{"id":34222,"date":"2016-07-15T12:19:19","date_gmt":"2016-07-15T10:19:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34222"},"modified":"2019-01-12T11:13:53","modified_gmt":"2019-01-12T10:13:53","slug":"in-unverbruechlicher-freundschaft-zu-den-vereinigten-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34222","title":{"rendered":"In unverbr\u00fcchlicher Freundschaft zu den Vereinigten Staaten"},"content":{"rendered":"<p>Gerade in der jetzigen Zeit, der Zeit einer wieder zunehmenden Konfrontation zwischen Ost und West, einer Zeit immer aggressiver werdender Rhetorik gegen&uuml;ber Russland, die man auch als einen neuen Kalten Krieg begreifen kann, wird gern und h&auml;ufig auf die langj&auml;hrige Freundschaft Deutschlands mit den Vereinigten Staaten verwiesen. Es ist ein allgemein anerkanntes Narrativ &ndash; die stets wiederholte und damit in scheinbares Wissen &uuml;bergegangene Erz&auml;hlung der Geschichte &ndash; geworden, das best&auml;ndig wiederholt und auch von kaum jemandem &uuml;berhaupt mehr hinterfragt wird, der sich nicht der Gefahr aussetzen will, des &bdquo;Anti-Amerikanismus&ldquo; bezichtigt zu werden. Von <strong>Lutz Hausstein<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34222#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5752\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34222-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34222-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160715_In_unverbruechlicher_Freundschaft_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Diese Formulierung griff auch Albrecht M&uuml;ller in seiner <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33892\">Rede in Kaiserslautern<\/a> im Rahmen der &bdquo;Stopp-Ramstein&ldquo;-Kampagne auf, schr&auml;nkte die vermeintliche Allgemeing&uuml;ltigkeit jedoch ein, indem er auch andere Sichtweisen andeutete.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Viele Deutsche sehen in den USA eine Nation und in den dortigen Menschen ein Volk, das uns sehr geholfen hat: mitgeholfen bei der Befreiung von den Nazis, geholfen bei der wirtschaftlichen Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Man kann dieses Bild hinterfragen, aber es hat viel Wahres an sich und au&szlig;erdem empfinden es sehr viele Leute so. Nicht alle.<\/p>\n<p>Viele Deutsche sehen in den USA jene, die uns vor den Sowjets und den Kommunisten gesch&uuml;tzt haben. Auch wenn man das anders sehen kann, generell kann man wohl sagen, dass in den f&uuml;nfziger und sechziger Jahren so etwas wie ein abschreckendes Gleichgewicht der Kr&auml;fte bestand. Damals waren wir von den USA gesch&uuml;tzt, heute werden wir benutzt.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wie berechtigt das Vorhandensein einer anderen, m&ouml;glichen Sichtweise ist, soll im Nachfolgenden einmal n&auml;her beleuchtet werden. Denn ist es wirklich so einfach und selbstverst&auml;ndlich, eine schon ewig w&auml;hrende, durch nichts zu ersch&uuml;tternde Freundschaft generalisierend f&uuml;r &bdquo;die&ldquo; Deutschen anzunehmen? Gibt es vielleicht auch au&szlig;er Acht gelassene Umst&auml;nde, die diese Betrachtungsweise pl&ouml;tzlich in einem v&ouml;llig anderen Licht erscheinen lassen k&ouml;nnten?<\/p><p>Die USA waren daran beteiligt, das deutsche Volk und Europa von der Naziherrschaft zu befreien. Von einer Terrorherrschaft, die in ganz Europa, aber auch in Deutschland selbst, schreckliche Verbrechen begangen und uns&auml;gliches Leid verursacht hat. Die Vereinigten Staaten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg, wenn auch nicht v&ouml;llig selbstlos, geholfen, den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marshallplan\">Wiederaufbau<\/a> voranzutreiben und auch eine enorme wirtschaftliche Wachstumsepoche in (West-)Deutschland einzuleiten. Denn in der bald nach dem Krieg beginnenden Konfrontation der Bl&ouml;cke hatte die Bundesrepublik von Beginn an auch eine &bdquo;Schaufenster&ldquo;-Funktion gegen&uuml;ber der DDR. Je attraktiver der Westen den Menschen in der sowjetisch besetzten Zone und sp&auml;ter dann in der DDR erschien, umso destabilisierender musste sich dies auf das vom Krieg stark zerst&ouml;rte und zus&auml;tzlich durch Reparationszahlungen, oftmals auch durch Demontage ganzer Betriebe, belastete Ostdeutschland auswirken. Und vor diesem Hintergrund war die USA besonders daran interessiert, Westdeutschland m&ouml;glichst schnell in ein wirtschaftlich florierendes, modernes und attraktives Land zu verwandeln.<\/p><p>In der (west-)deutschen &Ouml;ffentlichkeit formte sich so alsbald das Bild einer freundschaftlichen Verbundenheit mit den USA, ungeachtet der Ursachen f&uuml;r deren Handeln. Die sprichw&ouml;rtlichen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rosinenbomber\">Rosinenbomber<\/a> der Amerikaner zu Zeiten der Berliner Luftbr&uuml;cke sind nur ein besonders plakatives Beispiel f&uuml;r diese Hilfe der USA. Die Stationierung amerikanischer Soldaten in der Bundesrepublik lie&szlig; verbreitete Vorurteile der Deutschen gegen&uuml;ber den GIs nach und nach abklingen, und zwar nicht erst, seit ein gewisser Elvis Presley als stationierter Soldat auch hier in Deutschland die H&uuml;ften kreisen lie&szlig;. Vor allem aber waren die amerikanischen Kasernen mit ihren Besatzungen auch vielerorts als nachfragestarker Standort- und Wirtschaftsfaktor beliebt. Und selbstverst&auml;ndlich begriffen die Westdeutschen die amerikanischen Soldaten auch als Garanten f&uuml;r ihre &auml;u&szlig;ere Sicherheit. Als Schutz vor den Warschauer Vertragsstaaten und vor den sowieso schon immer vor der T&uuml;r stehenden Russen.<\/p><p>Die Vereinigten Staaten als Befreier, als Freund und Helfer, als Besch&uuml;tzer, als &bdquo;guter Hegemon&ldquo;. All dies sind jedoch Wahrnehmungen aus einer ausschlie&szlig;lich westdeutschen Perspektive. Dreht man all dies einmal auf links, so er&ouml;ffnen sich pl&ouml;tzlich neue Blickwinkel und man sollte vor dieser Perspektive noch einmal von vorn beginnen, Grunds&auml;tzliches zu er&ouml;rtern. Entspricht diese Bewertung des deutsch-amerikanischen Verh&auml;ltnisses denn auch der ge- und erlebten Realit&auml;t ostdeutsch Sozialisierter? Und ist das Verh&auml;ltnis Deutschlands zur Sowjetunion resp. Russland wirklich dazu einfach nur entgegengesetzt?<\/p><p>Die US-Amerikaner als Befreier von der Nazidiktatur zu feiern, ist selbstverst&auml;ndlich auch aus der Sicht der Ostdeutschen korrekt und logisch. Gleiches gilt jedoch auch f&uuml;r die Rote Armee der Sowjetunion. Regional betrachtet sogar noch um ein Vieles mehr, denn die &uuml;berwiegenden Teile Ostdeutschlands wurden durch Soldaten der Roten Armee befreit. Sie sind also gleicherma&szlig;en als Befreier Deutschlands zu feiern. Wie man dies in der amerikanisch besetzten Zone also den USA nachsagen kann, gilt dies im selben Ma&szlig;e f&uuml;r die Sowjetunion in der sowjetisch besetzten Zone.<\/p><p>Die Sowjetunion war jedoch nicht der wirtschaftliche Helfer beim Wiederaufbau (Ost-)Deutschlands, wie es die USA f&uuml;r Westdeutschland darstellte. Hatte die UdSSR doch mit 27 Millionen Toten fast die H&auml;lfte aller Opfer des Zweiten Weltkriegs zu beklagen. Gleichfalls war ein Teil der Sowjetunion durch die schweren Bombardierungen, das vollst&auml;ndige Ausl&ouml;schen ganzer Ortschaften sowie durch die Taktik der verbrannten Erde der Wehrmacht schwer zerst&ouml;rt. So ist es auch kaum verwunderlich, dass die Sowjetunion, im Gegensatz zu den USA, vielmehr Reparationsleistungen forderte, als Hilfe beim wirtschaftlichen Wiederaufbau zu leisten. Diese Reparationen wiederum trieb sie fast ausschlie&szlig;lich in der von ihr besetzten Zone ein. H&auml;ufig in Form der Demontage kompletter, hochmoderner Wirtschaftsbetriebe oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_als_Reparationsleistung_abgebauten_Eisenbahnstrecken\">Eisenbahnstrecken<\/a>, aber auch als Entnahmen aus der laufenden Produktion. Bis zur Einstellung der Reparationsleistungen im Jahr 1953, auch aus Reaktion auf die Protestaktionen vom 17. Juni in der DDR, leistete die SBZ (ab 1949 dann die DDR) insgesamt Reparationen von 99,1 Mrd. DM (zu Preisen von 1953), die franz&ouml;sisch, britisch und amerikanisch besetzten Zonen hingegen 2,1 Mrd. DM (Quelle: Siegfried Wenzel: &bdquo;Was war die DDR wert?&ldquo;, Das Neue Berlin, 2015). Bezogen auf die jeweiligen Einwohnerzahlen trug demzufolge jeder Ostdeutsche das 130-fache an Reparationsleistungen gegen&uuml;ber einem Westdeutschen. Vor diesem Hintergrund ist es zumindest nachvollziehbar, dass die Sowjetunion in der allgemeinen Wahrnehmung nicht gerade als der wirtschaftliche Aufbauhelfer gesehen wurde, gar nicht gesehen werden konnte.<\/p><p>In ihrer Funktion als milit&auml;rische Schutzmacht Ostdeutschlands hingegen unterschied sich die UdSSR durch nichts von der der USA gegen&uuml;ber Westdeutschland. Abgesehen von der gruseligen Rhetorik, gem&auml;&szlig; der &bdquo;die Soldaten der Nationalen Volksarmee Seite an Seite mit ihren Waffenbr&uuml;dern der Sowjetarmee f&uuml;r den Frieden auf Wacht stehen&ldquo;, haben auf der gegen&uuml;berliegenden Seite die Soldaten der Bundeswehr unter dem Strich exakt dasselbe getan: im Verbund mit Einheiten ihrer jeweiligen Schutzmacht milit&auml;rische St&auml;rke und mindestens Zweitschlagf&auml;higkeit gegen einen potentiell m&ouml;glichen Angriff der anderen Seite zu demonstrieren. Ebenso wie man aus westdeutscher Perspektive die Schutzfunktion des US-amerikanischen Milit&auml;rs f&uuml;r Westdeutschland hervorheben kann, muss man dies nat&uuml;rlich gleichfalls f&uuml;r das sowjetische Milit&auml;r in Ostdeutschland tun.<\/p><p>Ist es dann aber, besonders aus der Sicht &uuml;ber 30-j&auml;hriger und &auml;lterer Ostdeutscher, nicht befremdlich, wenn sowohl <a href=\"https:\/\/www.bundeskanzlerin.de\/ContentArchiv\/DE\/Archiv17\/Reden\/2013\/06\/2013-06-20-tischrede-merkel.html\">Angela Merkel<\/a> in ihrer Funktion als Bundeskanzlerin als auch der CDU-Bundesvorstand in einer <a href=\"https:\/\/www.cdu.de\/sites\/default\/files\/media\/dokumente\/110905-erklaerung-jahrestag-11september2001.pdf\">Erkl&auml;rung zum 10. Jahrestag der Anschl&auml;ge von Nine Eleven<\/a> eine immerw&auml;hrende, &bdquo;unverbr&uuml;chliche Freundschaft&ldquo; zu den Vereinigten Staaten proklamieren? Insbesondere diese Beschw&ouml;rung einer bedingungslosen, schon ewig w&auml;hrenden Verbundenheit mit den USA vor dem Hintergrund einer zunehmend verh&auml;rteten Eskalation gegen&uuml;ber Russland, die also Russland als Gegner und Feind aufbaut, muss in den Augen der meisten Ostdeutschen einfach nur l&auml;cherlich wirken. F&uuml;r konservative, westdeutsche Hardliner mag ja &bdquo;der Russe&ldquo; schon immer im Keller gewesen sein oder wenigstens vor der T&uuml;r gestanden haben. F&uuml;r viele andere Deutsche hingegen ist eine solche Darstellung einfach nur Unfug.<\/p><p>Europa, der br&uuml;chige Frieden und die gesamte Welt brauchen keine behaupteten &bdquo;unverbr&uuml;chlichen Freundschaften&ldquo;, die nicht &uuml;berwindbare Gr&auml;ben zwischen den Fronten ausheben und zementieren. Sie brauchen Vertrauen, Respekt und gegenseitige Akzeptanz, damit wir uns auch morgen noch an der Welt erfreuen k&ouml;nnen. Ohne unverbr&uuml;chliche, daf&uuml;r aber viel lieber mit ganz normalen, ehrlichen Freundschaften.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Lutz Hausstein<\/strong>, Wirtschaftswissenschaftler, ist als Arbeits- und Sozialforscher t&auml;tig. In seinen 2010, 2011 und <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/Studie_Was_der_Mensch_braucht_2015.pdf\">2015<\/a> erschienenen Untersuchungen &bdquo;Was der Mensch braucht&ldquo; ermittelte er einen alternativen Regelsatzbetrag f&uuml;r die soziale Mindestsicherung. Er ist u.a. Ko-Autor des Buches &bdquo;Wir sind emp&ouml;rt&ldquo; der Georg-Elser-Initiative Bremen (2012) sowie Verfasser des Buches &bdquo;Ein Pl&auml;doyer f&uuml;r Gerechtigkeit&ldquo; (2012).<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg03.met.vgwort.de\/na\/fa143e00c7e442be8f379a0f8f04f426\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerade in der jetzigen Zeit, der Zeit einer wieder zunehmenden Konfrontation zwischen Ost und West, einer Zeit immer aggressiver werdender Rhetorik gegen&uuml;ber Russland, die man auch als einen neuen Kalten Krieg begreifen kann, wird gern und h&auml;ufig auf die langj&auml;hrige Freundschaft Deutschlands mit den Vereinigten Staaten verwiesen. 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