{"id":34086,"date":"2016-07-05T09:20:55","date_gmt":"2016-07-05T07:20:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34086"},"modified":"2016-07-05T10:27:41","modified_gmt":"2016-07-05T08:27:41","slug":"frankreich-der-widerstand-geht-in-die-sommerpause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34086","title":{"rendered":"Frankreich: Der Widerstand geht in die Sommerpause"},"content":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160705_FH1A5774.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Am 28. Juni kamen wieder sehr viele Menschen zu der mittlerweile 11. Gro&szlig;demo nach Paris. 15.000 waren es nach Angaben der Polizei, die Gewerkschaften sprechen hingegen von 55.000. Nach meiner Einsch&auml;tzung m&uuml;ssten es aber deutlich mehr gewesen sein. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33820\">Nuit Debout<\/a> ist hingegen mittlerweile eingeschlafen und existiert eigentlich nur noch auf dem Papier. Abends treffen sich einige wenige Hundert und diskutieren. Die gro&szlig;e Welle vom April und Mai ist vorbei. Der Plan von Valls, den Sommer zu nutzen, geht also auf.&nbsp;Die Opposition ist &bdquo;reformbereit&ldquo;, zu viel zu vielen&nbsp;Kompromissen&nbsp;bereit und befindet sich bereits im Wahlkampfmodus. Von <strong>Alexander Pohl<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm Sonntag den 26. Juni war auf dem Place de la R&eacute;publique wieder einiges los. Nachdem nachmittags eine Art Spielplatz aufgebaut wurde, kamen am Abend einige Hundert Menschen, um dem Vortrag des bekannten Volkswirts Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon zu lauschen. Es ging um das Thema Brexit, EU und Euro. Man diskutierte &uuml;ber m&ouml;gliche Verbesserungen und &uuml;ber einen Systemwechsel. Man war sich einig, dass diese EU asozial sei und ein Neustart notwendig ist. Nach Ansicht der Meisten, die zu Wort kamen, sei der Euro ein gescheitertes Projekt, das nicht mehr zu retten ist. Man diskutierte auch &uuml;ber den Sinn oder Unsinn von lokalen W&auml;hrungen.&nbsp;Es kam auch zu einem Zwischenfall, denn ein Mann, der sich in der Commission France-Afrique engagiert, konnte sich mit den Aussagen von&nbsp;Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon&nbsp;nicht abfinden und warf den ganzen G&auml;sten Rassismus vor. Die meisten waren genervt. Als der Mann wutentbrannt nach Hause ging, war die Lage wieder ruhig und der Gedanken- und Meinungsaustausch zum Thema W&auml;hrung konnte fortgef&uuml;hrt werden.<\/p><p>Nach dem Vortrag von&nbsp;Fr&eacute;d&eacute;ric Lordon&nbsp;sprach eine Frau von DIEM25 &uuml;ber die neue Bewegung, die von Yanis Varoufakis initiiert wurde. Diese Fragenrunde zeigte deutlich, was DIEM25 tats&auml;chlich ist: Eine reformistische Bewegung, die das System nicht im Kern angreift. DIEM25 steht f&uuml;r Democracy in Europe Movement 2025. Sie haben sich konsequent f&uuml;r den Verbleib Gro&szlig;britanniens in der EU eingesetzt. Sie wollen diese EU beibehalten. Die Kritik h&auml;lt sich in Grenzen. DIEM25 lehnt nicht das System als Ganzes ab. Sie wollen keine Revolution. Die Bewegung ist reformistisch und greift das Finanzsystem beispielsweise nicht grundlegend an. Man versucht schon etwas zu verbessern, nur bleibt man da zu oberfl&auml;chlich.&nbsp;<\/p><p>W&auml;hrend die Frau von DIEM25 erkl&auml;rte, worum es ihrer Partei denn ginge, plante man an einer anderen Stelle der Place de la R&eacute;publique&nbsp;den Verlauf und m&ouml;gliche n&auml;chste Aktionen. Man besprach Besetzungen von Pl&auml;tzen und &auml;hnliches. Auch im Sommer kann man sich also auf spannende Aktionen freuen. Sie werden aber sicherlich deutlich kleiner sein.&nbsp;<\/p><p>F&uuml;r den 28. Juni wurde wieder f&uuml;r eine Demo mobilisiert. Diese Demo war, wie auch nicht anders zu erwarten, sehr gro&szlig;. Soweit ich das sehen konnte, waren Hunderttausend(e) auf der Stra&szlig;e. Die Gewerkschaften sprachen hingegen von 55.000. Das ist eine ern&uuml;chternde Zahl, wenn man bedenkt,&nbsp;wie viele Menschen am 14. Juni aktiv in Paris gegen die neoliberalen Reformen protestiert haben.&nbsp;<\/p><p><strong>Repression<\/strong><\/p><p>Es wurden massive Sicherheitsvorkehrungen getroffen. So wurden mehrere Metrostationen um die Bastille gesperrt. Auch die Arbeiter der lokalen Verkehrsgesellschaft waren genervt. Jeder, der in die N&auml;he der Demo kam, wurde von oben bis unten komplett durchsucht. Den Kollegen von RT wurde es untersagt, ihren Helm und ihre Gasmaske zum Schutz vor Pfefferspray und Tr&auml;nengas mitzunehmen.&nbsp;Ich musste beim Aussteigen aus der Metro meine Gasmaske abgeben, obwohl ich nat&uuml;rlich einen Presseausweis vorzeigen konnte. Mir wurde gesagt, ich k&ouml;nne diese bei der Pr&eacute;fecture de police  abholen. Als ich aber dort war, wurde ich weitergeleitet. Meine Maske wird wohl nicht mehr auftauchen. Die Polizisten haben mir meine Maske gestohlen.<\/p><p>Interessant war au&szlig;erdem ein Kommentar eines Polizisten, mit dem ich kurz plauderte. Ich meinte&nbsp; &bdquo;Jetzt werde ich sicher viel Tr&auml;nengas abbekommen!&ldquo; Er antwortete mir: &bdquo;Nein, heute wird nichts kommen!&ldquo;&nbsp;Das ist doch ein klares Indiz daf&uuml;r, dass die Gewalt von oben gewollt ist und die Polizei genau wei&szlig;, was los ist.&nbsp;Die Polizei verhielt sich weitgehend ruhig, dennoch gab es Szenen der Provokation. Diese gingen aber ausschlie&szlig;lich von der Polizei oder Gendarmerie aus. Die Demo war sehr ruhig und entspannt.&nbsp;<\/p><p>Am Ende der Demo wurde ich von einem Mitglied der CGT geschlagen. Ich hatte noch nicht die Chance gehabt meinen Helm, den ich ausnahmsweise behalten durfte, abzunehmen. Er schlug mich, weil ich ja zur &bdquo;L&uuml;genpresse&ldquo; geh&ouml;re. Das ist dieselbe Ideologie wie bei Rechten. Es sind solche Idioten, die die ganze Bewegung in den Schatten stellen. Ich wollte den Mann fotografieren, um ihn anzeigen zu k&ouml;nnen. Zwei Freunde des Gewaltt&auml;tigen hinderten mich vehement und drohten, meine Kamera zu zerschlagen. Ich entfernte mich vom Geschehen. Und ging zur Metro. Die Polizei riet mir von einer Anzeige ab, denn es w&uuml;rde nichts bringen. Man sieht an solchen Hooligans, wieso es keinen Erfolg in der sozialen Bewegung geben kann.&nbsp;<\/p><p>Was ist eigentlich aus den Streiks geworden? Diese finden so nicht mehr statt. Die Gewerkschaften halten sich da zur&uuml;ck. Eigentlich h&auml;tte man durch die EURO eine gewaltige Chance, seine Forderungen durchzusetzen. Da zeigt sich der wahre Geist der Gewerkschaften. Die Gewerkschaften &ndash; die anarchosyndikalistische CNT sei hier ausgenommen &ndash; riefen nie wirklich zum Generalstreik auf. Der Generalstreik ist die einzige Chance, um diese 49.3-Regierung zum Handeln zu zwingen. (49.3 ist der Verfassungsbestandteil, der es dem Pr&auml;sidenten erlaubt, ohne Zustimmung des Parlaments ein Gesetz zu verabschieden. In letzter Zeit immer beliebter bei Valls und Hollande.)&nbsp;<\/p><p><strong>Opposition<\/strong><\/p><p>Wie ist die Opposition in Frankreich aufgebaut? Es gibt die Front de Gauche (Linksfront). Diese besteht aus der Kommunistischen Partei und dem Parti de Gauche (Linke Partei). Der Parti Communiste ist vergleichbar mit einem eher linken Fl&uuml;gel der deutschen Gr&uuml;nen oder einem rechten Fl&uuml;gel der Linkspartei. Der Notstand, der die meisten Demonstranten enorm st&ouml;rt, wurde&nbsp;auch von Teilen der Linksfront unterst&uuml;tzt. Der Notstand hat es erlaubt, zum ersten Mal seit&nbsp;1962 eine Demonstration zu verbieten. Das wurde&nbsp;sp&auml;ter nach gro&szlig;em Druck zwar zur&uuml;ckgenommen, ist aber ein deutliches Zeichen f&uuml;r den autorit&auml;ren Staat. Die Linksfront hat sich nie f&uuml;r einen Generalstreik eingesetzt. Bei den Protesten nehmen sie eher die Rolle der Opportunisten ein. 2017 steht eine Wahl bevor und bei der m&ouml;chte man gut abschneiden. Jean-Luc M&eacute;lanchon, Chef der franz&ouml;sischen Linkspartei und Chef der Linksfront, ist bei den meisten Gewerkschaftlern sehr beliebt.&nbsp;Er m&ouml;chte den Kampf gegen die Loi El Khomri dazu ausnutzen, um mit seiner Linksfront die PS zu ersetzen. Aktuell ist Francois Hollande extrem unbeliebt. Er ist wohl der unbeliebteste Pr&auml;sident in der Geschichte Frankreichs. Die PS wird bei den n&auml;chsten Wahlen sicher sehr schlecht abschneiden.&nbsp;Es sieht danach aus, dass der n&auml;chste Staatschef entweder von Sarkozys Partei den Republikanern oder von Marine Le Pens Front National kommen wird. Es wird also entweder eine fast rechtsextreme oder eine tats&auml;chlich rechtsextreme Partei gewinnen. Wer dritte Kraft wird, ist auch offen. Wahrscheinlich wird es sich um M&eacute;lanchons Linksfront handeln.&nbsp;<\/p><p>Eine weitere Partei sind die Gr&uuml;nen. Diese stellen im Kabinett Valls II&nbsp;seit 2016&nbsp;eine Ministerin. Dennoch kann man auf den Demos immer einige wenige&nbsp;Mitglieder der Partei sehen, die als Gruppe zusammengeschlossen sind. Die ehemaligen Fraktionschefs der Gr&uuml;nen wollten eigentlich der Linksfront beitreten. Das wurde in der Partei wohl aber abgelehnt und so traten sie aus und gr&uuml;ndeten eine neue Partei.<\/p><p>Eine Partei, die sich sehr f&uuml;r die Arbeiterklasse einsetzt, ist die Neue Antikapitalistische Partei (NPA). Sie besteht haupts&auml;chlich aus Trotzkisten. Sie haben sich konsequent gegen den Notstand eingesetzt. Sie unterst&uuml;tzen die Arbeiterk&auml;mpfe und den Generalstreik.&nbsp;Sie wollen einen Klassenkampf&nbsp;erreichen. Sie versuchen, die &bdquo;Arbeiterklasse&ldquo; zu einigen. Aktuell haben sie aber nur wenig Erfolg. Sie sind eine Partei f&uuml;r die eher jungen Leute. Anfang&nbsp;2015 hatten sie nur 2100 Mitglieder. Es d&uuml;rften in der Zwischenzeit sicher mehr geworden sein, trotzdem bleibt die Partei sehr klein. Sie ist aber momentan f&uuml;r viele junge Menschen die einzige echte Alternative zur &bdquo;Loi El Khomri und seiner Welt&ldquo;.&nbsp;Die Partei hat eine Art Partnerschaft mit der trotzkistischen Nachrichtenseite <a href=\"http:\/\/www.revolutionpermanente.fr\"><em>R&eacute;volution Permanante<\/em><\/a>, der Schwesterseite von Klasse gegen Klasse. R&eacute;volution Permanante ist zu einer Stimme der Proteste geworden. Sie bleiben konsequent und kritisch.<\/p><p><strong>Sommerpause<\/strong><\/p><p>Die Bewegung verabschiedet sich nun in die Sommerpause. Man k&ouml;nnte streiken, verzichtet aber. Die Linksfront hat nur das Ziel, bei den n&auml;chsten Wahlen&nbsp;erfolgreich zu sein. Wird es nach der Sommerpause mit Streiks weiter gehen? Wird es wieder Massenprotesten geben? Das ist unwahrscheinlich. Die F&uuml;hrer der Opposition sind m&uuml;de geworden&nbsp;(oder waren es vielleicht schon immer)&nbsp;und rufen nicht mehr zum Kampf auf.&nbsp;Was ist eigentlich aus dem k&auml;mpferischen Geist der Franzosen geworden? Wurde er eingeschl&auml;fert von korrupten Pseudooppositionellen, die auch in der Basis sitzen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div style=\"float:right; margin: 0 0 15px 15px\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/160705_FH1A5774.jpg\" alt=\"\" title=\"\"\/><\/div>\n<p>Am 28. Juni kamen wieder sehr viele Menschen zu der mittlerweile 11. Gro&szlig;demo nach Paris. 15.000 waren es nach Angaben der Polizei, die Gewerkschaften sprechen hingegen von 55.000. Nach meiner Einsch&auml;tzung m&uuml;ssten es aber deutlich mehr gewesen sein. <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33820\">Nuit Debout<\/a> ist hingegen mittlerweile eingeschlafen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34086\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,22,20],"tags":[282,1043,421,312,1176,1292],"class_list":["post-34086","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-europaische-union","category-landerberichte","tag-buergerproteste","tag-frankreich","tag-polizei","tag-reformpolitik","tag-streik","tag-varoufakis-yanis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34086","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34086"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34086\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34090,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34086\/revisions\/34090"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34086"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34086"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34086"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}