{"id":34292,"date":"2016-07-20T12:24:20","date_gmt":"2016-07-20T10:24:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34292"},"modified":"2019-03-11T13:42:45","modified_gmt":"2019-03-11T12:42:45","slug":"buchbesprechung-joris-luyendijk-unter-bankern-eine-spezies-wird-besichtigt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34292","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Joris Luyendijk. Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Heiko Flottau<\/strong>, Journalist, fr&uuml;her Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, bespricht f&uuml;r die NachDenkSeiten das Buch des holl&auml;ndischen Journalisten. Dieser hat ausf&uuml;hrlich in der City von London recherchiert. &ndash; Danke vielmals an Heiko Flottau f&uuml;r den Hinweis auf dieses Buch und f&uuml;r die Besprechung. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9395\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34292-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34292-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160720_Rezension_Unter_Bankern_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Nach der Pleite der Bank <em>Lehman Brothers<\/em> 2008 stand das internationale Finanzsystem vor dem Kollaps. Acht Jahre sp&auml;ter ist die Gefahr eines neuen Zusammenbruchs keineswegs gebannt. <\/p><p>Es gibt B&uuml;cher, von denen man sich fragt, warum sie nicht schon viel fr&uuml;her geschrieben worden sind. In die Welt der Banker und Finanzspekulanten ist &ndash; zum Beispiel &ndash; so richtig noch niemand eingetaucht. Dieses Manko hat jetzt der holl&auml;ndische Journalist Joris Luyendijk behoben. Mit Hilfe der britischen Tageszeitung <em>The Guardian<\/em> hat er etwa 200 Mitarbeiter der Londoner City &uuml;ber ihre Rolle befragt. Der Titel seines bedeutenden Werkes gibt bereits ein Ergebnis seiner Recherche vorweg. Seinem &bdquo;Weg in die Welt der Banker&ldquo; gibt er den bezeichnenden Titel: &bdquo;Mit den Haifischen schwimmen.&ldquo; Und als Leitlinie stellt er seinem Werk ein Zitat des Autors Philip Augar voran: &bdquo;Die wahrhafte Verschw&ouml;rung auf dem Sektor der Finanzen ist der Klang des Schweigens.1<\/p><p>Nicht &uuml;berraschend ist es deshalb, da&szlig; Joris Luyendijk gleich am Anfang seiner Recherche eine bittere Erfahrung mitteilt: &bdquo;Die Welt der Finanzen wird von einem Schweigecode regiert. &hellip; Bankangestellte riskieren, ihren Job zu verlieren, gerichtlich belangt zu werden und scheren Schaden an ihrer Reputation zu erleiden, wenn sie dabei ertappt werden, da&szlig; sie mit der Presse sprechen. Versuchen Sie einmal einen neuen Job in der City zu finden, nachdem K&uuml;ndigungsklauseln ausdr&uuml;cklich betonen, da&szlig; man absolut nichts &uuml;ber seine Erfahrungen in der eigenen Firma enth&uuml;llen darf.&ldquo;<\/p><p>Joris Luyendijk, einst Nahostkorrespondent einer holl&auml;ndischen Zeitung, zieht sogar einen Vergleich mit dem Irak Saddam Husseins, wo, wie er schreibt, man Menschen habe durchaus zum Sprechen bringen k&ouml;nnen &ndash; vorausgesetzt, da&szlig; sich diese Interviewpartner sicher f&uuml;hlten. Und in der City von London ? Dort herrsche schiere Angst vor dem Erkennenwerden: &bdquo;Schreiben Sie bitte nicht, da&szlig; ich meinen Tag mit einer Tasse Tee beginne, denn ich bin der einzige, der das auf meiner Etage tut&ldquo;, bat ein Gespr&auml;chspartner den Autor. <\/p><p>Und die Qualifikation f&uuml;r den Job ? Eine Mitarbeiterin erz&auml;hlte dem Autor, sie m&uuml;sse ein Kind mit ern&auml;hren und habe vor ihrer Bewerbung nicht einmal den Unterschied zwischen Kapital und Schuldverschreibung gekannt. Und ein anderer sagte, ein Job in der City sei mehr oder weniger ein &bdquo;Ausdauersport&ldquo;- Viele seien in ihre Jobs hineingeschliddert: &bdquo;Jeder kann tun, was ich tue.&ldquo; <\/p><p>Einmal sprach der Autor zu einem gerade einmal drei&szlig;ig Jahre alten Banker. Und er h&ouml;rte dies: Universit&auml;tsabsolventen , gerade einmal 22 Jahre alt, beg&ouml;nnen bescheiden im Range eines Analysten, dann w&uuml;rden sie &bdquo;Associates&ldquo; ; solche, die blieben, w&uuml;rden schon im Alter von drei&szlig;ig Jahren noch einmal bef&ouml;rdert. Und einige wenige Jahre sp&auml;ter k&ouml;nne man auf ihren Visitenkarten den Titel &bdquo;Direktor&ldquo; oder &bdquo;Vize-Pr&auml;sident&ldquo; lesen.<\/p><p>Ein anderer erz&auml;hlte vom Glanz seines Jobs, dem Geld und den M&auml;dchen: &bdquo;Sie beginnen im Alter von 22 Jahren, und Sie k&ouml;nnen sich umgehend beweisen. Ich kenne Leute, die verdienen eine Million Pfund im Jahr, wenn sie 25 sind. Es sind nicht sehr viele, aber es passiert. Und das ist so ein Gegensatz zu anderen Jobs.&ldquo;<\/p><p>Jeder wei&szlig;, wie er sich zu erkennen gibt in der City &ndash; oder wie er jemanden erkennt, der auch in der City arbeitet: &bdquo;Die City, langsam begriff ich es&ldquo;, sagte ein Banker, &bdquo;ist nur menschlich. In allen ihren ungeschriebenen Gesetzen, ihren Dresscodes, ihren inneren Hierarchien, &auml;hnelt die City einem Dorf oder einer Sammlung von St&auml;mmen. Insider identifizieren sich durch ein subtiles System von Codes und Verhaltensweisen.&ldquo;<\/p><p>Jedoch: der vornehme Dresscode t&auml;uscht. Innerhalb der City herrscht jene Rivalit&auml;t, wie sie unter St&auml;mmen &uuml;blich ist &ndash; und so ist die Sprache der Stammesbanker. Aus ihren vornehmen Anz&uuml;gen klinge oft, schreibt Joris Luyendijk, die &bdquo;Stimme von Hooligans&ldquo;. Das Auf und Ab der M&auml;rkte verglichen die Banker oft mit den zuckenden Bewegungen der &bdquo;Unterhose einer Hure&ldquo;. Gehe ein Gesch&auml;ft schief, sei der daf&uuml;r Verantwortliche &bdquo;fucked&ldquo;. Milit&auml;rische Ausdr&uuml;cke seien an der Tagesordnung. Manche Banker beschrieben ihre T&auml;tigkeit so, als ob sie in &bdquo;Sch&uuml;tzengr&auml;ben&ldquo; arbeiteten, in denen &bdquo;keine Gefangenen&ldquo; gemacht w&uuml;rden.<\/p><p>Doch dem scheinbaren Glanz der City wollen sich wenige entziehen. Es geh&ouml;rt geradezu zum guten Ton, die City mit einer Aura des Glanzes zu umgeben. Gordon Brown, damals Premierminister von der Labor Party, sagte 2007: &bdquo;Der finanzielle Dienstleistungssektor in Britannien und in der City von London im Zentrum dieses Sektors ist ein gro&szlig;artiges Beispiel einer h&ouml;chst f&auml;higen &hellip; von ihrem Talent geleiteten Industrie, welche zeigt, wie wir uns in einer Welt der globalen Konkurrenz auszeichnen k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Was Gordon Brown nicht sagte: &Uuml;berleben im Haifischbecken der City ist eine schwierige Kunst. Fast an der Tagesordnung ist der &bdquo;Anruf von oben&ldquo;. Dieser Anruf aus den F&uuml;hrungsetagen der Bank bedeutet oft das Ende der Karriere &ndash; das unmittelbare Ende. Jener, der einen solchen Anruf bekommt, wei&szlig; meistens, da&szlig; dieser Anruf die sofortige K&uuml;ndigung bedeutet. Zuvor haben die Chefs festgestellt, da&szlig; auf zu vielen Stellen Mitarbeiter sitzen, die sie als &bdquo;redundant&ldquo; bezeichnen. Wer einen solchen &bdquo;Anruf von oben&ldquo; bekommt, darf anschlie&szlig;end meistens nicht einmal mehr seinen Computer benutzen. Dezent wird er vom Sicherheitspersonal zum Ausgang gef&uuml;hrt. Ende einer Karriere &ndash; zumindest in jener Bank, die ihm zuvor so viel versprochen hatte.<\/p><p>Autor Joris Luyendijk sprach mit einer Managerin, zu deren Aufgaben es geh&ouml;rt, Leute von jetzt auf gleich zu feuern, also solche&nbsp;&nbsp; &bdquo;Redundancy Meetings&ldquo; zu f&uuml;hren. T&auml;glich Mitarbeiter zu entlassen sei ein wenig, sagte sie, &bdquo;seelenzerst&ouml;rend&ldquo;. Da aber ihre Bank in globalem Ma&szlig;e arbeite, seien f&uuml;r sie solche Redundancy Treffen keine Seltenheit. <\/p><p>Manchmal m&uuml;sse sie 15 solchen Entlassungstreffen halten &ndash; von sieben Uhr morgens bis 10 Uhr abends. &bdquo;Sie sitzen da und versuchen, die emotionale Antwort des n&auml;chsten vorauszusagen. Manche werden sogar handgreiflich. Ich mu&szlig; die ganze Zeit auf der Hut sein. Es ist erm&uuml;dend.&ldquo;&nbsp;&nbsp; Ausl&auml;nder, denen gek&uuml;ndigt werde, erz&auml;hlt die Managerin weiter, m&uuml;&szlig;ten das Land innerhalb von drei&szlig;ig Tagen verlassen. &bdquo;Stellen Sie sich vor &ndash; diese Leute haben Freunde, Freundinnen, &hellip; Oft haben sie schon ihren Bonus ausgegeben, den sie erwartet hatten.&ldquo; <\/p><p>Und dann der gro&szlig;e Crash, die Pleite der Bank Lehman Brothers am 15.September 2008. Wie reagierten die Menschen in den Hochh&auml;usern, in den Glaspal&auml;sten in den B&uuml;ros der City ? Autor Joris Luyendijk fasst die Stimmung so zusammen: &bdquo;Einige Banker bezeichneten die Stunden, Tage und Wochen nach dem Kollaps von Lehman Brothers als die ersch&uuml;tterndste Periode ihrer Karriere, wenn nicht ihres Lebens. Sie berichteten von Kollegen, die erstarrt vor ihren Computern sa&szlig;en, paralysiert, unf&auml;hig zu handeln sogar in Augenblicken, in denen leichtes Geld zu verdienen war.&ldquo; <\/p><p>Manche h&auml;tten ihre Familien angerufen und diese aufgefordert, so viel Geld wie m&ouml;glich aus den Cashmaschinen zu holen, in den Supermarkt zu gehen und Vorr&auml;te anzulegen, Gold zu kaufen, die Kids aufs Land zu evakuieren. Viele h&auml;tten dagesessen, erniedrigt durch die Erinnerung an ihre Verletzbarkeit. Einer sagte: &bdquo;Das war unheimlich, be&auml;ngstigend. Ich meine nicht be&auml;ngstigend wie im Film. Nein, wirklich be&auml;ngstigend.&ldquo;<\/p><p>Manche Banker, berichtet Joris Luyendijk, bezeichneten die Pleite der Bank Lehman Brothers als finanzielles &Auml;quivalent einer nuklearen Kernschmelze oder des Armageddon , des biblischen Endes der Welt. In ihrem Buch <em>Masters of Nothing: How the Crash Will Happen Again Unless We Understand Human Nature<\/em> berichten die Autoren Matthew Hancock und Nadhim Zahawi, inzwischen konservative Mitglieder des Unterhauses, da&szlig; manche Banker tats&auml;chlich Gewehre gehortet h&auml;tten &ndash; &bdquo;bereit, sich in Bunkern zu verschanzen f&uuml;r den Fall, da&szlig; die Zivilgesellschaft kollabieren w&uuml;rde.&ldquo;<\/p><p>Und ein anderer Autor, den Joris Luyendijk zitiert, George Cooper, schrieb, der Kollaps einer Bank h&auml;tte das gesamte Weltfinanzsystem zum Stillstand bringen k&ouml;nnen: &bdquo;Diese finanzielle Krise kam dem Kollaps des globalen finanziellen Systems nahe.&ldquo; Joris Luyendijk bilanziert: &bdquo;Al Qaida gelang es in keiner Weise, in den Attacken vom 11.September (2001) auf das World Trade Center und das Pentagon das Leben, wie wir es leben, zum Erliegen zu bringen; aber fast schaffte das der finanzielle Sektor sieben Jahre sp&auml;ter.&ldquo;<\/p><p>Dieses Desaster liegt auch daran, da&szlig; Banker oft wie besessen arbeiten &ndash; und selbst jene Welt, in der sie leben und arbeiten, oft vergessen. Eine Bankerin sagte dem Autor: &bdquo;Indem wir so lange und so viele lange Stunden arbeiten, vergessen wir uns selbst komplett. Und das ist das genaue Gegenteil von Individualismus.&ldquo;<\/p><p>Der Autor hatte auch Gelegenheit mit Bankern zu sprechen, die von ihrer Arbeit desillusioniert waren und aus freien St&uuml;cken ausgeschieden sind. &bdquo;Investment Banking&ldquo; sagte einer von ihnen, &bdquo;ist eine Falle und eine Sucht. Die Belohnung ist gro&szlig;, dennoch oft ungewi&szlig; &hellip; Da gibt es diese Leute, die schon hinter Dir stehen und Deinen Job wollen. Und da ist ist die Leere, die mit der Sucht kommt.&ldquo;<\/p><p>Ein anderer Desillusionierter erz&auml;hlte dem Autor: &bdquo;Mein Zimmerkamerad arbeitet ebenfalls im Finanzsektor Ich habe ihn weinend vor Ersch&ouml;pfung nach Hause kommen sehen.&ldquo; Und dann habe er gefragt, warum wir uns dieses alles ant&auml;ten. &bdquo;Mein Eindruck ist, da&szlig; die Mehrheit jener, die im Finanzsektor arbeiten, den Drang haben, sich selbst vorw&auml;rts zu bringen.&ldquo;<\/p><p>Vor allem aber bleibt bis heute die Frage: f&uuml;hlen sich die Banker schuldig am Super GAU, am Kollaps von Lehman Brothers ? Joris Luyendijk schreibt: &bdquo;Nach ihrer Verantwortung f&uuml;r den Crash befragt, konnten sie sich all jenen anderen in der City anschlie&szlig;en, die sagten <em>Ich war es nicht<\/em>.&ldquo; <\/p><p>Autor Joris Luyendijk l&auml;&szlig;t seine Leser in keinem Zweifel, da&szlig; &ndash; seinen Recherchen nach &ndash; ein Kollaps wie jener der Lehman Brothers und dessen Folgen jederzeit wieder m&ouml;glich sei. Nur: nicht ausgemacht sei es, da&szlig; ein solcher Kollaps letztlich doch wie 2008 &uuml;berwunden werden k&ouml;nne und nicht in einer Kernschmelze des globalen Finanzsystems enden werde. <\/p><p>Der Autor pl&auml;diert f&uuml;r eine komplette und gr&uuml;ndliche Instandsetzung des gesamten Systems. Blo&szlig;e Reparaturen gen&uuml;gten nicht, es m&uuml;sse &bdquo;eine komplett neue DNA&ldquo; geschaffen werden. Aber ist der Mensch zu einer solchen Umkehr &uuml;berhaupt f&auml;hig ? Joris Luyendijk ist skeptisch. &bdquo;Menschliches Verhalten ist weitgehend von Leistungsanreizen bestimmt. Und diese&nbsp;&nbsp; absurd hohen finanziellen Anreize schickten die Banker und die Banken weiterhin in die falsche Richtung. <\/p><p>Der Autor schreibt: &bdquo;Packten wir alle Angestellten der City auf eine W&uuml;steninsel und ersetzten wir diese viertel Million Menschen mit neuen Leuten, s&auml;hen wir umgehend dieselbe Art von Mi&szlig;brauch und Dysfunktionalit&auml;t. Das Problem liegt im System. &nbsp;Statt in all unserem &Auml;rger einzelne Banker daf&uuml;r zu tadeln, da&szlig; sie nach ihren perversen (finanziellen) Anreizen handeln, sollten wir unsere Energie darein investieren, da&szlig; wir solche Anreize abschaffen.&ldquo;<\/p><p>Doch die Aussicht darauf ist gleich Null &ndash; wie der Autor resigniert feststellt Er schreibt, da&szlig; es letztlich gleichg&uuml;ltig sei, ob in Gro&szlig;britannien Labour oder die Konservativen, in Deutschland die SPD oder die CDU und in den USA Demokraten oder Republikaner regierten.&nbsp;&nbsp; &bdquo;Warum&ldquo;, fragt der Autor, &bdquo;haben es westliche Demokratien nicht fertig gebracht, L&ouml;sungen f&uuml;r das dr&auml;ngendste Problem unserer Zeit zu formulieren ?&ldquo; <\/p><p>Zwar f&auml;nde man in den politischen Parteien durchaus Menschen mit einem scharfen Auge f&uuml;r das, was schief laufe. Nur best&uuml;nde das Problem, da&szlig; diese Leute sagten: &bdquo;Was ist der Nutzen, wenn ich alleine den Finanzsektor angreife ? Was, denken Sie, wird mit meiner Position innerhalb meiner Partei geschehen &ndash; oder mit meiner Partei selbst ?&ldquo;<\/p><p>Die USA, Frankreich und Gro&szlig;britannien erlaubten es, schreibt der Autor, den Bankern, politische Macht zu kaufen. In der feinen politischen Sprache w&uuml;rden diese Gelder als &bdquo;Wahlkampfspenden&ldquo; bezeichnet &ndash; und nicht als &bdquo;Korruption&ldquo;. So h&auml;tten in den USA Exfinanzminister Timothy Geithner und Exau&szlig;enministerin Hillary Clinton Vortr&auml;ge bei der Bank Goldman Sachs gehalten. Die Bezahlung f&uuml;r jeden der beiden Redner: 200.000 Dollar. Und Expremier Tony Blair verdiene in England als Berater einer Megabank weit mehr, als sein Gehalt als Regierungschef gewesen sei. <\/p><p>Autor Joris Luyendijk spricht von &bdquo;Capture&ldquo;, davon, da&szlig; die Bankenwelt die Politik &bdquo;gekapert&ldquo; habe. Ist die Misere, fragt der Autor, also das Resultat einer durch und durch legalen Korruption ? &bdquo;Die Vorstellung, da&szlig; der Finanzsektor die Apathie der Politiker vor 2008 gekauft habe, schlie&szlig;t ein, da&szlig; das Top Management in den Banken erkannt hat, was f&uuml;r eine Unordnung man gerade im Begriff war zu schaffen.&ldquo;<\/p><p>Am Schlu&szlig; kommt der Autor zu einer resignierenden Erkenntnis. Megabanken operierten auf globaler Basis, die Politik aber sei weiterhin auf nationaler oder regionaler Basis organisiert. &bdquo;Finanzinstitute&ldquo;, schreibt der Autor, &bdquo;k&ouml;nnen L&auml;nder und L&auml;nderbl&ouml;cke gegeneinander ausspielen, und dies tun sie schamlos.&ldquo;<\/p><p>Schlie&szlig;lich stellt Joris Luyendijk die Frage, ob Globalisierung &uuml;berhaupt mit nationaler Demokratie vereinbar sei. &bdquo;Wie k&ouml;nnen wir ohne eine legitime globale Regierung den globalen Finanzsektor unter Kontrolle bringen ? Und wenn man glaubt, da&szlig; eine solch globale Regierung undurchf&uuml;hrbar oder unerw&uuml;nscht ist, bedeutet dies nicht gleichzeitig, da&szlig; global operierende Finanzinstitutionen einer Gr&ouml;&szlig;e, die nationale Regierungen zu Zwergen machen, unhaltbar sind ?&ldquo;<\/p><p>Bis heute, folgert der Autor resignierend, seien keine Ma&szlig;nahmen getroffen worden, einen Crash wie jenen von 2008 zu verhindern. Der n&auml;chste Crash werde deshalb wieder den Finanzsektor als Gewinner sehen. &bdquo;Das hei&szlig;t, da&szlig; der Rest von uns abermals zur Kasse gebeten wird.&ldquo;<\/p><p><em>Joris Luyendijk: Unter Bankern. Eine Spezies wird besichtigt. Verlag Klett Cotta Tropen. Stuttgart 2015, 19.95 Euro<\/em><\/p><p>Dieser Rezension liegt die englische Ausgabe zugrunde<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Heiko Flottau<\/strong>, Journalist, fr&uuml;her Nahostkorrespondent der S&uuml;ddeutschen Zeitung, bespricht f&uuml;r die NachDenkSeiten das Buch des holl&auml;ndischen Journalisten. Dieser hat ausf&uuml;hrlich in der City von London recherchiert. &ndash; Danke vielmals an Heiko Flottau f&uuml;r den Hinweis auf dieses Buch und f&uuml;r die Besprechung. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,136,50,127,208],"tags":[241,293,618,1134,1475],"class_list":["post-34292","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-banken-boerse-spekulation","category-finanzkrise","category-lobbyismus-und-politische-korruption","category-rezensionen","tag-bankenrettung","tag-finanzwirtschaft","tag-lehman-brothers","tag-nebeneinkommen","tag-parteispenden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34292"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34292\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":50044,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34292\/revisions\/50044"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}