{"id":34349,"date":"2016-07-25T09:02:23","date_gmt":"2016-07-25T07:02:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34349"},"modified":"2019-01-30T11:23:31","modified_gmt":"2019-01-30T10:23:31","slug":"von-orlando-bis-muenchen-amok-oder-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34349","title":{"rendered":"Von Orlando bis M\u00fcnchen: Amok oder Terror?"},"content":{"rendered":"<p>Der Amoklauf von M&uuml;nchen markiert den vorl&auml;ufigen Schlusspunkt einer Blutspur, die Terrorakte und Amokl&auml;ufe in den letzten Monaten durch Europa gezogen haben. In den USA sind Amokl&auml;ufe beinahe allt&auml;gliche Ereignisse. Die Grenzen zwischen Amok und Terror sind unscharf und m&uuml;ssen in jedem einzelnen Fall bestimmt werden. Den Opfern und ihren Angeh&ouml;rigen wird es egal sein, welcher Kategorie die M&ouml;rder zugeordnet werden. Einer kritischen &Ouml;ffentlichkeit kann es indessen nicht gleichg&uuml;ltig sein, wie Verbrechen gesellschaftlich angeeignet und codiert werden. Mit Etikettierungen verbinden sich strategische Interessen, und zwar sowohl auf der Seite der T&auml;ter als auch der Gesellschaft. Von <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong>[<a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34349#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2142\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-34349-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3\">http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=34349-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"160725_Amok_oder_Terror_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Doch wird kommen der Tag des gro&szlig;en Zorns &hellip;&ldquo;<br>\n(Boris Sawinkow)\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Die &bdquo;Turboradikalisierung&ldquo; des Mohamed B.?<\/strong><\/p><p>Nach dem LKW-Amok von Nizza wurde behauptet, der Mann habe sich innerhalb von vierzehn Tagen radikalisiert und in einen Dschihadisten verwandelt. Seit acht Tagen habe er sich als Zeichen seiner radikalen Konversion einen Bart wachsen lassen. Zuvor sei er nicht religi&ouml;s gewesen, habe Schweinefleisch gegessen und Drogen konsumiert. Von den Beh&ouml;rden sei er bis dato nicht als sogenannter <em>Gef&auml;hrder<\/em> eingestuft worden, sondern lediglich als Kleinkrimineller gef&uuml;hrt worden. So war er vor einiger Zeit wegen eines K&ouml;rperverletzungsdeliktes im Stra&szlig;enverkehr zu einer kurzen Bew&auml;hrungsstrafe verurteilt worden. Mohamed B. war verheiratet und hatte drei Kinder. Allerdings hatte seine Frau ihn wegen fortgesetzter &uuml;bler Behandlung und Schl&auml;gen verlassen und die Scheidung eingeleitet. Was f&uuml;r eine Kr&auml;nkung f&uuml;r einen Macho! So etwas br&uuml;tet Rachegel&uuml;ste aus. Und genau an dieser Stelle kommt der radikale Islamismus ins Spiel. <\/p><p>Man beginnt zu ahnen, dass die Kausalit&auml;t genau andersherum verl&auml;uft wie von den Beh&ouml;rden angenommen: Er hat nicht gemordet, weil er sich dem Dschihad zugewandt hat, sondern er hat sich dem Dschihad zugewandt, weil er morden wollte, weil er es nicht mehr ertragen hat in seiner Haut. Der Mann hat sich &ldquo;radikalisiert&rdquo;, um seine schon lange gehegten Rachepl&auml;ne mit &ldquo;Sinn&rdquo; auszustatten. Auch T&auml;ter haben das Bed&uuml;rfnis, das, was sie zu tun beabsichtigen, vor sich selbst und der Welt zu rechtfertigen und mit einem ideellen &Uuml;berbau zu  versehen. Den Mord ohne Motiv, den leeren, g&auml;nzlich abstrakten &bdquo;acte gratuit&ldquo;, von dem bei Andr&eacute; Gide die Rede ist, gibt es nicht oder nur extrem selten. Selbst Amokl&auml;ufer haben mitunter den Versuch unternommen, ihre Tat in einen Begr&uuml;ndungszusammenhang einzubetten und mit einem Kranz von Ideen zu umgeben, wie abstrus die im Einzelnen auch gewesen sein m&ouml;gen. Der Ahnherr der deutschen Amokl&auml;ufer &shy;- Ernst August Wagner &ndash; hat, nachdem man ihn nach seiner Tat im Jahr 1913 in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen hat, ganze B&auml;nde damit gef&uuml;llt. In seinen Erinnerungen f&auml;llt der Satz: &bdquo;Von dem Vulkan, der in mir br&uuml;tet und kocht, hat kein Mensch eine Ahnung.&ldquo; <\/p><p>Auch die Gesellschaft kann mit &ndash; wie abstrus auch immer &ndash; begr&uuml;ndeten Taten besser umgehen, als mit sinnlosen. Wir haben angesichts von brutalen und spektakul&auml;ren Verbrechen ein starkes Bed&uuml;rfnis nach einer rationalen Erkl&auml;rung des Geschehens, und am meisten befriedigt und beruhigt uns eine kausale Erkl&auml;rung: &bdquo;Daher kommt das also!&ldquo; Kausale Erkl&auml;rungen versprechen Abhilfe und Erl&ouml;sung, deswegen sind sie so beliebt. Amok wird einstweilen etwas R&auml;tselhaftes behalten, das sich unseren Erkl&auml;rungsversuchen entzieht. Die Normalit&auml;t unserer Lebensverh&auml;ltnisse gebiert Ungeheuer. Der Amokl&auml;ufer verk&ouml;rpert die dunkle Seite des Alltags, seinen verborgenen Schrecken.<\/p><p>Beiden Seiten kommt daher der IS gelegen. Er liefert uns Erkl&auml;rungen und verwandelt Unbekannt-Bedrohliches in leidlich Bekanntes, gegen das wir vorgehen k&ouml;nnen oder es zumindest glauben. Den diffus tatgestimmten T&auml;tern &ndash; ich habe sie vor geraumer Zeit einmal als <em>Amok-Schl&auml;fer<\/em> bezeichnet &ndash; stellt er eine sprachliche Codierung, eine Sprache des Hasses zur Verf&uuml;gung. Der Hass, das unter der Oberfl&auml;che brodelnde Magma (im Sinne Wagners), erh&auml;lt einen sprachlichen Ausdruck und eine Richtung. Aber der Hass war immer vorher schon da, als eine Art diffuses Grundrauschen einer besch&auml;digten, verst&ouml;rten und verzweifelten Existenz. Der IS liefert also das Libretto zu einer Melodie, die l&auml;nger schon im Inneren des potenziellen T&auml;ters als eine Endlosschleife ablief. Der IS verf&uuml;gt ja nicht &uuml;ber einen Zaubertrank, der harmlose Leute quasi &uuml;ber Nacht in blutr&uuml;nstige Killer verwandelt, eine Art von bewusstseinsverengender Droge, die man zur Dschihadisten-Produktion einsetzen kann. In der Regel br&uuml;ten Amokl&auml;ufer lange &uuml;ber ihren Pl&auml;nen und bereiten ihre Taten gr&uuml;ndlich vor. Joachim Gaertner hat das in seinem dokumentarischen Roman &uuml;ber die Littleton-Amokl&auml;ufer Klebold und Harris detailliert nachgezeichnet, der unter dem Titel <em>Ich bin voller Hass &ndash; und das liebe ich<\/em> erschienen ist.<\/p><p>Der IS hat eine gut funktionierende PR-Abteilung, die sich gewisserma&szlig;en herrenlose Attentate unter den Nagel rei&szlig;t: &ldquo;Solange niemand sonst Urheberrechte anmeldet, sagen wir einfach: Das waren wir! Es glauben ja eh alle, dass wir dahinterstecken.&rdquo; Inzwischen relativieren die Beh&ouml;rden im Fall von Nizza die These von der &bdquo;Turboradikalisierung&ldquo; und r&auml;umen ein, dass Mohamed B. Komplizen hatte und seine Tat &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum mit ihrer Unterst&uuml;tzung geplant und vorbereitet hat. Es bleibt ein Fall, der auf der Grenze zwischen Amok und Terror siedelt.<\/p><p><strong>Das Automobil als Waffe<\/strong><\/p><p>Manchmal wundere ich mich, wie vergesslich auch sogenannte Experten sind, die jetzt in Talkshows sitzend so tun, als sei die Amokfahrt von Nizza etwas Neues und eine teuflische Erfindung des IS. Wie ein Blick auf die bei weitem nicht vollst&auml;ndige Liste der Amok-Fahrten zeigt, ist das Automobil schon l&auml;nger ein Instrument homizidaler und suizidaler Tendenzen. Es sterben in Deutschland jeden Monat im Stra&szlig;enverkehr mehr Menschen als in einer veritablen mittelalterlichen Schlacht.<\/p><p>2009 ist beim <em>Koninginnedaag<\/em> in Apeldoorn ein junger Mann mit seinem PKW in die Menschenmenge gerast und hat dabei sechs Menschen get&ouml;tet und ein Dutzend verletzt. Da sprach noch niemand vom Islam, sondern man sortierte das in die Rubrik Amok ein. Karst T., f&ouml;rderten die Ermittlungen nach der Tat zu Tage, sei verzweifelt gewesen, weil er kurz zuvor seine Arbeit und seine Wohnung verloren habe.<br>\nAm 1. August 2013 ist in Regensburg ein 46-j&auml;hriger Mann mit seinem Auto durch die Stadt gerast. Er durchbrach eine Baustellenabsperrung, fuhr in H&ouml;chstgeschwindigkeit durch eine Fu&szlig;g&auml;ngerzone, wobei er Passanten erfasste und verletzte, und krachte schlie&szlig;lich in die gl&auml;serne Eingangst&uuml;r eines Waschsalons. Dabei erfasste der Wagen ein f&uuml;nfj&auml;hriges M&auml;dchen und ihre dreij&auml;hrige Schwester. Das f&uuml;nfj&auml;hrige M&auml;dchen starb, ihre j&uuml;ngere Schwester wurde schwer verletzt. Die Motive des Mannes, der verletzt &uuml;berlebte, sind unklar. Er soll in einer Klinik wegen psychischer Probleme behandelt worden sein.<br>\nW&auml;hrend der Fu&szlig;ballweltmeisterschaft 2006 durchbrach ein Mann mit seinem PKW die Absperrung um die Fanmeile am Brandenburger Tor, fuhr in die Menschenmenge und verletzte circa 20 Menschen. Ein Gericht erkl&auml;rte ihn sp&auml;ter f&uuml;r geisteskrank und wies ihn in die Psychiatrie ein. <\/p><p><strong>Ein neues Skript zur Ent&auml;u&szlig;erung von Hass<\/strong><\/p><p>Es handelt sich in Nizza nach meiner Einsch&auml;tzung um einen Fall von Amok, der sich einer zeitgem&auml;&szlig;en Codierung bedient. Es gibt offenbar ein neues Skript f&uuml;r die Ent&auml;u&szlig;erung von Hass. Dieses legt T&auml;tern mit oder ohne migrantischen Hintergrund nahe, sich einer islamistischen Codierung zu bedienen und sich zum Sympathisanten des IS zu erkl&auml;ren. Das stiftet &bdquo;Sinn&ldquo; und sichert einem optimale Beachtung und Aufmerksamkeit. Man schreit in schlechtem, imitiertem Arabisch &bdquo;Gott ist gro&szlig;&ldquo;, und schon f&uuml;hlt man sich als Teil einer weltumspannenden Hass-F&ouml;deration und jeder weiteren Erkl&auml;rung enthoben. &bdquo;Ach so, so einer ist das&ldquo;, sagen die Leute und fragen nicht weiter nach. Die betroffenen Gesellschaften sind von der unbequemen Frage entlastet, was das alles mit den gesellschaftlichen Verh&auml;ltnissen zu tun hat. Der entfesselte Kapitalismus produziert immer mehr &bdquo;radikale Verlierer&ldquo;, wie Enzensberger es einmal ausgedr&uuml;ckt hat &ndash; Menschen, die vom heiligen Markt als &uuml;berz&auml;hlig ausgespuckt werden und wie Fische auf dem Trockenen liegen. Sie geraten in eine abseitige, anomische Position und br&uuml;ten &uuml;ber ihrem Ungl&uuml;ck. Es existiert ja f&uuml;r die wenigsten ein politisches Milieu, das die Erfahrung des Ausschlusses in eine aufkl&auml;rerische Richtung bringen und in kollektive Gegenwehr transformieren k&ouml;nnte. So geraten die &Uuml;berz&auml;hligen leicht ins Gravitationsfeld radikaler, terroristischer &bdquo;L&ouml;sungen&ldquo;. Sie schlagen blind auf die gesellschaftliche Fassade und versetzte Objekte ein, die ihnen der radikale Islamismus zurechtr&uuml;ckt. Aber auch jetzt gilt: Der Islamismus wird auf etwas l&auml;ngst Vorhandenes aufgepfropft, baut den Z&uuml;nder in eine schon vorher vorhandene Bombe ein und macht sie scharf. <\/p><p>An dieses neue Drehbuch hat sich auch Paul H. aus dem hessischen Gr&uuml;nberg gehalten. Im Morgengrauen des 10. Mai 2016 stach er auf dem Bahnhofsgel&auml;nde im bayrischen Grafing wahllos auf Passanten ein, t&ouml;tete einen Menschen und verletzte drei weitere schwer. In Gr&uuml;nberg war Paul H., der als Drogenkonsument gilt, zuvor aufgefallen, weil er wirres Zeug geredet hatte. Am Sonntag wurde er deshalb zur Beobachtung in eine psychiatrische Klinik in Gie&szlig;en eingewiesen. Die &Auml;rzte lie&szlig;en ihn am n&auml;chsten Morgen gehen, weil sie keine Anzeichen f&uuml;r eine akute Selbst- oder Fremdgef&auml;hrdung erkennen konnten. Er verlie&szlig; die Klinik und machte sich mit dem Zug auf den Weg nach Bayern. Nach Angaben der Ermittler kam er am Montagabend in M&uuml;nchen an. Er trieb sich im und am Bahnhof herum, weil sein Geld f&uuml;r ein Hotelzimmer nicht gereicht habe. Schlie&szlig;lich bestieg er die S-Bahn und fuhr weiter nach Grafing, wo er seine Messerattacke beging. Der Mann war seit mehreren Jahren arbeitslos und lebte von Sozialhilfe. Zuvor soll er als Schreiner gearbeitet haben. Die Motivation des T&auml;ters, der w&auml;hrend der Attacke &ldquo;Allahu Akbar&rdquo; gebr&uuml;llt hatte, sei nach wie vor unklar, teilten die  Ermittler mit. Hinweise auf Bez&uuml;ge zum sogenannten Islamischen Staat oder anderen terroristischen oder extremistischen Vereinigungen habe man nicht gefunden.<br>\nSelbst der ohnm&auml;chtige und randst&auml;ndige Mensch, in dessen Leben sich Niederlage an Niederlage reiht, kommt in den Genuss der Machtaus&uuml;bung, wenn er andere verletzt und t&ouml;tet. F&uuml;r kurze Zeit steht der T&auml;ter auf der anderen Seite der Angst: Endlich einmal hat nicht er Angst, sondern die anderen &auml;ngstigen sich vor ihm; er sp&uuml;rt seine Macht und verwandelt die Geschichte seiner Zur&uuml;ckweisungen und Niederlagen in einen letzten Triumph &uuml;ber Leben und Tod anderer. Darin liegen nicht zuletzt Lockung und Faszination der Gewalt. <\/p><p><strong>IS als Chiffre<\/strong><\/p><p>Man wird sich von der rhetorischen Fassade nicht t&auml;uschen lassen d&uuml;rfen. Alle Versprachlichungen &ndash; m&ouml;gen sie nun Hitler, Mohammed, IS oder sonst wie hei&szlig;en &ndash; sind letztlich nur Chiffren. Es geht bei den jungen M&auml;nnern &ndash; mit und ohne Migrationshintergrund &ndash; im Kern darum, aus dem Nichts einer randst&auml;ndigen Existenz, aus der Bedeutungslosigkeit herauszutreten und ein Gef&uuml;hl des Existierens zu erzeugen. Anreiz f&uuml;r die Schattenexistenzen sind nicht so sehr die ber&uuml;hmten 72 Jungfrauen, die angeblich im Jenseits auf die M&auml;rtyrer warten, sondern eine riesige mediale Resonanz und ein Platz in der Hall of Fame der &Uuml;belt&auml;ter, die man vorwegphantasiert und im Vorfeld der Tat schon genie&szlig;t. Die mediale Resonanz ist ein wesentlicher Faktor in der Planung von T&auml;tern, die auf Anerkennung aus sind. Der T&auml;ter produziert den Schrecken in der sicheren Gewissheit, dass die Medien ihn verbreiten. Dieser mediale Narzissmus ist etwas, das die heutigen westlichen Terroristen mit anderen jugendlichen Amokl&auml;ufern gemeinsam haben. <\/p><p>Wenn es stimmt, dass Amokl&auml;ufer und Selbstmordattent&auml;ter von dem Wunsch angetrieben werden, aus der Bedeutungslosigkeit ihrer Existenz herauszutreten und ins Rampenlicht &ouml;ffentlicher Aufmerksamkeit zu geraten, dann macht sich, wer Bilder der Tat und des T&auml;ters verbreitet, unbewusst zu seinem Komplizen und Erf&uuml;llungsgehilfen. Der mediale Nachhall der Sch&uuml;sse und Bombenexplosionen ist wesentlicher Teil der Tatplanung. Die toten Amokl&auml;ufer\/Terroristen und die zuk&uuml;nftigen sind in einer weltumspannenden, imagin&auml;ren Hassf&ouml;deration vereint, die medial organisiert ist und von Bildern lebt. Jeder Bericht &uuml;ber die spektakul&auml;re Rache eines Zukurzgekommenen und &Uuml;bersehenen an seiner kr&auml;nkenden Umwelt kann Schl&auml;fer wecken, die &ndash; verborgen in der anonymen Masse der Menschen mit chronischen Anerkennungsdefiziten &ndash; auf ihren Aufmerksamkeit garantierenden Auftritt warten. Wem es ernsthaft um Pr&auml;vention zu tun ist, m&uuml;sste daf&uuml;r sorgen, dass die Berichterstattung &uuml;ber solche Massaker auf ein sachliches Minimum begrenzt wird. Vor allem d&uuml;rften keine Bilder der T&auml;ter in Aktion und voller Kampfmontur in Umlauf gesetzt werden, weil diese den b&ouml;sartigen Narzissmus amok- oder terrorismusgef&auml;hrdeter Jugendlicher auf besondere Weise stimulieren und sie zur Nachahmung geradezu animieren.<\/p><p><strong>Die Camouflage des Omar M.<\/strong><\/p><p>Das eben Gesagte gilt mutatis mutandis auch f&uuml;r das Massaker von Orlando. Ein aus Afghanistan stammender Mann hat dort am 12. Juni 2016 49 Menschen get&ouml;tet und &uuml;ber 50 weitere zum Teil schwer verletzt. Er er&ouml;ffnete in dem von Homosexuellen bevorzugten Club <em>Pulse<\/em> das Feuer auf die G&auml;ste. Omar M. wurde von den Sicherheitskr&auml;ften erschossen. Kurz vor der Bluttat hatte der 29-J&auml;hrige die Polizei angerufen und sich zum &ldquo;Islamischen Staat&rdquo; bekannt. Dabei berief er sich auch auf die Attent&auml;ter des Boston-Marathons. <\/p><p>Als sich die Nachricht verbreitete, schnappten sofort die &uuml;blichen Reflexe ein: Hinter dieser Bluttat konnte nur der IS stecken, da waren sich alle einig. Die eilfertigen Motivforscher waren nicht weit von jener Satire entfernt, in der eine Reporterin im Umfeld des 11. Septembers 2001 auf die Frage nach den Urhebern eines gerade eingetretenen Ungl&uuml;cks sagt: &bdquo;Al Qaida. Alles andere w&auml;re zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.&ldquo; Wenig sp&auml;ter ruderten die Ermittler zur&uuml;ck und lie&szlig;en verlautbaren, dass Omar M. diese F&auml;hrte durch einen Telefonanruf, in dem er sich zum IS bekannte, zwar selbst gelegt hatte, wohl aber nicht im direkten Auftrag des IS gehandelt habe und auch nicht Mitglied eines terroristischen Netzwerks sei. Was aber k&ouml;nnte dann das Motiv einer derartigen Tat sein? Man wird sich mit der M&ouml;glichkeit auseinandersetzen m&uuml;ssen, dass ein selbstunsicherer und von Schuldgef&uuml;hlen geplagter Mann, dem Religion und famili&auml;res Umfeld das Schwulsein verboten haben, sich gewaltsam aus einem sexuellen Identit&auml;ts-Dilemma befreien wollte. Das Bekenntnis zum IS w&auml;re dann eine Art Camouflage und diente als Chiffre f&uuml;r seinen externalisierten Selbsthass. Auch das Massaker von Orlando ist wohl eher in die Rubrik Amoklauf als in die des religi&ouml;s motivierten Terrors einzuordnen.<\/p><p><strong>Amok im Regionalzug<\/strong><\/p><p>Nach W&uuml;rzburg stellen sich nun &auml;hnliche Fragen. Auch hier wieder ist von &ldquo;Turboradikalisierung&rdquo; die Rede. Ein unauff&auml;lliger junger Mann, den die Beh&ouml;rden nicht auf dem Schirm haben, auf dem sie jeden auch nur ansatzweise verd&auml;chtigen Ausl&auml;nder haben, greift zu Messern und Axt und schl&auml;gt und sticht auf Passagiere eines Eisenbahnzuges ein. Auch beim &bdquo;erweiterten Suizid&ldquo; scheint es eine Art &bdquo;Werther-Effekt&ldquo; zu geben, der aus der Selbstmordforschung seit langem bekannt ist. Man spricht in der Kriminologie von Resonanzstraftaten. Ein Amoklauf zieht andere nach sich. In zeitlicher N&auml;he zu spektakul&auml;ren Taten findet man regelhaft Nachahmungstaten und Trittbrettfahrer. Das war vor allem nach Littleton so, und auch nach dem Amoklauf von Erfurt konnte man das beobachten. In seinem Video bezieht der T&auml;ter aus dem Regionalzug sich ausdr&uuml;cklich auf Nizza.<\/p><p>Wie andere Leute ihre Kunstst&uuml;cke mit dem Ball auf dem Sportstudio-Kanal hochladen, um in der Sendung auf die Torwand schie&szlig;en zu d&uuml;rfen, schicken amok-gestimmte Jungs ihre Videos an die IS-Medienagentur <em>Amaq<\/em>. Die l&auml;dt sie dann hoch, wenn der Betreffende seine Drohung wahrgemacht hat und reklamiert die Tat f&uuml;r sich. Gerade in diesem Fall stellen sich Fragen &uuml;ber Fragen: Wie ist die Lage eines Jugendlichen, der als unbegleiteter Fl&uuml;chtling ins Land kommt und nun in der unterfr&auml;nkischen Provinz gelandet ist? Hat er Afghanistan im Kopf, im K&ouml;rper und seiner Seele? Was f&uuml;hlt er, was hofft er, wonach sehnt er sich? Hat er Heimweh?  Was erwartet er vom Leben und was das Leben von ihm? Ist er einsam und verzweifelt? Er sieht all die Dinge, die er gern bes&auml;&szlig;e, aber sie sind durch Schaufensterglas von ihm getrennt und preislich weit au&szlig;erhalb seiner M&ouml;glichkeiten. Deutschland erscheint als ein Land, in dem es alles gibt, aber nicht f&uuml;r ihn und Seinesgleichen. Die jungen Migranten leben im Zustand einer permanenten Frustration: Sie werden tagein-tagaus mit Bildern des Luxus vollgestopft und gleichzeitig verwehrt man ihnen die Mittel, um die Gegenst&auml;nde auf legalem Weg erwerben zu k&ouml;nnen. Man k&ouml;nnte also am Ende auf die Idee verfallen, dass die Tat im Regionalzug Ausdruck von Verzweiflung war und nicht einer durch und durch b&ouml;sen Gesinnung. Die Zuschreibung zum IS r&uuml;ckt die in seinem Namen begangenen oder ihm zugeschriebenen Taten ins Reich des D&auml;monischen und damit aus unserer Verantwortlichkeit. &bdquo;Die sind eben b&ouml;se&ldquo;, sagen wir, und k&ouml;nnen weitermachen wie zuvor. Man bedient sich von Seiten der Herrschenden dieser Taten, um die innere Sicherheit noch weiter zu militarisieren.<\/p><p>Im Interview mit der <em>taz<\/em> wird der Islamwissenschaftler und Terrorexperte Guido Steinberg gefragt, ob es sich in F&auml;llen wie W&uuml;rzburg nicht eher um einen Amoklauf handele als um Terror. Er antwortet: &bdquo;Die Grenze ziehen wir. Am Dienstagmorgen war die Beschreibung des W&uuml;rzburger Anschlags als Amoklauf noch richtig. Dieses Urteil muss aber nach der Ver&ouml;ffentlichung von Bekenntnis und Video revidiert werden.&ldquo; Nun ist es, kann man aus dieser Antwort schlie&szlig;en, f&uuml;r Steinberg zweifelsfrei ein Fall von Terror. Ich bleibe dabei: Es ist auch jetzt noch die amokartige Verzweiflungstat eines jungen Migranten, der sich einer in der Luft liegenden Codierung bedient. Am Samstag vor der Tat soll er Nachricht vom Tod eines Freundes in Afghanistan erhalten haben. <\/p><p>Die Migranten oder Migrantenkinder sind eingeklemmt zwischen zwei Welten, denen sie gleicherma&szlig;en nicht angeh&ouml;ren. Fehlende Anerkennung und Beachtung ist f&uuml;r die Seele, was Hunger f&uuml;r den Magen ist. Umso verlockender ist da das Angebot, das der militante Islamismus bereith&auml;lt. Er stillt diesen Hunger, sammelt die Wut der jungen Leute auf, b&uuml;ndelt sie und gibt ihr eine Richtung &ndash; gegen die Masse der Ungl&auml;ubigen, die als Feinde angesehen werden. Die zuvor identit&auml;tslosen und zerrissenen Jugendlichen und jungen M&auml;nner bekommen eine Identit&auml;t, ihr Leben erh&auml;lt Sinn und Ziel. Aus Au&szlig;enseitern und Verlierern werden junge M&auml;nner, die f&uuml;r etwas eintreten und k&auml;mpfen. Etwas Vergleichbares hat die herrschende Gesellschaft ihnen nicht zu bieten.<br>\nWer immer sich einen Rest sozialer Sensibilit&auml;t bewahrt hat, wird nicht umhinkommen, dem englischen Schriftsteller und K&uuml;nstler John Berger zuzustimmen, der konstatiert: &bdquo;Was einen Terroristen ausmacht, ist zun&auml;chst einmal eine bestimmte Art der Verzweiflung. Oder genauer gesagt, das Streben, &uuml;ber die Verzweiflung hinauszugehen, indem er sein Leben einsetzt und so der Verzweiflung einen Sinn gibt.&ldquo;<\/p><p><strong>&bdquo;Suicide by cop&ldquo;<\/strong><\/p><p>In beiden F&auml;llen &ndash; also in Nizza und provinziell verkleinert in W&uuml;rzburg &ndash; muss auch die M&ouml;glichkeit in Betracht gezogen werden, dass es sich um Varianten dessen handelt, was man &ldquo;suicide by cop&rdquo; nennt. Die in eine aussichtlos erscheinende Lage geratenen T&auml;ter legen nicht selbst Hand an sich, sondern legen es darauf an, sich von der Polizei erschie&szlig;en zu lassen. Mir ist aus meiner Arbeit im Gef&auml;ngnis ein Fall in Erinnerung, wo sich ein junger Mann, der in eine schwere Lebenskrise geraten war, zwei Mal darum bem&uuml;ht hat, sich erschie&szlig;en zu lassen. Beim ersten Versuch war der Scharfsch&uuml;tze zu gut und traf ihn an der Schulter. Beim zweiten ging er in einem Obdachlosenheim mit einem Samurai-Schwert auf Polizisten los, die er zuvor selbst gerufen hatte und die sich nicht anders zu helfen wussten, als ihn zu erschie&szlig;en.<\/p><p>Nach der Axt- und Messer-Attacke von W&uuml;rzburg wurden Menschen allen Ernstes von Reportern befragt, ob sie sich denn nun noch trauten, einen Regionalzug zu benutzen. Wurden die Leute das auch gefragt, nachdem sich herausgestellt hat, dass das Zugungl&uuml;ck von Bad Aibling, bei dem im Februar 2016 elf Menschen zu Tode gekommen sind, auf das Konto der Spielleidenschaft des zust&auml;ndigen Fahrdienstleiters geht? Dieser wurde inzwischen in Untersuchungshaft genommen. Dem Mann wird vorgeworfen, auf seinem Handy bis kurz vor dem Zusammenprall der beiden Z&uuml;ge ein Online-Spiel gespielt zu haben und dadurch abgelenkt gewesen zu sein. Wie viele t&ouml;dliche Unf&auml;lle sind dem Gebrauch von Handys und Smartphones im Stra&szlig;enverkehr geschuldet? W&auml;re es nicht h&ouml;chste Zeit, &uuml;ber ihren Gebrauch in der &Ouml;ffentlichkeit und vor allem im Stra&szlig;enverkehr und w&auml;hrend der Arbeit zu diskutieren? Zu stark sind die wirtschaftlichen Interessen, die mit dem Verkauf dieser Ger&auml;te verkn&uuml;pft sind, als dass das auch nur einen Moment erwogen w&uuml;rde.<\/p><p>Ich bin davon &uuml;berzeugt, dass das, was gegenw&auml;rtig unter dem Begriff &bdquo;Terrorismus&ldquo; verhandelt wird, zumindest eine gro&szlig;e Schnittmenge mit dem Ph&auml;nomen Amok aufweist. Die zeitgen&ouml;ssischen Anschl&auml;ge und Attentate sind eigentlich Amokl&auml;ufe, die sich einer in der Luft liegenden pseudoreligi&ouml;sen Codierung bedienen. Ein an sich richtungs- und subjektloser Hass hat seit einiger Zeit einen Namen und eine Richtung bekommen. Der sogenannte islamistische Terror entwickelt sich zu einem &bdquo;Modell des Fehlverhaltens&ldquo; (Georges Devereux) f&uuml;r abgeh&auml;ngte, perspektivlose, frustrierte jugendliche Migranten. Er ist ein Zweig am Amok-Baum. <\/p><p><strong>Feindbild IS<\/strong><\/p><p>Klassengespaltene und krisengesch&uuml;ttelte Gesellschaften bed&uuml;rfen eines &auml;u&szlig;eren Feindes, um sich zu einen und ein gro&szlig;es <em>Wir<\/em> &uuml;ber der inneren Zerrissenheit entstehen zu lassen. Seit dem Untergang des Ostblocks war die Position des Feindes vakant. Seit dem 11. September 2001 hat diese Funktion &bdquo;der islamistische Terror&ldquo; &uuml;bernommen.<br>\nIm Kampf gegen die militanten Gotteskrieger von Al Qaida und IS entsteht ein gro&szlig;es Wir &uuml;ber den krisengesch&uuml;ttelten Gesellschaften des Westens. Sogar der zwischenzeitlich wieder aufgew&auml;rmte Ost-West-Konflikt k&uuml;hlt wieder etwas ab, und der in den letzten Jahren zum Ober-Schurken avancierte Putin wird &ndash; zumindest vor&uuml;bergehend &ndash; aus dieser Rolle verdr&auml;ngt. Dank des IS k&ouml;nnen wir all die anderen Probleme vergessen. Wer redet noch von der Finanzkrise, von Massenarbeitslosigkeit und den Morden des NSU? Ist das nicht wunderbar: Ein vom Westen selbst mit geschaffener und aus der Flasche gelassener Geist dient nun dazu, uns alle im Kampf gegen ihn zu einen! Im Schlagschatten des Anti-Terror-Kampfes breiten sich islamophobe Einstellungen wie ein Fl&auml;chenbrand aus und leiten Wasser auf die M&uuml;hlen der Ausl&auml;nderfeinde, Rechtspopulisten und Rassisten.<\/p><p>Eine politische Entspannung kann psychisch gerade die gegenteiligen Folgen haben: Verschwindet ein Feind durch Entspannung oder Kapitulation, schwindet auch die M&ouml;glichkeit, eigene Konflikte auf ihn abzuw&auml;lzen. Das Bild des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo;, das uns in Gestalt des jeweiligen S&uuml;ndenbocks und Feindes pr&auml;sentiert wird, ist das beste Gef&auml;&szlig; f&uuml;r alle m&ouml;glichen Bedrohtheits- und Unsicherheitsgef&uuml;hle. Denen w&auml;ren wir ausgeliefert, h&auml;tten wir nicht einen Feind, der uns eine Verschiebung unserer diffusen &Auml;ngste erm&ouml;glicht, diese konkretisiert und im Kampf gegen die vermeintliche Angstquelle zugleich beruhigt. &Uuml;ber Jahrzehnte stand der Feind stabil und verl&auml;sslich im &bdquo;Osten&ldquo; und wir konnten unseren sozialpsychologischen Giftm&uuml;ll hinter der Mauer deponieren. George Bush junior hat einmal in einem Interview gesagt: &bdquo;Als ich aufwuchs, war die Welt gef&auml;hrlich und wir wussten genau, wer die anderen waren. Es war: Wir gegen die, und es war klar, wer &sbquo;die&lsquo; waren. Heute sind wir nicht so sicher, wer die &sbquo;die&lsquo; sind; aber wir wissen, es gibt sie.&ldquo; Eine rastlose Suche nach neuen Bedrohungen setzt ein, und das &bdquo;B&ouml;se&ldquo; heftet sich mehr oder weniger fl&uuml;chtig an wechselnde Objekte. Seit dem 11. September haben wir uns darauf geeinigt, wer die neuen &bdquo;die&ldquo; sind.<\/p><p><strong>Allgemeine Mobilmachung<\/strong><\/p><p>Wir alle werden mobilisiert f&uuml;r den &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo;. Es war erschreckend zu sehen, wie man in der Sendung von Frau Maischberger am 20. Juli 2016 &uuml;ber Renate K&uuml;nast hergefallen ist. Diese hatte in einem Tweet direkt nach der Tat von W&uuml;rzburg gefragt: &bdquo;Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunf&auml;hig geschossen werden????&ldquo;, und einen Shitstorm daf&uuml;r geerntet. In der Maischberger-Sendung bedr&auml;ngte man sie massiv, sich f&uuml;r diese spontane &Auml;u&szlig;erung zu entschuldigen, und warf ihr vor, der gesamten Polizei des Landes in der Stunde der Gefahr in den R&uuml;cken gefallen zu sein. Ich habe Renate K&uuml;nast bewundert f&uuml;r die stoische Gelassenheit, mit der sie das Ansinnen der Distanzierung von ihrer Frage zur&uuml;ckwies und darauf beharrte, dass das Stellen solcher Fragen zu einer Demokratie geh&ouml;rt und das Recht einer Abgeordneten ist. In dieser Situation hat Frau K&uuml;nast eine Courage bewiesen, die mir Respekt abn&ouml;tigte. Es w&auml;re bequemer f&uuml;r sie gewesen, in den Chor derer einzustimmen, die sich mit der T&ouml;tung eines mit einer Axt bewaffneten 17-J&auml;hrigen umstandslos einverstanden erkl&auml;rten. <\/p><p>Im Anti-Terror-Kampf darf man nicht zimperlich sein und kein Mitgef&uuml;hl zeigen. &bdquo;Wo gehobelt wird, da fallen Sp&auml;ne&ldquo;, sagt der Volksmund in so einem Fall. Rechtsstaatliche Bedenkentr&auml;ger und zivile N&ouml;rgler werden nicht geduldet. &bdquo;Maul halten, Ordre parieren&ldquo;, lautet eine alte preu&szlig;ische Maxime. Mir ist nicht erinnerlich, dass irgendjemand in der Talkshow-Runde Frau K&uuml;nast beisprang. Man konnte in dieser Sendung beobachten, was f&uuml;r ein Anpassungsdruck ausge&uuml;bt wurde und wie sie in eine Au&szlig;enseiterposition gedr&auml;ngt wurde. Wir sollen auf den &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; eingeschworen werden. Ein Kollateralschaden dieses Krieges wird darin bestehen, dass ihm Rechtsstaat und Demokratie zum Opfer fallen. In Frankreich wurde nach Nizza der Ausnahmezustand noch einmal verl&auml;ngert, und es gibt auch bei uns Leute, die mit der Beseitigung l&auml;stiger demokratischer Beschr&auml;nkung staatlicher und vor allem polizeilicher Machtbefugnisse lieb&auml;ugeln. <\/p><p><strong>Amok in M&uuml;nchen<\/strong><\/p><p>Ich habe die halbe Nacht von Freitag auf Samstag vor dem Fernseher verbracht und mir angeschaut, wie eine Schreckenstat medial begleitet und inszeniert wird. Zum ersten Mal habe ich mir dar&uuml;ber nach dem Amoklauf in Erfurt im Jahr 2002 Gedanken gemacht, als Johannes B. Kerner in Diensten des ZDF seine Zelte neben dem Tatort aufschlug und noch am Abend der Tat in seiner Talkshow einen elfj&auml;hrigen Jungen als Augenzeugen interviewte. Damals schrieb ich in meinem Buch <em>Gewalt, die aus der K&auml;lte kommt<\/em>:<\/p><blockquote><p>\nDie unter die &bdquo;Diktatur der Einschaltquote&ldquo; (Pierre Bordieu) geratenen Medien leben von Sensationen wie dem Massaker von Erfurt. Es scheinen die giftigen Sekrete der Medien zu sein, die den &bdquo;Amok-Virus&ldquo; auf Empf&auml;nger &uuml;bertragen, deren Immunsystem geschw&auml;cht ist und die infolgedessen f&uuml;r Ansteckung anf&auml;llig sind.<br>\nDie Flut an Schreckensnachrichten, die t&auml;glich &uuml;ber uns hereinbricht, hat dar&uuml;ber hinaus eine &bdquo;Normalisierung des Grauens&ldquo; (Herbert Marcuse) zur Folge. Wir verschlingen unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede F&auml;higkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzub&uuml;&szlig;en drohen. Je deutlicher eine Barbarei zu sehen ist, je mehr Wiederholungen uns pr&auml;sentiert werden, desto schneller vergessen wir sie. Wir konsumieren Horror wie andere Leute Alkohol. Alles zeigen, alles ausbreiten, alles pr&auml;sentieren: Dies ist das beste Mittel, um uns gegen das Ungl&uuml;ck, von dem die Medien berichten und von dem sie vampiristisch zehren, immun zu machen. Die F&uuml;lle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmef&auml;higkeit und Verarbeitungskapazit&auml;t kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder. Die Metastasen des Zynismus breiten sich aus und drohen unsere F&auml;higkeit zu Widerstand und Revolte zu zerst&ouml;ren.\n<\/p><\/blockquote><p>Dem ist eigentlich nichts hinzuzuf&uuml;gen. Alles wiederholt sich, allerdings auf erweiterter Stufenleiter und technisch weiterentwickelt. Statt sich auf knappe, sachliche Meldungen zu beschr&auml;nken, h&ouml;rte die <em>Tagesschau<\/em> am Freitag gar nicht mehr auf und ging dann nahtlos in die <em>Tagesthemen<\/em> &uuml;ber. Thomas Roth &uuml;bernahm und stocherte nun statt Jens Riewa im Nebel der Ger&uuml;chte und Vermutungen. Im Minutentakt wurden dieselben Reporter und Terrorexperten zugeschaltet, die nichts Neues zu vermelden hatten und lediglich voyeuristische Bed&uuml;rfnisse befriedigten. Im Hintergrund waren Martinsh&ouml;rner zu h&ouml;ren und zuckendes Blaulicht zu sehen. Permanent wurden die gleichen Filmsequenzen eingeblendet, dieselben Passanten und Polizisten liefen durchs Bild. Thomas Roth und Georg Mascolo versuchten mehrfach, aus einem privat aufgenommenen Video schlau zu werden, das den mutma&szlig;lichen T&auml;ter auf dem Dach eines Parkdecks im Gespr&auml;ch mit einem Anwohner zeigte, der von oben auf ihn herabbr&uuml;llte. Der Mann auf dem Dach beteuerte, Deutscher und hier geboren zu sein, w&auml;hrend der Anwohner stereotyp darauf beharrte, er sei ein &bdquo;Kanake, Wichser und Arschloch&ldquo;. Interessant war f&uuml;r mich mitzuverfolgen, welche Rolle die sogenannten sozialen Netzwerke und private Handyvideos inzwischen nicht nur f&uuml;r die Medien, sondern auch f&uuml;r die Polizeiarbeit spielen. Die Bev&ouml;lkerung erh&auml;lt im Ausnahmezustand ihre Verhaltensanweisungen inzwischen via Twitter und Facebook: &bdquo;Bleiben Sie, wo Sie sind, verlassen Sie nicht Ihre H&auml;user!&ldquo; Die Vernetzung erweist sich als neues Modell der Verhaltenssteuerung. <\/p><p>&Uuml;ber die sozialen Netzwerke wurden zahlreiche gezielte Falschmeldungen lanciert, die in verschiedenen anderen Stadtteilen Paniken ausgel&ouml;st und die die Polizeiarbeit enorm erschwert haben. Zur Ehrenrettung soll aber erw&auml;hnt werden, dass auch Hilfsangebote wie &Uuml;bernachtungsm&ouml;glichkeiten via Twitter und Facebook verbreitet wurden. Bei mir &uuml;berwiegt allerdings dennoch der Eindruck, dass die <em>sozialen<\/em> Netzwerke den ersten Teil ihres Namens wieder einmal L&uuml;gen gestraft und sich in der gereizten Stimmungslage der Nacht von M&uuml;nchen als ein hysterisierender und Panik induzierender Faktor erwiesen haben. Man m&uuml;sste dar&uuml;ber diskutieren, wie weit die Polizei sich auf diese Medien einlassen sollte und inwieweit sie sich in Abh&auml;ngigkeiten von ihnen und ihren privaten Betreibern begibt, die ungut und hinderlich sind. Mir ist das zum ersten Mal im Kontext des Bombenattentats beim Boston-Marathon &uuml;bel aufgesto&szlig;en, als die Polizei &uuml;ber Twitter mitteilte: &bdquo;GEFASST!!! Die Jagd ist vor&uuml;ber. Die Suche vorbei. Der Terror vor&uuml;ber. Gerechtigkeit bleibt.&ldquo;<\/p><p>Als ich gegen Mitternacht den Fernseher ausschaltete, ging man immer noch davon aus, dass zwei der drei vermuteten T&auml;ter auf der Flucht seien. Tausende von Polizisten versuchten, ihrer habhaft zu werden. Einen der mutma&szlig;lichen T&auml;ter habe man tot in einem Park unweit des Olympia-Einkaufszentrums aufgefunden. Er war zuvor mehrfach in einem privat aufgenommenen Video zu sehen gewesen, das zeigte, wie er auf Passanten vor der Filiale eines Schnellrestaurants schoss.<br>\nIch hatte mich relativ fr&uuml;h am Abend auf eine Version festgelegt, die ungef&auml;hr so lautete: Am 22. Juli, also just an diesem Freitag, j&auml;hrten sich die Taten des Anders Breivik zum f&uuml;nften Mal. In der Tagesschau um 20:00 Uhr war mit einem kleinen Bericht aus Norwegen daran erinnert worden. Da ich um die beinahe magische Bedeutung solcher Jahrestage f&uuml;r Amokl&auml;ufer wei&szlig;, vermutete ich, dass irgendwelche Rechtsradikalen zu Ehren ihres Heroen ein Gemetzel veranstalteten. So gegen 23 Uhr wurde diese Hypothese dann auch Gegenstand der medialen und politischen Debatten. <\/p><p><strong>Erweiterter Suizid<\/strong><\/p><p>Heute Morgen, als ich den gegen Mitternacht fallen gelassenen Faden wieder aufnahm und erneut in den Strom der Nachrichten eintauchte,  hie&szlig; es nun, es habe h&ouml;chstwahrscheinlich nur einen T&auml;ter gegeben. Dieser habe sich, nachdem er in dem Einkaufszentrum neun Menschen get&ouml;tet und circa 25 weitere verletzt hatte und auf der Flucht von der Polizei gestellt worden war, selbst umgebracht. Das beinahe klassisch zu nennende Ende eines Amokl&auml;ufers. <\/p><p>Das, was man &bdquo;erweiterten Suizid&ldquo; nennt &ndash; und viele Amokl&auml;ufe sind nichts anderes -, ist eine Option f&uuml;r Menschen, die f&uuml;r den einfachen Selbstmord entweder zu &bdquo;feige&ldquo; oder zu &bdquo;narzisstisch&ldquo; sind. Der &bdquo;Narzisst&ldquo; genie&szlig;t im Vorfeld der Tat seinen posthumen Ruhm, will seinen Abgang grandios in Szene setzen und in seinen eigenen Untergang tendenziell die ganze Welt mitrei&szlig;en. Der &bdquo;Feige&ldquo; muss sich durch die T&ouml;tung anderer in eine Lage bringen, die ihm schlie&szlig;lich nichts anderes mehr &uuml;brig l&auml;sst, als endlich Hand an sich zu legen. Erst jetzt &ndash; hinter sich verbrannte Erde und Leichenberge, vor sich und um sich herum die Einsatzkommandos der Polizei, in sich wachsende Panik &ndash; schafft er es, sich den Gewehr- oder Pistolenlauf in den Mund zu stecken und abzudr&uuml;cken. Es scheint also falsch zu sein, wenn der so genannte gesunde Menschenverstand immer wieder behauptet, ein Amokl&auml;ufer t&ouml;te sich am Ende seines W&uuml;tens, weil ihm bewusst wird, was er getan hat und der deswegen empfundenen Schuld. Seine Morde sind nicht die Ursache f&uuml;r seinen Selbstmord. Es ist genau umgekehrt: Sein Selbstmord oder besser seine Selbstmordabsicht ist die Ursache f&uuml;r seine Morde. <\/p><p>Der mutma&szlig;liche T&auml;ter, hie&szlig; es nun aus Ermittlerkreisen, sei ein 18-j&auml;hriger Deutsch-Iraner, der in M&uuml;nchen geboren und aufgewachsen sei und bei seinen Eltern lebte. &Uuml;ber seine Motive sei bislang nichts bekannt. Man habe die Wohnung durchsucht und allerhand Material beschlagnahmt, von dessen Auswertung man sich Aufschl&uuml;sse &uuml;ber die Motivation erhoffe. <\/p><p>Gegen Mittag sickerten dann weitere Informationen durch. Der junge Mann habe unter depressiven Zust&auml;nden gelitten und Schwierigkeiten in der Schule gehabt. Auch sein Name taucht nun in den Medien auf. Man habe in seinem Zimmer das Buch &bdquo;Amok im Kopf &ndash; Warum Sch&uuml;ler t&ouml;ten&ldquo; des amerikanischen Psychologen Peter Langman gefunden. Er habe intensiv sogenannte Ballerspiele gespielt und sich mit anderen Amokl&auml;ufern und ihren Taten besch&auml;ftigt. Man stie&szlig; in seinem Zimmer auf eine umfangreiche Sammlung von Zeitungsartikeln &uuml;ber vergangene Amokl&auml;ufe. So habe er sich offenbar intensiv mit dem Amokl&auml;ufer von Winnenden besch&auml;ftigt und ihn verehrt. Auch Bez&uuml;ge auf die Taten des Anders Breivik wurden von den Ermittlern gefunden. Also lag ich mit meinen anf&auml;nglichen Vermutungen gar nicht so falsch. <\/p><p>Erinnern wir uns: Am 11.3.2009 kehrte der 17-j&auml;hrige Tim K. in schwarzer Kampfmontur an seine ehemalige Schule, die Albertville-Realschule in Winnenden, zur&uuml;ck und schoss mit einer Pistole aus dem Besitz seines Vaters in mehreren Klassenr&auml;umen um sich. Er t&ouml;tete acht Sch&uuml;lerinnen, einen Sch&uuml;ler und drei Lehrerinnen. Nach dem Eintreffen der Einsatzkr&auml;fte verlie&szlig; er die Schule und t&ouml;tete auf seiner Flucht drei weitere Menschen. Schlie&szlig;lich wurde er auf einem Parkplatz vor einem Autohaus umstellt und angeschossen. Schlie&szlig;lich erschoss er sich selbst. In den folgenden Tagen und Wochen kam es zu unz&auml;hligen Amokdrohungen von Trittbrettfahrern und Wichtigtuern. Ich habe mich in meinem nach diesem Amoklauf geschriebenen Buch <em>&bdquo;&hellip; damit mich kein Mensch mehr vergisst!&ldquo;<\/em> ausf&uuml;hrlich mit dem Amoklauf von Winnenden besch&auml;ftigt.<br>\nBei Breivik handelt es sich in meinen Augen um einen Grenzfall zwischen Amok und einem faschistischen Massaker. Breivik begreift sich als &bdquo;Kreuzritter&ldquo;, der f&uuml;r eine &bdquo;S&auml;uberung Europas vom Islam&ldquo; und gegen den &bdquo;Multikulturalismus&ldquo; reitet. Am 24. August 2012 wurde Breivik von einem Gericht in Oslo entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft f&uuml;r zurechnungsf&auml;hig erkl&auml;rt und wegen Mordes an 77 Menschen zu 21 Jahren Haft mit anschlie&szlig;ender Sicherungsverwahrung verurteilt. Vom Gef&auml;ngnis aus soll er Briefe an Beate Zsch&auml;pe geschrieben haben, eine Schwester im Geiste. Ausf&uuml;hrliche Anmerkungen zu Breivik und dem Prozess gegen ihn finden sich in meinem Buch <em>Zwischen Amok und Alzheimer<\/em>.<br>\nVielleicht finden sich in seiner Sammlung auch Berichte &uuml;ber den Amoklauf im finnischen Espoo im Jahr 2009. Dort hatte ein Mann an Silvester in einem Einkaufszentrum um sich geschossen. Er t&ouml;tete vier Menschen und erschoss sich dann selbst. <\/p><p>Vieles von dem, was man in der Pr&auml;ventionsforschung inzwischen f&uuml;r Amok-Vorzeichen und Warnsignale h&auml;lt: die &Auml;u&szlig;erung von Suizidabsichten oder tiefer Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, das Erdulden von dauerhaften Mobbing- und Dissing-Attacken durch Mitsch&uuml;ler oder in der Peergroup, das Abdriften in gewaltges&auml;ttigte virtuelle Welten, apokryphe oder offene Andeutungen, dass &bdquo;demn&auml;chst irgendetwas passieren wird&ldquo;, das Erstellen von &bdquo;Todeslisten&ldquo;, die intensive heroisierende Besch&auml;ftigung mit anderen Amokl&auml;ufern und die &Uuml;bernahme von deren Zeichen- und Symbolsystemen, scheint nun auch auf den M&uuml;nchner Fall des David S. zuzutreffen. Die privilegierte Opferwahl bei einem Amoklauf verweist in der Regel auf die Gruppe, von der die ma&szlig;geblichen Kr&auml;nkungen ausgingen, unter denen der T&auml;ter zu leiden hatte. Unter den Opfern des David S. finden sich &uuml;berwiegend Jugendliche aus seiner Altersgruppe, die er &uuml;ber Facebook aufgefordert haben soll, sich am Freitagnachmittag in das Schnellrestaurant zu begeben, vor dem er dann auf sie schoss. Bei Robert S. in Erfurt waren unter den Opfern viele Lehrerinnen und Lehrer, die ihn ein halbes Jahr vor der Tat der Schule verwiesen hatten. Tim K. in Winnenden schoss bevorzugt auf Mitsch&uuml;lerinnen und Lehrerinnen, von denen er sich zur&uuml;ckgewiesen und gemobbt f&uuml;hlte. Er hatte, wie viele jugendliche Amokt&auml;ter, ein Problem mit M&auml;dchen, von denen er sich nicht beachtet f&uuml;hlte.<\/p><p>Nachbarn und Anwohner schildern David S. als freundlichen, netten und unauff&auml;lligen jungen Mann. Ein Nachbar sagt in gebrochenem Deutsch: &bdquo;Er war eine gute Mensch.&ldquo; Damit entspricht er exakt dem Profil des Amokl&auml;ufers, das sich dadurch auszeichnet, dass es keines ist, weil es auf Millionen von unauff&auml;llig lebenden Menschen zutrifft. Das markiert auch die Grenzen und Schwierigkeiten der Pr&auml;vention: Man kann den zuk&uuml;nftigen Amokl&auml;ufer nicht erkennen, weil er die personifizierte Unauff&auml;lligkeit ist.  <\/p><p><strong>&bdquo;Psychisch gest&ouml;rter Einzelt&auml;ter&ldquo; oder &bdquo;religi&ouml;s motivierter Terrorist&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Man k&ouml;nne davon ausgehen, dass es keine politischen oder religi&ouml;sen Motive gebe und David S. auf eigene Faust und ohne Unterst&uuml;tzung von anderen gehandelt habe. Die Tat falle also nicht, wie gestern den ganzen Abend &uuml;ber von den sogenannten Experten gemutma&szlig;t worden war, unter die Kategorie &bdquo;Terrorismus&ldquo;. Es war beinahe so etwas wie Erleichterung sp&uuml;rbar, dass es sich offenbar &sbquo;nur&lsquo; um einen Fall von &bdquo;Amok&ldquo; handele. Eine interviewte Passantin kleidete diese Erleichterung in die Worte: &bdquo;Ich bin froh, dass die ISIS jetzt nicht auch noch hier ist.&ldquo;<br>\nIm offiziellen Diskurs wird in j&uuml;ngster Zeit zwischen zwei Kategorien von T&auml;tern unterschieden: dem &bdquo;psychisch gest&ouml;rten Einzelt&auml;ter&ldquo; und dem &bdquo;religi&ouml;s motivierten Terroristen&ldquo;. Und auf Ersteres scheint man sich im M&uuml;nchner Fall zu einigen.<br>\nWarum hat sich diese Kategorisierung durchgesetzt? In beiden F&auml;llen kann die Gesellschaft, der der T&auml;ter entstammt und deren Produkt er ist, sich von Verantwortung freisprechen und sagen: Der Mann ist wahnsinnig oder er handelt im Auftrag des IS, der zeitgen&ouml;ssischen Inkarnation des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo;. Je unmittelbarer die T&auml;ter das Ensemble ihrer und unserer gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse sind, desto vehementer weist eine medial verwaltete &Ouml;ffentlichkeit diesen Zusammenhang von sich und betrachtet die Gewalt, als stamme sie von einem fremden Stern. Bernhard Vogel hatte nach der Tat von Erfurt von einem &bdquo;Unheil&ldquo; gesprochen, &bdquo;das vom Himmel gefallen ist.&ldquo; Das Massaker am Gutenberg-Gymnasium war demnach ein Ereignis wie das Erdbeben von Lissabon. Gegen so etwas kann man nichts tun, da hilft nur Beten und Gottvertrauen. <\/p><p>Ich habe im Fall des Andreas L., der vor einem Jahr in den franz&ouml;sischen Alpen ein Flugzeug zum Absturz gebracht und 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat, zu zeigen versucht, dass auch &bdquo;psychische St&ouml;rungen&ldquo; wie Depressionen ihren historischen und gesellschaftlichen Index haben und also mitnichten etwas ausschlie&szlig;lich Privates und Zuf&auml;lliges sind. Ich habe seine Tat als &bdquo;Amok&ldquo; eingestuft, der sich eines Flugzeugs zur Realisierung seiner m&ouml;rderischen und selbstm&ouml;rderischen Absichten bediente. Meine Anmerkungen dazu und zum Zusammenhang von Depression und Aggression finden sich in meinem gerade erschienenen Buch &bdquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&ldquo;. Auch David S. soll ja, wie wir bereits gesehen haben, depressive Z&uuml;ge aufgewiesen haben. Er habe sich deswegen und wegen einer sozialen Phobie in psychiatrischer Behandlung befunden, war am Tag nach der Tat aus Ermittlerkreisen zu h&ouml;ren. <\/p><p>Der Staat lebt vom Vertrauen seiner B&uuml;rger, dass er ihnen Sicherheit und Schutz vor Gefahren aller Art gew&auml;hrt. Da es gegen den Amoklauf so gut wie keine Pr&auml;ventionsm&ouml;glichkeiten gibt, muss der Staat wenigstens so tun, als g&auml;be es sie. Um die durch die jeweilige Tat ersch&uuml;tterte Innerlichkeit und Loyalit&auml;t der B&uuml;rger zu restabilisieren, verabreicht man ihnen die &uuml;blichen Palliativa aus der sicherheitspolitischen Hausapotheke: Man versch&auml;rft das Waffenrecht geringf&uuml;gig, novelliert irgendwelche gesetzlichen Bestimmungen, diskutiert eine Weile aufgeregt &uuml;ber die Rolle der Ego-Shooter-Spiele, r&uuml;stet die Polizei weiter auf und installiert noch mehr &Uuml;berwachungskameras. Staat und Gesellschaft lassen es sich etwas kosten, die Ursachen der Gewalt bestehen zu lassen und ihre Folgen mit technischen und repressiven Mitteln zu bek&auml;mpfen. <\/p><p>Wem es wirklich um Pr&auml;vention zu tun ist, wird sich fragen m&uuml;ssen: Welche menschlichen Haltungen gedeihen eigentlich in einem gegebenen sozialen Klima, welche sterben ab? Der Neoliberalismus hat treibhausm&auml;&szlig;ig eine Atmosph&auml;re der Konkurrenz und zwischenmenschlichen Feindseligkeit gez&uuml;chtet und die Herausbildung einer &bdquo;Kultur des Hasses&ldquo; (Eric J. Hobsbawm) bef&ouml;rdert. Die F&auml;higkeiten zu Mitleid, gegenseitiger Hilfe und Solidarit&auml;t verdorren, weil sie durch die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse keine St&uuml;tzung erfahren und als Karriere-Hindernisse gelten. Die Menschen werden systematisch aufeinander gehetzt und zerfleischen sich untereinander, statt sich gegen zunehmend unertr&auml;gliche Verh&auml;ltnisse zusammenzuschlie&szlig;en und zu wehren. Aggressionen h&auml;ufen sich an den R&auml;ndern des Bewusstseins, der Angst- und Wahnsinnspegel steigt, eine gereizte Stimmungslage breitet sich aus. So d&uuml;rfen wir uns nicht wundern, wenn Amok und Terror die kriminelle Physiognomie des neoliberalen Zeitalters pr&auml;gen.<\/p><p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p><p>Als ich diesen Text am Sonntagabend noch einmal durchging, h&ouml;rte ich mit einem Ohr in den Nachrichten, dass in der Innenstadt von Reutlingen ein Mann mit einer Machete um sich geschlagen hat. Er t&ouml;tete eine Frau und verletzte zwei weitere Menschen. Der T&auml;ter konnte &uuml;berw&auml;ltigt und festgenommen werden. Es soll sich um einen 21-j&auml;hrigen Asylbewerber aus Syrien handeln. Seine Motive sollen privater Natur sein, hei&szlig;t es. Man vermute eine Beziehungstat.<\/p><p>Am Montagmorgen ereilte uns die n&auml;chste Schreckensnachricht. Im bayrischen Ansbach hat sich ein abgelehnter Asylbewerber aus Syrien am Eingang eines Musikfestivals in die Luft gesprengt. Zw&ouml;lf Menschen wurden verletzt, drei davon schwer. Der Mann soll der Polizei bekannt gewesen sein, die Hintergr&uuml;nde der Tat sind aber noch unklar. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann h&auml;lt es f&uuml;r wahrscheinlich, dass der Anschlag das Werk eines islamistischen Selbstmordattent&auml;ters war. &bdquo;Meine pers&ouml;nliche Einsch&auml;tzung ist, dass ich es leider f&uuml;r sehr naheliegend halte, dass hier ein echter islamistischer Selbstmordanschlag stattgefunden hat&ldquo;, sagte er am fr&uuml;hen Montagmorgen.<\/p><p>Hoffentlich wird der Amoklauf von M&uuml;nchen nicht noch andere T&auml;ter aus der Reserve locken.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>G&ouml;tz Eisenberg<\/strong> ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitete mehr als drei Jahrzehnte lang als Gef&auml;ngnispsychologe im Erwachsenenvollzug. In der &bdquo;Edition Georg B&uuml;chner-Club&ldquo; erschien dieser Tage unter dem Titel &bdquo;Zwischen Arbeitswut und &Uuml;berfremdungsangst&ldquo; der zweite Band seiner &bdquo;Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus&ldquo;.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Amoklauf von M&uuml;nchen markiert den vorl&auml;ufigen Schlusspunkt einer Blutspur, die Terrorakte und Amokl&auml;ufe in den letzten Monaten durch Europa gezogen haben. In den USA sind Amokl&auml;ufe beinahe allt&auml;gliche Ereignisse. Die Grenzen zwischen Amok und Terror sind unscharf und m&uuml;ssen in jedem einzelnen Fall bestimmt werden. Den Opfern und ihren Angeh&ouml;rigen wird es egal sein,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34349\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,60,41,166],"tags":[1194,865,1276,1165,1364,1255,1202,623,866,1564,1221,421,1113,1365],"class_list":["post-34349","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-audio-podcast","category-innere-sicherheit","category-medienanalyse","category-terrorismus","tag-1194","tag-amok","tag-attentat","tag-breivik-anders","tag-depressionen","tag-einschaltquote","tag-isis","tag-kuenast-renate","tag-konkurrenzdenken","tag-krieg-gegen-den-terror","tag-perspektivlosigkeit","tag-polizei","tag-soziale-medien","tag-suizid"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=34349"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34349\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":48885,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/34349\/revisions\/48885"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=34349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=34349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=34349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}