit&auml;ten an den neuen Studienabschl&uuml;ssen macht deutlich, dass sie mehrheitlich nicht von deren Vorteilen &uuml;berzeugt sind. Vor allem gegen&uuml;ber dem Bachelor und Master ist die Zur&uuml;ckhaltung noch gro&szlig;.<\/strong><\/p><p>Die neuen Studienabschl&uuml;sse mit Bachelor und Master haben zwischen 1998 und 2004 an den Universit&auml;ten an Unterst&uuml;tzung verloren. <\/p><p>An den Fachhochschulen wird im Zeitvergleich die Einf&uuml;hrung der Magisterstudieng&auml;nge f&uuml;r etwas wichtiger erachtet.<\/p><p>Ebenso hat das Kredit-Punkt-System an Bedeutung gewonnen und erlangt 2004 die h&ouml;chste Wichtigkeit.<\/p><p>Der R&uuml;ckgang des studentischen Interesses an Universit&auml;ten an der Einf&uuml;hrung von Bachelor und Master kann daran liegen, dass die Umstellung an vielen Hochschulen bereits erfolgt ist und daher ihre weitere Einforderung nicht mehr notwendig erscheint. Aber ebenso k&ouml;nnen die Vorbehalte seitens Lehrender und Hochschulen gegen die neuen Strukturen mit der Abschaffung traditioneller Examina (z. B. Diplom) Studierende beeinflussen, sich nicht daf&uuml;r auszusprechen.<\/p><p><em><strong>Anmerkung:<\/strong> &Uuml;ber die eigentlichen Gr&uuml;nde, warum die Einf&uuml;hrung der gestuften Studieng&auml;nge weniger Zustimmung findet haben wir auf den NachDenkSeiten schon vielfach berichtet.<\/em><\/p><p><em>Siehe zum Studierendensurvey auch: <\/em><\/p><p><strong>Professorenkinder &uuml;bernehmen Unis<\/strong><br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/zukunft\/wissen\/artikel\/1\/professorenkinder-uebernehmen-die-unis\/\">taz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der <a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/_search\/searchresult.php?URL=http%3A%2F%2Fwww.bmbf.de%2Fpress%2F1511.php&amp;QUERY=studierendensurvey\">Vorstellung<\/a> des &bdquo;9. Studierendensurveys&ldquo; lenkt das Bundesbildungsministerium das Augenmerk vor allem die vermeintlichen Erfolge. Die zentralen Aussagen seien, dass die Studierenden mit der Qualit&auml;t der Lehrveranstaltungen zunehmend zufrieden seien. Viele w&uuml;nschten sich allerdings noch eine bessere Betreuung w&auml;hrend des Studiums und beim &Uuml;bergang in den Arbeitsmarkt sowie einen h&ouml;heren Praxisbezug.<br \/> Unerw&auml;hnt bleibt,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3405\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,206,17,11],"tags":[524,320,408,234],"class_list":["post-3405","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-chancengerechtigkeit","category-hochschulen-und-wissenschaft","category-strategien-der-meinungsmache","tag-bafoeg","tag-bolognaprozess","tag-soziale-herkunft","tag-studiengebuehren"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3405","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3405"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3405\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28720,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3405\/revisions\/28720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3405"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3405"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3405"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}