{"id":34333,"date":"2016-07-22T09:45:36","date_gmt":"2016-07-22T07:45:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34333"},"modified":"2020-09-14T12:22:55","modified_gmt":"2020-09-14T10:22:55","slug":"peter-vonnahme-schreibt-in-einem-zwischenruf-terrorismus-sei-besiegbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34333","title":{"rendered":"Peter Vonnahme schreibt in einem Zwischenruf, Terrorismus sei besiegbar"},"content":{"rendered":"<p>Wir empfehlen Ihnen diesen Text zur Lekt&uuml;re. Der Autor, ein bekannter fr&uuml;herer Richter, schl&auml;gt das Notwendige vor: Wegzukommen von der Priorit&auml;t f&uuml;r milit&auml;rische Eins&auml;tze. Eigentlich etwas Selbstverst&auml;ndliches. Aber vom Pfad der Vernunft sind wir inzwischen weit entfernt. Umso wichtiger ist der Zwischenruf. <strong>Albrecht M&uuml;ller<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em>Zwischenruf eines Blau&auml;ugigen<\/em><br>\n<strong>Terrorismus ist besiegbar<\/strong><br>\n<em>wenn wir umdenken<\/em><\/p><p><strong>Peter Vonnahme<\/strong> (Richter i. R.)<\/p><p>Die terroristischen Anschl&auml;ge seit 2015 (Charlie Hebdo, Stade de France, Bataclan-Theater, Flughafen Br&uuml;ssel-Zaventem, U-Bahnhof Maalbeek, Orlando sowie zuletzt Promenade des Anglais in Nizza) gleichen sich auf eine gespenstische Art. Die &Auml;hnlichkeit liegt nicht in der &auml;u&szlig;eren Form der Tatbegehung; diese differiert naturgem&auml;&szlig;, abh&auml;ngig vom T&auml;ter- und Opferkreis, von den &Ouml;rtlichkeiten und vom Ziel der Attentate. Was sich jedoch gleicht, das sind die die &ouml;ffentlichen Reaktionen, insbesondere die ritualisierte Betroffenheitsrhetorik der Politiker. Diese bekennen sich zum eigenen, &bdquo;westlichen&ldquo; Lebensstil, zur europ&auml;ischen Wertegemeinschaft, zur grenz&uuml;berschreitenden Solidarit&auml;t und zur wachsamen Kampfbereitschaft (&bdquo;Wir befinden uns im Krieg&ldquo;). Bei genauem Hinsehen werden wir jedoch Zeugen von tiefem Unverst&auml;ndnis der Problematik. Wir erleben Pathos, Patriotismus und vor allem be&auml;ngstigende Ratlosigkeit. <\/p><p>Schlimm ist, dass sich dieses Szenario in immer k&uuml;rzeren Zeitabst&auml;nden wiederholt. Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass auch Deutschland von gro&szlig;en Anschl&auml;gen nicht verschont bleiben wird. Es ist nur eine Frage der Zeit. Eine kleine Vorahnung hat uns der &bdquo;Axt-Attent&auml;ter&ldquo; im Regionalzug nach W&uuml;rzburg vor ein paar Tagen beschert. <\/p><p>Und was unternimmt die Politik? Sie macht das, was sie am besten kann. Sie legt die Stirn in Falten, kondoliert, beschw&ouml;rt, konferiert und erweckt den Anschein, dass sie handelt. Aber sie handelt nicht wirklich.<\/p><p><strong>Schnellsch&uuml;sse<\/strong><\/p><p>Die Opfer von Nizza lagen noch in Planen geh&uuml;llt auf der Strandpromenade, da waren bereits die stets gleichen Fragen im &ouml;ffentlichen Raum: Wo war die Polizei? Warum ist sie nicht rechtzeitig eingeschritten? Gab es kein Sicherheitskonzept? Hat man die terroristische Bedrohung untersch&auml;tzt? Gibt es Hinweise auf einen islamistischen T&auml;terkreis? Und vor allem: H&auml;tte das Blutbad verhindert werden k&ouml;nnen? <\/p><p>Die Antwort auf die letzte  Frage m&uuml;sste lauten: Nein, die Gefahr von terroristischen Anschl&auml;gen ist das Restrisiko unseres Lebensstils. Aber so entwaffnend ehrlich ist kein Polizeipr&auml;sident, kein Innenminister und schon gleich gar kein Regierungschef. Es w&auml;re n&auml;mlich das Eingest&auml;ndnis der eigenen Machtlosigkeit. Stattdessen wird beteuert, man habe alles Menschenm&ouml;gliche getan, um die Veranstaltungsbesucher, Bahnreisenden und Flugtouristen nach bestem Wissen zu besch&uuml;tzen und k&uuml;nftig werde man noch mehr tun: mehr &Uuml;berwachungskameras, mehr Stra&szlig;ensperren, Sicherheitskr&auml;fte verst&auml;rken, ja sogar der Einsatz von B&uuml;rgerwehren werde gepr&uuml;ft. Kurzum: Terrorabwehr mit Hardware! Au&szlig;erdem werde die internationale Zusammenarbeit intensiviert. Leider sei es unvermeidbar, den Datenschutz weiter einzuschr&auml;nken &ndash; zu unserem Wohle. Es gelte, Freiheit zugunsten von mehr Sicherheit zu opfern. Doch schon Benjamin Franklin wusste, dass man bei diesem Gesch&auml;ft am Ende beides verlieren wird.<\/p><p>Bereits wenige Stunden nach einem Terroranschlag beginnt im &ouml;ffentlich-rechtlichen Infotainment-TV das Stelldichein der nimmerm&uuml;den Polit-Allzweckwaffen: Altmaier, Bosbach, de Maizi&egrave;re, Kubicki, Oppermann bis hin zu Scheuer, Stoiber, Trittin und Wagenknecht. Erfahrene TV-Konsumenten wissen im Voraus, dass der Erkenntnisgewinn gering sein wird. Auf die immer gleichen Fragen von Anne Will &amp; Co. folgen die immer gleichen Antworten. <\/p><p><strong>Terroristische Planungen und die Antwort &bdquo;war on terror&ldquo;<\/strong><\/p><p>W&auml;hrenddessen bereiten junge M&auml;nner, zumeist aus dem Nahen Osten oder aus dem Maghreb, ihre n&auml;chsten Aktionen vor. Sie kennen ihr Risiko, aber es schreckt sie nicht. Sie haben keine Angst vor dem Tod. Im Gegenteil, manche suchen ihn geradezu. Sie wollen als M&auml;rtyrer sterben, um der lustvollen Verhei&szlig;ungen ihrer religi&ouml;sen Wahnvorstellungen teilhaftig zu werden. Die  Tragik dieser jungen M&auml;nner ist, dass sie sich unmerklich von den Glaubensinhalten ihrer Religion entfernt haben &ndash; verf&uuml;hrt und fehlgeleitet von fanatisierten Gotteskriegern.<\/p><p>Parallel dazu r&auml;sonieren unsere Sicherheitsexperten dar&uuml;ber, wie man mit scheinbar rationalen Ma&szlig;nahmen (Polizeieinsatz, Schusswaffengebrauch, &Uuml;berwachung, Aufkl&auml;rung) den Zerst&ouml;rungsphantasien von verblendeten Islamisten  begegnen kann. Dabei wird &uuml;bersehen, dass die Logik der k&uuml;nftigen Attent&auml;ter mit westlichen Denkschemata nichts gemein hat. W&auml;hrend wir den Anspruch erheben, bedrohtes Leben zu sch&uuml;tzen, ist ihr Sinnen darauf gerichtet, durch hundert- und tausendfachen Mord an unschuldigen Menschen gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit zu erregen und fl&auml;chendeckend Angst zu erzeugen. <\/p><p>Es scheint, dass ihr Plan in den letzten Jahren aufgegangen ist: Sie bestimmen den Takt des Todes, wir betrauern und bestatten die Opfer. Allm&auml;hlich beginnen wir zu begreifen, dass es nahezu unm&ouml;glich ist, aberwitzige Terrorpl&auml;ne im Vorfeld zu erkennen und ihre Ausf&uuml;hrung zu verhindern. Welcher Analytiker hat schon die Phantasie sich vorzustellen, dass es einer Handvoll junger M&auml;nner aus dem Morgenland gelingen k&ouml;nnte, nahezu zeitgleich vier Passagiermaschinen in ihre Gewalt zu bringen, um mit ihnen unter Hingabe des eigenen Lebens die h&ouml;chsten T&uuml;rme und das Verteidigungsministerium der gr&ouml;&szlig;ten Milit&auml;rmacht der Erde zu zerst&ouml;ren? Ein solches Szenario kommt nur in Fiebertr&auml;umen vor. Oder wer kommt auf die absurde Idee, dass ein bisher unauff&auml;lliger Mann am franz&ouml;sischen Nationalfeiertag mit einem gemieteten Lastwagen die von Feiernden ges&auml;umte Strandpromenade in Nizza entlangfahren k&ouml;nnte in dem alleinigen Bestreben, m&ouml;glichst viele Menschen zu &uuml;berfahren? <\/p><p>Angesichts der offensichtlichen Schwierigkeit solche Planungen rechtzeitig zu erkennen, verfiel die westliche Politik auf die Idee, das &Uuml;bel von Grund auf auszurotten. Man klassifizierte missliebige Staaten als Schurkenstaaten, erkl&auml;rte sie als vogelfrei und entschied sich f&uuml;r den war on terror. Doch bald zeigte sich, dass man terroristische Aktionen nicht mit konventionellen Kriegen bek&auml;mpfen kann. Zu gro&szlig; sind die Unterschiede. Der klassische Krieg ist dadurch gekennzeichnet, dass Staaten ihre Konflikte mittels Armeen und Feldherrn auf Schlachtfeldern austragen. Terroristische Aktionen hingegen werden jedoch nicht von Armeen, sondern von im Untergrund operierenden Kommandos ausgef&uuml;hrt. Nicht Materialschlachten und die Eroberung von Feindesland stehen im Vordergrund, sondern die zynische Absicht, mittels massenhafter T&ouml;tung Unschuldiger weltweit Aufmerksamkeit zu erlangen und dadurch psychischen Druck auf den milit&auml;risch hoch &uuml;berlegenen Feind aufzubauen. W&auml;hrend Soldaten &uuml;berleben wollen, ben&uuml;tzt der &bdquo;moderne&ldquo; Terrorist sein eigenes Leben als Waffe. F&uuml;r solche Auseinandersetzungen (&bdquo;asymmetrische Kriege&ldquo;) eignen sich Soldatenheere und Milit&auml;rtechnologie nicht, weder zur Vorbeugung noch zur Abwehr von &Uuml;bergriffen. <\/p><p><strong>Irrweg<\/strong><\/p><p>Die asymmetrischen Kriege haben zudem eine schlimme Nebenwirkung: Sie erzeugen neuen blutigen Terror. Die Erfahrungen der letzten 15 Jahre haben gezeigt, dass der war on terror h&auml;ufig zum Terror gegen die Zivilbev&ouml;lkerung mutiert. Pr&auml;sident&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Barack_Obama\">Barack Obama<\/a>&nbsp;hat k&uuml;rzlich einger&auml;umt, dass seit 2009 bei US-Drohneneins&auml;tzen in Pakistan, Jemen, Somalia und Libyen zwischen 64 und 116 unschuldige Zivilisten get&ouml;tet worden (sog. sog. Kollateralsch&auml;den).&nbsp;Andere Quellen sprechen von 1147 Opfern (The Guardian), Menschenrechtsorganisationen sogar von etwa 6000. Es bedarf wenig Phantasie sich vorzustellen, dass Angeh&ouml;rige und Freunde von unschuldigen Drohnen- oder Bombenopfern leicht f&uuml;r Vergeltungsaktionen (&bdquo;Terroranschl&auml;ge&ldquo;) zu gewinnen sind. Der Journalist und ehemalige CDU-Abgeordnete J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer sagte k&uuml;rzlich in einem Gespr&auml;ch mit WDR2: &ldquo;Wir haben jetzt 14 Jahre lang &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; gef&uuml;hrt. Am Anfang hatten wir ein paar hundert international gef&auml;hrliche Terroristen, jetzt haben wir &uuml;ber 100.000.&rdquo; Auch wenn diese Zahl nicht genau &uuml;berpr&uuml;fbar ist, zeigt sie eine gef&auml;hrliche Tendenz auf. Wir befinden uns auf einem Irrweg. <\/p><p>So werden wir es nicht schaffen.<\/p><p><strong>Wir m&uuml;ssen umdenken.<\/strong><\/p><p>Wenn wir Terrorismus ernsthaft eind&auml;mmen wollen, kommen wir nicht umhin, neue Wege zu beschreiten. Sie bieten eine weitaus bessere Zukunftschance als das phantasielose Weiterlaufen auf falschen Wegen. Prinzip Hoffnung. <\/p><p>Es gibt allerdings keine Garantie, dass die Kurs&auml;nderung geradlinig und schnell zum Ziel f&uuml;hrt. Unsere Geduld wird gefragt sein und R&uuml;ckschl&auml;ge werden nicht ausbleiben. Diese Einschr&auml;nkung gilt jedoch f&uuml;r die bisherige Sicherheitsdoktrin erst recht. Das wuchernde Krebsgeschw&uuml;r des Terrorismus beweist es jeden Tag aufs Neue. <\/p><p>Wir m&uuml;ssen umdenken.<\/p><p>Unser bisheriges Denken geht in die falsche Richtung. Die alte gescheiterte Politik fragt immer: Wie kann man geplante Attentate im Voraus erkennen? Mit welchen Mitteln kann man Terroristen unsch&auml;dlich machen? Welche Sicherheitsma&szlig;nahmen sind zu verst&auml;rken? Das ist zu wenig! Mehr Soldaten, mehr Polizisten und mehr &Uuml;berwachung sind eine unzureichende Antwort. Nat&uuml;rlich ist Pr&auml;ventionsdenken vonn&ouml;ten, aber genau genommen setzt es zu sp&auml;t an. Wenn ein junger Mann erst mal zum Terroristen geworden ist, ist die Schlacht fast schon verloren. Richtigerweise sollte also gefragt werden: Was kann man tun, damit junge M&auml;nner gar nicht erst zu Terroristen werden? Wie kann man den Sumpf austrocknen, auf dem Terrorismus gedeiht? <\/p><p>Erforderlich ist ein schonungsloser Blick auf die Hintergr&uuml;nde des Terrorismus, auch auf eigene Fehler der Vergangenheit.<\/p><p>Die &bdquo;Fehlersuche&ldquo; erfordert gro&szlig;e Offenheit und die Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten einzur&auml;umen. Das ist kein Selbstl&auml;ufer. Denn im Wortschatz der M&auml;chtigen stehen Reflexion, Empathie, Verst&auml;ndigungswille, Ausgleich sowie Konfliktforschung nicht an oberster Stelle.<\/p><p><strong>Feindbild Islam<\/strong><\/p><p>In einem ersten Schritt m&uuml;ssen alle dogmatischen und sorgsam gepflegten Scheuklappen abgelegt werden. Wenn heute der Islam als Quelle allen &Uuml;bels verd&auml;chtigt wird, dann sollten wir uns daran erinnern, dass das nicht immer so war. Es gab lange Perioden des friedlichen Zusammenlebens zwischen Muslimen, Juden und Christen. Wenn es heute anders ist, dann ist das Beweis daf&uuml;r, dass sich irgendwann in der Vergangenheit etwas zum Schlechteren ver&auml;ndert hat. Wir m&uuml;ssen also ergr&uuml;nden, warum es heute anders ist. Die Ursachen f&uuml;r die Verschlechterung der Beziehungen k&ouml;nnen weit zur&uuml;ckliegen und sie k&ouml;nnen im Verborgenen liegen. Denkbar sind neben Kolonialismus, Ausbeutung und Hegemoniebestrebungen auch kulturelle &Uuml;berheblichkeit, Ausgrenzung, Geringsch&auml;tzung anderer religi&ouml;ser &Uuml;berzeugungen, Bevormundung, &Uuml;bervorteilung, Armut, Hoffnungslosigkeit sowie tats&auml;chliche oder vermeintliche Kr&auml;nkungen und Entrechtungen.<\/p><p><strong>Islamismus<\/strong><\/p><p>Es ist an der Zeit, dass wir wohlfeile, aber vereinfachende Erkl&auml;rungsmodelle hinter uns lassen. Der immer wieder geh&ouml;rte Hinweis &bdquo;Nicht alle Muslime sind Terroristen, aber alle Terroristen sind Muslime&ldquo; ist inhaltlich nicht richtig (N&auml;heres hierzu <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/JuergenTodenhoefer\/posts\/10151511751860838\">J&uuml;rgen Todenh&ouml;fer<\/a>). Doch selbst wenn die Tatsachenbehauptung stimmen w&uuml;rde, w&auml;re der Satz dennoch falsch. Er hat denselben Erkenntniswert wie die Feststellung, dass alle Atombomben der Menschheitsgeschichte von Christen abgeworfen wurden und zudem alle Drohnenmorde, Kreuzz&uuml;ge und Hexenverbrennungen von Christen zu verantworten seien. Ebenso wenig wie diese Verbrechen den Kern des christlichen Glaubens abbilden, ist das Ph&auml;nomen des Terrorismus dem Islam zuzurechnen. Eine solche Vereinfachung verkennt, dass muslimische Terroristen l&auml;ngst den Boden ihres urspr&uuml;nglichen Glaubens verlassen haben. Ihr Handeln hat somit mit dem Islam genauso viele Gemeinsamkeiten wie die Verbrennung von Ketzern auf dem Scheiterhaufen mit der Lehre von Jesus. Nicht die Bibel oder der Koran sind schuld an den Wahnsinnstaten, sondern die Verirrungen Fehlgeleiteter. Verantwortlich sind nicht &bdquo;der Islam&ldquo; oder &bdquo;das Christentum&ldquo;, sondern Islamismus und christlicher Fundamentalismus. Im &Uuml;brigen &uuml;bersehen die Vereinfacher v&ouml;llig, dass nicht Europ&auml;er und Amerikaner die Hauptleidtragenden islamistischer Terroraktionen sind, sondern Menschen, die in islamisch gepr&auml;gten L&auml;ndern leben.<\/p><p><strong>Entsolidarisierung<\/strong><\/p><p>Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich dramatisch ge&ouml;ffnet. Die 80 Superreichen dieser Erde haben so viel wie die &auml;rmere H&auml;lfte der Erdbev&ouml;lkerung und das sind immerhin 3,5 Milliarden Menschen. Ein solches System schafft Verbitterung und Hass. Die zornigen jungen M&auml;nner, die sich dagegen auflehnen, sind nicht Monster, die das B&ouml;se in sich tragen, sondern sie sind die Kehrseite einer entsolidarisierten &bdquo;freien&ldquo; Gesellschaft. Wer das total entgrenzte System treffen will, hat es leicht. Er kann &uuml;berall und jederzeit zuschlagen. F&uuml;r Hoffnungslose ist es gleich, wen sie treffen, Hauptsache es trifft dieses System. Nur wenn es gelingt, das System in eine solidarische Gesellschaft umzubauen, besteht eine Chance. Wer es aber nicht einmal versucht, macht sich mitschuldig an den Toten der Zukunft (<a href=\"http:\/\/www.lebenshaus-alb.de\/magazin\/009505.html\">Staatssekret&auml;r a.D. Heiner Flassbeck<\/a>).<\/p><p><strong>Doppelmoral<\/strong><\/p><p>Der auf einer &bdquo;christlich-j&uuml;dischen Wertegemeinschaft&ldquo; aufbauende Westen ist einer be&auml;ngstigenden Selbstgef&auml;lligkeit verfallen. Wir haben keine Zweifel: Wir sind die Guten. Wer nicht mitspielt, ist der B&ouml;se. <\/p><p>Wir messen mit zweierlei Ma&szlig;st&auml;ben. Wir beklagen den Blutzoll, den uns &bdquo;der Islam&ldquo; auferlegt. Tatsache ist aber, dass T&auml;ter mit christlichem oder j&uuml;dischem Glaubenshintergrund im letzten Jahrhundert ungleich mehr Muslime get&ouml;tet haben als umgekehrt Christen und Juden durch muslimische Gewaltt&auml;ter umgekommen sind. Im ersteren Fall nennen wir das Selbstverteidigung oder gerechter Krieg, im letzteren Fall islamistischen Terrorismus. Zur inneren Rechtfertigung des eigenen Tuns gen&uuml;gt die &Uuml;berzeugung, dass man selbst auf der richtigen Seite der Geschichte steht. Unsere Politik lebt von Doppelmoral. Wir haben uns verrannt. K&uuml;rzlich sprach Bundespr&auml;sident Gauck angesichts einer Bombendetonation in Istanbul, bei der mehrere Deutsche umkamen: &bdquo;Wieder wurden bei einem hinterh&auml;ltigen terroristischen Anschlag unschuldige Menschen ermordet&ldquo;. Er hat ja recht. Aber hat man jemals Vergleichbares von ihm und Seinesgleichen geh&ouml;rt, wenn durch v&ouml;lkerrechtswidrige westliche Interventionskriege hunderttausende unschuldige Muslime ums Leben kamen wie etwa im Irak, in Libyen, in Syrien? Wo bleiben dann die Millionenaufm&auml;rsche in unseren Hauptst&auml;dten? Und wo bleibt die westliche Politprominenz wie seinerzeit beim Marche R&eacute;publicaine nach dem Charlie Hebdo-Attentat? Wo sind die Sondersendungen im TV? <\/p><p>Solange der innere Zusammenhang zwischen rechtswidrigen Kriegen und der Zunahme bestialischer Terrormorde nicht begriffen wird, werden wir mit dem Terrorismus leben m&uuml;ssen und nebenbei auch mit der Millionenschar verzweifelter Kriegsfl&uuml;chtlinge, die unser Land fluten.<\/p><p><strong>Gespaltene Zungen<\/strong><\/p><p>Politik und Medien sprechen mit gespaltener Zunge, wenn sie terroristische Attent&auml;ter stereotyp als feige und hinterh&auml;ltig bezeichnen. Ist es etwa mutiger, in einem sicheren Befehlsstand in den USA auf einen Knopf zu dr&uuml;cken, um einen in Afghanistan vermuteten Gotteskrieger samt seiner Entourage mittels lautlos anfliegender Drohnen zu ermorden? Das, was bei uns als feige und hinterh&auml;ltig eingestuft wird, ist die Folge davon, dass die terroristischen Einzelt&auml;ter weder &uuml;ber Drohnen noch &uuml;ber Jagdflugzeuge verf&uuml;gen. Es ist zu vermuten, dass viele dieser Desperados ihre zur Selbstvernichtung f&uuml;hrenden Sprengstoffg&uuml;rtel liebend gerne gegen modernes Kriegsger&auml;t austauschen w&uuml;rden. Aber das ist uns keinen Gedanken wert.<\/p><p>Falsche Sprachbilder sind wirkm&auml;chtig. Denn entscheidend f&uuml;r unsere Weltsicht ist nicht, was ist, sondern woran man glaubt.<\/p><p><strong>Was tun?<\/strong><\/p><p>Mit dem Erkennen von Fehlern ist es nicht getan. Das Erkannte muss auch umgesetzt werden. Hierbei sind Begegnungen &bdquo;auf Augenh&ouml;he&ldquo; und die strenge Beachtung des Rechts  unverzichtbar. Letzteres gilt auch &ndash; und gerade &ndash; dann, wenn sich die andere Seite au&szlig;erhalb des Rechtsrahmens bewegt. Es mag schwerfallen, aber Rechtsstaaten d&uuml;rfen sich in ihrer Reaktion auf terroristische &Uuml;bergriffe unter keinen Umst&auml;nden zu illegalen Handlungen hinrei&szlig;en lassen. Wer glaubw&uuml;rdig sein will, muss die &bdquo;St&auml;rke des Rechts&ldquo; beweisen und nicht das &bdquo;Recht des St&auml;rkeren&ldquo; praktizieren. Es ist fatal, wenn ein Staat Kriege f&uuml;hrt mit dem Anspruch, andere L&auml;nder zu demokratisieren, und hierbei seinerseits V&ouml;lkerrecht oder Menschenrechte massiv verletzt. Nicht weniger schlimm ist es, wenn wir, die Guten und Gerechten, im Umgang  mit ressourcenreichen Unrechtsstaaten bei deren Rechtsbr&uuml;chen schelmenhaft beide Augen zudr&uuml;cken, nur um eigene Vorteile zu erlangen. Wer so handelt, macht sich im wahrsten Sinne des Wortes angreifbar. Einer solchen Politik der Beliebigkeit wird es nicht gelingen, die Keimzellen des Terrorismus auszutrocknen. Denn es fehlt ihr am Wichtigsten, an Glaubw&uuml;rdigkeit.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen begreifen, dass nur ehrlicher Dialog zu geistiger Abr&uuml;stung, Verst&auml;ndnis und &ndash; am Ende eines schwierigen Prozesses &ndash; zu Befriedung f&uuml;hrt. Das geht nicht ohne Respekt f&uuml;r andere Sichtweisen. Im Bereich der Religion sollte das am Ehesten m&ouml;glich sein, hier gibt es kein falsch oder richtig, sondern nur glauben oder nicht glauben. Das ist die Spielwiese der Toleranz. Wenn man der muslimischen Welt mit Blick auf deren gr&ouml;&szlig;ere Verletzbarkeit in Religionsfragen mit Empathie und Nachsicht begegnen w&uuml;rde, w&auml;re das nicht Ausdruck von Feigheit oder gar Kapitulation. Es w&auml;re nur Respekt vor anderen &Uuml;berzeugungen. Die Grenze des Entgegenkommens setzt in jedem Fall das, was in internationalen Konventionen verb&uuml;rgt ist.<\/p><p>Doch auch im diesseitigen Leben muss die Einsicht reifen, dass unsere westlichen Vorstellungen nicht schlechthin f&uuml;r andere Kulturen ma&szlig;stabbildend sind. Wir k&ouml;nnen unsere Lebensformen anbieten, sie erkl&auml;ren und f&uuml;r sie werben. Aber herbeibomben l&auml;sst sich Akzeptanz nicht. Aufgabe der Politik wird es sein, die Integration des friedfertigen echten Islam in Europa zu f&ouml;rdern und friedliche Muslime zu st&auml;rken. Die Grenzlinie verl&auml;uft nicht zwischen christlichen und muslimischen Gesellschaften, sondern zwischen Weltoffenheit und Verblendetheit. <\/p><p><strong>Last but not least<\/strong><\/p><p>Die Anwendung milit&auml;rischer Gewalt wird auch in Zukunft nicht v&ouml;llig vermeidbar sein. Aber sie muss k&uuml;nftig in jedem Fall ultima ratio sein und sie muss die Regeln des internationalen Rechts beachten. Nicht mehr und nicht weniger.<\/p><p>Entscheidend aber wird es sein, dass wir endlich aufh&ouml;ren, ausschlie&szlig;lich in den Kategorien des Milit&auml;rs und der repressiven Gewalt zu denken. Solange wir glauben, wir k&ouml;nnten unser Leben und unsere sogenannten westlichen Werte haupts&auml;chlich mit Panzern, Kampfhubschraubern und Drohnen verteidigen, werden wir keine Ruhe bekommen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir empfehlen Ihnen diesen Text zur Lekt&uuml;re. Der Autor, ein bekannter fr&uuml;herer Richter, schl&auml;gt das Notwendige vor: Wegzukommen von der Priorit&auml;t f&uuml;r milit&auml;rische Eins&auml;tze. Eigentlich etwas Selbstverst&auml;ndliches. Aber vom Pfad der Vernunft sind wir inzwischen weit entfernt. 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