{"id":3424,"date":"2008-08-29T16:17:06","date_gmt":"2008-08-29T14:17:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3424"},"modified":"2015-11-15T11:23:23","modified_gmt":"2015-11-15T10:23:23","slug":"insm-bildungsmonitor-ein-propagandainstrument-fuer-eine-arbeitgeberorientierte-bildungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3424","title":{"rendered":"INSM-Bildungsmonitor, ein Propagandainstrument f\u00fcr eine arbeitgeberorientierte Bildungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Rechtzeitig zu dem von der Kanzlerin angesto&szlig;enen &bdquo;Bildungsgipfel&ldquo; von Bund und L&auml;ndern am 22. Oktober in Dresden, hat die vom Arbeitgeberverband der Metall &ndash; und Elektroindustrie finanzierte Propagandaagentur &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) ihren seit 2004 j&auml;hrlich herausgegebenen <a href=\"http:\/\/www.insm-bildungsmonitor.de\/files\/downloads\/Studienbericht_Bildungsmonitor_2008.pdf\">&bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; [PDF &ndash; 1&nbsp;MB]<\/a> auf den Markt gebracht. Es ist immer die gleiche Masche: Die INSM l&auml;sst sich vom arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) eine als wissenschaftliche Studie verpacktes Ranking erstellen und inszeniert damit einen Anpassungsdruck unter den L&auml;ndern  an die bildungspolitischen Vorstellungen der Arbeitgeberseite. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><br>\nDie NachDenkSeiten haben schon zu den fr&uuml;heren <a href=\"?p=406\">&bdquo;Bildungschecks&ldquo;<\/a> ausf&uuml;hrlich <a href=\"?p=1648\">Stellung genommen<\/a>. Zur damaligen Kritik an der Methodik und an der Zielrichtung dieser &bdquo;Forschungsberichte&ldquo;, die jeweils vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) erstellt wurden, ist nicht viel hinzuzuf&uuml;gen: Man sucht sich gewichtet eine Vielzahl von Indikatoren die zum erw&uuml;nschten Ergebnis f&uuml;hren, packt sie in ein Ranking und will damit einen Wettbewerbsdruck auf die Bildungspolitik der L&auml;nder aus&uuml;ben. <\/p><p>&bdquo;Bildung&ldquo; wird in dieser IW-Studie ausschlie&szlig;lich unter dem Aspekt betrachtet, <em>&bdquo;in welchen Bereichen des Bildungssystems Handlungsbedarf besteht, um die Bedingungen f&uuml;r das Wirtschaftswachstum zu verbessern.&ldquo;<\/em> <\/p><p>Das &bdquo;Sich-Bilden der Pers&ouml;nlichkeit&ldquo; (Hartmut von Hentig) oder &bdquo;die Anregung aller Kr&auml;fte des Menschen, damit diese sich &uuml;ber die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualit&auml;t und Pers&ouml;nlichkeit f&uuml;hren&ldquo; (Wilhelm von Humboldt) oder andere an der Entfaltung und Entwicklung der geistig-seelischen Werte und Anlagen eines Menschen orientierten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bildung\">klassischen Definitionen von &bdquo;Bildung&ldquo;<\/a> spielen dabei keine Rolle. (Wie sollten daf&uuml;r auch quantitative Parameter tauglich sein?) Vielmehr werden  <em>&bdquo;anhand von Indikatoren &hellip; 13 bildungs&ouml;konomische Handlungsfelder in den 16 Bundesl&auml;ndern bewertet, die ihrerseits einen Einfluss auf die zentralen Stellschrauben des Wirtschaftswachstums in Deutschland haben.&ldquo;<\/em><br>\nBildung wird verstanden <em>&bdquo;<strong>als Investition<\/strong>, die Wohlstand und Wachstum nachhaltig sichern soll&ldquo;<\/em>. <\/p><p>Es soll nun keineswegs abgestritten werden, dass Bildung auch etwas mit Wohlstand und Wachstum zu tun hat und dass auch &bdquo;Input&ldquo;-Faktoren, wie Bildungsausgaben oder Betreuungsrelationen oder &bdquo;der bildungs&ouml;konomische Output&ldquo; wie etwa Schul- oder Hochschulabschl&uuml;sse durchaus auch eine gewisse Aussagekraft &uuml;ber das Bildungswesen haben, aber wenn die Arbeitgeberseite die bildungspolitischen Handlungsfelder ausschlie&szlig;lich danach ausw&auml;hlt, inwieweit sie zur &bdquo;Unterst&uuml;tzung des Wachstumspotenzials in Deutschland&ldquo; beitragen k&ouml;nnen, dann verbirgt sich dahinter eine spezifische &bdquo;Wachstumstheorie&ldquo;, die Wachstum vor allem von der Angebotsseite, also der Verbesserung der Investitionsbedingungen f&uuml;r das investierte Kapital und nicht auch von der Nachfrageseite, also den Interessen der Auszubildenden und vom gesellschaftlichen Bedarf her betrachtet. Bildung wird in dieser Studie daran gemessen inwieweit sie dem N&uuml;tzlichkeitsdenken und den &ouml;konomischen Interessen der Arbeitgeberseite passend erscheinen. Bildungsziele werden <em>&bdquo;humankapitaltheoretisch&ldquo;<\/em>, d.h. auf die durch Bildung zu <a href=\"http:\/\/www.linksnet.de\/de\/artikel\/20648\">erwirtschaftenden Ertr&auml;ge begr&uuml;ndet<\/a>.<\/p><p>Man kann den Autorinnen und Autoren der Studie nicht einmal vorwerfen, dass sie diese Pr&auml;missen verheimlichten. Ausdr&uuml;cklich weisen sie darauf hin, dass sie das &bdquo;Wachstumsmodell&ldquo; des Sachverst&auml;ndigenrats aus dem Gutachten 2002\/2003 verwenden (SVR, 2002). Dass der Sachverst&auml;ndigenrat (jedenfalls bis zu diesem Zeitpunkt) ausschlie&szlig;lich und einseitig von Anh&auml;ngern der der Angebots&ouml;konomie besetzt war, haben wir auf den NachDenkSeiten gleichfalls schon mehrfach <a href=\"?p=2754\">belegt<\/a>. Dem Sachverst&auml;ndigenrat geht es seit Jahren ausschlie&szlig;lich um das nachbeten des neoliberalen Katechismus von der Senkung der Abgabenlast, der R&uuml;ckf&uuml;hrung der Staatsquote oder &ouml;konomisch eindimensional um die Verbesserung der Investitionsbedingungen.<\/p><p>So sind f&uuml;r den Sachverst&auml;ndigenrat (laut Studie) typische &bdquo;Wachstumstreiber&ldquo; <\/p><ul>\n<li>die Humankapitalausstattung,<\/li>\n<li>die strukturelle Arbeitslosigkeit,<\/li>\n<li>die Gesamtabgabenlast,<\/li>\n<li>die privaten und staatlichen Investitionen,<\/li>\n<li>das Bev&ouml;lkerungswachstum und<\/li>\n<li>die Staatsverschuldung.<\/li>\n<\/ul><p>Und dementsprechend sieht dann die &Uuml;bertragung solcher &bdquo;Wachstumstreiber&ldquo; auf die Bildung aus:<\/p><blockquote><p>Nach Berechnungen des Sachverst&auml;ndigenrats aus dem Jahr 2002\/2003 f&uuml;hrt eine Erh&ouml;hung der formalen Bildungsjahre um ein Jahr zu einer Erh&ouml;hung des BIP je Erwerbsf&auml;higen im F&uuml;nf-Jahres-Vergleich um etwa 0,8 Prozent. Ferner f&uuml;hrt eine h&ouml;here Qualifikation der Arbeitnehmer dazu, dass die strukturelle Arbeitslosenquote sinkt.<\/p><\/blockquote><p>Oder:<\/p><blockquote><p>Au&szlig;er dem formalen Bildungsniveau ist wesentlich, dass das Humankapital m&ouml;glichst fr&uuml;h am Arbeitsmarkt genutzt werden kann.<\/p><\/blockquote><p>Oder: <\/p><blockquote><p>Durch gezielte und optimale F&ouml;rderung bereits im fr&uuml;hkindlichen Alter kann dazu beigetragen werden, dass Nachqualifizierungsschleifen vermieden werden. Ferner ist eine fr&uuml;here Einschulung m&ouml;glich. Beides zusammen f&uuml;hrt dazu, dass sich die Jugenderwerbsquote erh&ouml;ht.<\/p><\/blockquote><p>Und selbstverst&auml;ndlich kommt es bei diesem wachstumsorientierten &bdquo;Bildungs&ldquo;-Begriff vor allem auf das <em>&bdquo;technische Humankapital&ldquo;<\/em> an: <\/p><blockquote><p>Besonders wichtig f&uuml;r die technologische Leistungsf&auml;higkeit einer Volkswirtschaft ist eine ausreichende Anzahl an Absolventen der so genannten MINT-Studieng&auml;nge (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Zahlreiche Studien belegen die Bedeutung des technischen Humankapitals f&uuml;r das Wachstum und die Wettbewerbsf&auml;higkeit einer Volkswirtschaft.<\/p><\/blockquote><p>Zufriedenheit mit der Arbeit, Kreativit&auml;t, soziale Standards oder die volkswirtschaftliche Nachfrage (etwa durch angemessene L&ouml;hne) oder gar die Mitbestimmung als produktivit&auml;tssteigerndem Vorteil spielen bei dieser Aufz&auml;hlung der &bdquo;Wachstumstreiber&ldquo; nach der neoklassischen Lehre typischerweise keine Rolle. Und &bdquo;strukturelle Arbeitslosigkeit&ldquo; ist eben keine konjunkturbedingte, sondern die durch den internationalen Wettbewerb erzwungene langfristige Arbeitslosigkeit. <\/p><p>Den Autorinnen und Autoren der Studie sind ihre reduzierten <em>&bdquo;humankapitaltheoretisch begr&uuml;ndeten Bildungsziele&ldquo;<\/em> und die Begrenztheit ihres nur mit quantitativen Indikatoren erfassbaren Bildungsbegriffs durchaus bewusst: <\/p><blockquote><p>Im Bildungsprozess spielen Ziele (von Inhalten und Qualit&auml;t erst gar nicht zu reden W.L.) und Strategien der Institutionen, F&uuml;hrung und Management in den Schulen, B&uuml;rokratien, die Professionalit&auml;t der Lehrenden sowie die Schulkultur eine entscheidende Rolle. Aus &ouml;konomischer Sicht sind diese Faktoren nur schwer durch Indikatoren abbildbar.<\/p><\/blockquote><p>Von all diesen einseitigen Pr&auml;missen und methodischen Beschr&auml;nktheiten des &bdquo;Bildungsmonitors&ldquo; ist jedoch in der <a href=\"http:\/\/www.insm-bildungsmonitor.de\/files\/downloads\/pm-bildungsmonitor.pdf\">Presseerkl&auml;rung [PDF &ndash; 64 KB]<\/a> nicht mehr die Rede und schon gar nicht wird in der Berichterstattung dar&uuml;ber darauf eingegangen. Da wird verallgemeinernd nur noch vom <em>&bdquo;Zustand der Bildungssysteme&ldquo;<\/em> oder von einem <em>&bdquo;aktuellen Statusreport &uuml;ber die St&auml;rken und Schw&auml;chen unseres Bildungssystems&ldquo;<\/em> gesprochen.<br>\nUnd um politischen Druck aufzubauen wird eine Rangliste aufgestellt, in der es <em>&bdquo;Spitzenreiter&ldquo;<\/em>, <em>&bdquo;Spr&uuml;nge nach vorn&ldquo;<\/em> und <em>&bdquo;Fortschritte&ldquo;<\/em> gibt.<br>\nMedial zugespitzt wird daraus dann die Schlagzeile: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/welt_print\/article2356592\/Sachsen-hat-das-beste-Bildungssystem.html\">&bdquo;Sachsen hat das beste Bildungssystem&ldquo;<\/a>. Und nat&uuml;rlich r&uuml;hmen sich die Bildungsminister, je nach dem erzielten Tabellenplatz ihrer &bdquo;bildungspolitischen&ldquo; Erfolge und man kann gewiss sein, dass sich die Bildungspolitiker in den L&auml;ndern auf diese Ergebnisse st&uuml;rzen werden.<\/p><p>So werden aus Quantit&auml;tsvergleichen (mit beschr&auml;nkter und einseitig definierter Aussagekraft) unvermittelt Qualit&auml;tsvergleiche. Und wer bei solchen Rankings am besten abschneidet, soll nat&uuml;rlich nach den Vorstellungen der INSM die Qualit&auml;tsma&szlig;st&auml;be vorgeben. D.h. die schlechter Platzierten sollen ihre Bildungspolitik an den besser &bdquo;gerankten&ldquo; angleichen oder mit ihnen konkurrieren: <\/p><blockquote><p>Das Benchmarking kann der Bildungspolitik Entscheidungshilfen geben und aufzeigen, in welchen Bereichen bildungspolitisches Handeln besonders dringend geboten ist. Es gibt Aufschluss &uuml;ber m&ouml;gliche Ansatzpunkte f&uuml;r bildungspolitische Reformbem&uuml;hungen, damit die bildungs&ouml;konomischen Ziele realisiert werden k&ouml;nnen.<\/p><\/blockquote><p>Mit dem Ranking soll ein bildungspolitischer Anpassungsdruck erzeugt werden und das ist das eigentliche Ziel des &bdquo;Bildungsmonitors&ldquo;. Die INSM strebt damit an, dass sich die Bildungspolitik in Deutschland an den von ihr vorgegebenen Pr&auml;missen den aus den ausgew&auml;hlten Indikatoren abgeleiteten Handlungsanleitungen orientiert.<\/p><p>Welcher propagandistische Einfluss damit ausge&uuml;bt werden kann, wird man sp&auml;testens daran ablesen k&ouml;nnen, wenn beim bevorstehenden &bdquo;Bildungsgipfel&ldquo; diese Studie als Referenz in aller Munde sein wird. <\/p><p>Dass der &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; am neoliberalen Wachstumsmodell ausgerichtet ist, schl&auml;gt bei der Auswahl und der Gewichtung der Indikatoren an allen Ecken und Enden durch.<\/p><p>Da die Senkung der Staatsquote eines der wichtigsten Ziele der neoliberalen Ideologie ist, verwirft die Studie zun&auml;chst den international &uuml;blichen Vergleich des Anteils der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt, wo Deutschland weit unterdurchschnittlich abschneidet.  Da die &ouml;ffentlichen Ausgaben f&uuml;r Bildung nach diesem Weltbild ja nur insofern notwendig und gerechtfertigt sind, als <em>&bdquo;der &ouml;ffentliche Nutzen einer Dienstleistung den privaten Nutzen &uuml;berwiegt und marktwirtschaftliche Mechanismen nicht in der Lage sind, die Bereitstellung eines ausreichenden Angebots in der erforderlichen und gew&uuml;nschten Qualit&auml;t zu gew&auml;hrleisten&ldquo;<\/em>, m&uuml;ssen sie so knapp wie m&ouml;glich gehalten werden. Eine <em>&bdquo;Fehlallokation&ldquo;<\/em> der Bildungsausgaben sei schlie&szlig;lich <em>&bdquo;wachstumsfeindlich&ldquo;<\/em>. <em>&bdquo;Aus diesem Grund muss die Schule<br>\neinem weit verbreiteten Argument entgegen nicht nur als p&auml;dagogische, sondern auch als &ouml;konomische Einheit betrachtet werden, die &uuml;ber  weitreichende Kompetenzen bei der Disposition knapper Ressourcen verf&uuml;gt &hellip; Der Effizienz im Bildungssektor kommt deshalb f&uuml;r das wirtschaftliche Wachstum eine entscheidende Bedeutung zu&hellip;&ldquo;<\/em>. So wird dann z.B. <em>&bdquo;in Analogie zu anderen Wirtschaftsbereichen &hellip; davon ausgegangen, dass eine h&ouml;here relative Sachausstattung die Produktivit&auml;t der Lehrkr&auml;fte anheben kann&ldquo;<\/em>. <\/p><p>Weil man aber um das Eingest&auml;ndnis nicht herumkommt, dass die Bildungsausgaben seit Jahren nur sehr moderat und unterproportional zur wirtschaftlichen Entwicklung wachsen, muss zun&auml;chst einmal diese &bdquo;Unterfinanzierungshypothese&ldquo; infrage gestellt werden. Dies geschieht u.a. mit dem ziemlich weit hergeholten Hinweis, dass die Versorgungsaufwendungen f&uuml;r die wegen Dienstunf&auml;higkeit ausscheidenden Lehrkr&auml;fte im Bildungsbudget nicht voll erfasst w&uuml;rden. W&auml;re dies der Fall &ndash; so die Studie -, dann stiege der Anteil der Bildungsausgaben am BIP auf den OECD-Durchschnitt. (Aber auch wenn dieser Durchschnitt erreicht w&uuml;rde, m&uuml;sste man sich ja fragen, ob man sich damit zufrieden geben wollte.)<\/p><p>Um zu einem Ranking zwischen den L&auml;ndern zu gelangen, werden statt internationaler Vergleichszahlen f&uuml;r die Bildungsausgaben als Indikatoren die Relationen der Ausgaben pro Sch&uuml;ler oder Student zu den <strong>Gesamtausgaben &ouml;ffentlicher Haushalte pro Einwohner<\/strong> auf den vier verschiedenen institutionellen Bildungsebenen gew&auml;hlt. Damit l&auml;sst sich dann die hierzulande g&auml;ngige politische Ausrede untermauern, dass es nicht so sehr auf die Erh&ouml;hung der Bildungsausgaben ankommen, sondern auf eine effizientere Allokation der eingesetzten Ressourcen. <\/p><p>Auch die Reduktion der Sch&uuml;lerzahl pro Klasse oder pro Lehrer wird als Indikator nur nachrangig behandelt, weil mit einer Verbesserung der Betreuungsrelation noch keine Leistungsverbesserung erzielt werden k&ouml;nne, es komme auf die Qualit&auml;tsverbesserung des Unterrichts sowie der eingesetzten Lern- und Lehrmethoden an. Diese didaktische Ebene sei jedoch mangels <em>&bdquo;eindeutiger Operationalisierungsm&ouml;glichkeiten eine Black-Box&ldquo;<\/em>. Da jedoch ein positiver Effekt einer Verbesserung der Betreuungsrelation auf die Qualit&auml;t der Lehre nicht ausgeschlossen werden k&ouml;nne, gehen die <em>&bdquo;Klassengr&ouml;&szlig;e und erteilte Unterrichtsstunden pro Klasse &hellip; mit dem halben Gewicht in das Benchmarking ein.&ldquo;<\/em><br>\nAn solchen Gewichtungen l&auml;sst sich erkennen, wie die Indikatoren dem von vorne herein gew&uuml;nschten Ergebnis angepasst werden. Dass das Ergebnis des &bdquo;Bildungsmonitors&ldquo; <em>&bdquo;vom Aggregationsverfahren und damit von der Gewichtung der einzelnen Kennziffern und der Handlungsfelder&ldquo;<\/em> abh&auml;ngt, gesteht die IW-Studie ganz zum Schluss (S. 97) auch ganz offen ein.<br>\nNur, wer macht sich schon die M&uuml;he diese Gewichtung im Einzelnen zu hinterfragen.<\/p><p>Ganz aus dem Blickwinkel der Arbeitgeberseite wird in der &bdquo;Studie&ldquo; auch das Kriterium der <strong>Internationalisierung<\/strong> als Qualit&auml;tsfaktor im Bildungswesen betrachtet. Wird mit der sog. Internationalisierung &uuml;blicherweise &ndash; zumindest im Studium &ndash;  das Ziel verbunden, dass die Studierenden problemlos auch im Ausland studieren k&ouml;nnen sollten, so stellt die IW-Studie gerade umgekehrt vor allem auf die Anwerbung qualifizierter Einwanderer ab: <em>&bdquo;Bei einer gezielten Anwerbungspolitik spielen die Hochschulen eine besondere Rolle&hellip;. Durch die Anwerbung qualifizierter Einwanderer kann eine Volkswirtschaft daher einem drohenden oder bereits eingetretenen Fachkr&auml;ftemangel entgegenwirken.&ldquo;<\/em><br>\nInternationalisierung wird also nicht etwa daran gemessen, wie viele deutsche Studierenden einen Studienaufenthalt an einer ausl&auml;ndischen Hochschule absolvieren, sondern <em>&bdquo;die internationale Wettbewerbsf&auml;higkeit und Attraktivit&auml;t eines Hochschulstudiums in den einzelnen deutschen Bundesl&auml;ndern wird mithilfe des Anteils der Bildungsausl&auml;nder an der Gesamtzahl der Studierenden gemessen.&ldquo;<\/em><\/p><p>Gleich 5 der 102 Indikatoren widmet der &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; dem Fremdsprachenunterricht im Bildungssystem. Begr&uuml;ndung: <\/p><blockquote><p>Nicht nur f&uuml;r wanderungswillige Personen und Unternehmen ist es wichtig, Verst&auml;ndnis f&uuml;r andere Kulturen aufzubringen. Dies gilt gleicherma&szlig;en f&uuml;r Unternehmen, die erfolgreich neue Absatzm&auml;rkte in anderen L&auml;ndern erschlie&szlig;en m&ouml;chten, und ihre Mitarbeiter.<\/p><\/blockquote><p>Grundlage f&uuml;r das Fremdsprachenlernen sollten deshalb sp&auml;testens in der Grundschule gelegt werden, die <em>&bdquo;Anpassung an die internationalen Gesch&auml;ftsbeziehungen&ldquo;<\/em> werde danach durch das ununterbrochene weitere Unterrichten der Fremdsprachen im Sekundarbereich unterst&uuml;tzt.<br>\nLatein oder gar (Alt-)Griechisch d&uuml;rften als Fremdsprachen f&uuml;r die Anpassung an die internationalen Gesch&auml;ftsbeziehungen wohl keine Rolle spielen um so mehr lobt die Studie, dass <em>&bdquo;bereits zwei von drei Grundsch&uuml;lern &hellip; heutzutage Englisch oder Franz&ouml;sisch&ldquo;<\/em> lernen.<\/p><p>Ein ganz zentraler Indikator des &bdquo;Bildungsmonitors&ldquo; ist die <strong>Zeiteffizienz<\/strong>:<\/p><blockquote><p>Zeit ist ebenso wie das Sach- und Personalkapital eine knappe Ressource. Die in einem Bildungssystem verbrachte Zeit ist ebenso ein Resultat der gegebenen Bildungsstrukturen wie die Zahl der Abschl&uuml;sse und die Qualit&auml;t einer Ausbildung. Verbrauchte Bildungszeit erlaubt<br>\nAussagen &uuml;ber die Effizienz eines Bildungssystems. Je k&uuml;rzer die Verweildauer in einem Bildungssystem bei gleicher Qualit&auml;t, umso h&ouml;her sind die privaten und gesellschaftlichen Ertr&auml;ge der Bildung, denn umso l&auml;nger kann das erworbene Humankapital ertragreich auf dem<br>\nArbeitsmarkt eingesetzt werden.<\/p><\/blockquote><p>Ma&szlig;gr&ouml;&szlig;en f&uuml;r den ertragreichen Einsatz auf dem Arbeitsmarkt sind deshalb die fr&uuml;he Einschulung, k&uuml;rzere Schulzeiten oder die abnehmende Ausbildungsdauer an den Hochschulen durch k&uuml;rzere (Bachelor-)Studieng&auml;nge: <em>&bdquo;Die Absolventen sind deutlich schneller auf dem Arbeitsmarkt einsetzbar.&ldquo;<\/em> Die Frage aber, ob die Bachelor-Absolventen ein qualifizierte wissenschaftliche Ausbildung erhalten, um damit eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu haben, und zu welchen Konditionen sie eingestellt werden, wird gar nicht erst gestellt. Und nat&uuml;rlich wird auch nicht darauf eingegangen, dass in den wirtschaftlich und bildungspolitisch durchaus erfolgreichen L&auml;ndern wie Skandinavien und Finnland erst im Alter von 7 Jahren eingeschult wird.<\/p><p>Es versteht sich nach der bisher dargestellten Ausrichtung der IW-Studie sozusagen von selbst, dass Ma&szlig;stab f&uuml;r die <strong>Bildungsqualit&auml;t<\/strong> ausschlie&szlig;lich die internationalen Sch&uuml;lerleistungsvergleiche IGLU, PISA und TIMSS sind. Dass mit diesen Tests unter der Hand ein neuer Bildungsbegriff eingef&uuml;hrt wurde, der funktionalistisch auf die <a href=\"?p=2851\">Bed&uuml;rfnisse der modernen Industrie ausgerichtet<\/a> ist, wird nicht weiter problematisiert, die dabei gemessenen Kompetenzen entsprechen selbstverst&auml;ndlich dem Verst&auml;ndnis von Bildungsqualit&auml;t beim IW und bei der INSM.<\/p><p>Auch in der <strong>Bildungsarmut<\/strong>, also der mangelnden oder gescheiterten Qualifikation, wird vor allem <em>&bdquo;eine Schw&auml;chung der Humankapitalbasis (gesehen), die auf lange Sicht zu St&ouml;rungen des Wirtschaftswachstums f&uuml;hrt.&ldquo;<\/em> Soziale Ausgrenzung oder der Verlust an gesellschaftlicher oder demokratischer Teilhabe und vor allem materielle Armut bleiben bei einer solchen Betrachtungsweise au&szlig;en vor.<\/p><p>Nicht anders ist der Blickwinkel auf die <strong>Integration<\/strong>: <em>&bdquo;Zum Wohlstand eines Landes tr&auml;gt nicht nur die urspr&uuml;ngliche Bev&ouml;lkerung bei, sondern auch die Einwanderer sowie ihre Kinder stellen ein Humankapitalpotenzial dar, das ausgebaut sowie in Wirtschaft und Kultur eingesetzt werden sollte.&ldquo;<\/em><\/p><p>Besonders sch&ouml;nf&auml;rberisch ist der Umgang dieser Studie mit der auch in der Studie nicht bestrittenen Tatsache, dass es in den letzten Jahren f&uuml;r Schulabg&auml;nger immer schwieriger geworden ist, eine <strong>Ausbildungsstelle<\/strong> zu finden. Ganz und gar auf Arbeitgeberlinie, werden daf&uuml;r die zu hohen Ausbildungsverg&uuml;tungen, die Schlie&szlig;ung oder die Konkurse ausbildungsf&auml;higer Betriebe, die schwierige Lage auf dem Arbeitsmarkt insgesamt und nat&uuml;rlich die fehlende Ausbildungsreife verantwortlich gemacht:<\/p><blockquote><p>Deswegen ist die Schaffung von g&uuml;nstigen Rahmenbedingungen und von positiven Anreizen f&uuml;r die ausbildenden Betriebe eine der wichtigsten Aufgaben der Wirtschafts- und Bildungspolitik auf Bundes- und regionaler Ebene.<\/p><\/blockquote><p>Zus&auml;tzliche Anstrengungen der Wirtschaft Ausbildungspl&auml;tze anzubieten oder Auszubildende besser zu f&ouml;rdern, spielen im &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; erwartungsgem&auml;&szlig; keine Rolle. <\/p><p>Der deutschen Volkswirtschaft seien als unmittelbare Folge des <strong>Ingenieurmangels<\/strong> allein im abgelaufenen Jahr Wertsch&ouml;pfung in H&ouml;he von mindestens 7,2 Milliarden Euro entgangen.<br>\nDie Ursache f&uuml;r diesen Mangel wird aber nicht etwa darin gesehen, dass in den letzten Jahren tausende von Ingenieuren auf die Stra&szlig;e gesetzt wurden und auf Seiten der Wirtschaft nur eine geringe Bereitschaft besteht die &bdquo;Reservearmee&ldquo; &auml;lterer Ingenieure wieder einzustellen, nein, die Hauptursache des Ingenieurmangels wird darin gesehen, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu wenig Menschen im Bereich naturwissenschaftlich-technischer Studieng&auml;nge ausbilde. Von daher versteht sich, dass die entscheidenden Indikatoren f&uuml;r den &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; die Schaffung und die Bereitstellung von sog. MINT-Studienpl&auml;tzen und Absolventen dieser F&auml;cher sind. Nach den Ursachen f&uuml;r die mangelnde Nachfrage nach MINT-Studien wird nicht geforscht.<\/p><p>Ganz im Sinne der Ideologie von der <a href=\"?p=2405\">&bdquo;unternehmerischen Hochschule&ldquo;<\/a> wird die Forschungsqualit&auml;t zuerst an den Erfolgen im Wettbewerb auf dem Wissenschaftsmarkt, also an der H&ouml;he der eingeworbenen Drittmittel pro Professor gemessen. Daran zeige sich, <em>&bdquo;wie der Anteil der Ausgaben der Hochschulen, die durch Drittmittel finanziert wurden (Handlungsfeld Inputeffizienz), die Teilnahme am Ideenwettbewerb an, die letztendlich nicht nur die Forschung an sich vorantreibt, sondern auch deren Qualit&auml;t verbessert.&ldquo;<\/em><\/p><p>Man kann einen in das Ranking eingehenden Indikator nach dem anderen durchgehen, ganz &uuml;berwiegend wurden sie danach ausgew&auml;hlt, welche Bed&uuml;rfnisse die Wirtschaft an das Bildungssystem und damit an die Bildungspolitik anmeldet. Der &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; sagt somit wenig &uuml;ber die Bildung, aber umso mehr misst er das Bildungssystem an den bildungspolitischen Zielen der Arbeitgeber. H&auml;tten der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI),  die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb&auml;nde (BDA) oder der Deutsche Industrie- und Handelskammertag ihre bildungspolitischen Ziele in ein Programm gefasst, so w&auml;ren diese bildungspolitischen Vorstellungen eben als Verlautbarung von Interessenverb&auml;nden aufgenommen worden. Das ist legitim und damit k&ouml;nnte man sich kritisch auseinandersetzen.<\/p><p>Das tr&uuml;gerische am &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; der INSM ist, dass sie mit ihrem &bdquo;wissenschaftlichen&ldquo; Schreibtisch, dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), eine &bdquo;Studie&ldquo; ver&ouml;ffentlicht, die den Anspruch erhebt, objektiv zu sein. Dabei ist der &bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; tats&auml;chlich nicht mehr und nicht weniger als ein Propagandamittel, das den bildungspolitischen Vorstellungen der Arbeitgeberverb&auml;nde den Anstrich der Allgemeing&uuml;ltigkeit verleihen soll. <\/p><p>Indem die Messergebnisse in ein Ranking eingeordnet werden, das vorspiegelt wissenschaftlich objektiv die St&auml;rken und Schw&auml;chen der bildungspolitischen Leistungen der L&auml;nder messen zu k&ouml;nnen, wird  ein politischer Hebel eingesetzt, dass sich die Bildungspolitik an den einseitig ausgew&auml;hlten und interessenbezogen gewichteten Indikatoren misst. <\/p><p>Beim Bildungsmonitor handelt es sich somit um einen typischen Fall, wie durch die Ver&ouml;ffentlichung einer angeblich wissenschaftlichen Studie durch eine angeblich gemeinn&uuml;tzige Organisation wie der INSM die &ouml;ffentliche Meinung und die Politik beeinflusst, genauer gesagt manipuliert werden soll.<\/p><p>Immerhin einen Fortschritt kann man verzeichnen: in den meisten Medienberichten wird inzwischen darauf hingewiesen, dass es sich bei der INSM um eine Arbeitgeberlobbyorganisation handelt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rechtzeitig zu dem von der Kanzlerin angesto&szlig;enen &bdquo;Bildungsgipfel&ldquo; von Bund und L&auml;ndern am 22. Oktober in Dresden, hat die vom Arbeitgeberverband der Metall &ndash; und Elektroindustrie finanzierte Propagandaagentur &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) ihren seit 2004 j&auml;hrlich herausgegebenen <a href=\"http:\/\/www.insm-bildungsmonitor.de\/files\/downloads\/Studienbericht_Bildungsmonitor_2008.pdf\">&bdquo;Bildungsmonitor&ldquo; [PDF &ndash; 1&nbsp;MB]<\/a> auf den Markt gebracht. Es ist immer die gleiche Masche: Die INSM<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3424\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[151,92,128,11],"tags":[373,430,1091,550,565,455],"class_list":["post-3424","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildungspolitik","category-fachkraftemangel","category-insm","category-strategien-der-meinungsmache","tag-oekonomisierung","tag-bildungsausgaben","tag-bildungsmonitor","tag-iw","tag-unternehmerische-hochschule","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3424"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28712,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3424\/revisions\/28712"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3424"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3424"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3424"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}