{"id":34249,"date":"2016-07-18T09:00:21","date_gmt":"2016-07-18T07:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34249"},"modified":"2018-12-27T11:38:17","modified_gmt":"2018-12-27T10:38:17","slug":"frankreich-im-ausnahmezustand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34249","title":{"rendered":"Frankreich im Ausnahmezustand"},"content":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Fran&ccedil;ois Hollande erkl&auml;rte am 14.6.2016: &bdquo;Ich m&ouml;chte den Franzosen also sehr klar sagen, dass der Ausnahmezustand nicht ewig verl&auml;ngert werden kann (&hellip;) Das h&auml;tte gar keinen Sinn, das w&uuml;rde bedeuten, dass wir keine Republik mehr w&auml;ren mit einem Recht, das unter allen Umst&auml;nden angewandt wird.&ldquo; Nur ein Tag sp&auml;ter &ndash; als Antwort auf einen verheerenden Anschlag in Nizza &ndash; verl&auml;ngerte er den Ausnahmezustand. <strong>Wolf Wetzel<\/strong> hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Blick auf die Entwicklungen des letzten Monats geworfen, in dem sich Frankreich dauerhaft im Ausnahmezustand befand.<br>\n<!--more--><br>\nSiehe dazu auch: Wolf Wetzel: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=33756\">Die stille Nacht deutscher Qualit&auml;tsmedien und nuit debout &ndash; kurz vor Er&ouml;ffnung der Fu&szlig;ball-EM<\/a><\/p><p>&Uuml;ber die K&auml;mpfe, Proteste und Streiks, die der EM in Frankreich vorausgingen, w&auml;hrend dieser fortgesetzt wurden und mit dem Ende der EM nicht vorbei sind, wurde in den deutschen Medien so gut wie gar nicht berichtet. Das war alles andere als leicht, denn an diesen K&auml;mpfen gegen die geplante Arbeitsmarktreform beteiligten sich nicht ein paar Hundert oder ein paar Tausende. Am 14. Juni 2016 kamen &uuml;ber 1.000.000 Menschen zusammen, um ihre Ablehnung gegen&uuml;ber diesem Gesetz und dem seit November 2015 verh&auml;ngten Ausnahmezustand (&eacute;tat d&rsquo;urgence) zu demonstrieren.<\/p><p>Es lag auch nicht daran, dass keine JournalistInnen vor Ort waren. Sie waren zu Hunderten dort, nur nicht, um dar&uuml;ber zu berichten. Ihre Augen und Bleistifte richteten sich nur auf ein Ereignis und zwar auf die Fu&szlig;balleuropameisterschaft. Frei und unabh&auml;ngig schaute man nicht &uuml;ber den Stadionrand, selbst dann nicht, als es dort qualmte und fu&szlig;ball-untypische Ger&auml;usche zu h&ouml;ren waren.<\/p><p><strong>&bdquo;<em>Die EM als Antidepressivum<\/em>&ldquo;(FR vom 9.6.2016) &ndash; Ein Terroranschlag muss her (beigeredet werden)<\/strong><\/p><p>G&eacute;rard Biard, Chefredakteur von &sbquo;Charlie Hebdo&rsquo;, hat das, was kommen wird, treffend so beschrieben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die EM ist eine enorme kommerzielle Unternehmung, die es Politikern au&szlig;erdem erm&ouml;glicht, auf Zeit zu spielen. F&uuml;r Fran&ccedil;ois Hollande und Manuel Valls kommt die EM gerade recht, um die Sozialproteste abzuw&uuml;rgen. Nachher folgt die Tour de France, dann Olympia und, wer wei&szlig;, noch eine kleine Hitzewelle, um von den Problemen Frankreichs abzulenken.&ldquo; (FR vom 16.6.2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Als wollte der franz&ouml;sische Inlands-Geheimdienstchef Patrick Calvar dieser leicht satirisch angehauchten Prophezeiung Substanz verleihen, erkl&auml;rte er in einer Anh&ouml;rung der Nationalversammlung: &bdquo;<em>Frankreich ist heute ganz klar das am st&auml;rksten bedrohte Land.<\/em>&ldquo; Wahrscheinlich hat er von Syrien oder vom Irak noch nie etwas geh&ouml;rt. Daf&uuml;r wei&szlig; er ganz genau, was in Frankreich zu tun ist. Der Ausnahmezustand ist ja bereits in Kraft. Nun musste man ihn nur noch (mehr) f&uuml;llen: &bdquo;Amnesty berichtet von n&auml;chtlichen Durchsuchungen, die Betroffene stigmatisiert und traumatisiert h&auml;tten. Einige der 60 befragten Personen sollen nach Durchsuchungen ihren Job verloren haben. Laut Amnesty gab es seit den Anschl&auml;gen mehr als 3.000 Hausdurchsuchungen und mehr als 400 Hausarreste.&ldquo; (SZ vom 4.2.2016)<\/p><p><strong>Nationalismus als Tranquilizer und Antidepressivum<\/strong><\/p><p>Zwei Tage vor dem Er&ouml;ffnungsspiel in Paris entdeckte schlie&szlig;lich doch noch eine deutsche Zeitung, die Frankfurter Rundschau &hellip; Frankreich, und zwar &ldquo;<em>in beklagenswertem Zustand<\/em>&ldquo;. Was wochenlang kein Thema war, dr&auml;ngte sich nun als Leitartikel auf. Zuerst wurde der Ball leicht links angeschnitten: &bdquo;<em>Protestieren kann befreiend sein.<\/em>&ldquo; Dann ging der Ball ab durch die Mitte:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;In Frankreich, dem Land der Revolutionen, der Protestkultur, muss man das niemandem erkl&auml;ren. Nur, die von Gewalt &uuml;berschatteten Proteste (&hellip;) wirken nicht befreiend. Sie wirken beklemmend. Ob Eisenbahner, Fluglotsen, Piloten, Raffinerie-Arbeiter, Angestellte der Elektrizit&auml;tswerke oder Taxifahrer: Diejenigen, die Verkehrswege oder Energieversorgung blockieren oder dies w&auml;hrend der Fu&szlig;balleuropameisterschaft noch zu tun gedenken, sind keine Revolution&auml;re.&ldquo; (Die EM als Antidepressivum, FR vom 9.6.2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Dagegen hilft noch mehr Polizei &hellip; und als 13. Mann ein &bdquo;Sommerm&auml;rchen&ldquo;. Oder ein Wunder:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Eines wie jenes von 1998. Die schon damals von Fliehkr&auml;ften erfasste Nation lag sich nach dem Gewinn der Fu&szlig;ball-WM im eigenen Land freudetrunken in den Armen. Schwarze, Wei&szlig;e und die Nachfahren nordafrikanischer Einwanderer w&uuml;rden fortan zum Wohle aller ihre Kr&auml;fte b&uuml;ndeln. Das schien beschlossene Sache.&ldquo; (s.o.)\n<\/p><\/blockquote><p>Was aus der &bdquo;beschlossenen Sache&ldquo; geworden ist, erspart uns der Leitartikler. Es wurde nichts daraus. Das wei&szlig; er. Dass besagte &bdquo;<em>Fliehkr&auml;fte<\/em>&ldquo; nicht durch Fu&szlig;ball-Gucken verschwinden, sondern weiterhin wirken, d&uuml;rfte ebenfalls bekannt sein. Aber darum ging es, darum geht es nicht. Es geht einfach nur darum, dass sie nicht st&ouml;ren sollen &ndash; schon gar nicht beim Fu&szlig;ballgucken.<\/p><p><strong>Nationalismus als Antidepressiva und Medikamentenmissbrauch<\/strong><\/p><p>Nun, die franz&ouml;sische Nationalmannschaft hat es bis ins Endspiel der EM geschafft und die Medien haben alles getan, dass es nur Fu&szlig;ball zu sehen gab, selbst dann, wenn die meisten Spiele so langweilig waren, dass man die Tore auch h&auml;tte abbauen und verschenken k&ouml;nnen.<\/p><p>Dann musste sich die Grande Nation doch noch geschlagen geben &ndash; auf dem Spielfeld: Sie verlor gegen die portugiesische Mannschaft 0:1. Au&szlig;erhalb des Spielfeldes gingen die verschwiegenen K&auml;mpfe gegen die Arbeitsmarktreform weiter. Auch dort gibt es ein vorl&auml;ufiges Ergebnis, &uuml;ber das erst gar nicht berichtet wird. Die Regierung hat Zugest&auml;ndnisse gemacht, die sie in offiziellen Stellungnahmen strikt abgelehnt hatte. Es hat nicht an der mehrheitlichen Ablehnung dieser Arbeitsmarktreform gefehlt. Es war wohl eher die Ersch&ouml;pfung nach wochenlangen Streiks und Demonstrationen, die dieses Patt erkl&auml;ren hilft.<\/p><p><strong>Die EM ist zu Ende, der Ausnahmezustand geht in die dritte Verl&auml;ngerung<\/strong><\/p><p>Noch am 14.7.2016 erkl&auml;rte der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Fran&ccedil;ois Hollande in einem Pressegespr&auml;ch: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich m&ouml;chte den Franzosen also sehr klar sagen, dass der Ausnahmezustand nicht ewig verl&auml;ngert werden kann&ldquo;, f&uuml;gte der Pr&auml;sident hinzu. &bdquo;Das h&auml;tte gar keinen Sinn, das w&uuml;rde bedeuten, dass wir keine Republik mehr w&auml;ren mit einem Recht, das unter allen Umst&auml;nden angewandt wird.&ldquo; (tagesanzeiger.ch vom 14.7.2016)\n<\/p><\/blockquote><p>Dass die Suspendierung elementarer Schutzrechte gegen&uuml;ber dem Staat nun ins Strafrecht eingeschleust wurde, erw&auml;hnte er nicht. Genau dies war bereits ein Monat zuvor geschehen, mit dem, was man <em>Reform des Strafrechts<\/em> nennt und nichts anderes kaschiert, als die Verrechtlichung des Ausnahmezustandes.<\/p><p><strong>Ein Tag sp&auml;ter &hellip; am Tag der Freiheit<\/strong><\/p><p>Ein Lastwagen, der am Nationalfeiertag in Nizza in die Menge fuhr und Dutzende von Menschen get&ouml;tet hatte, hat diese pr&auml;sidiale Erkenntnis &uuml;ber den Haufen geworfen. Ein scheu&szlig;licher Anschlag, der geradezu eine reaktion&auml;re Antwort sucht. Dass weder die Versch&auml;rfung des Strafrechts, noch der Ausnahmezustand einen Lastwagen aufhalten, einen solchen Anschlag verhindern k&ouml;nnen, hat auch dieser Anschlag gezeigt.<br>\nDass der nun abermals verl&auml;ngerte Ausnahmezustand hingegen die Republik ver&auml;ndern wird, kann man mit erw&auml;hntem Pr&auml;sidentenwissen untermauern.<\/p><p>Die &sbquo;Republik&rsquo; zu verteidigen, indem man sie abschafft, bek&auml;mpft nicht den Terror. Aber man kann recht sicher sein, dass diese Antworten das Land dorthin bringen (k&ouml;nnen), wo der Front National bereits mit offenen Armen wartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der franz&ouml;sische Pr&auml;sident Fran&ccedil;ois Hollande erkl&auml;rte am 14.6.2016: &bdquo;Ich m&ouml;chte den Franzosen also sehr klar sagen, dass der Ausnahmezustand nicht ewig verl&auml;ngert werden kann (&hellip;) Das h&auml;tte gar keinen Sinn, das w&uuml;rde bedeuten, dass wir keine Republik mehr w&auml;ren mit einem Recht, das unter allen Umst&auml;nden angewandt wird.&ldquo; Nur ein Tag sp&auml;ter &ndash; als Antwort<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34249\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,60,20,183,11],"tags":[1276,282,1112,1043,834,1094,1919,312,1176],"class_list":["post-34249","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-innere-sicherheit","category-landerberichte","category-medienkritik","category-strategien-der-meinungsmache","tag-attentat","tag-buergerproteste","tag-buergerrechte","tag-frankreich","tag-fussball","tag-hollande-francois","tag-lueckenpresse","tag-reformpolitik","tag-streik"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34249","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34249"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34249\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48028,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34249\/revisions\/48028"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}